Fachartikel

25.04.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2018

Weltweit fahren jetzt drei Millionen Elektroautos

Die Deutsche Post DHL Group gestaltet ihre Paketzustellung in Berlin grün. Der Konzern liefert mit 40 StreetScooter-Elektrofahrzeugen des Aachener Startups E-Go in weiten Teilen Berlins Pakete leise und emissionsfrei aus (Foto: Deutsche Post).

Die Zahl der stromgetriebenen Fahrzeuge im globalen Straßennetz ist erneut stark angestiegen. Die Jahresbilanz 2017 fällt allerdings gemischt aus. Während die Stromer in China boomen und auch in Deutschland kräftig zulegten, bleiben sie in Osteuropa eine exotische Erscheinung. 

VON MANFRED KRIENER, BERLIN

Elektroautos vergrößern weltweit weiter ihren Marktanteil. 2017 wurden erstmals in einem Jahr mehr als eine Million der stromgetriebenen Fahrzeuge verkauft. Schon im November war die Schallmauer mit 1,04 Millionen* verkauften Autos überschritten worden. Rechnet man den starken Dezember-Absatz dazu, dann liegt die globale Bilanz aller Verkäufe 2017 nach Angaben der Plattform EV-Volumes bei 1,2 Millionen gegenüber 774 384, die 2016 gezählt worden waren. Damit ist der aktuelle Bestand aller Elektroautos im globalen Straßennetz auf über drei Millionen gestiegen. Sollte die Wachstumsrate auf dem Niveau von 2017 bleiben, werde die Zahl der jährlich neu zugelassenen E-Autos bis 2025 auf weltweit mehr als 25 Millionen Fahrzeuge zulegen, so die Hochrechnung von Werner Tillmetz, Vorstand im Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg.

Das Wachstum ist indes extrem ungleich verteilt. China übertraf erneut alle Erwartungen und lieferte, trotz deutlich reduzierter staatlicher Zuschüsse, erstaunliche Zahlen. 605 500 Elektroautos wurden an Privatkunden verkauft. Dazu kommen noch 198 000 kommerzielle Fahrzeuge wie Kleinbusse oder große Omnibusse für den öffentlichen Verkehr. Das sind zusammen rund 800 000 Elektrofahrzeuge gegenüber 510 000 im Vorjahr. Der Marktanteil bei den Neuzulassungen sprang in China im November auf über drei, im Dezember auf fast vier Prozent. Im krassen Gegensatz zum Boom des asiatischen Marktführers herrscht in Osteuropa große Flaute. In Bulgarien, Estland, Lettland oder Litauen wurden 2017 jeweils keine 100 Elektroautos verkauft. Der Marktanteil liegt in diesen Ländern nur knapp über der 0,1-Prozent-Marke.

Die beiden Vorreiter heißen China und Norwegen. Sie konnten ihre führende Marktposition ausbauen. Mehr als die Hälfte aller neuen E-Mobile weltweit wurden in China zugelassen. Für die kommenden Jahre hat die Volksrepublik weitere einschneidende Weichenstellungen zugunsten der Elektromobilität beschlossen. So gilt auf dem größten Automarkt der Welt ab 2019 eine Verkaufsquote von zehn Prozent Elektroautos, die alle Hersteller erfüllen müssen. 2020 soll sie auf zwölf Prozent klettern. Die Quote wird über ein Punktesystem errechnet, wobei für reine Elektroautos mehr Punkte gutgeschrieben werden als für Hybridmodelle. Kann ein Hersteller die Quote nicht erfüllen, muss er sogenannte Kreditpunkte dazukaufen oder eine Strafe bezahlen. Darüber hinaus gelten in vielen chinesischen Großstädten teilweise gravierende Zulassungsbeschränkungen für Benziner. Das Land verzeichnet inzwischen 150 Städte mit mehr als drei Millionen Einwohnern. Lange Wartezeiten für „fossile“ Pkw, hohe Zulassungskosten und selektive Fahrverbote erzwingen beinahe den Wechsel zum Elektroauto, dessen Nutzer erhebliche Vorteile haben. In der Hauptstadt Peking müssen schon im nächsten Jahr 60 Prozent aller Neufahrzeuge Elektroautos sein. Taxen mit Verbrennungsmotor werden nicht mehr zugelassen.

Angetrieben von solchen Restriktionen für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren dürfte der Verkauf von Elektroautos in diesem Jahr in der Volksrepublik erstmals die Millionengrenze überschreiten. Für die deutschen Hersteller ist China der mit Abstand wichtigste Markt. Jedes dritte deutsche Auto wird heute in China verkauft. Nur wenn man alle EU-Länder zusammenfasst, sind die europäischen Verkäufe noch etwas höher. Inzwischen werden zudem rund fünf Millionen Fahrzeuge deutscher Hersteller auch in China gebaut. Im eigenen Land sind es 5,7 Millionen. In den vergangenen zwölf Jahren haben sich, wie Ernst & Young in einer Marktanalyse vorrechnet, die Pkw-Käufe in China mehr als versiebenfacht (plus 652 Prozent), während sie in Europa im selben Zeitraum um 0,8 Prozent zurückgingen.

* Gezählt werden alle Fahrzeuge, die mit Strom „betankt“ werden, also auch Plug-in-Hybride. Leider gibt es nicht für alle Länder exakte Zulassungszahlen. Die Zahlen für China weichen je nach Quelle leicht voneinander ab, aber die Größenordnung stimmt.

USA sind die Nummer zwei, Norwegen hat den höchsten Marktanteil

Hinter China sind die USA nach Anzahl der verkauften Autos die Nummer zwei bei der Elektromobilität. Dort wurden vergangenes Jahr 199 800 Elektroautos verkauft, im Jahr 2016 waren es erst 158 600 Fahrzeuge. Mit dem US-Hersteller Tesla und dessen charismatischem Frontmann Elon Musk kommt auch das schillerndste Aushängeschild der Elektromobilität aus Amerika. Tesla schwächelte allerdings im vergangenen Jahr, schrieb erneut tiefrote Zahlen und hatte erhebliche Produktions- und Lieferschwierigkeiten mit dem neuen Model 3. Misst man den Aufschwung der Elektromobilität nicht nach Verkaufszahlen, sondern am Marktanteil, dann ist Norwegen klar die Nummer eins.

Getrieben von hohen Subventionen wurden in dem Vorreiterland 2017 rund 74 000 neue Stromer abgesetzt, das entspricht einem Marktanteil von 39,2 Prozent, wie die Internet-Plattform Electrek vorrechnet. Der Dezember markierte eine weitere Steigerung und eine weltweit einmalige Trendwende. Der Marktanteil norwegischer Elektroautos erreichte in diesem Monat mit 8033 verkauften Fahrzeugen erstmals die 50-Prozent-Marke. Jedes zweite verkaufte Auto hatte einen Elektroantrieb. „Benziner werden in Norwegen bald nur noch ein Nischenprodukt sein“, heißt es in Internet-Kommentaren zu den Dezemberzahlen. Schon ab 2025 will Norwegen bei den Neuzulassungen komplett elektrisch fahren, so die Zielvorgabe des Parlaments in Oslo. Die kräftigen Subventionen für Elektroautos, die für den Boom verantwortlich sind, kann sich Norwegen allerdings nur dank seiner „fossilen“ Milliardeneinnahmen aus dem Erdöl- und Gasgeschäft leisten.

Das meistverkaufte Elektroauto weltweit ist weiterhin der Nissan Leaf. Seit der Markteinführung 2011 registrierte der globale Spitzenreiter einen Absatz von fast 300 000 Autos. Im Februar wurde in Europa das Nachfolgemodell in die Autohäuser gestellt. Der neue Leaf verfügt über eine Reihe zusätzlicher Gimmicks und – nach Werksangaben – über eine Reichweite von angeblich 380 Kilometern. Die offiziell angegebene Reichweite reduziert sich im Realbetrieb je nach Jahreszeit und Fahrstil um bis zu 25 Prozent. Im vergangenen Jahr war allerdings nicht der Leaf, sondern das chinesische Elektroauto Baic EC weltweit die Nummer eins. Von dem kleinen Toprunner wurden 78 079 Autos verkauft. Er kostet in der günstigsten Version, abzüglich staatlicher Subventionen, 7400 Euro bei 200 Kilometern Reichweite.

BMW hinter chinesischen Herstellern und Tesla auf Platz vier

Betrachtet man die gesamte Modellpalette, dann ist nach wie vor die chinesische Firma BYD („Build Your Dreams“) der weltweit erfolgreichste Hersteller, knapp vor Baic. Tesla ist nach Verkaufszahlen 2017 die Nummer drei. Der deutsche Hersteller BMW landete mit 68 000 verkauften Strommobilen auf Platz vier. BYD hatte schon 2016 in einem Jahr mehr als 100 000 Elektroautos abgesetzt und diese Marke 2017 mit 113 700 Verkäufen noch übertroffen.

Die Reichweite der Batterie-Fahrzeuge hat sich auch im vergangenen Jahr weiter vergrößert. Der Durchschnittswert aller Elektromobile wird vom US-Energieministerium mit 114 Meilen angegeben, das entspricht 183 Kilometer. 2011 waren es 117 Kilometer. Auch in Deutschland verzeichnete das Elektroauto 2017 – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – ein Boomjahr. Die Zahl reiner Elektroautos hat sich bei den Neuzulassungen nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts mehr als verdoppelt. Sie stieg von 11 410 im Jahr 2016 auf 25 056. Plug-in-Hybride, die sowohl elektrisch als auch mit Benzin fahren können, legten von 13 744 auf 29 436 zu. Der Anteil neuer Dieselfahrzeuge ist in Deutschland dagegen abgestürzt auf nur noch 38 Prozent. Auch Marktführer VW bekommt die Folgen des Abgasskandals auf dem heimischen Markt weiter zu spüren. Obwohl der deutsche Automarkt insgesamt um 2,7 Prozent wuchs, verbuchten die Wolfsburger ein dickes Minus von 3,3 Prozent bei den Neuzulassungen.

Mit dem Aachener Startup E-Go erhalten die deutschen Autobauer neue Konkurrenz. Schon mit dem für die Post entwickelten Streetscooter hatten die Aachener Neu-Autobauer um den Maschinenbauprofessor Günther Schuh einen spektakulären Erfolg erzielt. Dieses Jahr rollt der kleine E-Go Life auf die Straßen. Abzüglich der Elektroprämie soll er zum Kampfpreis von nur 16 000 Euro den Markt für Elektroautos aufmischen.

Manfred Kriener, Textetage Berlin