Fachartikel

5.02.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 2|2018

Auf dem Weg zu einer neuen Sicherheitskultur

GF Automotive-Kommunikationschefin Tina Köhler, BDG-Redakteur Robert Piterek und Frank Bettinger, Leiter Umweltschutz- und Arbeitssicherheit GF Singen, bei der Betriebsbesichtigung der Eisengießerei Georg Fischer Singen (v. l. n. r.).

Mit einer Plakatreihe, einem Schulungsvideo und verschiedenen Aktionen startete GF Automotive in 2015 seine Null-Risiko-Initiative. Ziel ist es, die Arbeits­sicherheit an den Produktionsstandorten in Europa, Asien und Amerika deutlich zu steigern. Die Initiative, die noch mehrere Jahre weiterlaufen wird, zeigte bereits nach dem ersten Halbjahr 2016 deutliche Erfolge – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sank die Unfallrate um 26 Prozent.

VON ROBERT PITEREK, DÜSSELDORF

Arbeitssicherheit ist kein Thema, das sexy ist“, da macht sich Tina Köhler nichts vor und ergänzt: „Wenn Kollegen einen Mitarbeiter darauf ansprechen, die Schutzbrille aufzuziehen, wird er der Aufforderung wahrscheinlich eher mürrisch nachkommen.“ Mit der sogenannten Null-Risiko-Initiative möchte die Kommunikationschefin von G­F Automotive diese Einstellung zur Arbeitssicherheit in allen Werken der Konzern-Division ändern und damit erreichen, dass alle Mitarbeiter abends gesund nach Hause kommen. Die Leiterin Marketing & Kommunikation hat die Messlatte hoch angesetzt: Die Sicherheitsregeln sollen bei allen Mitarbeitern in Fleisch und Blut übergehen, bis sie sich eines Tages für Hinweise von Kollegen bedanken.

Unfälle geschehen, weil Risiken eingegangen werden

Das Null-Risiko-Team will mit der Initiative die Unfallursachen bekämpfen, daher entschied sich GF für den Namen „Null-Risiko“. „Unfälle geschehen, weil Risiken eingegangen werden“, klärt sie auf. Zudem soll „Null-Risiko“ einen weltweiten Wiedererkennungswert haben und damit die Arbeitssicherheit in allen Werken des Konzerns standardisieren. Köhlers glühendes Engagement für ein höheres Risikobewusstsein geht auf einen Unfall bei Georg Fischer Mettmann zurück, der sie auf das Thema Arbeitssicherheit aufmerksam machte. Seither setzt sie sich mit den Mitteln der Kommunikation für größtmögliche Arbeitssicherheit an den Produktionsstandorten ihres Arbeitgebers ein.

Mit Unterstützung von GF Automotive-Chef Josef Edbauer und der gesamten Divisionsleitung lief die Initiative 2015 in allen Werken in Deutschland, Österreich und China an. Betroffen waren über 5000 Mitarbeiter, die in 2015 für eine Produktion von 600 000 Tonnen Eisen- und Leichtmetallguss mit Umsätzen von 1,23 Milliarden Euro gesorgt hatten. Fokus waren zunächst die drei häu­figsten Unfallursachen Augen- und Schnitt­verletzungen sowie Stolperfallen. Benchmark für den richtigen Umgang mit der Arbeitssicherheit war dabei die Eisengießerei Georg Fischer Singen unweit des Bodensees, die rund 1100 Mitarbeiter beschäftigt und bereits seit 2010 große Anstrengungen zur Senkung der Unfallzahlen unternommen hat. Schon früh strebte Umweltschutz- und Arbeitssicherheitsleiter Frank Bettinger dort das Ziel an, die Unfallzahlen auf null zu drücken.

Das Singener Werk von GF Automotive ist eine Hightech-Fabrik, die manuelle Arbeiten an ihren vier Fertigungslinien im Laufe der Zeit auf ein Minimum reduziert hat. Wie in vielen modernen Gießereien gehören Roboter heute wie selbstverständlich zur Gießereiausstattung dazu, ebenso wie ergonomische Arbeitsplätze, z. B. bei der Gussteilbearbeitung und beim Kerneinlegen. Doch das Risiko eines Unfalls für die Mitarbeiter konnte damit nicht vollends ausgeschlossen werden, auch wenn die Unfallzahlen deutlich zurückgingen. Die Null-Risiko-Initiative kam für Bettinger, der bereits seit über 25 Jahren bei dem Automobilzulieferer im Süden Baden-Württembergs arbeitet, deshalb wie gerufen: „Wir haben hier in Singen bereits vor dem Start der Initiative einige wirksame Maßnahmen ergriffen. Die Einführung einer Sicherheitskultur war für uns der nächste wichtige Schritt.“

Die Illusion der Unverletzbarkeit

Unfallpräventionsmaßnahmen stoßen naturgemäß ab einem gewissen Punkt an Grenzen: „Wir machen sehr viel für unsere Mitarbeiter, können sie aber nicht in Watte oder in eine Plastikkugel stecken, es gibt keine 100 Prozent sichere Arbeit“, räumt Bettinger ein. Um das Restrisiko zu minimieren, führe deshalb an einer Sicherheitskultur kein Weg vorbei. Ziel müsse es sein, dass die Sicherheit bei der Arbeit im Vordergrund stehe und sich die Mitarbeiter möglicher Gefahren immer bewusst seien. Verordnen lässt sich eine Sicherheitskultur allerdings nicht, denn ihr stehen drei menschliche Verhaltensmerkmale entgegen: „Da ist einerseits die Illusion der Unverletzbarkeit, die wir alle vom Autofahren kennen“, erklärt Tina Köhler. „Die meisten von uns sind davon überzeugt, dass ein Autounfall nicht uns selbst, sondern nur anderen passieren kann. Diese Illusion zu erkennen ist wichtig, um die Sensibilität für Arbeitssicherheit zu erhöhen“, bekräftigt sie. Hinzu komme das Risiko von zu viel oder zu wenig Arbeitsroutine. Beides gelte als häufige Ursache für Unfälle. Schließlich komme noch der Umgang mit Regeln dazu, die aus verschiedenen Gründen wie etwa Zeitdruck nicht eingehalten werden. Der Regelverstoß werde so schnell zur Gefahr für die eigene Gesundheit und die anderer.

Um die Plakatreihe im Rahmen der ­Initiative so schlagkräftig wie möglich zu gestalten, vermieden die Kommunikationsfachleute von Georg Fischer den Einsatz von Schockbildern. Der Grund: Bilder mit blutigen Helmen oder abgetrennten Gliedmaßen erreichen das Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist – nämlich das Ausblenden der Gefahren, wie auch Experten bestätigen. Die Plakate sind deshalb fast ästhetisch gestaltet, eine blaue Augenklappe, ein rosaroter Riss in der Hand oder gelbe Treppenstufen, die ein männliches Bein trennen, versehen mit dem Slogan „Vor dem Unfall ist alles gut, danach ist alles anders“ – der Fokus liegt auf dem Inhalt!

Initiative verhinderte jeden fünften Unfall

2016 wurden die drei Themen dann an den verschiedenen Standorten abgearbeitet. Begonnen wurde mit der Warnung vor Augenverletzungen, die durch passende Plakate und Aktionen wie das sogenannte begehbare Auge begleitet wurden, das drei Tage in Singen Station machte. Dabei konnten die Mitarbeiter ein großes, begehbares Modell eines Auges bestaunen, ­einen Sehtest machen und den ­Auge­ninnendruck messen lassen. Highlight war aber, dass ihnen dort auch ­temporär das Augenlicht genommen wurde. „Dadurch haben sie ein ganz anderes Verständnis des Themas erhalten“, so Tina Köhler. Darüber hinaus lud GF Singen die Mitarbeiter samt Familien auf Kaffee und Kuchen ins Werk ein. „Unser Hintergedanke war, dass sie dort auch durch ihre Familien Impulse bekommen, kein Risiko einzugehen“, blickt Bettinger zurück. Hinzu kam eine Aktion des Schutzbrillenherstellers UVEX. Über das Jahr 2016 hinweg folgten dann weitere Aktionen zum Thema Hand- und Stolperverletzungen.

Beim Blick auf die Unfallzahlen wurde schnell klar, dass sich die Initiative auf die Unfallzahlen auswirkte: In den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 fielen sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Viertel (26 Prozent). Beim Vergleich der beiden Geschäftsjahre 2015 und 2016 zeigte sich eine Unfallreduktion um rund 20 Prozent.

Risikoeinschätzung vor Ort unentbehrlich

Die Arbeitssicherheitsinitiative von Georg Fischer konnte den Unfallzahlen zwar konzernweit einen kräftigen Dämpfer verpassen. Die Hauptarbeit für das Wohl der Mitarbeiter wird aber weiterhin bei den Verantwortlichen vor Ort wie Frank Bettinger erledigt. Wenn er über seinen Arbeitsalltag spricht, wird schnell klar, dass er nichts unversucht lässt, um Unfälle im Singener Werk zu verhindern oder Wiederholungen auszuschließen: Für die rund 1100 Mitarbeiter am Standort ist ständig ein dreiköpfiges Team im Werk unterwegs, um in Sachen Arbeitssicherheit zu beraten und Unfallhergänge genauestens zu untersuchen. 2016 gab es noch 63 Arbeitsunfälle, ein Rückgang von über 65 Prozent gegenüber 2010, als noch 148 Unfälle auftraten – ein großer Erfolg, der besonders auf Bettingers Einsatz zurückgeht. 2017 fiel die Zahl der Unfälle am Arbeitsplatz sogar auf 49.

Bettinger und seine Leute begehen tagtäglich Abteilungen und beobachten Abläufe, um Risiken einschätzen zu können. Auf dem ausgedehnten Werksgelände mitten in Singen kommt es auch immer wieder zu Umbauten, die neue Gefahrenquellen für die Arbeitsplätze der Mitarbeiter darstellen können. Bei der Neueinstellung von Mitarbeitern schließt Bettinger Gefährdungen möglichst bereits vor Arbeitsantritt aus – von der individuell zusammengestellten Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) bis zur Arbeitsplatzergonomie. Schlechte ergonomische Arbeitsbedingungen sind für den ­erfahrenen Ingenieur „Unfälle auf Zeit, die wir gerade wegen des demografischen Wandels genauestens im Blick behalten müssen“.

Bis Mitte 2018 haben Bettinger und sein Team nun eine Mammutaufgabe zu bewältigen: die Schulung aller 1100 Mitarbeiter im Rahmen der Null-Risiko-Initiative. Doch statt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, weil 80 –100 Schulungen in Gruppen von 10–15 Mitarbeitern zu organisieren sind, stellt sich der Leiter Umweltschutz und Arbeitssicherheit der Herausforderung gerne. Schließlich geben die Schulungen seinem Fachgebiet im Unternehmen eine völlig neue Bedeutung. „Die Initiative hat die Firma bereits von innen verändert“, ist sich der 51-Jährige sicher. Um den Kulturwandel im Unternehmen voranzutreiben und zu stabilisieren, wurde auch ein Schulungsvideo für alle Standorte in Deutsch, Englisch und Chinesisch gedreht. Darin werden die Gefahrenquellen überspitzt dargestellt und gezeigt, was nicht passieren soll. Die Geschäftsführer und Vorgesetzten sind eng in den Prozess eingebunden. Passiert etwa in Singen ein Unfall, muss ihn der Vorgesetzte untersuchen, dokumentieren und kurz- oder langfristige Maßnahmen definieren. „Und er muss sofort dafür sorgen, dass der Unfall in der nächsten Schicht nicht mehr passiert“, betont Bettinger. „So erhalten wir sehr gute Informationen und werden bei der Sicherheit kontinuierlich besser“, setzt er hinzu.

Null-Risiko-Initiative wird fortgeführt

Die Null-Risiko-Initiative ist mit Gesprächen im vergangenen Herbst bereits in die zweite Phase eingetreten. Dabei wurden die nächsten drei Hauptthemen festgelegt. Um die Sicherheit am Arbeitsplatz noch weiter zu steigern, wird der Fokus bei Georg Fischer Automotive künftig auf die Nutzung von Fußwegen und geeigneten Aufstiegen sowie Ordnung am Arbeitsplatz gerichtet. Die Plakatreihen sind vorerst aus dem Werksalltag verschwunden, „damit die Erinnerung bald mit neuen Impulsen aufgefrischt werden kann“, so Tina Köhler.

Ein angenehmer Nebeneffekt der Bemühungen rund um das Thema Arbeits­sicherheit sind Bettinger zufolge geringere Ausfallzeiten der Mitarbeiter, weniger Anlagenstillstände und – wie Tina Köhler betont – ein Plus für die Attraktivität von Arbeitsplätzen: „In vielen Köpfen sind Gießereien leider immer noch schmutzig, laut und gefährlich. Von diesem Image muss die ganze Branche weg – der Nachwuchs will hochtechnisierte Arbeitsplätze und deshalb müssen wir bei der Arbeitssicherheit etwas tun!“

www.gfau.com