Fachartikel

27.03.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 3|2018

Gießerei-Industrie 2025

Arbeiter überwachen den Abguss an einer XXL-Gießstrecke (Foto: Fotolia).

Zukünftige Herausforderungen durch veränderte Marktbedingungen

VON HEINZ-JÜRGEN BÜCHNER, FRANKFURT/M.

Für das Jahr 2018 stehen die Weichen der Weltwirtschaft auf weiteres Wachstum: Chinas Wirtschaft wird zwischen 6 und 6,5 % expandieren, diejenige der USA und der Euro-Zone jeweils mit wenigstens gut 2 % steigen, auch UK sowie Japan und die meisten Schwellenländer dürften Zuwächse erzielen. Obwohl der Rohölpreis zuletzt angezogen hat, ist er im Vergleich zu vor einigen Jahren noch niedrig (Bild 1). Für 2018 wird ein Anstieg der Weltrohölnachfrage von 1,53 mbd (Million Barrel per Day) auf 98,5 mbd erwartet. Neben der Förderausweitung außerhalb der OPEC ergibt sich ein Bedarf für eine OPEC-Produktion von gut 33 mbd sowie weitere 6,5 mbd, die auf so genannte NGL-Sorten entfallen. Die IKB geht für das Gesamtjahr 2018 von einer Bewegung von 15 US-Dollar um die Marke von 70 US-Dollar je Barrel Brent aus. Obwohl Risiken für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft existieren, wie z. B.

  • der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA,
  • die unter der Regierung Trump verschlechterten Beziehungen mit dem Iran sowie die weiteren Risiken in der Golfregion
  • der Brexit in Europa, dessen Verhandlungen nur sehr schleppend vonstattengehen,

ist insgesamt das konjunkturelle Umfeld für die globale Gießerei-Industrie positiv zu werten: Auch hier stehen die Zeichen auf Wachstum!

Automotive-Industrie: E-Mobility verändert Werkstoffmix

Die globale Automotive-Industrie wächst dynamisch weiter (Bild 2). China wird zum größten Produktionsstandort und spätestens 2020 wenigstens 30 Mio. Light Vehicles (bis 2,8 t) produzieren. Japan und Korea verlieren direkt an China, in Nordamerika geht die Produktion eher seitwärts. In Europa kommt es infolge der Erholung in Osteuropa zu einer leichten Belebung und das übrige Asien wächst dynamisch. Weltweit dürfte im Jahr 2025 ein Produktionsvolumen von rund 105 bis 106 Mio. Light Vehicles zu erwarten sein. Die aktuelle Diskussion zur Reduktion der Schadstoffemissionen forciert momentan den Trend zu alternativen Antrieben. Die USA reduziert kontinuierlich Emissionen und plant einen Wert von 97g/km CO2 bis 2025, der allerdings über dem geplanten Wert der EU für 2021 liegt. Europa verfolgt die ambitioniertesten Emissionsziele weltweit auf dem Weg zu einer emissionsarmen Wirtschaft bis 2050. China weist die derzeit höchsten Emissionen von den drei großen Produktionsregionen aus. Es ist daher sehr ambitioniert, wie geplant hier die CO2-Emissionen zwischen 2015 und 2020 um 30 % zu senken. Um diese Ziele zu erreichen, steht zurzeit die Elektromobilität im Fokus der Politik. Bezogen auf die angestrebten Grenzwerte des Kohlendioxidausstoßes, bieten sich aber auch noch etliche Alternativen wie z. B. die Brennstoffzelle. Auf mittlere Sicht (bis circa 2025) wird allerdings der Hybridantrieb dominieren. Geht der technologische Trend in Richtung E-Mobility, so profitiert davon auf jeden Fall der Werkstoff Aluminium. Das erhebliche Gewicht der Batterie, welches nach gegenwärtigem Stand der Technik der Elektroantrieb erfordert, muss an anderer Stelle im Pkw eingespart werden. Daher sieht die IKB eine erhebliche Substitution von Stahl- und Eisenwerkstoffen durch Aluminium, vor allem auch bei Strukturbauteilen.

Baukonjunktur läuft weiter rund

Weltweit sieht die IKB auch positive Impulse aus der Bauwirtschaft für die Nachfrage nach Gussteilen. Selbst in China – hier gibt es derzeit Leerstände in einigen Städten im oberen Preissegment, welche sich seit ihrem Höchststand aber schon reduziert haben – wird in den nächsten Jahren von noch steigenden Umsätzen in der Bauindustrie ausgegangen, obwohl deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt abnimmt (Tabelle 1). Aber auch die USA legen in der Bauwirtschaft weiter zu, wobei derzeit noch keine Beiträge der von Präsident Trump angekündigten Investitionen in die Infrastruktur erfolgen, wie auch noch kein Startschuss für den Bau einer Grenzmauer zu Mexiko gegeben worden ist. Ebenfalls positiv entwickelt sich in die Baukonjunktur in Europa. Bis 2019 dürften die Wachstumsraten der Bauindustrie über denjenigen des europäischen Bruttoinlandsprodukts liegen, sodass positive Impulse hieraus resultieren. Das Wachstum erfolgt auf breiter Front, selbst in Spanien wächst die Bauindustrie wieder. Nachholbedarf ist aber auch noch in Osteuropa gegeben. Getragen wird die Entwicklung vor allem vom Wohnungsbau in den Ballungszentren sowie von Infrastrukturinvestitionen. Bezogen auf letztere hat vor allem auch Deutschland noch einen hohen Nachholbedarf. Hier ist zu hoffen, dass eine neue Bundesregierung diese auch unverzüglich anschiebt.

Maschinenbau und Elektrotechnik wachsen weiter

Auch der globale Maschinenbau zieht aktuell wieder kräftig an. Die Umsätze in China werden sich nach dem Rückgang im Jahr 2016 erholen. Die chinesischen Erlöse werden 2022 fast den gesamten Umsätzen der übrigen asiatischen Staaten und Nordamerikas entsprechen. Innerhalb Europas werden Deutschland und Italien Marktanteilsgewinne zu Lasten der übrigen westeuropäischen Staaten erzielen, wobei die Schweiz nach der Abwertung des Franken zum Euro nun wieder etwas bessere Absatzchancen hat. Zudem entwickelt sich der Maschinenbau in Tschechien sehr positiv. Der deutsche Maschinenbau erzielt rund 60 % seiner Umsätze im Ausland. Der Ausblick für wichtige Absatzmärkte ist mit einem erhöhten Prognoserisiko verbunden. Dabei haben die USA eine besondere Bedeutung. Die US-Nachfrage nach deutschen Maschinen wird vor allem durch den US-Bedarf an finalen Investitionsgüter bestimmt und weniger durch den US-Wertschöpfungsprozess, der Vorleistungsgüter benötigt. Damit ist die Dynamik der US-Ausrüstungsinvestitionen ein wichtiger Treiber für den deutschen Maschinenbau. Dies begrenzt auch die Risiken eines höheren Absatzeinbruchs deutscher Maschinen in Richtung einer „Buy America“-Politik.

Von der Belebung des Maschinenbaus profitieren viele Sparten der Gießereiindustrie: Während der Anstieg z. B. des Bau- oder Bergbaumaschinenbaus die Nachfrage nach Eisen- und Stahlgussteilen verbessert, dürfte der Aluminiumguss-einsatz nicht nur bei handgeführten Maschinen, sondern vor allem auch in der Robotik sowie in einigen weiteren Teilbereichen kräftig zunehmen. Die Belebung der Armaturenindustrie dagegen erhöht den Bedarf an Kupferguss. Das starke Wachstum im Markt für Elektroprodukte und Elektronik setzt sich fort. Der Weltmarkt für Elektroprodukte und Elektronik wurde 2016 auf rund 4500 Mrd. Euro geschätzt. Bis 2025 sieht die IKB ein Produktionsvolumen von über 5600 Mrd. Euro (Bild 3). Für die nächsten Jahre wird ein stabiles Wachstum erwartet. Die Wachstumsrate in China wird sich zwischen 5 und 7 % pro Jahr bewegen, nach zweistelligen Zuwächsen in früheren Jahren. Die IKB prognostiziert eine steigende Produktion in allen wichtigen Teilsegmenten des Marktes. Wichtige Impulse für die Gussnachfrage kommen aus der Energieerzeugung. Vor allem in Europa resultieren diese aus dem Ausbau der erneuerbaren Energien, während in den asiatischen Schwellenländern auch der klassische Kraftwerksbau (Kohle, Gas, Nuklear) weitere erhebliche neue Kapazitäten aufbaut.

Eisen-, Stahl- und Temperguss ab 2020 eher seitwärts

Der weltweite Bedarf an Eisen- und Stahlgusswerkstoffen dürfte im Jahr 2025 bei rund 85 Mio. t liegen. Davon stammen dann 40 Mio. t aus China (Bild 4). Hierbei sieht die IKB ab 2020 praktisch kein nennenswertes Wachstum mehr, sondern eine Seitwärtsbewegung mit leichter Abwärtstendenz. Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen:

  • Zum einen setzt sich in der Automobilindustrie der Trend zum Leichtbau forciert fort. Selbst wenn ein Teil nicht in einem anderen Werkstoff gefertigt wird, sondern im Eisen-, Stahl und Temperguss (EST-Guss) verbleibt, wird das Gewicht weiter optimiert, sei es über die Geometrie oder die Wanddicken. Dies hat einen negativen Effekt auf die Gesamttonnage, selbst wenn die Formkästen weiter voll ausgelastet sind.
  • Zum zweiten werden bestimmte Teile dann von EST-Werkstoffen in andere Werkstoffe abwandern.
  • Zum dritten wird in China der Bedarf an Gussteilen für den Infrastrukturbereich sinken.

Dies wird zwar durch einen zunehmenden Bedarf für den Automobilsektor weitgehend ausgeglichen, das Gesamtvolumen bleibt aber stabil. Innerhalb Europas erfolgt eine stärkere Belebung in Osteuropa, was auch in neuen Kapazitäten – auch von westeuropäischen Gießereigruppen – begründet ist. Zudem unterstellt die IKB eine Normalisierung der Situation in Russland und der Ukraine. Die NAFTA-Region zeigt analoge Tendenzen zu Europa. Neuen Kapazitäten etwa in der Automobilindustrie stehen Stilllegungen – auch im Captive-Segment – gegenüber.

Aluminiumgussproduktion wächst weiter

Der weltweite Aluminiumguss zog 2016 in wichtigen Produktionsländern kräftig an. So weitete China seine Aluminiumgusserzeugung um über 13 % auf 6,9 Mio. t aus. Der Zuwachs von 800 000 t entsprach in etwa dem gesamten Ausstoß von Aluminiumguss in Italien (790 000 t). Bis zum Jahr 2025 prognostiziert die IKB eine Erhöhung der Aluminiumgusserzeugung auf über 20 Mio. t weltweit (Bild 5). Davon entfallen gut 7,3 Mio. t auf China und weitere 3,7 Mio. t auf die übrigen Staaten in Asien. Japan und Korea verlieren jedoch analog ihrer Automobilproduktion Marktanteile an chinesische Gießereien. Für Nordamerika und Westeuropa dürfte eine Jahresproduktion von jeweils 3,2 Mio. t möglich sein, während sich die osteuropäische Gusserzeugung auf rund 2,2 Mio. t erhöht.

Der Großteil des Wachstums in der NAFTA-Region geschieht durch Investitionen ausländischer OEM und globaler Gießereigruppen. Innerhalb Europas gewinnt Deutschland Marktanteile auf Kosten von westeuropäischen Wettbewerbern. Nach dem starken Wachstum in den letzten Jahren werden deutsche Aluminiumgießereien voraussichtlich im Jahr 2018 dann 1,2 Mio. t produzieren. Die IKB erwartet einen Erholungsprozess in Osteuropa (Russland, Ukraine) und einen Aufholprozess in der Türkei, die hier mit Osteuropa zusammengefasst wurden. Mittelfristig wird eine Expansion der Aluminiumfelgenproduktion in der Türkei und ausgeweitete Kapazitäten in der Slowakei, Tschechien und weiteren Ländern die europäische Produktion ankurbeln. So haben schon etliche italienische Gießereien Standorte in Rumänien im Fokus bzw. gießen schon vor Ort.

Fazit

Langfristig sieht die IKB gute Zukunftschancen für den Bedarf an Gussprodukten. Allerdings wird die Werkstoffkonkurrenz weiter anziehen. Für europäische Produzenten bestehen aufgrund ihrer Technologieführerschaft gute Chancen, während China weltweit mit Abstand dominiert.

Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services, IKB Deutsche Industriebank AG, Frankfurt/M.