Fachartikel

28.03.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 11|2017

Talentschmiede für den Modell- und Formenbau

Modellbau-Dozent Jens Lohmann unterrichtet sowohl Modellbau- als auch Tischler-Auszubildende (Fotos: Andreas Bednareck).

Wie wichtig Modell- und Formenbauer in der Branche sind, zeigen die oft ausufernden Modelllager mit den vielen Modellplatten und Einzelmodellen in den Gießereien. Sie erzählen jahrzehntealte Geschichten über die Produktpalette der Werke. Auch heute sind Modell- und Formenbauer aus der Branche nicht wegzudenken. Ihre Einsatzgebiete finden sich in den Bereichen Konstruktion, Prototypenentwicklung und Serienfertigung. Die bedeutendste Ausbildungsstätte für den Fachkräftenachwuchs ist die Bundesfachschule für Modell- und Formenbau an der Holzfachschule Bad Wildungen.

Robert Piterek, DÜSSELDORF

Spezial-Know-how aus Bad Wildungen

Das Zentrum der Modell- und Formenbauerausbildung in Deutschland befindet sich im nordhessischen Bad Wildungen. Hier wird den angehenden Fachkräften zusätzlich zu ihrer 3,5-jährigen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule in zwei Ausbildungskursen von jeweils zwei Wochen Länge Spezial-Know-how für ihre Berufslaufbahn mit auf den Weg gegeben. Unabhängig davon, ob Modellbauer in Gießereien für Großguss arbeiten, die häufig noch Holz als Modellbaumaterial einsetzen, oder in Gießereien, die ihre Modelle für Gehäuse, Zylinder oder Laufschienen aus Blockmaterialien wie Polyurethan fräsen. „Die technischen Hintergründe des Modellbaus sind immer gleich“, betont Dozent und Modellbaumeister Norbert Koberstein. Seit den 1970er-Jahren sind Generationen von Modell- und Formenbauern in Bad Wildungen ausgebildet worden. In diesem Jahr ergänzen weitere 300 Auszubildende sowie 15 Meisterschüler ihre Lehre durch Know-how der Holzfachschule.

Mix aus rechnergestützter und konventioneller Technik

Anfang Oktober hat in Bad Wildungen erneut ein Lehrgang für Modell- und Formenbauer begonnen. Für Technische Modellbauer ist die Ausbildung an der Bundesfachschule in den MOD1- und den MOD2-Kurs aufgeteilt. Der erste Kurs startet im zweiten, der zweite im dritten Lehrjahr. Diesmal sind 15 Modellbauer aus ganz Deutschland zum MOD2-Kurs angereist. Sie werden nun zwei Wochen täglich von 7:30 bis 16:00 Uhr unterrichtet. Untergebracht sind sie im schuleigenen Internat. „Unterrichtsinhalt wird vor allem sein, was beim Modellbau berücksichtigen werden muss und wie sich die Maße und die Konturen verändern. Das wird in dieser Woche zunächst in der Theorie und dann auch virtuell gemacht, also mit Hilfe von CAD (Computer Aided Design) und CAM (Computer Aided Manufacturing)-Berechnungen mit entsprechender Simulation“, skizziert Dozent Jens Lohmann das Lehrprogramm. Zum Abschluss des Kurses werden die Kenntnisse dann in der Werkstatt vertieft. Es ist ein Mix aus rechnergestützter und konventioneller Technik mit dem Anspruch, möglichst nah an der Berufswelt der Jugendlichen auszubilden.

Azubis aus ganz Deutschland

In Jens Lohmanns Klassenraum sitzen heute Modellbau-Azubis aus allen Teilen Deutschland. Sie sind aus Franken, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Niedersachsen hierhergekommen, ein Teilnehmer sogar aus den Niederlanden. Johannes Knapp und Niklas Klemp sind Auszubildende von Harz Guss Zorge aus Zorge in Niedersachsen. In der Gießerei, die u. a. Bauteile für die Nutzfahrzeugindustrie fertigt, sind allein 16 Modellbauer beschäftigt. Johannes und Niklas bauen u. a. Modelle für Scania-Motorblockgehäuse und MTU-Zylinderköpfe. Die beiden 19-Jährigen sind hochmotiviert und hellwach. In Zorge werden die Modelle überwiegend aus Kunststoffblockmaterial mit CNC-Fräsen gefertigt. Vorteil von Kunststoffblockmaterial wie Polyurethan ist, dass es nicht auf Feuchtigkeit reagiert und sich nicht verzieht. Allerdings ist Polyurethan auch deutlich kostspieliger als z. B. Holz. Harz Guss Zorge schickt seine Auszubildenden regelmäßig nach Bad Wildungen – der Ausbilder hat hier seinen Meister gemacht und setzt Vertrauen in die Ausbildung der Schule.

Kreativität und Präzision

Ein Plus für die Bundesfachschule für Modell- und Formenbau ist auch, dass die Ausbildung fernab von der auftragsbezogenen Arbeit auch immer einen Mehrwert für Unternehmen bietet. „An der Holzfachschule fehlt der Produktionsdruck, sodass die Schüler hier neue Ideen entwickeln können, die ihre Unternehmen voranbringen“, beschreibt Schulleiter Hermann Hubing den Anspruch seiner Schule. Vorteilhaft hierfür ist der interdisziplinäre Ansatz der Ausbildung, denn neben Gießereimodellbauern werden in Bad Wildungen auch Anschauungsmodellbauer sowie Karosserie- und Produktionsmodellbauer ausgebildet, die im Bereich der Formfindung arbeiten. Wenngleich die hierfür nötige Kreativität bei Gießereimodellbauern nicht erforderlich ist, stärkt die Lehre unter einem Dach den Ideenreichtum für innovative Lösungen. Dozent Jens Lohmann zufolge ist für eine Modell- und Formenbauerausbildung gutes räumliches Verständnis und Vorstellungsvermögen sowie angewandtes Rechnen erforderlich. Denn bei der Fertigung von Modellen ist Präzision auf den Zehntel-Millimeter unabdingbar.

Ausstattung reicht von der CNC-Fräse bis zum Roboter

Damit die Schule immer auf dem neuesten Stand der Technik ist, muss auch der Maschinenpark regelmäßig erneuert werden. Das geschieht meist im Rhythmus von vier Jahren und macht den Modell- und Formenbau zum teuersten Fachgebiet der Schule. In der Modellbauwerkstatt stehen dann auch zahlreiche moderne Fräsanlagen mit unterschiedlichen vielen Achsen sowie Dreh- und Zerspanungsmaschinen. In einem abgetrennten Bereich ist zudem ein Industrieroboter der Firma Reis installiert, der Teile besäumen sowie mit Hilfe eines optischen Scanners von GOM per Soll-Ist-Vergleich auf Maßhaltigkeit prüfen kann. In einer überbetrieblichen Ausbildung für Modellbauer mit dem Schwerpunkt Steuerungs- und Regeltechnik beschäftigen sich Auszubildende zudem mit pneumatischen Steuerungen, die im Modell- und Formenbau immer häufiger eingesetzt werden. Die Ausbildung an der Holzfachschule vermittelt darüber hinaus Kenntnisse im Umgang mit optischen und Koordinatenmessmaschinen, in 3-D-Messtechnik, NC-Bearbeitung sowie Simulationstechnik.

Modelleinrichtung für Fidget-Spinner

Die Verbindungen der Bundesfachschule zur Gießereibranche sind eng. Bei der letzten IdeenExpo vom 10. Bis 18. Juni in Hannover unterstützte sie die Branchen-Nachwuchsinitiative Get-in-Form mit Modelleinrichtungen für den sogenannten Fidget-Spinner, einen Handkreisel, der momentan in keinem Kinderzimmer fehlen darf. Der Spinner wurde mit Hilfe der Modellbauexperten aus Bad Wildungen zu einem Highlight der Messe. Ihre Expertise bringt die Holzfachschule auch im BDG-Arbeitskreis Modellbau und im Fachausschuss Facharbeiter/Meister ein.

Lehrmittelfreiheit für alle

„Der Modellbau ist ja die maßliche Grundlage von allem, was in den Gießereien passiert. Auf Messen wie der IdeenExpo zeigen wir, dass der Modellbau nicht nur aus Feilen, Raspeln und Stechen besteht, sondern auch den Umgang mit hochwertigen Maschinen und Software umfasst“, beschreibt Dozent Jens Lohmann das Messeengagement seiner Schule. Werbung auf Messen und bei den Tagen der offenen Tür hat die Schule nötig. Mit Harz Guss Zorge, vielen weiteren Gießereien und Modellbauern wie z. B. der Duisburger Modellfabrik haben die Bad Wildunger zwar einen namhaften Kundenkreis, die Ausbildungssituation schwankt jedoch stark mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Und die Auslastung der einzigen Bundesfachschule in Deutschland entscheidet darüber, ob die Anschaffung der Maschinen von Bund und Ländern gefördert wird. Schulleiter Hubing treibt deswegen das Thema Lehrmittelfreiheit um: „Warum bekommt derjenige, der studiert, das Studium über Bafög umsonst, während derjenige, der hier auf die Meisterschule geht, bezahlen muss?“ Meisterschüler kommen zwar seit einigen Jahren Meister-Bafög, die finanzielle Unterstützung reiche jedoch nicht aus. Hubing fordert deshalb „gleiches Recht für alle“ und hofft darauf, dass die neue Bundesregierung sich dafür einsetzt, die Lehrmittelfreiheit auf Lehrlinge auszudehnen. Die Ausbildung von Meisterschülern dauert 8 Monate. In dieser Zeit haben die Meisteranwärter freien Zutritt zu den Werkstätten, um sich bestmöglich weiterzubilden.

3-D-Druck im Blick

Auf den Trend zur additiven Fertigung in der Industrie hat die Holzfachschule reagiert. An der Schule ist ein 3-D-Drucker installiert, mit dem Auszubildenden praktische Kenntnisse mit der neuen Technologie beim Drucken von Formen erlernen können. Lohmann betont aber, dass das Thema 3-D-Druck nicht neu ist: „Seit Mitte der 1990er-Jahre wird das Verfahren bzw. die Stereolithografie im Bereich der Prototypenfertigung eingesetzt.“ Inzwischen sei der 3-D-Druck bei der Einzelfertigung aber ein großer Wettbewerber, weil das Modell wegfalle, räumt er ein. „Bei höheren Stückzahlen kommt man um das klassische Modell jedoch nicht herum“, ist Lohmann überzeugt. Drei Faktoren machen die Holzfachschule zu einem Erfolg für die Auszubildenden und ihre Unternehmen, bekräftigt Schulleiter Hermann Hubing: zum einen das hohe Engagement der Dozenten, der Maschinenpark auf dem neusten Stand und schlussendlich die Lage im Zentrum Deutschlands mit geringen Ablenkungsfaktoren für die Auszubilddenden – ein Tipp für jede Gießerei, die vom Wissensvorsprung der Bad Wildunger profitieren will.

www.holzfachschule.de