26.04.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 5/2017

„Wir müssen das, was wir sicher wissen, noch konsequenter und präziser umsetzen.“

Dr.-Ing. Erwin Flender: „Besser werden fängt für mich immer mit Selbstkritik an“ (Foto: Ulrich Zillmann).

Interview mit BDG-Präsident Dr.-Ing. Erwin Flender. Im Gespräch mit der GIESSEREI erläutert Flender, welche Herausforderungen die Gießerei-Industrie in den nächsten Jahren zu meistern hat.

Dr. Flender, vor welchen Herausforderungen steht die deutsche Gießerei-Industrie in den nächsten Jahren?
Da muss man nach wie vor die Globalisierung nennen. Dann spielt sicherlich Substitution eine Rolle und damit zusammenhängend die Frage, welche Investitionen für den Gießer in Zukunft noch Sinn machen. Wenn ich nicht investiere, verliere ich die Technologieführerschaft und die Wettbewerbsfähigkeit. Das wirkt sich nicht sofort aus, man kommt vielleicht zwei bis drei Jahre ohne Investitionen gut durch, aber auf Dauer ist das keine Strategie, um im Markt zu bleiben. Auf Dauer sind die schmalen Gewinnmargen nicht auskömmlich und wir werden sicher auch eine weitere Konsolidierung am Markt sehen.

Fangen wir mit der Globalisierung an. Was kommt da noch auf die Gießer zu? Globalisierung ist sehr facettenreich. Eine entscheidende Entwicklung kommt aus den wachstumsstarken Schwellenländern, die mehr und mehr auf „local content“ bestehen. Davon sind viele Gussteile betroffen. Insbesondere größere Gießereiunternehmen müssen, wenn sie liefern wollen, auch vor Ort Standorte aufbauen und Kooperationen eingehen. Das wird uns zunehmend beeinflussen.

Im Automotive-Bereich, wo Zulieferer ihren Kunden auf die Weltmärkte folgen müssen, oder auch in anderen Branchen?
Nirgendwo sonst wird das so deutlich, wie bei den Automotive-Aktivitäten. In Deutschland gehen im Nichteisenbereich (NE) rund 80 %, im Eisenguss (FE) etwa 60 % der Produktion in die Fahrzeugtechnik. Hauptsächlich Pkw aber auch Nutz- und Schienenfahrzeuge. In den USA beträgt der Anteil der Gussteile für die Fahrzeugtechnik nur 35 %. Es gibt aber auch Bauteile im Maschinenbau oder in der Bautechnik, wo zunehmender Druck besteht, lokal zu produzieren. Bei großen Einzelstücken aus Stahlguss oder Eisenguss ist es weniger der Fall, aber gerade im Windkraftbereich haben wir gesehen, dass Länder wie China ihren Guss heute selber machen.

Und Guss auch exportieren?
Die Chinesen wollen auch exportieren. Aber bei großen Teilen mit kleinen Stückzahlen zählen auch die Transportkosten und es kommen andere Aspekte hinzu. Wovon die Gießer in Deutschland zudem profitieren können, ist ihre Flexibilität, noch während der Auftragsabwicklung auf Wünsche eingehen zu können, ein umfassenderes technisches Servicepaket und vor allem kürzeste Lieferzeiten.

Beim Wettbewerb aus der Türkei dürfte zumindest die Lieferzeit keine so große Rolle spielen…
Die Türkei ist für mich in einer mittleren Position. Die dortigen Gießereien haben sich jahrelang gut entwickelt und können Teile mittlerer Komplexität wettbewerbsfähig in der richtigen Qualität anbieten. Doch wenn die Türkei weiter aufholen will, dann muss sie noch deutlich nachlegen. Dann müssten ihre Gießer auch die anspruchsvollen, komplexen Teile machen können. In der Türkei gibt es aber bis auf den NE-Bereich auch dramatische Überkapazitäten. Insbesondere im Stahlguss wird die dort installierte Kapazität nicht einmal zur Hälfte genutzt. Auch im Eisengussbereich müssen sie erstmal füllen, was sie haben. Die politische Entwicklung dort könnte auch zu einer Delle im Wachstum auf der Gussseite führen. Perspektivisch aber ist die Türkei ganz klar ein ernst zu nehmender Wettbewerber und für viele Gusseinkäufer eine interessante Alternative.

Auch im NE-Bereich?
Dort im Moment weniger. Es gibt einige größere Aluminium-Gießereien, aber im Moment ist nicht die Kapazität da, um im großen Stil Angebote zu machen. Italien produziert etwa dreimal so viel Aluminiumguss wie die Türkei.

Als weitere Herausforderung nennen Sie Substitution. Womit ist hier zu rechnen?
Die Frage der Substitution betrifft nicht nur Guss in Richtung anderer Verfahren – nach wie vor stehen wir als Gießer im Werkstoff-Wettbewerb – sondern auch Substitutionen in Folge von Entwicklungen wie der Elektromobilität. Da werden die relevanten Auswirkungen sicher noch etwas auf sich warten lassen, aber das beeinflusst heute schon Investitionsentscheidungen. Was macht in Zukunft noch Sinn? In welche Produkte kann man investieren? Dass sich da Verschiebungen ergeben, das ist offensichtlich.

Ist E-Mobilität Chance oder Bedrohung?
Ein massiver Schwenk in Richtung E-Mobilität kann meiner Ansicht nach nur gesellschaftlich-politisch veranlasst sein. Persönlich habe ich meine Zweifel, dass wirklich so viele Käufer ein Elektroauto wollen. Aber wenn es aus Umweltgründen so kommt und sie nicht näher als 20 km an die Stadtgrenze mit ihrem Verbrennungsmotor ran dürfen, dann werden sie es sich überlegen. In China und anderswo wird das nicht mehr lange auf sich warten lassen. Von dieser Seite kommt politisch und gesellschaftlich Druck. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier in 20 Jahren noch einen Pkw-Diesel bauen. Politisch verfolgen wir eine klare Vermeidungstrategie, nicht nur eine Minimierung. Ich glaube, dass langfristig der Diesel auch für Lkw tot sein wird. Ob das technisch Sinn macht, steht ja gar nicht zur Diskussion. Es ist politisch gewollt. Aber Hybride sind durchaus eine Chance für mehr Guss, weil die Vielfalt der Antriebe steigt.

Technische Argumente spielen in der Politik nicht die entscheidende Rolle...
Nein, der Wähler entscheidet nicht wirklich technologieorientiert. Es sind politische Vorgaben teilweise von Leuten, die überhaupt keine Ahnung von diesen Dingen haben. Hinterher hängt das von dem Willen und der Akzeptanz der Verbraucher ab. Vieles bewegt sich nicht ohne Guss und vieles kann man ohne Guss nicht, nur schwer oder teurer realisieren. Aber aus Sicht der Politik sind volkswirtschaftlich gesehen die 80 000 Arbeitsplätze der Gießerei-Industrie in Deutschland keine so entscheidende Größe, dass man die in dieser Größenordnung erhalten müsste. Vor 50 Jahren hat sich auch im Bergbau keiner vorstellen können, dass wir in Deutschland einmal keinen Bergmann mehr haben. Und da waren ganz andere Beschäftigtenzahlen im Spiel. Insofern gibt es da keinen Schutz. Persönlich glaube ich mehr an die Brennstoffzelle, aber wie es einmal kommen wird, weiß ich nicht. Wenn die E-Mobilität in großem Umfang kommt und vielleicht schneller kommt, als man jetzt glaubt, dann wird das schon dramatische Auswirkungen haben.

Wo stehen dann die Gießereien?
Viele Gussteile, nicht nur Zylinderkopf und Kurbelgehäuse, fallen beim Elektromotor weg. Insgesamt gibt es bei der E-Mobilität aber auch Chancen für Aluminiumgussteile im Auto. Für die NE-Gießer wird das nicht wirklich nachteilig, zumal wenn sich das langsam entwickelt und die Gießereien sich darauf einstellen können. Die Eisengießer im Automotivebereich sind diejenigen, die am härtesten davon betroffen sind. Wenn in 20 Jahren 70 % aller Autos elektrisch sein sollten, dann würden viele dieser Betriebe, wenn sie nicht vorher auf andere Produkte ausweichen können, nicht mehr benötigt. Außerdem haben wir in Deutschland auch im Bereich Fe-Guss für Automotive jetzt schon Überkapazitäten.

Komplexe Strukturteile lassen sich auch aus Faserverstärktem Kunststoff, FVK, herstellen. Droht eine Substitution durch Materialmix?
Größere FVK-Bauteile sind im Moment auch aus preislichen Gründen kaum wettbewerbsfähig, es sei denn, es wird eine spezifische Funktionalität gefordert, die nur damit erreicht werden kann. Man wird heute sicher nicht auf die Idee kommen, das Kohlefaserchassis der Formel 1 durch eine Aluminiumkonstruktion zu ersetzen. Was ich sehe, sind mehr hybride Konstruktionen. Also auch hybride Bauteile aus unterschiedlichen Metallen, aus Aluminium und Stahl zum Beispiel. Ich habe gesehen, wie man eine gegossene Aluminiumseele mit Stahlblechen verstärkt, um ganz bestimmte Eigenschaften zu verbessern. Der eigentliche Funktionsträger ist das Aluminium. Auch hybride CFK-Metallverbindungen, da, wo es von der Konstruktion her Sinn macht und da, wo es wirtschaftlich ist. Zudem ist es beeindruckend, was die Klebetechnik bei Verbindungen heute leisten kann. Das Thema Wirtschaftlichkeit wird in der Automobilindustrie auch in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen. Imagegewinn mit Kohlefaserverstärktem Kunststoff (CFK) eher nicht. Das kann in einigen Fällen sogar Fe-Guss-Teilen nach vorne verhelfen, die zum Teil auch aus Imagegründen durch NE-Bauteile substituiert wurden obwohl technisch in der Funktionalität überhaupt kein Grund dafür bestand.

Thermoplastische Verfahren werden zunehmend preiswerter, das Umspritzen von Metalleinlegern kann Aluminium-Druckgussteile ersetzen…
Das ist klar Substitution, wir werden auch von dieser Seite unter Druck kommen. Dabei ist die Frage, wie stellt sich die Gießerei auf? Umspritzen wir ein metallisches Gussteil selber mit Kunststoff oder liefern wir nur das Metallteil und der Kunststoffspritzgießer macht den Rest - und hat dann letztendlich auch die primären Kontakte zum Kunden. Hier sollten das Traditionsbewusstsein und die Treue zum Verfahren spätestens aufhören. Sonst werden wir am Ende zum Zulieferer des Zulieferers degradiert. Da muss man schon versuchen mitzuspielen. Das ist nicht nur eine Chance für die größeren Gießereien und Gießereigruppen, das kann auch ein Mittelständler stemmen. Wir können vom Werkzeugbau der Kunststoffleute lernen.

...und zeigt, dass Gießer hin und wieder über das Gießen hinausdenken müssen?
Definitiv. Sehen, was andere machen und was andere brauchen. Nicht warten, bis der Kunde kommt und sagt: kannst du mir an dieser Stelle noch was angießen. Sehen, was mit dem Teil vor Ort passiert, wie es eingesetzt wird und dann überlegen, was ich noch zusätzlich liefern könnte. Dafür interessieren wir uns zu wenig. Wir sind da auch zu oft noch in einer Position, dass wir warten bis wir angesprochen werden – ich übertreibe da mal bewusst – und dann machen wir ein Angebot für das geforderte Teil. Vielleicht ist eine andere Gusslösung für den Kunden viel besser. Einen Mehrwert beim Kunden zu erzeugen, das ist meine Aufgabe. Dafür muss ich mich aber damit beschäftigen, was der Kunde wirklich braucht.

Sie haben die Überkapazitäten im Eisenguss erwähnt. Wie bedrohlich sind die?
Wir haben in Deutschland in einigen Bereichen Überkapazitäten aufgebaut. Nicht nur durch große Investitionen, durch produktivere Anlagen, neue Hilfs- und Betriebsstoffe, die letztendlich zu Kapazitätserweiterungen führen. Hier haben wir bis 2007/2008 in einem viele Jahre andauernden Boom Kapazitäten geschaffen, die zu füllen wir jetzt Schwierigkeiten haben. Da ist es eine unternehmerische Entscheidung, über Konsolidierung nachzudenken.

Wie wird die aussehen?
Wir werden sehen, dass größere Gießereigruppen weiter wachsen, nicht zuletzt auch unterstützt von Finanzinvestoren, die systematisch aufkaufen. Aber jeder Mittelständler, der Schwierigkeiten hat, seine Produktionsanlagen zu füllen und die Beschäftigung zu halten, muss darüber nachdenken, ob sich das Unternehmen mit vielleicht 50 % der Produktion wirtschaftlich betreiben lässt. Statt beharrlich mit 450 Mitarbeitern die Existenz des Unternehmens zu gefährden, ist es doch besser 180 Mitarbeiter zu beschäftigen und damit nachhaltig wirtschaftlich profitabel zu sein.

Keine einfache Entscheidung…
Das ist keine einfache Entscheidung, aber diesen Mut, eine solche Alternative ernsthaft zu prüfen, muss ich aufbringen. Wenn ich mein Konzept nicht ändere, an der Strategie nichts ändere, dann kann die katastrophalere Konsequenz folgen. Restrukturierung früh genug und ernsthaft anzugehen, ist eine Chance für ein Unternehmen.

Wonach sollte sich die Strategie richten?
Machen, was man am besten kann. Davon mehr machen und alles andere weglassen. Wenn ich eine klare Vorstellung davon habe, wohin ich mich entwickeln will, dann kann ich auch dafür kämpfen und dafür investieren. Dieser Ehrgeiz, den viele haben, dass sie auf eine Palette von 20 g bis 20 t stolz sind, ist zukünftig nicht mehr erfolgreich; er ist gefährlich. Ich kann überhaupt nicht so viele spezielle Fertigungseinrichtungen vorhalten, um alle die Teile die in ein solches breites Spektrum fallen, sinnvoll und wirtschaftlich zu fertigen. Meine Investitionspolitik muss ich nach meinen Stärken ausrichten und dementsprechend muss ich den Vertrieb auf mein Spektrum trimmen. Da kommen natürlich auch Fragen auf die Gießer zu, wie die nach der Verlagerung von Modellen. Der Gießer hat viele Kunden, für die er jede Menge Modelle liegen hat. Dann muss man Kollegen, Kunden, eventuell Wettbewerber suchen, die das dann machen können. Vor solchen Schritten haben viele Angst und ich kann gut verstehen, dass das Überwindung kostet. Aber die oberste Priorität muss der Erhalt des Unternehmens sein.

Sie sagten, es sei eine unternehmerische Entscheidung, über Konsolidierung nachzudenken. Stehen die Lokalpolitik und ein großzügiges Insolvenzrecht dem nicht gelegentlich entgegen?
Es ist menschlich zu sagen, geben wir ihnen eine Chance. Aber wenn ein Unternehmen mit fremdem Geld weitermacht, mit Landesbürgschaften und evtl. dem Verzicht von Sparkassen und Volksbanken auf die Tilgung von Krediten, was eine ordentliche Geschäftsbank nicht so einfach macht – die Mitarbeiter auf vieles verzichten, auf Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Lohnabschläge hinnehmen, um eine drohende Insolvenz zu verhindern, ist das nicht sinnvoll, wenn sich das Konzept und die Strategie nicht ändern, dann kann das nicht in Ordnung sein.

Also eine künstliche Ernährung…
...durch Entscheidungen von Politikern und anderen industriefremden Entscheidungsträgern zugunsten von nicht wettbewerbsfähigen Ansätzen, die von vornherein nicht funktionieren können. Dadurch werden gesunde Unternehmen in Gefahr gebracht. Wir und unsere Kunden wollen eine starke und gesunde Gießerei-Industrie in Deutschland. Wir haben keine Zukunft als „me-too“-Industrie, die nur das kann, was andere in der Türkei, in Brasilien, China oder sonst wo auch können.

Was macht den Erfolg einer Gießerei? Das gute Produkt, neue Serviceleistungen oder nicht doch der Preis?
Qualität wird im Prinzip nicht diskutiert. Entweder man kann es, wenn nicht, dann scheidet man auch in China oder sonst wo aus, selbst wenn man 40 % preiswerter ist. Wenn man mit dem Preis völlig danebenliegt, kann man das auch nicht anders wiedergutmachen. Preislich ist es aber so, dass ich oft im Ausland gefragt werde, wie es möglich ist, dass Guss aus Deutschland so kostengünstig ist. Ob in Brasilien oder anderswo: die unterschiedlichsten Gussteile aus Deutschland, die man in der Welt findet, sind preiswerter als die lokale Produktion. Auch die direkten Fertigungskosten von einem Motorblock aus Gusseisen sind in Deutschland nicht unbedingt höher als in China. Wir sind seit Jahren Produktivitätsweltmeister und wir können manches schlicht und einfach besser. Es spielen andere Dinge eine Rolle. Da wird Druck von Gusseinkäufern ausgeübt und es gibt nicht marktgerechte Verhaltensweisen. In vielen Fällen ist es auch so, dass Gießer Aussagen von Gusseinkäufern glauben, die definitiv nicht immer die Wahrheit sagen.

Sehen sie einen eindeutigen Trend bei Gießverfahren oder Werkstoffen?
In den letzten Jahren habe wir es erlebt, dass Teile im Druckguss hergestellt werden, die man vor 15 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Bei den großen Strukturteilen haben die Druckgießer ja selbst nicht geglaubt, dass das geht. Noch Mitte der achtziger Jahre hieß es, alles was mehr als 3 % Dehnung haben soll, geht nicht im Druckguss. Heute realisiert man 15 % Dehnung sicher und in Serie. Damals hat man gesagt, damit würden die Grenzen des Verfahrens überschritten. Das wurden sie auch aus damaliger Sicht. Aber heute zeigt man, dass man es kann. Und diese Grenzen sind noch weiter verschiebbar, davon bin ich überzeugt. Wir nutzen ja bei weitem nicht das theoretische Potenzial der Werkstoffe aus, gerade nicht von Aluminium im Druckguss. Da steckt viel mehr drin im Aluminium als das, was jetzt realisiert wird. Die Grenzen sind bei vielen Werkstoffen und Verfahren noch nicht erreicht. Man wird Lösungen und Ansätze finden, um da noch weiter zu kommen. Werkstoffentwicklung in Verbindung mit Prozessentwicklung und dem Werkzeug. Um solche Potenziale zu heben, genügen nicht ein besserer Werkstoff oder eine bessere Anlage. Man muss diese Dinge von vorneherein gesamtheitlich denken und entwickeln. Wenn alles optimal aufeinander abgestimmt ist, kommt man ohne Zweifel auch weiter. Oder eben durch ganz andere Ansätze, durch neue Verfahrensentwicklung. Kürzlich habe ich gesehen, wie man künftig Aluminiumfelgen mit einem anderen Verfahren mit kürzerer Zykluszeit und besseren mechanischen Eigenschaften herstellen kann. Das hätte ich nicht gedacht, dass man solch ein scheinbar ausgereiftes Verfahren wie den Niederdruck-Kokillenguss noch so viel besser machen kann.

Müssen deutsche Gießereien irgendwo stärker werden?
Besser werden fängt für mich immer mit Selbstkritik an. Wir müssen das, was wir sicher wissen, noch konsequenter und präziser umsetzen und neue Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung schneller einführen. Die Flexibilität und die Serviceleistungen, dass wir zusätzlich Dinge anbieten können im Umfeld der Logistik, das müssen wir auch noch stärker in Deutschland entwickeln. Wir müssen die Kooperation mit anderen Unternehmen verbessern, um dem Endkunden mehr zu liefern. Vielleicht will er eine Komponente oder ein System haben. Der Gießer kann es selber nicht, könnte es aber organisieren mit anderen Unternehmen. Da sind Chancen.

Neue Lösungen in Guss und neue Märkte für Guss. Wie groß ist das Potenzial?
Bei vernünftigen wirtschaftlichen und politischen Randbedingungen kann und wird die Gussproduktion weltweit in den nächsten Jahren weiter wachsen, wenn auch nicht im großen zweistelligen Bereich. Ich glaube nicht, dass das Potenzial ausgeschöpft ist für Lösungen in Guss. Aus dem Stand sehe ich aber auch nicht, wo große Mengen an Guss zusätzlich untergebracht werden können.

Einkäufer müssen davon überzeugt sein, mit einem Gussteil das beste Preis-Leistungsverhältnis zu bekommen. Sind die Vorzüge von Guss bekannt genug?
Wir Gießer müssen mehr dafür tun, potenziellen Kunden und Konstrukteuren die Möglichkeiten des Verfahrens besser, intensiver und nachhaltiger zu vermitteln. Es genügt nicht, einmal ein Prospekt hinzuschicken oder einmal persönlich vorbei zu schauen. Vertrieb ist eine kontinuierliche Arbeit, um bei der nächsten Entwicklung angesprochen zu werden, ob sich das nicht in Guss machen ließe. Das ist für viele potenzielle Kunden so weit weg, dass wir gar nicht ins Spiel kommen, mit Guss gute Lösungen anzubieten.

Fehlt es am Marketing?
Marketing kann man schlecht als Branche betreiben, das ist nicht spezifisch genug. Das hängt immer vom Produkt, vom konkreten Bedarf des Kunden ab. Das ist sicher etwas, das nicht so intensiv betrieben wurde und wird, wie das notwendig wäre, um die Chancen systematischer zu nutzen. Marketing ist eine primäre Aufgabe der Unternehmen. Vom Verband her können wir Aktivitäten unterstützen, die das Image des Verfahrens Gießen langfristig verbessern.

Haben Sie ein Beispiel?
Da gibt es beispielsweise Potenzial im Infrastrukturbereich. Warum bauen wir noch Brücken aus Beton? Stahlbrücken sind viel besser, halten viel länger, haben viel weniger Wartungsaufwand. Architekten haben mit Beton andere Gestaltungsfreiheiten und können ihre Vorstellungen, wie das von weitem aussehen soll, eher mit Beton als mit Stahl erfüllen, obwohl es volkswirtschaftlich, aber auch für den Einzelfall gesehen überhaupt keinen Sinn macht, so zu denken. Die teurere Lösung ist Beton. Hier ein Umdenken zu erreichen – das ist eine Aufgabe, da ist eine kleine mittelständische Stahlgießerei überfordert. Aber an der Stelle muss von vielen Seiten und nachhaltig immer weiter gearbeitet werden. Guss hat viel erreicht, wir haben uns aus dem Image herausentwickelt, dass Gussteile spröde sind oder schwer. Wir haben viel Boden gut gemacht und das gerade über die beeindruckenden Produkte, die wir präsentieren können. Wenn man heute – ob Druckgießerei, Eisengießerei oder Stahlgießerei – die Produkte anschaut, da kann man schon Freude dran bekommen. Wir müssen an der Stelle noch sehr viel stärker über das Produkt auch Image aufbauen. Dass Konstrukteure und potenzielle Einkäufer solcher Funktionsteile nicht Guss vorne im Kopf haben, daran sind wir ein Stück weit selber schuld.

Muss der Konstrukteur davon überzeugt werden, dass Gießen das Verfahren der Wahl ist und nicht Fräsen oder Drehen, Schweißen oder Kleben?
Wenn man etwas zu bieten hat und die richtige Sprache spricht, sind Konstrukteure offen für unsere Lösungen. Sie haben eine andere Sprache und reden dann nicht vom gießgerechten Konstruieren, das ist auch nicht das Schlagwort, das die Gießer in den Mund nehmen sollten, sondern sie müssen das tun, was der Konstrukteur erwartet – nämlich funktionsgerecht gießen. Das interessiert den Konstrukteur. Hier müssen wir Gießer lernen, stärker in Richtung des Konstrukteurs, des Maschinenbauers zu denken. Wir sollten herausfinden, was er braucht und will – und nicht erwarten, dass er sich mit unserem Verfahren beschäftigt. Diese Hoffnung hat sich seit vielen Jahren nicht erfüllt und ich sehe nicht, dass sich mit dieser Vorgehensweise etwas ändert.

Soll der Gießer auch konstruieren?
Nein, der Gießer soll den Konstrukteur nicht ersetzen wollen. Der Konstrukteur hat eine völlig andere Aufgabe – gar nicht zu sprechen von Haftungsfragen – als sein Zulieferer. Die großen OEM praktizieren Reintegration und haben sich konstruktiv vieles wieder zurückgeholt. Aber wir müssen den Konstrukteur besser darüber informieren, was wir können. Manches Mal könnte der Konstrukteur noch viel kompliziertere Teile konstruieren und wir könnten sie immer noch schön gießen.

Wie können Gießer und Konstrukteure noch besser zusammenkommen?
Aus meiner Sicht müssten Gießer bei wichtigen Kunden Inhouse-Seminare anbieten und dazu mit zwei gut vorbereiteten kompetenten Leuten für ein oder zwei Tage ins Unternehmen gehen. Das bringt dann vielleicht 14 Leute an einen Tisch, die zuhören, Fragen stellen und diskutieren. Dann kriege ich die Botschaft rüber, baue auch Vertrauen auf und zeige dem Kunden, dass es mir etwas wert wäre, mit ihm zusammen zu arbeiten. Das kann auch über eine Veranstaltung an zentraler Stelle erfolgen, wo man dann drei oder vier Gussverbraucher einlädt, die nicht miteinander im Wettbewerb stehen. Wenn man so etwas nicht nur einmal macht, sondern hinterher mit qualifiziertem technischen Vertrieb nachsetzt, dann schafft man Voraussetzungen, dass bei neuen Komponenten oder zukünftigem Bedarf das Gießen im Kopf ist.

Müssen die Gießer da nicht noch mehr tun? Vergleicht man das 5000 Jahre alte Urformen Gießen mit der – vom Rapid Prototyping abgesehen – noch sehr jungen additiven Fertigung, dann fällt auf, dass das industrielle, wirtschaftlich viel bedeutendere Gießen im Gegensatz zu dem im Labormaßstab operierenden 3-D-Druck als Innovation in der öffentlichen Wahrnehmung kaum sichtbar ist. Warum?
Die 3-D-Druckerhersteller machen es genau richtig. Bevor die etwas zu bieten haben, machen sie massiv Marketing – was mit den neuen Verfahren alles geht. Im Vergleich dazu ist der Ansatz der Gießer, erst wenn wir es können, zeigen wir es auch und dann will es jeder haben. Das ist eine alte Denke, die aber nicht funktioniert. Aber leider begreifen viele nicht, dass es so nicht geht.

Zwingt nicht die Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, zum Umdenken?
Ich kann mich den Leuten nicht anschließen, die das Ganze als Revolution bezeichnen. Wir digitalisieren seit 25 Jahren. Industrie 4.0 ist eine andere Konstellation von vielen bekannten Dingen, aber es kommen auch einige neue Aspekte dazu, insbesondere die Kommunikation von Maschinen, Werkzeugen und Werkstücken. Da ist einiges möglich und das Schlagwort Industrie 4.0 wird viel bewegen. Nur „big data“ bringt nichts, wir müssen Daten gezielt qualifizieren, unser Wissen dazu fügen können. Nur auf dieser Basis lassen sich schnelle Steuerungs- und Regelungstechnik realisieren.

In der Industrie gewinnt IT immer stärker an Bedeutung und Autohersteller gründen oder kaufen gleich ganze Internet-Startups. Müssen sich nicht auch Gießereien stärker mit IT und neuen datengetriebenen Geschäftsmodellen befassen? Können sich die Geschäftsmodelle nicht auch hier radikal ändern?
Radikal ändern wird sich das schon in der Zusammenarbeit und wie Geschäfte abgewickelt werden. Radikal geändert hat sich ja heute schon, wie sie mit ihrer Bank kommunizieren und umgehen. Da werden sich Geschäftsmodelle ändern, das ist gar keine Frage.

Sind Sie selbst nicht das beste Beispiel? Bevor Sie Ende der achtziger Jahre mit MAGMA auf den Markt kamen, wurde in Gießereien weder simuliert noch modelliert. Heute ist Software Stand der Technik…
Man muss genau hinschauen und versuchen zu verstehen, was da passiert. Und dann auch überlegen, welchen Aspekt, welche Facette könnte mir dabei nutzen. Dabei sollte man auch nicht die kritische Distanz neuen Entwicklungen gegenüber völlig beiseitelegen. Aber auch offen sein. Das Argument, das ich auch vor 25 Jahren gehört habe, war „das haben wir noch nie so gemacht.“ Solche Leute braucht man nicht, die aus irgendwelchen alten Geschichten heraus etwas Neues ablehnen. Sie haben vorhin von 5000 Jahren Gießen gesprochen und im Vergleich dazu neue Verfahren genannt. Das ist ja unser größter Nachteil, dass dieses Verfahren 5000 Jahre alt ist. Stellen sie sich mal vor, man hätte Gießen vor 50 Jahren erfunden. Die Gießereibetriebe, alles würde völlig anders aussehen. Das Gießen ist aus dem Handwerk heraus zu einem industriellen Prozess entwickelt worden, meistens evolutionär, es hat wenige wirklich revolutionäre Schritte gegeben. Große Innovationen ja, gar keine Frage. Aber wenn ich mir schon den Materialfluss in Gießereien angucke, hier der Schmelzbetrieb, da die Kernmacherei, dort die Formerei, da wird gegossen, dort geputzt - das ist doch zum Teil wie vor hundert Jahren. Es gibt aber auch Betriebe, die es anders machen.

Ein Unternehmen wie HegerGuss....
…ist ein Beispiel dafür, dass man es ganz anders machen kann. Und solche, ich will nicht sagen à la Heger, aber ganz andere Konzepte für die Herstellung von Gussteilen würde man finden, wenn man nicht schon so lange gießen würde. Da ist die Tradition eine richtige Belastung für uns.

Sind Unternehmen wie Heger oder die „Industrie 4.0-Gießerei“ Kurtz Vorbilder für andere Gießereien?
Zunächst positive Einzelbeispiele, die den Mut der Entscheidungsträger zeigen, auch mal Risiken einzugehen und nicht nur das zu tun, von dem man sicher weiß, dass es auch funktioniert. Wenn ich wirklich einen Schritt weiterkommen will, dann muss ich auch irgendwo mal ins Dunkle treten. Dann kann ich mir nicht alles absichern lassen und das machen was auch 100%ig funktioniert. Sonst mache ich nur das, was es anderswo schon gibt. Insofern sehr positive Einzelfälle, die dem Markt auch intensiv signalisiert wurden. Aber wenn ich heute zum Beispiel in eine vernetzte Druckgussfertigung gehe, dann könnte ich auch nicht sagen, was man da noch besser machen könnte.

Vernachlässigen Gießer die Betriebswirtschaft?
Ich habe früher öfters den Kopf geschüttelt, wenn ich in Betriebe gegangen bin, die von Kaufleuten geleitet wurden und die ihre Vorstellungen dort auch sehr massiv durchgesetzt haben. Heute sehe ich es so – man kann beides machen. Man kann eine Gießerei mehr von der technischen Seite führen und man kann sie auch von der kaufmännischen Seite betreiben. Beides kann erfolgreich sein. Der Kaufmann kann sich vielleicht eher technische Kompetenz dazu holen, die er braucht, während der Techniker, der sein Unternehmen selber leitet, einen Kaufmann an seiner Seite haben sollte, einen, der auch was zu sagen hat und der ihn auch bremsen kann. Die Mischung gibt es zwar auch ab und zu, dass einer allein alles gut im Griff hat, aber dann ist der Ingenieur an betriebswirtschaftlichen Dingen eben auch stark interessiert und macht es nicht stiefmütterlich, sondern nimmt es ernst.

Zum Schluss: Was bereitet Ihnen momentan an der Gießerei-Industrie die meiste Freude?
Mir macht am meisten Freude, wenn ich junge Leute sehe, die engagiert und hoch motiviert, sozusagen beseelt sind von ihrer Arbeit und die sich anstecken lassen von diesem besonderen Verfahren. Da freue ich mich immer wieder. Wenn ich in eine Gießerei gehe und mir ausgiebig den Betrieb zeigen lasse, dann schätze ich es außerordentlich, wenn mir ein junger Mann oder eine junge Frau zeigt, was sie können. Wenn sie mir den Betrieb zeigen, so wie ein junger Mensch diese Welt sieht und mir das vermittelt, was sie bewegt, was sie gut finden, dann bin ich bestärkt in dem Glauben, dass Gießen Zukunft hat.

Dr. Flender, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Gerd Krause

www.bdguss.de