22.02.2021

„Die deutsche Gießerei-Industrie wird gestärkt aus der Pandemie hervorgehen!“

Heinz Nelissen hat sich 31 Jahre erfolgreich für Foseco engagiert. Seine Aufgaben als Geschäftsführer bei der Vesuvius GmbH hat er bereits niedergelegt. Foseco-Area Director Northern Europe bleibt er bis Ende Juni. 2019 war er Präsident der GIFA - einer der Höhepunkte seiner Karriere (Foto: Martin Vogt).

Mit Heinz Nelissen, Präsident der GIFA 2019 und bislang Geschäftsführer bei Foseco/Vesuvius, geht einer der bekanntesten Macher der Gießereibranche in den Ruhestand. Mit Hannes Erger besetzt der Konzern die Nachfolge der Geschäftsleitung aus den eigenen Reihen. Im GIESSEREI-Interview erklären die beiden Experten, welche Herausforderungen Foseco in der Zukunft angehen wird und wo Deutschlands Gießerei-Industrie aktuell steht.

Herr Nelissen, ganz klassisch zum Einstieg gefragt: Was machen Sie in Zukunft?
Mit meiner Frau habe ich verabredet, dass wir bestimmte Reisen zusammen unternehmen werden. Natürlich war ich die vergangenen Jahre auch schon Vielreisender – dienstlich natürlich. Der Familienurlaub ist dahinter lange zurückgetreten. Dies werden wir dann ändern, etwa New York nachholen, wo wir eigentlich schon 2020 hinwollten. Südafrika gehört auch zu unseren Zielen. Außerdem werde ich mehr Ausdauersport machen, möchte regelmäßig um den Unterbacher See in Düsseldorf wandern. Aber dennoch werde ich die Branche gedanklich nicht ganz verlassen. Sicher werde ich auch ihre Zeitschrift, die GIESSEREI, weiterverfolgen. Und ich habe auch vor, den nächsten Gießereitag zu besuchen.

In der Foseco-Gruppe arbeiten Sie seit Ende der 1980er-Jahre. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Darüber könnte man ein Buch schreiben. Zwischen gestern und heute liegen Welten. Zunächst kam durch die Deutsche Einheit der große neu zugängliche Gießereimarkt in den fünf ostdeutschen Bundesländern hinzu. Durch Besuche der großen Gießereien, Kontaktaufnahme und die Vorstellung der Produkte war das ein ganz großer Wechsel, der bis in die heutige Zeit reicht, denn ein großer Bereich der deutschen Gießerei-Industrie ist ja im Osten angesiedelt. In den 1990ern gab es dann in Deutschland zu viel Gießereikapazität, die zu einer starken Konsolidierung führte. Dennoch blieb die Gusstonnage in Deutschland stabil, aber auf weniger Standorte verteilt. Andere große europäische Märkte wie das Vereinigte Königreich und Frankreich haben jedoch in großem Maße Gusskapazität an Osteuropa und die Türkei verloren. Dann hat es starke Investitionen in die Automatisierung gegeben – ein Trend, der bis heute anhält. Wenn sie sich die heutigen Formanlagen anschauen, sind die im Vergleich zu früher wesentlich schneller geworden. So wird pro Mitarbeiterstunde heute deutlich mehr Guss produziert als früher. Zugleich sehen wir ein Wachstum der Nicht-Eisen-Gießereien und die Verschiebung zu automatisierbaren Verfahren. Die Herausforderungen der Globalisierung schaffte neue Marktzugänge, aber auch neue Wettbewerber, für Gießereien wie auch für Gießereizulieferer. Die Gießereien sind heute wesentlich sauberer hinsichtlich der Emissionen und im gesamten Erscheinungsbild und können teilweise als Hightech-Betriebe betrachtet werden.

Wo steht die deutsche Gießerei-Industrie heute?
Im europäischen Vergleich ist Deutschland Gusstonnage-Land Nummer 1 gewesen und geblieben, allerdings mittlerweile mit ganz anderen Segmenten, Legierungen und Verfahren. Deutschland ist aber weiter sehr gut aufgestellt, auch wegen der Philosophie zu investieren und die Verfahren zu modernisieren. Das ist in anderen Ländern nicht unbedingt der Fall. Aktuell wird hierzulande gerade der Energiekosteneinsatz optimiert, u. a. an Ofenanlagen. Weil der Nicht-Eisenbereich sehr stark wächst, sehen wir auch große Investitionen im Druckgussbereich. Der Wille für Modernisierungen Geld in die Hand zu nehmen, ist eine Stärke, die Deutschland hat und die auch dafür sorgt, dass wir führend bleiben.

Herr Nelissen, 2019 wurden Sie zum Präsidenten der GIFA ernannt, die in dem Jahr sehr erfolgreich war. Was wird Ihrer Meinung nach unter dem Eindruck des Jahres 2020 und der zunehmenden Digitalisierung aus dem Messeformat GIFA werden?
Die Messen haben zurzeit Schwierigkeiten zu zeigen, wie wichtig sie für den Handel sind. Anders die GIFA 2019, die sehr erfolgreich war und zeitlich gerade noch im richtigen Moment stattgefunden hat. Bereits Ende 2019 haben wir einen Abschwung im Pkw-Bau gesehen, dann kam nur wenige Monate später die Corona-Krise. Die Digitalisierung schreitet seither mit großen Schritten voran, auch unser Interview hätten wir wohl ohne Corona eher persönlich als über Microsoft Teams geführt. Mittlerweile führen wir bei Foseco auch sehr viele Kundengespräche online. Dieser Digitalisierungsschub wird weiter gehen und zu weiterer Prozessautomatisierung in den Gießereien und zu fortschrittlicherer Robotertechnologie führen. Das wird sicherlich ein Schwerpunkt bei der nächsten GIFA in 2023 sein. Die nächste GIFA wird wohl auch wieder als Präsenzveranstaltung stattfinden können. Das ist unbedingt nötig, um den Dialog der internationalen Gießereiwelt zu stimulieren. Bis 2023 wird sich der Gießereimarkt wieder stabilisiert haben und 2023 könnte daher, aus heutiger Sicht, genau der richtige Termin für die nächste erfolgreiche GIFA werden.

Herr Nelissen, die Geschäftsführung der Foseco-Mutter Vesuvius haben Sie Anfang des Jahres niedergelegt. Den Posten als Area Director Northern Europe geben Sie im Sommer ab. Mitglied der Geschäftsleitung von Vesuvius in Borken wird Hannes Erger. Was möchten Sie ihm mit auf den Weg geben?
Hannes Erger ist schon sehr erfahren in seinem bisherigen Job, er kennt die Kundenstruktur und die Kern-Ansprechpartner. Da ist er schon sehr gut aufgestellt. Ansonsten: Fokussiere Dich auf Kunden und Mitarbeiter. Nur so erfahren wir in einem frühen Stadium von Herausforderungen am Markt, können zielgerichtet Lösungen entwickeln und anschließend über unsere Mitarbeiter bei den Kunden etablieren. Nur dies führt zu Wertschöpfung beim Kunden und zur Nachhaltigkeit des Geschäfts. Es wird viele Herausforderungen geben, aber wenn Du mal zwischen internem Meeting und Kundengespräch abwägen musst, entscheide Dich für: Customer first! Das ist immer meine Priorität gewesen.

Herr Erger, Sie arbeiten seit 21 Jahren bei Foseco, aktuell als Business Unit Manager Eisen- und Stahlgießereien. Mit welchen Gefühlen treten Sie die Nachfolge von Herrn Nelissen an?
Ich arbeite seit über 20 Jahren mit Herrn Nelissen zusammen und trete die Nachfolge voller Elan an, weiß aber auch zugleich, dass dies eine große Herausforderung für mich sein wird, da Heinz Nelissen sich bei Kunden, Mitarbeitern und Gießereifachleuten als sehr kompetenter und angesehener Partner über Jahrzehnte einen Namen in der Gießereiwelt gemacht hat. Dieser Herausforderung stelle ich mich aber gern und bin zuversichtlich, dass ich das von Herrn Nelissen geprägte partnerschaftliche Verhältnis zu den Gießern fortführen kann.

Was möchten Sie als Nachfolger von Herrn Nelissen bei Foseco für Ihr Unternehmen erreichen?
Foseco steht für Foundry Service Company. Grundgedanke ist es, in den Diensten des Kunden zu stehen und gemeinsam mit den Kunden werden wir unser bewährtes Foseco-Geschäftsmodell auch weiter anwenden. In der Zusammenarbeit zwischen dem Führungspersonal in den Gießereien und unseren Vertriebsingenieuren sind Themen wie Veränderungen der Prozesse oder Minimierung des Ressourceneinsatzes wichtige Aspekte. Mit innovativen Foseco-Produktanwendungen möchten wir weiterhin Produktivitätssteigerung und Qualitätsverbesserungen erzielen. Wir haben auch viele neue Produktideen „in der Pipeline“, die in unserem Entwicklungszentrum in Enschede entsprechend den Anforderungen unserer globalen Gießereikunden entwickelt wurden. Diese werden wir unseren Kunden zeitnah präsentieren. Foseco möchte dazu beitragen, Gießereiprodukte „Made in Germany“ noch effizienter und attraktiver zu machen. Dadurch können wir mithelfen, den wichtigen Gießereistandort Deutschland langfristig zu sichern.

Herr Nelissen, Herr Erger. Die Gießerei-Branche ist von der Pandemie beeinträchtigt. Der Trend hin zur Elektromobilität setzt sich fort. In welche Richtung entwickelt sich die Branche?
Nelissen: Die Gusstonnage in Deutschland ist 2020 durch die pandemiebedingte Marktreduzierung um rund 35 % gefallen. Die Größenordnung erinnert übrigens an die Auswirkungen der Finanzkrise von 2009. Die globalen Trends bleiben von der Pandemie im Wesentlichen unberührt. Wir gehen heute davon aus, dass sich die Gusstonnage im Verlaufe von zwei Jahren wieder stabilisiert und auf den Stand von 2019 zurückkehrt. E-Mobility ist natürlich ein Trend, der den Markt besonders für Pkws stark beeinflusst. Solange Hybrid-Fahrzeuge gefertigt werden, ist der Gussanteil stabil. Bei vollelektrischen Fahrzeugen wird mehr NE-Metallguss eingesetzt, aber wichtige Eisengussteile, besonders im Motor und Antriebsbereich fallen weg. Die entsprechenden Gießereien müssen sich rechtzeitig um Ersatz bemühen.

Erger: Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil sich die Welt weiter inmitten einer globalen Gesundheitskrise und einer in ihren Auswirkungen noch ungewissen Weltwirtschaftskrise befinden. Ich denke ähnlich wie Herr Nelissen, dass die deutsche Gießerei-Industrie und damit auch Foseco mittelfristig mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen hat. Aber am Ende bin ich davon überzeugt, dass wir gestärkt aus der Pandemie hervorgehen werden. Es ist wichtig, jetzt die richtigen unternehmerischen Entscheidungen zu treffen, um sich für die Zukunft aufzustellen. Dazu gehört natürlich auch die Ausrichtung der Unternehmen, speziell der Automotive-Gießereien, sich den wechselnden Anforderungen des Marktes der Elektromobilität zu stellen und neue Wege zu gehen. Bremsscheiben und verschiedene Fahrwerksteile werden wohl bleiben, Motorblöcke aber wegfallen. Es werden aber bestimmt noch einige Jahre vergehen, bevor sich die Elektromobilität etablieren kann. Dafür sind noch grundsätzliche Veränderungen in der Infrastruktur notwendig, die zunächst noch geschaffen werden müssen.

Und welche Herausforderungen sehen Sie beide für Foseco?
Nelissen: Foseco ist Teil der Vesuvius Gruppe, die bisher stabil durch die Krise gekommen ist. Generell ist Foseco, das Gießereigeschäft von Vesuvius, aber global aufgestellt. Wir können also geografische Verschiebungen bei der Nachfrage kompensieren. Aktuell sehen wir eine große Nachfrage in Osteuropa und Mexiko. Marktnähe ist immer gefragt. Wir müssen deshalb auch immer lokale Kräfte vor Ort haben, weil wir nicht unbedingt mit Produktmanagern aus Deutschland oder England z. B. den chinesischen Markt bedienen können. Das Wachstum der NE-Gießereien müssen wir durch Aufbau entsprechender Ressourcen unterstützen. Wir stärken dieses Geschäft weiter, sind dort aber auch schon sehr stark präsent.

Erger: Die Stärke von Foseco ist die Marktpräsenz und die Nähe zu unseren Gießereikunden. Wichtig ist es, dass wir uns gemeinsam mit unseren Kunden den geänderten Marktanforderungen und der Globalisierung stellen und uns mit innovativen und individuellen Gussanwendungen in den verschiedenen Segmenten der Gießerei-Industrie ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten.

In welche Richtung entwickeln Sie Ihre Produkte für Deutschland denn gerade besonders?
Erger: Wir stellen uns allen Herausforderungen, die die Gießer meistern müssen. Das sind zum Beispiel die vielen umwelttechnischen Auflagen. Mit unseren Produkten versuchen wir deshalb zur Reduktion von CO2-Emissionen beizutragen. Umwelt und Effizienz sind bestimmende Zukunftsthemen, denen wir uns weiter stellen müssen.

Die Deutsche Gießerei-Industrie wird gestärkt aus der Krise hervorgehen, sagen Sie Herr Erger. Ist die Ursache für ihren Optimismus, dass sich die deutschen Gießer durch Investitionen in Modernisierung und Nachhaltigkeit solider aufstellen als andere Länder?
Erger: Ja, die meisten Gießereien haben in der Vergangenheit Geld verdient, das sie jetzt in Modernisierungen investieren, um effizienter zu werden. Damit bleiben die deutschen Gießereien auf dem neuesten Stand der Technik. Nachhaltigkeit wird sicherlich ebenfalls ein entscheidendes Thema sein. Wir haben viele Anfragen von Gießereien, welchen Beitrag unsere Produkte dabei leisten können, die CO2-Emissionen zu senken. Insgesamt haben wir das Thema Nachhaltigkeit schon lange im Fokus. Bei der vorletzten GIFA war es unser Schwerpunktthema.

Nelissen: Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Vesuvius hat jetzt in New York auch das Nachhaltigkeitsprotokoll der Vereinten Nationen unterschrieben. Damit geht die Verpflichtung einher, relevante Prozesse zu optimieren. Kunden aus dem skandinavischen Raum legen bereits Wert auf ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Dieser Trend wird sich noch verstärken.

www.foseco.com

Das Interview mit Heinz Nelissen und Hannes Erger führten Robert Piterek und Martin Vogt