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29.08.2018

Neuer Schornstein für Anna

Drehtrommelofen in der Eisengießerei Schmidt. Die Cuxhavener Gießerei fertigte den neuen Schornstein für die Dampflok Anna (Foto Joachim Kothe).

> EISENGIESSEREI SCHMIDT: Ende März diesen Jahres wirft Thorsten Lehrfeld von den Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunden (DHE) bei Arbeiten im Kessel der Dampflok 2, auch Anna genannt, eher zufällig den Blick nach oben: „Da kam Licht herein, wo es das eigentlich nicht sollte“, berichtet er. Der Schornstein hat ein Loch. Also ran ans Werk, ein paar Schrauben lösen, Schornstein abnehmen und das Loch mit Blech und Schweißgerät abdichten.

Schnell stellte sich aber leider raus, dass das so doch nicht funktionierte: „Der Schornstein ist aus Gusseisen, das sich nicht schweißen ließ“, so Lehrfeld. Erfreulicherweise kennt er einen Fachbetrieb, der das Problem lösen kann: Reparatur oder kompletter Neuguss ist allerdings jetzt die Frage an die Eisengießerei Schmidt in Cuxhaven, mit der die Eisenbahnfreunde schon mehrfach zusammengearbeitet haben.

Da der Ausgang einer Reparatur ungewiss und der Preis für eine Neuanfertigung tragbar erscheint, geht der alte Schornstein als Vorlage für den neuen an die Nordseeküste. „Für uns ist das ein reizvoller Auftrag“, freut sich Gießereileiter Olaf Mewes über die Herausforderung, den Schornstein einer Dampflok neu zu gießen: „Der hat allerdings eine ziemlich geringe Wandstärke, das macht den Guss schwieriger als bei anderen Teilen, die wir hier so anfertigen.“

Während sich die Experten von der Gießerei daran machen, ein Modell aus Styropor und danach eine Gussform anzufertigen, starten die Eisenbahnfreunde eine Spendenaktion zugunsten des teuren Ersatzteils. „Ein Flyer mit der Aufforderung ‚Schreiben Sie die Steuerrückzahlung ruhig in den Schornstein, aber bitte in unseren‘ hat viele Fahrgäste und Freunde der Bahn zum Schmunzeln gebracht – und zum Spenden“, freut sich Pressesprecher Joachim Kothe von den Eisenbahnfreunden: „Ein Highlight war das Benefizkonzert der Hobo-Combo des 1. Bremer Ukulelenorchesters im Zug und auf dem Bahnsteig am 10. Juni. Dabei allein sind 150 Euro für den Schornstein zusammengekommen.“

Ende Juni ist in Cuxhaven der große Tag gekommen: Der neue Schornstein soll gegossen werden. In dem fünf Tonnen flüssiges Eisen fassenden Drehtrommelofen der Gießerei brodelt das Rohmaterial. Mit einem langen Stahlrohr, aus dem reiner Sauerstoff geblasen wird, öffnet Mewes die Abflussöffnung. „Wir geben eurem Guss noch drei Kilogramm Molybdän hinzu; das erhöht die Hitzefestigkeit des Schornsteins“, erklärt er und wirft drei Beutel mit dem Metall in den sich langsam mit Roheisen füllenden Bottich, die sogenannte „Pfanne“.

„Die besteht außen aus Eisen und ist innen mit Schamottsteinen ausgekleidet, wie man sie auch vom Kaminofen kennt“, erklärt Mewes, warum das Gefäß die enorme Hitze aushält. Nun geht es mit dem großen Eimer und dem in ihm enthaltenen 1450 °C heißen Eisen in Richtung des Formkastens, in dem sich die Gussform des Schornsteins befindet. Langsam fließt das glühend rote Metall in den Kasten, bis es leuchtend orange an den Rand der Einfüllöffnung reicht.

„Nun heißt es etwa zwölf Stunden abwarten, bis der Guss erkaltet ist“, sagt Mewes. „Und natürlich hoffen wir, dass alles gut gelaufen ist und der neue Schornstein in Harpstedt mindestens so lange hält, wie der alte“, verabschiedet er den neugierigen Besucher.

Wenige Tage später erreicht eine größere Lieferung die Harpstedter Eisenbahnfreunde. Inhalt: Das Modell aus Styropor, der alte und der neue, noch glänzende Schornstein. „Nun können wir den Neuguss für den Einbau optimieren“, sagt Lehrfeld strahlend: „Bald darf Anna wieder rauchen und dampfen!“

Autor: Joachim Kothe, Pressesprecher Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunde (DHE)