Aktuelles aus der Branche

10.06.2020
erschienen in GIESSEREI Heft 7|2020

Die Schmelzöfen erlöschen Ende Juni

Transfer einer 5-t-Charge aus dem Mittelfrequenzofen in einen Warmhalteofen im Schmelzbetrieb der Halberg Guss zu besseren Zeiten: Ende Juni geht eine 264 Jahre alte Firmengeschichte zu Ende (Foto: Ulrich Dieterle).

> GUSSWERKE SAARBRÜCKEN: Die Gusswerke Saarbrücken, ehemals Halberg Guss, stellen ihre Produktion zum 30. Juni 2020 endgültig ein. Damit verliert zum Ende des Monats ein Großteil der verbliebenen 230 Mitarbeiter den Arbeitsplatz. Mit der bevorstehenden Betriebsstilllegung geht eine 264-jährige Unternehmenshistorie zu Ende.

Die Gusswerke haben in den vergangenen Monaten große Anstrengungen unternommen, dem Unternehmen eine Zukunft zu geben, wird in einer Pressemitteilung von Gießereileitung und Insolvenzverwaltung betont. Die Schlinge schnürte sich aber immer weiter zu, nachdem sich in den Monaten Oktober und Dezember 2019 zwei Großkunden mit einem Umsatzanteil von mehr als 60 Prozent unerwartet aus dem Kundenkreis zurückgezogen hatten. Im Rahmen eines strikten Sanierungsprogramms waren daraufhin Kapazitäten, Produktionsprozesse und Kosten an die rückläufige Auftragsentwicklung angepasst worden und Gespräche mit Investoren vertieft und konkrete Verhandlungen zur Übernahme des Unternehmens geführt worden, begleitet und unterstützt von der saarländischen Landesregierung.

Die mit Ausbruch der COVID-19-Krise und den umfangreichen Lockdown-Maßnahmen zunehmend unsicheren Zukunftserwartungen in den relevanten Abnehmerbranchen Automobil, Nutzfahrzeuge und Agrartechnik führten ab April 2020 schießlich zu einer auftragsbedingten Unterauslastung von weniger als 15 Prozent der technisch verfügbaren Produktionskapazitäten mit zuletzt nur noch einem langjährigen Kunden. Jetzt das Aus für den Traditionsbetrieb: Nachdem bereits im November vergangenen Jahres 600 der 1050 Gießer in Brebach bei Saarbrücken gehen mussten, folgen ihnen jetzt die übrigen.

Neben bedauernden Worten über die fehlgeschlagene Investorensuche bedankt sich das Management bei der Belegschaft, "die über die letzten Jahre hervorragende Arbeit geleistet hat und bis zum heutigen Tage Produkte mit herausragender Qualität und verlässlicher Liefertreue fertigt." Die IG Metall sieht die Schuld für den Niedergang des Unternehmens bei  der Bosnischen Prevent Gruppe, beim ehemaligen Eigner der Gießerei. Diese hatte einen monatelangen Streit mit Volkswagen geführt. Folge war der Verlust wichtiger Aufträge für Motorblöcke. "Die Arbeitsplätze der Gießerei seien zu einem Spielball der Interessen der damaligen Gesellschafter geworden", wird die Gewerkschaft zitiert.

Es ist geplant, die Betriebsstilllegung innerhalb von drei Monaten mit einer Kernmannschaft von etwa 40 Mitarbeitern vorzubereiten und umzusetzen. Für alle anderen Mitarbeiter endet das Arbeitsverhältnis spätestens zum 30. Juni 2020.

Chronologie der Gusswerke Saarbrücken

Mit einer Unternehmenshistorie von 264 Jahren gehörten die Gusswerke Saarbrücken zu den technologieführenden Gießereien in Europa bei der Entwicklung und Produktion von Zylinderkurbelgehäusen und Zylinderköpfen für industrielle Motoren aus Gusseisen. Die Produktpalette reichte dabei von filigranen Pkw-Motorblöcken bis hin zu großvolumigen Reihen-6-Zylinder-, V8- und V12-Aggregaten aus Gusseisen mit Lamellengrafit und Vermiculargrafit für Lkw und Industriemotoren sowie Bedplates und andere hochwertige Gussteile aus Aluminium.

1756 gegründet als Halberger Werk, wurde die Halberghütte 1972 Teil des damaligen Saint-Gobain-Konzerns. 1988 erfolgt die Ausgliederung als eigenständige Halberg-Guss und anschließend in 1992 die Veräußerung der Gruppe an Valois. 1993 Zukauf einer Gießerei in Leipzig und 2007 Akquisition von zwei Gießereien in Südafrika.

Im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise in 2009 erste Insolvenz der Halberg Guss GmbH unter Fortführung des Geschäftsbetriebs. In 2011 dann Übernahme durch die niederländische HTP Investments aus der Insolvenz und Marktauftritt als Neue Halberg-Guss GmbH. In 2015 Akquisition der südafrikanischen Atlantis-Gießerei, vormals Teil des Daimler-Konzerns. Mit der öffentlichen Diskussion der Dieselaffäre im Jahre 2015 verschlechterte sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage der Neue Halberg-Guss Gruppe zunehmend mit entsprechender Schwächung der Verschuldungsfähigkeit und daraus resultierenden Sanierungsbemühungen.

In 2016/2017 war die Restrukturierung der Unternehmensgruppe über ein Sanierungskonzept nach dem IDW S6-Standard vorgesehen – eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und Vergabe von Bankfinanzierungen und Landesbürgschaften bei komplexen Restrukturierungen. In 2017 erfolgte ein kurzes Eigentümerintermezzo über Erwerb der Neue Halberg-Guss durch eine Leasinggesellschaft und bereits Anfang 2018 nach nur wenigen Monaten ein Weiterverkauf an eine Gesellschaft der Prevent-Gruppe der bosnischen Familie Hastor (>>mehr hierzu).

Es folgte ein unruhiger Geschäftsverlauf in 2018. Ende 2018 übernahm die AVIR Guß Holding GmbH wesentliche Vermögensgegenstände und den Geschäftsbetrieb der Neue Halberg Guss GmbH und führte die Geschäfte als Gusswerke Saarbrücken und Gusswerke Leipzig an den jeweiligen Produktionsstandorten fort. Was zunächst als gemeinsame Rettungsaktion von Kunden und der Beratungsgesellschaft One Square Advisors gedacht war, stellte sich bei einzelnen Kunden im Nachgang als übergangsweise Sicherstellung der eigenen Belieferung dar. Nach Stellung des Insolvenzantrages im September 2019 sind wesentliche Aufträge der Gußwerke kurzfristig weggebrochen.

www.gusswerke.de