Aktuelles aus der Branche

2.06.2021
erschienen in GIESSEREI Heft 6|2021

Schulterschluss für Klimaneutralität

VDI-Präsident Dr.-Ing. Volker Kefer, Grünen-Bundesvorsitzender Robert Habeck und Moderatorin Gesa Eberl (v.l.n.r.) beim VDI Ingenieurtag in Düsseldorf.

> VDI-INGENIEURTAG: Beim virtuellen Ingenieurtag am 20. Mai in Düsseldorf warb Grünen-Bundesvorsitzender Robert Habeck um Unterstützung bei der klimaneutralen Transformation von Wirtschaft und Industrie. Die Schuldenbremse soll für die nötigen Investitionen kein Hindernis sein und die Digitalisierung ein wichtiger technischer Eckpfeiler.

Wenn es um Klimaschutz geht, mutet die Debatte im Land in den vergangenen Wochen und Monaten wie ein Überbietungswettbewerb nach dem Motto „wer ist grüner“ an. Losgetreten hat die Welle das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 24. März, das verbindliche CO2-Minderungsziele im bisherigen Klimaschutzgesetz der Regierung bemängelte und konkretere Zielvorgaben für die Zeit ab 2031 forderte. Dann ging alles ganz schnell und bereits am 12. Mai lag ein Gesetzentwurf der Regierungsparteien hierzu vor, in dem u. a. Klimaneutralität bis 2045 festgeschrieben wird. Die Debatte um das Erreichen der Ziele bei Klimaschutz und CO2-Reduktion ist seither in vollem Gange: Die Grünen peilen jetzt 2042 bei der Klimaneutralität an, wie Grünen-Parteivorsitzender Robert Habeck auf dem VDI-Ingenieurtag mitteilte.

Das Hoch der Ökopartei in den Umfragen zur Bundestagswahl im September macht Vertreter der Grünen inzwischen zu beliebten Gesprächspartnern in den höchsten Kreisen von Wirtschaft und Industrie. Im Fokus stehen dabei die Grünen-Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock, die auch Kanzlerkandidatin ist. Die beiden werden inzwischen in den Talkrunden der TV-Sender herumgereicht. Baerbock war in den letzten Wochen darüber hinaus u. a. bei der Vorstandssitzung des Verbands der Automobilindustrie (VDA) sowie beim VDI-Ingenieurtag am 20. Mai eingeladen. Hier muss ihr aber die Talkrunde mit den CDU- und SPD-Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Olaf Scholz am gleichen Tag dazwischengekommen sein. Denn beim virtuellen Ingenieurtag in Düsseldorf erschien, ebenfalls virtuell zugeschaltet, nicht Annalena Baerbock – sondern Robert Habeck.

Nichtsdestotrotz konnte beim VDI das eingespielte Programm auch mit Habeck so durchgeführt werden wie geplant: Im Mittelpunkt des Events stand der Klimawandel mit der im Pariser Klimaabkommen festgeschriebenen Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad und der Beitrag, den deutsche Ingenieure zum Erreichen dieses Ziels leisten können. VDI-Direktor Ralf Appel bemühte zum Einstieg in das Thema ein Brandt-Zitat von 1961: „Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“. Moderator Christof Teuner nahm den Ball auf und ergänzte das Zitat auf die heutigen Zeiten zugeschnitten zu: „Deutschland muss grün werden“. Hierzu wurde Bundesumweltministerin Svenja Schulze zugeschaltet, die die Ziele der Bundesregierung präsentierte: 40 Milliarden Euro jährlich für Klimaschutz, um die CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken. „Klimafreundliche Lösungen sichern den Standort Deutschland“, zeigte sie sich mit Blick auf die Innovationsfähigkeit deutscher Ingenieurkunst überzeugt.

Dann folgte der Hauptgast der Veranstaltung, die in regulären Zeiten bis zu 1500 Teilnehmer nach Düsseldorf führt. Robert Habeck wies auf die gewaltigen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen hin, die der Umbau des Landes hin zur Klimaneutralität erfordern wird. „Um den Boost loszutreten“ sind Investitionen von 500 Milliarden Euro bis zum Ende des Jahrzehnts und zwischen 1,7 und 2,3 Billionen Euro bis zum Erreichen der Klimaneutralität erforderlich, rechnete er vor. Für den notwendigen Investitionsbedarf soll die im Gesetz vorgegebene Schuldenbremse gegebenenfalls geändert werden. Durch die Einführung der verschiedenen Maßnahmen entsteht aber eine „soziale Unwucht“, gab er zu bedenken. Deshalb sollen diejenigen, die benachteiligt werden, die CO2-Steuereinnahmen zurückerhalten. Auch die Unternehmen sollen bei dem Prozess mithalten können, warb er für die grünen Pläne.

Technisch soll die Klimaneutralität durch die Konzentration auf zwei Maßnahmen-Säulen geschehen: Zum einen auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, wobei sowohl im Wind- als auch im Solarbereich die Kapazitäten verdoppelt werden müssen. Abstandsregeln für Windräder wie in Bayern bezeichnete er in diesem Zusammenhang als „nicht akzeptabel“. Die zweite Säule ist die Kopplung der Energiesysteme, um E-Strom in alle Bereiche der Wirtschaft zu bringen. Dabei nannte er die Mobilität und die Industrie und sprach in diesem Zusammenhang auch von Wasserstoff und E-Fuels. Kern der Vision, für die es „die volle Kreativität“ deutscher Ingenieurkunst braucht, ist ein anderes technisches Verständnis. Bei dieser sogenannten „Man on the Moon“-Mentalität zählt nur das Erreichen des Ziels nach dem Beispiel der Mondlandung 1969. Habeck schweben Dächer mit Photovoltaik vor, mit Wasserstoff angetriebene Lkw, das autonome Fahren sowie die Digitalisierung als Hebel für mehr Einsparungen beim CO2-Ausstoß.

Wie denn Digitalisierung und die Klimaziele in diesem Modell zusammenpassen würden, wollte VDI-Präsident Dr.-Ing. Volker Kefer im Anschluss an diese Ausführungen wissen. „Die Heizsysteme können allein 30 Prozent CO2 durch Digitalisierung einsparen“, nannte der Grünen-Vorsitzende ein Beispiel. Weder sei Deutschland allerdings Vorreiter bei der Digitalisierung noch in den Bereichen Solar und Wind, wo „viele Fehler gemacht wurden“. Die Stärken Deutschlands sieht Habeck dagegen u. a. in der Chemischen Industrie und im Maschinenbau. „Und das zeigt auf Sie – den VDI“, betonte er. „Die Ingenieure sollen ihre Arbeit machen, ich sorge dafür das sie bezahlt wird“, bot er an. Dr.-Ing. Volker Kefer sagte im Gegenzug Know-how und Beratung zu und sprach von einem „Deal“. „Der VDI ist ein großes Netzwerk von Experten und Ingenieuren, die guten Willens sind“, versicherte er.

Damit schwenkt nun auch der größte technisch-wissenschaftliche Verein Deutschlands und Europas auf die Linie einer grünen Wirtschaft ein. Das ist allerdings keine große Überraschung, denn wie Svenja Schulze in ihrer Rede betonte, hat der VDI schon den CO2-Preis im Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) unterstützt und sogar einen höheren gefordert. Die Reihen bei der Beschleunigung der ökologischen Transformation des Landes schließen sich. Das übrige Programm des Ingenieurtags drehte sich rund um das Kernthema: es ging um Klimaschutz im Wärmemarkt, um Nachhaltigkeit in den Life Sciences, um die Gebäude und Stromnetze der Zukunft sowie um die künftige Mobilität und grünen Wasserstoff.

Robert Piterek