Fachartikel

6.09.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 9|2016

Der demografischen Entwicklung ein Schnippchen schlagen

Julius Hahn ist Auszubildender
zum Technischen Modellbauer im
ersten Lehrjahr.

Um das Topniveau und die Wettbewerbsfähigkeit des Gießereistandorts Deutschland zu erhalten, bedarf es einer attraktiven, vorausschauenden und nachhaltigen Personalpolitik. Doch wie gelingt es, die knappen Fachkräfte für die Branche zu begeistern und dem Metallgießen zugleich einen modernen, zukunftsfähigen Anstrich zu geben? Antworten darauf hat die Eisengießerei Dossmann gefunden, die bei der Fachkräftewerbung alle Register gezogen hat – und dafür belohnt wurde!

 

VON ROBERT PITEREK, DÜSSELDORF

Die 21-jährige Laura Kaiser, Auszubildende zur Industriekauffrau bei der Dossmann GmbH in Walldürn-Rippberg, ist heute in Sachen Social Media mit Kamera und Schutzhelm im Werk unterwegs: Ein Reporter-Team der BDG-Redaktion berichtet über die Eisengießerei. Ein Termin, der auf der Facebook-Seite des Familienunternehmens nicht fehlen darf – ebenso wenig wie der Dossmann-Auftritt auf der Lehrstellenbörse in Hardtheim, Bilder von Närrinnen mit abgeschnittenen Krawatten an Fasching oder die Übergabe der neuen Smarts an neue Auszubildende. Ein kurzes Gespräch mit den Männern, ein Foto, und Laura Kaiser ist mit einem Lächeln auf den Lippen wieder weg. Im Gepäck: ein Informationshäppchen für die digitale Welt. Inzwischen hat sie ein Auslandspraktikum in England begonnen und hält ihre Kollegen per Facebook über ihre Erlebnisse auf dem Laufenden.

Heißes Eisen

Stichwort Smart – Im März 2014 stand die Eisengießerei Dossmann bei den Regional- und Fachmedien im Mittelpunkt des Interesses: Geschäftsführer Jörg Doßmann kündigte an, jedem neuen Azubi für die Dauer seiner Ausbildung einen Smart mit der Aufschrift „Heißes Eisen“ zur Verfügung zu stellen. Die werbewirksame Aktion, die die Gießerei in Zusammenarbeit mit der Göttinger Werbeagentur Blackbit durchführte, war ein voller Erfolg: heute sind alle 21 Ausbildungsstellen besetzt – zugleich wird mit der Aufschrift auf dem flotten Flitzer ein positives Image der Branche transportiert und auf die Ausbildung bei Dossmann hingewiesen. Wer sich mit dem Auto dem ländlich gelegenen Walldürn-Rippberg im Drei-Bundesländereck zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Bayern nähert, der sichtet bei der Fahrt durch den Odenwald schon einmal eine Rotte Wildschweine an der Landstraße. Ein idyllischer Flecken Erde, dessen öffentlicher Nahverkehr aber zu wünschen übrig lässt. Die Idee mit den Smarts war also goldrichtig und ist vielleicht auch ein Modell für andere ländlich gelegene Gießereien mit Personalengpässen! Rückblick ins Jahr 2013: „Wir hatten damals drei Bewerbungen auf drei Stellen“, erinnert sich Jörg Doßmann, Geschäftsführender Gesellschafter in Walldürn. „Mancher Bewerber war nicht geeignet, die Stelle des Technischen Modellbauers blieb zum dritten Mal in Folge vakant.“ Von da an sei klar gewesen, dass etwas getan werden müsse, so der Familienunternehmer. Weil das Geschäft brummt, hat die Gießerei mit ihren 175 Mitarbeitern, 16 Leiharbeitern und 20 Putzereifachkräften einer externen Werksvertragsfirma einen regelmäßigen Personalbedarf. „Wir sind zu über 100 Prozent ausgelastet“, so Dossmann. Bei einer Arbeitslosenquote von 4 Prozent am Standort, also Vollbeschäftigung, ist der Wettbewerb um die knappen Arbeitskräfte allerdings groß. Hinzu kommen attraktive regionale Unternehmen wie P & G (Braun), OWA-Deckensysteme, Eirich und Linde, die allesamt interessante Zusatzleistungen für Neueinsteiger bieten. „Wir wollten deshalb etwas machen, was wirklich umhaut“, blickt Melanie Speth zurück, die damals für Ausbildung und heute für den Bereich Personalentwicklung bei Dossmann zuständig ist.

Ein Bündel von Werbemaßnahmen

Die rettende Idee hatte Jörg Doßmanns Vetter Felix. Er ist sowohl Dossmann-Gesellschafter als auch Geschäftsführender Gesellschafter eines IT-Unternehmens in Göttingen, wo er Kontakt zur Werbeagentur Blackbit aufnahm. Ein ganzes Bündel von Maßnahmen stellten die Werber zusammen, um der demografischen Entwicklung bei Dossmann ein Schnippchen zu schlagen. Highlights: Das Angebot eines brandneuen Smarts – auch Azubimobil genannt – verbunden mit einem attraktiven Einstiegsgehalt von 916 Euro im ersten Lehrjahr, das sich bis zum Ende der Ausbildung auf 1132 Euro steigert. Ein weiterer wichtiger Schritt war es, dorthin zu gehen, wo die Jugendlichen ihre Zeit verbringen: Die Facebook-Seite der Gießerei gibt es seit 2014. Sie wird von Azubis für Azubis produziert, ist pflegeleicht und ein unvergleichlicher Informationsmultiplikator, weil Neuigkeiten, darunter auch Stellenangebote, jederzeit breitgefächert, aber auch zielgerichtet von jedem Besucher weitergeleitet werden können. Der eine oder andere Bewerber ist schon über Facebook auf die Eisengießerei aufmerksam geworden, denn die neue Website schlug ein wie eine Bombe: Über 1400 Zugriffe hatte einer der ersten Beiträge. Weitere Bausteine der Recruiting-Strategie waren der Imagefilm „Faszination Metall – und mehr“ mit imposantem Bildmaterial und sympathischen Einblicken in die Dossmann-Welt, das Ernennen von Azubis zu Ausbildungsbotschaftern, um mit professionellen Methoden an den regionalen Schulen für die Ausbildung bei Dossmann zu werben, sowie Bildungspartnerschaften mit den umliegenden Schulen. Ziel: Das Schärfen des Bewusstseins von Lehrern und Schülern für die Gießerei und ihre Branche. Und die Resonanz bei den Bildungspartnerschaften war unerwartet groß: Seit ihrer Einführung haben zahlreiche Lehrer die Gießerei besucht und sich ein Bild von den beruflichen Bedingungen im Werk gemacht.

Zur Teamfindung in den Hochseilpark

Jörg Doßmann ist zufrieden mit dem Ergebnis der Personalwerbekampagne. Der vierfache Vater gibt aber zu bedenken, dass das Konzept nur aufgeht, wenn Gießereien bereit sind „um die Ecke zu denken und nicht nur nach den 2-er-Realschülern zu schauen.“ Fördere man Jugendliche mit Schwächen, etwa einer Lese-Rechtschreibeschwäche, könnten das später „hervorragende Mitarbeiter“ werden, ist sich der Unternehmer sicher und ergänzt: „Wir haben da sehr gute Erfahrungen gemacht!“ Um den Personalbedarf zu decken, sollte man aber auch für Ausländer, Aussiedler und Flüchtlinge offen sein.

Weil die Gießerei immer ein bisschen besser sein muss als andere, um in dem Geschäft mit einem Umsatz von 28 Millionen Euro und Kunden aus den Bereichen Windkraft, Schiffsantriebstechnik, allgemeiner Maschinenbau, Sondermaschinenbau und Industrie weiter bestehen zu können, sind Fachkräfte das A und O – und daran wird sich auch nichts ändern. Eine gute Ausbildung ist das eine, nachhaltig erfolgreich für das Unternehmen wird ein Auszubildender aber erst, wenn er sich gut ins Unternehmen integriert und an seinen Erfahrungen wächst. An erster Stelle steht die Teamfindung, die Dossmann mit Ausflügen der Azubis in den Hochseilpark, ins 3-D-Kino, ins Tierheim sowie bei Mountainbiketouren oder gemeinsamen Grillpartys unterstützt. Zur langfristigen Bindung sind Mitarbeitergespräche geplant, zudem soll für jeden Mitarbeiter eine sogenannte Qualifizierungsmatrix zur Darstellung des Qualifizierungsstands und zur weiteren individuellen Förderung erstellt werden, so Melanie Speth. Doch damit nicht genug – auch eine moderne Führungskultur ist in Walldürn im Aufbau: Alle vier Wochen finden Führungskräfteschulungen mit einem externen Coach statt, um die Hierarchien abzuflachen. Ziel ist es, interne Gleichberechtigung herzustellen und autoritäre Strukturen abzubauen.

Die Produktion brummt

Wie nötig all das ist, können Besucher bei der Besichtigung des 30 000 m2 großen Areals der Eisengießerei sehen, wo die Produktion auf Hochtouren läuft: Gießereimechaniker füllen im schnellen Wechsel mit Furanharzmischern Formkästen für bis zu acht Tonnen schwere Gussteile aus Gusseisen mit Lamellen oder Kugelgrafit. Schmelzer sorgen derweil dafür, dass die beiden Fünf-Tonnen-Induktionsöfen ihr stündliches Soll von fünf bis sechs Tonnen Eisenschmelze bereitstellen. Und zwischendrin manövrieren Stapler zwischen qualmenden Formkästen, während im hinteren Teil des Werks die Ausleerstationen rattern, die Schleifmaschinen der Putzer Funken werfen und die Strahlhäuser mit Großgussteilen bestückt werden. 14 000 Tonnen Guter Guss beträgt die Kapazität derzeit – etwa 55 Prozent davon aus Gusseisen mit Lamellengrafit und 45 Prozent aus Gusseisen mit Kugelgrafit.

Und das Geschäft lohnt sich, wie das Beispiel eines Windkraftgetriebegehäuses zeigt, einem der Hauptprodukte in Walldürn: Der Abguss dauert nur etwa eine Minute, dann erstarrt das gewaltige, zwischen zwei und viereinhalb Tonnen schwere Gussteil in 72 Stunden. Als Werkstoff für Windkraftbauteile wird aufgrund der guten Dämpfungseigenschaften heute wieder vermehrt Gusseisen mit Lamellengrafit eingesetzt. Erlös pro Gussteil: Zwischen 4000 und 9000 Euro.

Umweltschutz ist Trumpf

Neben dem Kundenguss verdingt sich die Eisengießerei auch als Dienstleister für andere Gießereien: „Wir stellen für zwei andere Unternehmen in Großserie wöchentlich 30 000 bis 40 000 Kerne her“, erzählt Doßmann. 14 Kerne mit einem Schuss schafft die große Kernschießmaschine, die Kerne im Beta-Set- und Carbophen-Verfahren herstellt. Erst Anfang des Jahres hat die Gießerei teilweise auf das Carbophen-Verfahren umgerüstet und damit beim Umweltschutz einen großen Sprung gemacht: Statt Methylformiat wird nun weitgehend das harmlose Kohlendioxid freigesetzt. Auch ein Besuch des nur wenige Meter von der Gießerei entfernten Sees will so gar nicht zum weitverbreiteten Image der Gießereibranche als „Dirty old Industry“ passen. Der See stammt aus der Zeit, als die heutige Eisengießerei noch ein Hammerwerk war und zum Schmieden von Metall Wasserkraft eingesetzt wurde. Heute tummeln sich in dem klaren Wasser verschiedene Fischarten, Enten, Laufenten und Kanadische Gänse, am Ufer sind seltene Reptilien zu Hause und auch Füchse und Marder werden regelmäßig gesichtet. Der Naturschutzbund NABU betreibt auf dem Gelände sogar ein Kontroll- und Schutzgebiet für die besonders artenreiche Reptilienpopulation. „Umweltgerechtes Handeln ist wichtig, um den Gießereistandort Deutschland bis 2025 und länger zu halten“, ist Doßmann überzeugt. Wer Natur und Industrie so im Einklang sieht, kann nur zustimmen.

Das Beispiel Dossmann zeigt: Nachhaltiges und kreatives unternehmerisches Handeln in Personal- und Umweltfragen kann Industriebetrieben ein erfolgversprechendes Zukunftskonzept bieten – bis 2025 und darüber hinaus!

www.dossmann-eisengiesserei.de

>Zum Interview mit Jörg Dossmann