Fachartikel

4.10.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 10|2016

Ein Leben im Schicht-Rhythmus

Artur Sebastian Würstle arbeitet seit 16 Jahren im Vierschicht-Modell – und denkt nicht daran, damit aufzuhören.

Die Schmelze leuchtet je nach Legierung anders. Artur Sebastian Würstle arbeitet seit 16 Jahren in der Gießerei der Wieland-Werke. Im Vierschicht-Betrieb.

VON REGINA FRANK, ULM

In der allerersten Nachtschicht dachte Artur Sebastian Würstle: Hier werde ich nicht alt. Es war dunkel in der Gießerei, dreckig und heiß. Heute, 16 Jahre später, sagt er: „Ich bleibe bis zur Rente. Das machen die meisten so. Nicht viele springen vorher ab.“ Der 40-Jährige arbeitet bei Wieland in Vöhringen im Vierschicht-Betrieb. Ein Modell, mit dem die komplette Sieben-Tage-Woche im Rund-um-die-Uhr-Betrieb abgedeckt werden kann. Pro Arbeitstag sind drei Schichtgruppen im Einsatz (die Früh-, die Spät- und die Nachtschicht), eine Gruppe hat frei. Drei Wochenenden muss Artur Sebastian Würstle im Monat arbeiten, dafür hat er zwei Mal während der Woche zwei Tage frei. Das freie Wochenende ist ein langes: von Freitag bis Sonntag. Wenn der Familienvater nach der Frühschicht nach Hause kommt, kann er mit seinen Kindern gemeinsam zu Mittag essen. Er ist tagsüber mehr Zuhause, hat mehr von seiner Tochter und seinem Sohn. Das war früher, als der gelernte Zimmerer auf dem Bau arbeitete, nicht möglich. „Da hab’ ich die Kinder nur abends gesehen, eine Stunde, bevor sie ins Bett mussten.“ Der Hauptgrund, weswegen Artur Sebastian Würstle einst in die Schichtarbeit wechselte, ist aber ein anderer: „Das Geld hat gelockt.“ Er hat sich hochgearbeitet: vom Säger zum Schmelzer und zum Gießer, schließlich zum Stellvertreter der Schichtführung. Nächstes Jahr macht er seinen Industriemeister Metall, damit er Schichtführer werden kann. Heute schon ist er es, der kontrolliert, ob die Öfen sauber sind, bevor eine neue Legierung eingebracht wird. Er ist verantwortlich dafür, dass die Mischung stimmt. Er packt aber auch immer wieder selber mit an, befördert mit Hilfe eines Krans eine tonnenschwere Gießpfanne mit Kupferschmelze von einem Ofen zum anderen – und ist fasziniert vom Anblick des flüssigen Metalls. „Die Schmelze leuchtet je nach Legierung anders.“ 231 Mitarbeiter sind wie Artur Sebastian Würstle im Vierschicht-Modell getaktet: in der Gießerei, im Metalllager und im Labor. In anderen Bereichen hat Wieland die Arbeit auch mit Zweischicht- und Dreischicht-Modellen organisiert. „Schichtarbeit ist immer eine Belastung“, sagt Florian Schoof, der bei Wieland fürs Gesundheitsmanagement zuständig ist, „das Unternehmen kennt die Belastung, es versucht, die Verhältnisse möglichst optimal zu gestalten.“ Das bedeutet im Wesentlichen zweierlei: Wieland organisiert die Schichten so, dass die Arbeiter mit der Belastung besser umgehen können. Die Schichten rotieren nach vorne, von der Früh- zur Spätschicht und von der Spät- zur Nachtschicht, damit sich aus dem Rhythmus heraus kein Schlafdefizit ergibt. Die Zyklen sind kurz, „weil sich der Körper so besser auf die nächste Schicht umstellen kann“, sagt Schoof. Er teilt ausdrücklich nicht die Ansicht, dass Schichtarbeiter ständig gegen eine innere Uhr ankämpfen. Er sagt: „Der Körper kann sich auf Schichtarbeit einstellen und daran gewöhnen.“ Entscheidend sei allerdings Regelmäßigkeit und Planbarkeit, weil das hilft, psychische Belastungen gering zu halten. Das bedeutet: Am Schichtkalender wird nicht gerüttelt. Er ist bindend fürs Unternehmen und die Mitarbeiter. „Noch drei Stunden dranhängen, weil viel Arbeit da ist, oder am nächsten Tag noch kommen, weil ein Kollege krank ist, das gibt es bei uns nicht“, sagt der Leiter der Platten- und Bolzengießerei, Reiner Schmutz. Engpässe löst er anders. Wieland sieht sich mit seinem Modell auf dem richtigen Weg, zumal in der Unfallstatistik des Unternehmens die Gießerei hinsichtlich Häufigkeit und Schwere von Unfällen laut Alexander Blässing, Leiter Personal, nicht auffällig ist. Schichtarbeiter müssen freilich auch selbst auf ihre Gesundheit achten, ihr Arbeitgeber unterstützt sie dabei. Es gibt unter anderem einwöchige Präventionsangebote, für die die Teilnehmer von der Arbeit freigestellt werden. Im Zentrum stehen Bewegung, Ernährung und Entspannung. „Die klassischen Dinge, die auch Nicht-Schichtler machen sollten“, sagt Schoof. Wobei Schichtarbeiter die guten Tipps in ihren eigenen Rhythmus und ihre speziellen Umstände einbauen müssen. Beispiel: Schlafen. Schoof rät: nicht vor dem Fernseher einschlafen, weil wenig erholsam. Raum abdunkeln. Für Ruhe sorgen. Artur Sebastian Würstle schläft mit Ohrstöpseln, um störende Alltagsgeräusche auszublenden. Und er schläft so lange, bis er ausgeschlafen ist. „Man muss sich den Schlaf gönnen“, sagt er, „man darf sich halt nicht hetzen lassen.“ Soll heißen: Erst kommt der Schlaf, dann alles andere, was im Alltag wichtig erscheint und tagsüber gut erledigt werden könnte. Der 40-Jährige hat mit dem Schlafen nur Probleme, wenn er Frühschicht hat, somit um 3:30 Uhr aufstehen muss. Die Angst vor dem Verschlafen erschwert es ihm einzuschlafen. Die Gießerei könnte ohne Schichten nicht wirtschaftlich arbeiten, sagt der Gießereileiter. Die Gießerei abzustellen wäre zwar möglich. Man könnte sie im Warmhaltebetrieb weiterlaufen lassen, würde dabei allerdings sehr viel Energie verlieren. Die Alternative, ganz Abkühlen und Wiederanfahren, brächte hohe Materialverluste. Ein Kollege von Artur Sebastian Würstle hat Herzprobleme. Betriebsarzt und Personalabteilung klären die Ursachen ab – sind sie beruflicher, privater, körperlicher Natur? – und suchen gegebenenfalls für den Mann nach einem anderen Platz im Betrieb. Es seien nur wenige, die mit 50 oder 55 um einen Arbeitsplatz ohne Nachtschicht bitten, sagt Personalleiter Alexander Blässing, „sie werden dann bevorzugt auf freie Stellen gesetzt“. Es schlagen wahrscheinlich so wenig Fälle in der Personalabteilung auf, weil ein Schichtler seine Schicht grundsätzlich nicht gerne verlässt, sagt Schmutz. „Die gehen denselben Rhythmus – da entstehen Freundschaften.“ In Schichtgruppen gebe es ein Sozialgefüge, das sensibel reagiert und von sich aus nach internen Lösungen sucht. „Die Jüngeren springen für die Älteren ein.“ So entstehen bei Wieland quasi Schonarbeitsplätze für gesundheitlich angeschlagene Kollegen.

Quelle: SüdWestPresse