Fachartikel

5.04.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2016

Fachkompetenz und Mut zum Risiko: eine Kombination mit Erfolg

Wie aus einer formlosen glühenden Masse ein Präzisionsteil wird, begeistert Mathias Meinen auch heute noch.

Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist eine der jüngsten Universitäten Deutschlands und genießt einen ausgezeichneten Ruf – bei Studierenden und Wirtschaft gleichermaßen. Mathias Meinen studierte dort vor gut 20 Jahren Wirtschaftsingenieurwesen für Maschinenbau. Dass er schließlich seine Leidenschaft für die Gießereitechnik entdeckte, hat er maßgeblich Prof. Rüdiger Bähr zu verdanken. Der leitet dort bis heute mit großem Engagement den Bereich Ur- und Umformtechnik. Mathias Meinen ist heute Leiter der Fertigungssteuerung und Logistik bei Trimet Aluminium SE in Harzgerode. Eine Aufgabe, die ihn ausfüllt – und ein Berufsweg mit einigen Wendungen.

VON KARIN HARDTKE, RATINGEN

Rund 20 Studenten haben sich heute angekündigt, um sich die Arbeit in einer Gießerei einmal aus nächster Nähe anzuschauen. Sie studieren Maschinenbau an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und sind mit ihrem Professor, Rüdiger Bähr, nach Harzgerode zur Trimet Aluminium SE gekommen. Trimet produziert dort hochwertige Aluminium-Gussteile für Kunden aus der Automobil-, Elektro- und Maschinenbauindustrie – wie zum Beispiel Motorblöcke, Strukturteile, Kupplungs- und Getriebegehäuse. 20 Druckgießmaschinen, 4 Anlagen für Schwerkraftkokillenguss und 20 CNC-Bearbeitungsanlagen erwarten die Studenten. Trotz seines prall gefüllten Terminkalenders als Leiter der Fertigungssteuerung und Logistik lässt es sich Mathias Meinen nicht nehmen, die Organisation dieser Besichtigungstermine persönlich zu übernehmen. Er plant den Rundgang durch die Produktionsanlagen, hält den Einführungsvortrag vor den Studenten und beantwortet geduldig ihre Fragen. Jungen Menschen einen Einblick in den Gießereialltag zu geben und auf diese Weise auch die Verbindung zwischen Universität und Unternehmen zu fördern, dafür nimmt Mathias Meinen sich gerne Zeit. „Ich möchte den Studenten unbedingt die wahre Welt des Gießens zeigen. Denn die ist so unglaublich vielfältig und innovativ. Ich erinnere mich noch genau, wie damals der Funke bei mir übergesprungen ist“, verrät Meinen begeistert.

Statt BWL doch lieber Maschinenbau

Dabei hatte Mathias Meinen zuerst ein Studium der Betriebswirtschaftslehre im Sinn. Er habe nach seinem Abitur Anfang der 90er-Jahre zwar gewusst, dass er studieren wollte, was genau, das wusste er allerdings nicht. Da Betriebswirtschaftslehre damals unter den Studenten der Renner war, dachte sich Meinen: „Dann mache ich das eben auch.“ Seine Eltern halten sich bei der Berufswahl ihres Sohnes im Hintergrund. Der Vater allerdings besteht darauf, dass Mathias zum Tag der offenen Tür der Universität Magdeburg geht und sich über mögliche Alternativen informiert. Dieser Besuch brachte schließlich die Entscheidung – gegen BWL und für ein Studium „Wirtschaftsingenieurwesen für Maschinenbau“. Denn während an den Informationsständen der Betriebswirtschaftler den ganzen Tag über kein Durchkommen war, schien sich für Maschinenbau kaum jemand zu interessieren – gähnende Leere an den Beratungsplätzen und Professoren mit viel Zeit. „Es war damals eben völlig unsexy, Maschinenbau zu studieren“, erinnert sich Meinen. Ein Professor für technische Mechanik zeigte ihm den Lehrstuhl und die Labore, beantwortete in aller Ruhe seine Fragen – und überzeugte den jungen Mann. Gerade einmal dreißig Studenten seien sie zu Beginn des Studiums gewesen, erzählt er.

Arbeit im Gießereilabor überzeugt den Studenten

Die Zeiten haben sich geändert. Das Interesse an technischen Studiengängen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Und auch das Interesse an Gießereitechnik, stellt Prof. Rüdiger Bähr, Leiter des Bereichs Ur- und Umformtechnik am Institut für Fertigungstechnik und Qualitätssicherung der Universität Magdeburg, fest. Dies sei sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass Ur- und Umformtechnik inzwischen ein Pflichtfach für all diejenigen ist, die Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurswesen studieren. Prof. Rüdiger Bähr, der im ostukrainischen Lugansk Maschinen- und Anlagenbau in der Gießereitechnik studierte, lehrt bereits seit Ende der 80er-Jahre an der Universität Magdeburg. Der begeisterte Gießereifachmann hat in den vergangenen 12 Jahren, in denen er den Bereich Ur- und Umformtechnik leitet, so einiges auf die Beine gestellt, um seine Studenten für das Gießen zu begeistern Das Gießereilabor verfügt über modernste Maschinen, erst vor kurzem wurde in 3-D-Druck-Technik investiert. Rüdiger Bähr organisiert regelmäßig Exkursionen zu Gießereibetrieben und ermöglicht seinen Studenten Auslandspraktika, beispielsweise in den USA. Denn dort kooperiert die Universität Magdeburg seit mehreren Jahren mit der Firma Steinway & Sons in Fragen der Gießsimulation von Klavier- und Flügelgussplatten. Außerdem nimmt die Forschung im Gießereilabor einen nicht unwesentlichen Anteil ein: Öffentlich geförderte Forschungsprojekte gehören genauso dazu wie Forschungsaufträge aus der Industrie, insbesondere aus klein- und mittelständischen Unternehmen der Automobilzulieferindustrie. Mathias Meinen hatte im Hauptstudium den ersten Kontakt zum Gießereilabor und zu Prof. Rüdiger Bähr. Meinen fängt dort als studentischer Mitarbeiter an. Zwar nur wenige Stunden pro Woche – aber diese Zeit reicht aus, um die beruflichen Weichen zu stellen. Proben ziehen, Versuchsanordnungen vorbereiten, Eisen und Aluminium abgießen, metallurgische Analysen durchführen, an Schauveranstaltungen mitwirken. „Wie man aus einer formlosen glühenden Masse ein Präzisionsteil herstellen kann, das hat mich vom ersten Moment an begeistert“, erzählt Meinen. Und noch etwas gefällt ihm: die vielfältigen Kooperationen von Gießereiforschung und Gießerei-betrieb und damit der hohe Praxisbezug. Meinen erinnert sich noch gut daran, dass auch die Firma Rautenbach Guss aus Wernigerode, die seit 2005 zum Nemak-Konzern gehört, in Sachen Grundlagenforschung eng mit dem Gießereilabor zusammengearbeitet hat. Denn diese Kooperation bleibt für den jungen Studenten nicht ohne Folgen.

Eine Empfehlung mit Folgen

Seine Diplomarbeit zum Thema „Prozessoptimierung beim Druckguss mit Hilfe statischer Versuchsplanung“ schreibt der Magdeburger bei den damaligen Metallwerken in Harzgerode, der heutigen Trimet. Er wohnt mit einem Kommilitonen in der nahegelegenen Jugendherberge. Eine äußerst spartanische Unterkunft zwar – aber interessante Aufgaben, riesige Druckgießmaschinen und die tägliche Prise Gießereiluft machen alle Entbehrungen wett. „Es war ein spannendes Jahr für mich. Damals habe ich mir allerdings nicht vorstellen könne, in Harzgerode zu bleiben“, bekennt Meinen. Er geht daher nach Abschluss seiner Diplomarbeit zurück an die Universität Magdeburg und fängt bei Professor Rüdiger Bähr als wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Mathias Meinen betreut Forschungsprojekte und hält Vorlesungen. Er hat diese Zeit in guter Erinnerung „Professor Bähr lässt seinen Mitarbeitern bei ihrer Arbeit viel Freiraum. Die Arbeit im Team war hervorragend – und Zeit zum gemeinsamen Feiern blieb auch.“ Er habe Rüdiger Bähr stets als guten Ratgeber geschätzt. Und auch Bähr spart nicht mit Lob. „Mathias Meinen war ein äußerst fähiger und engagierter Mitarbeiter.“ So zögert der Professor auch nicht lange und empfiehlt den jungen Ingenieur, als die Gießerei Rautenbach in Wernigerode um fachliche Unterstützung für ein Projekt vor Ort bittet. Ein halbes Jahr bleibt Mathias Meinen dort und wechselt im Jahr 2002 schließlich ganz zur Wernigeröder Gießerei. „Er hat seine Aufgabe einfach zu gut erledigt. Rautenbach hat ihn behalten und für mich war er verloren“; scherzt Prof. Rüdiger Bähr. Allerdings sprächen solche Wechsel seiner Mitarbeiter in die Industrie eben auch für die gute gießereitechnische Ausbildung an der Universität Magdeburg.

Herausforderung „Bau einer Kokillengießerei“

Mathias Meinen bleibt bis zum Jahr 2007 bei Rautenbach Guss in Wernigerode und ist zum Schluss stellvertretender Leiter der Qualitätssicherung. Dann kommt schließlich doch noch der Ruf aus Harzgerode. Denn Dr. Jürgen Ude von der dortigen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Innovation mbH (GfWI), der auch das Innovations- und Gründerzentrum in Magdeburg leitet, sucht Verstärkung. Das GfWI berät und unterstützt mittelständische Unternehmen und Existenzgründer dabei, ihre Produktideen zur Marktreife zu führen. Die Aufgabe reizt den jungen Ingenieur und so übernimmt er beim GfWI die operative Abwicklung und das Marketing. Als im Jahr 2010 die benachbarte Aluminiumgießerei Trimet beschließt, zusätzlich zur Druckgussfertigung auch eine eigene Kokillengießerei zu bauen, bitten die Trimet-Verantwortlichen die GFWI um fachlich-technische Unterstützung. Mathias Meinen übernimmt diese Aufgabe und ist maßgeblich an der reibungslosen Umsetzung dieses Mammut-Projektes beteiligt. Wie auch schon bei Rautenbach Guss überzeugt Meinen seinen Auftraggeber. Man will ihn als Leiter der neuen Kokillengießerei. Er prüft das Angebot, sagt schließlich zu und wechselt Ende 2010 zu Trimet. Seit gut zwei Jahren leitet Mathias Meinen die Fertigungssteuerung und Logistik der Harzgeroder Gießerei. Das Unternehmen biete flache Hierarchien und viel Freiraum für eigene Entscheidungen. Meinen will Dinge bewegen. Er brauche das Tagesgeschäft mit seinen immer neuen Herausforderungen, sagt er. So oft wie möglich ist der Vater zweier Töchter in der Produktion. „Ich liebe den Geruch von glühendem Metall immer noch.“ Er sei eben kein klassischer Schreibtischtäter. Was seine Ehefrau abends schon einmal zu der Bemerkung veranlasse: „Dein Hemd riecht heute wieder nach Gießerei“, erzählt er und lacht. Bei jedem seiner beruflichen Wechsel sei er immer auch ein Risiko eingegangen, denn er habe ja stets aus einer sicheren und interessanten Position heraus gewechselt. Sein Bauchgefühl sei ihm bei diesen Entscheidungen immer ein guter Ratgeber gewesen, erzählt er. Und überhaupt: Die Entscheidung für Maschinenbau und die Gießereitechnik sei goldrichtig gewesen. Mathias Meinen betreut bei Trimet inzwischen auch Studenten, die dort ihre Bachelor- oder Masterarbeit schreiben. Der Kontakt zur Universität Magdeburg und Prof. Rüdiger Bähr bleibt. Zurück an die Universität oder in die Forschung – das kann sich Mathias Meinen allerdings nicht mehr vorstellen. Dazu seien die Herausforderungen, die die tägliche Arbeit in einer Gießerei mit sich bringt, einfach zu reizvoll. Außerdem stehe die gesamte Branche vor massiven Veränderungen: Die verstärkte Verwendung von Strukturbauteilen im Automobilbau oder der Wettbewerb der Werkstoffe Eisen, Aluminium und Carbon etwa. Wenn sich aber in Kürze die nächste Studentengruppe aus Magdeburg auf den Weg in die Harzgeroder Gießerei macht, wird er sich selbstverständlich wieder die Zeit nehmen, um den Nachwuchs für seinen Traumjob zu begeistern. „Die deutsche Gießereibranche steht für höchstes technisches Niveau. Sie ist eine Branche mit Zukunft“, ist er überzeugt – und liegt damit auf einer Linie mit Prof. Rüdiger Bähr, dem Mann, der bei ihm die Lust auf Guss geweckt hat.

www.trimet.eu