Fachartikel

7.06.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 6|2016

Gelungener Gießereitag in Magdeburg

Prof. Dr. Franz Josef Feikus, Nemak Europe GmbH, Frankfurt, mit BDG-Präsident
Dr. Erwin Flender (r.).

Networking, Nachwuchswerbung, Nimbus: Wie schon in den vergangenen Jahren hat dieser Dreiklang auch den diesjährigen Deutschen Gießereitag im Maritim Hotel in Magdeburg am 14. und 15. April 2016 geprägt – und zu einer überaus erfolgreichen Veranstaltung mit fast 700 Teilnehmern, darunter 120 Studenten, beigetragen.

An den Rednerpulten in Magdeburg wechselten sich hochkarätige Spezialisten aus namhaften Gießereien und Vertreter der Gießerei-Institute an deutschen Hochschulen ab. Zugleich moderierten die beiden Veranstaltungsreihen Wirtschaft und Technik bekannte Branchen- und Hochschulgrößen, die mit fachkundigen Fragen die Diskussion in den beiden Vortragssälen in Schwung brachten. Überwiegend volle Säle zeugten davon, dass dieses Konzept aufgegangen war und die angebotene Themenvielfalt die Teilnehmer überzeugt hatte. Das Fachprogramm der Reihe Technik wird in dieser Ausgabe der GIESSEREI veröffentlicht (ab S. 100), im kommenden Heft folgen die Fachvorträge der Reihe Wirtschaft.

Networking erster Güte

In den Pausen schlossen sich ausgiebige Unterhaltungen unter Fachleuten, Verbandsvertretern und Gießereimanagern an. Gut besucht waren auch die Stände der Gießereizulieferer, die rund um die Buffettische im Foyer und einem Seitenraum aufgebaut waren. Das Spektrum der Unternehmen reichte von Formstoffherstellern und Feuerfestexperten über Schmelzofenhersteller und Anlagenbauer bis hin zu Software-Entwicklern und Anbietern von industriellen Röntgensystemen. Ein Team aus Mitarbeitern des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie e. V. (BDG) und des Vereins Deutscher Gießereifachleute e. V. (VDG), dem offiziellen Veranstalter des Gießereitages, koordinierte das Branchenevent und pflegte den Kontakt zu seinen Mitgliedern und der Branche vor Ort. Erster Programmpunkt am Vortag der Veranstaltung war die Führung von Prof. Rüdiger Bähr, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Qualitätssicherung (IFQ) der Universität Magdeburg, zu den Exponaten gegossener Kunst in und um Magdeburg. Am darauffolgenden Tag startete der Gießereitag mit Betriebsbesichtigungen zum Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF, zum Institut für Fertigungstechnik und Qualitätssicherung der Universität Magdeburg, zu Nemak oder KSM Castings in Wernigerode, zu Trimet Aluminium in Harzgerode oder zur Havelländischen Zink-Druckguss GmbH in Premitz. Zurück in Magdeburg folgte die offizielle Begrüßung durch VDG-Präsident Dr.-Ing. Jens Wiesenmüller und BDG-Präsident Dr.-Ing. Erwin Flender.

Forum der Nachwuchswerbung

Um die Innovationsfähigkeit der Branche zu erhalten, ist kompetenter Nachwuchs unentbehrlich: VDG, BDG und die deutschen Gießereihochschulinstitute hatten sich deshalb für die rund 120 angereisten Studenten etwas Besonderes einfallen lassen: Jedem Studenten, der Mitglied im VDG wird, boten sie ein kostenloses Abonnement der Fachzeitschrift GIESSEREI für die Dauer ihres Studiums an. 45 junge Leute nahmen das Angebot bis heute an. In Magdeburg waren Studenten, Professoren und Institutsleiter von neun Hochschulinstituten und Gießereiinstitutionen vertreten: dem Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM, der Hochschule Aalen, der Hochschule Kempten, der Otto von Guericke Universität Magdeburg, der RWTH Aachen, der TU Clausthal, der TU Bergakademie Freiberg, der Universität Duisburg-Essen sowie der Universität Kassel. Beim Studentenempfang beschrieb VDG-Präsident Wiesenmüller den VDG in seiner Rede als „lebenslange Heimat und soziales Netzwerk“ mit starken Banden zum BDG, zum Giesserei Verlag und zur VDG-Akademie, betonte die Bedeutung der VDG-Landesgruppen für den Aufbau eines starken beruflichen Netzwerks und schloss mit den Worten: „Wir brauchen Sie für neue Impulse im VDG!“ BDG-Präsident Flender strich in seinem anschließenden Vortrag die Bedeutung des Branchenverbands BDG mit seinen starken Partnern, dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVM), z. B. bei gesellschaftlichen Großprojekten wie der Energiewende heraus, lobte die weltweit unübertroffene Produktivität deutscher Gießereien und betonte, dass „Geschäfte zwischen Menschen gemacht werden“. Damit spannte er den Bogen zurück zum VDG und lud die zahlreichen Studenten abschließend ebenfall dazu ein, Mitglied des Fachvereins zu werden. „Wir sind eine Solidargemeinschaft, dafür brauchen wir ständig neuen Nachwuchs“, sagte er. Auch der letzte Redner des Studentenempfangs, Gastgeber Prof. Rüdiger Bähr, sprach sich wärmstens für die VDG-Mitgliedschaft aus und betonte im weiteren Verlauf seiner Rede die große Bedeutung Magdeburgs für die Metallbearbeitung in den vergangenen 3000 Jahren – einem Thema, dem sich Bähr auch in seinem kürzlich erschienenen Fachbuch „Gießen – vom antiken Kunsthandwerk zur modernen Fertigungstechnologie, Zeugnisse in Magdeburg“ widmet. Bei den Studenten kam das Angebot für eine VDG-Mitgliedschaft in Kombination mit einem kostenfreien GIESSEREI-Abonnement gut an. Einige füllten die Mitgliedsformulare gleich nach Abschluss der Reden aus. „Ich schreibe gerade meine Masterarbeit, die wertvollen Fachinformationen aus der GIESSEREI kann ich da gut gebrauchen“, freute sich der 29-jährige Jonas Klei, derzeit studentischer Mitarbeiter am Fraunhofer IFAM in Bremen. Auch Nane Nolte vom IFAM entschied sich, Mitglied im VDG zu werden. „Ich arbeite seit einem Jahr beim IFAM und möchte mich gerne noch intensiver mit dem Thema Gießerei beschäftigen – da kommt mir das kostenfreie Abonnement der GIESSEREI und der Austausch im VDG gerade recht“, so die 26-jährige.

Die Zukunft der Gießerei-Industrie

Im Nachmittagsprogramm des ersten Tages wurde in einer Rede von Dr. Jens Wiesenmüller zunächst der Stand der Gießerei-Industrie angesprochen. Dr. Wiesenmüller beschrieb die Branche zum einen als gut organisiert und stark, sprach zum anderen aber auch Probleme wie Preisdruck und Überkapazitäten an. Es gelte, die Märkte mit neuen Technologien und der Substitutionen von Bauteilen zu verteidigen. Wichtig für die Unternehmen sei es auch, die Entwicklung hin zu Industrie 4.0 sowie zu additiven Technologien zu beobachten. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wurde der Blick weiter gen Zukunft gerichtet. Prof. Michael Schenk, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und Automatisierung IFF in Magdeburg, sprach über die Digitalisierung in der Produktion und dabei besonders über Industrie 4.0. Die Digitalisierung könne die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Gießereien erhöhen, zeigte er sich überzeugt, gab jedoch zu bedenken, dass der Mittelstand Schritte zur Einführung von Industrie 4.0 nur sehr zögerlich annehme, was unter anderem an den zahlreichen Einflussgrößen und -faktoren auf den Gießprozess liege. Prof. Schenk: „Wenn aus dieser Fülle von Daten Wissen generiert werden kann, verbessert das die Effizienz der Produktion und die Qualität der Produkte.“ Ein Essay von Prof. Schenk zu diesem Thema erscheint in der Juliausgabe der GIESSEREI. Auch der nächste Redner, Prof. Wolfram Volk, Ordinarius am Lehrstuhl Umformtechnik und Gießereiwesen der TU München, teilte Schenks Überzeugung, dass Industrie 4.0 künftig eine hohe Bedeutung in der Gießerei-Industrie haben werde. Gemeinsam mit Prof. Andreas Bührig-Polaczek, Leiter des Gießerei-Instituts der RWTH Aachen und Professor für Gießereiweisen, hielt er einen Vortrag über „Trends und Herausforderungen für die deutsche Gießerei-Industrie aus Sicht der akademischen Forschung“. Darin präsentierte er die Akademische Interessensgemeinschaft Gießereitechnik (akaGuss), einer Arbeitsgemeinschaft von Professoren, die sich für das Gießereiwesen einsetzen und zu der deutsche, ein dänisches und ein österreichisches Institut gehören. Bei Industrie 4.0 gelte es, digitale Daten durch Echtzeitübermittlung mit Sensoren in die virtuelle Welt zu übertragen. Die Datenerfassung müsse über die gesamte Prozesskette erfolgen, z. B. beim Kernschießen. So würden Probleme eindeutig erkannt. Als weiteres Beispiel nannte Prof. Volk die Werkzeugtemperierung. Mit einer umfangreichen Datenerfassung sei eine eigenständige Kühlung möglich, sagte er.

Besondere Auszeichnungen

Auch der Nimbus, also Veranstaltungspunkte, die den Ruf und das Ansehen von Branchenvertretern betreffen – mit anderen Worten Ehrungen und Würdigungen – kamen auf dem Gießereitag naturgemäß nicht zu kurz. Zunächst erfolgte die Verleihung der höchsten Auszeichnung des VDG, der Adolf-Ledebur-Denkmünze, an Hüttenes-Albertus-Geschäftsführer Dr. Carsten Kuhlgatz wegen seines Einsatzes für Get-in-Form, einer Initiative, die sich für den Aufbau von Schulgießereien einsetzt und dafür auch mit der BDG/VDG-Nachwuchsinitiative POWERGUSS zusammenarbeitet. Auf sein Engagement gehen mittlerweile rund 40 Schulgießereien an deutschen Schulen zurück. In seiner Dankesrede machte er auf den ehrenamtlichen Charakter von Get-in-Form aufmerksam und verriet seine Motivation für die Initiative: „Das schönste ist, in die Augen der Kinder zu schauen, die sagen: Das habe ich selbst gemacht!“ Anschließend folgte der „Innovationspreis der Deutschen Gießerei-Industrie – Peter R. Sahm“, der erstmals für hervorragende Leistungen und nachhaltige Innovationen auf dem Gebiet der Werkstoff-, Prozess- und Bauteilentwicklung für die Gießerei-Industrie verliehen wurde. Preisträger hier war Georg Fischer Automotive, Schaffhausen, Schweiz. Das Preisgeld von 15 000 Euro spendeten Josef Edbauer, Leiter GF Automotive, und Werner Menk, Leiter Werkstoffentwicklung, an die Initiative Get-in-Form. Der Innovationspreis ist dem ehemaligen Aachener Professor Prof. Peter R. Sahm gewidmet. „Prof. Sahm war seiner Zeit oft voraus. Er hat grundlegende Innovationen für die Industrie ermöglicht“, erinnerte sich BDG-Präsident Dr. Erwin Flender bei der Preisverleihung. Prof. Sahm hat das Gießerei-Institut der RWTH von 1979 bis 1999 geleitet. Er führte u. a. als wissenschaftlicher Projektleiter Raumlabormissionen und setzte sich dafür ein, dass die von ihm nach Deutschland gebrachte, bis dahin in Gießerkreisen unbekannte numerische Simulation von Gieß- und Erstarrungsvorgängen zur Anwendung gebracht wurde. Die VDG-Mitgliederversammlung schloss sich an das Nachmittagsprogramm an. Ein Bericht hierzu erscheint in der Juliausgabe der GIESSEREI, ebenso wie über die Mitgliederversammlungen des BDG und der Forschungsvereinigung Gießereitechnik (FVG). Für das traditionelle Gießertreffen kamen die Teilnehmer am Abend im Kongress & Kulturwerk Fichte zusammen. Hier fand auch die Preisverleihung des POWERGUSS-Videowettbewerbs statt. Auszubildende konnten mit selbstgedrehten oder animierten Videos über ihre Ausbildung Preise zwischen 250 und 1000 Euro gewinnen. Moderator Martin Tazl und VDG-Präsident Dr. Jens Wiesenmüller überreichten dem Gewinner-Team von Fritz Winter, Stadtallendorf, einen Scheck über 1000 Euro für ihren Film über die Ausbildung in ihrer Eisengießerei. Den zweiten Preis erhielt Pressmetall Gunzenhausen, den dritten die Schmiedeberger Gießerei. Der zweite Tag wurde von einem umfangreichen Fachprogramm geprägt, das in dieser und der kommenden Ausgabe veröffentlicht wird. Neben etablierten Hochschulreferenten sowie Referenten aus Gießereien wie Nemak, Zeitz Guss und Pleissner Guss kamen dabei auch junge Absolventen u. a. der TU München und der RWTH Aachen mit fachlich hervorragenden Vorträgen zum Zug.