Fachartikel

2.02.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 2|2016

Handtmann-Unternehmensgruppe – Familienunternehmen mit Zukunft

Fitter als manch ein jüngerer Zeitgenosse: An Ruhestand denkt Arthur Handtmann noch lange nicht. Er will seine langjährige Erfahrung auch zukünftig einbringen (FOTOS: KLAUS BOLZ)

Die Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG im baden-württembergischen Biberach ist Deutschlands größte Leichtmetallgießerei in Familienbesitz – und das Schwergewicht der Handtmann-Unternehmensgruppe. Arthur Handtmann übernahm den kleinen elterlichen Gießereibetrieb im Jahr 1945 und machte aus ihm in den kommenden Jahrzehnten ein leistungsfähiges, innovatives und werteorientiertes Unternehmen, das heute international für seine technischen Lösungen in unterschiedlichen Märkten gefragt ist. Die Geschäfte führt erfolgreich Sohn Thomas Handtmann. Für den Ruhestand hat der 88-jährige Vollblut-Unternehmer Arthur Handtmann allerdings keine Zeit – dafür gibt es noch viel zu viel zu tun.

VON KARIN HARDTKE, RATINGEN

Rund 8000 Flugkilometer, 16 Stunden unterwegs und 8 Stunden Zeitverschiebung – aus dem beschaulichen oberschwäbischen Biberach in die pulsierende chinesische Hafenmetropole Tianjin und wieder zurück – das ist nichts, was den 88-jährigen Unternehmer Arthur Handtmann in irgendeiner Form abschrecken würde (Bild 1). Denn der hatte es sich nicht nehmen lassen, zur Einweihung der neuen Handtmann-Aluminiumgießerei am 12. März 2015 persönlich zu erscheinen und die Eröffnungsrede zu halten. Das Biberacher Familienunternehmen produziert dort bereits seit November 2014 Getriebe- und Kupplungsgehäuse für den Automobilhersteller VW. „Die Einweihung unseres ersten asiatischen Werkes ist einer der wichtigsten Meilensteine meines Arbeitslebens“, sagt Handtmann. Mit einer Investitionssumme von rund 80 Millionen Euro sei der Bau der chinesischen Aluminiumgießerei die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte. Dort in Tianjin sollen zukünftig 400 Mitarbeiter bis zu 27 000 Tonnen Aluminium pro Jahr verarbeiten. Mit dem neuen Werk sieht Handtmann nicht nur Wachstumsmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt, das Projekt sichere langfristig auch Aufträge der Automobilindustrie in Europa. Denn die erwarte von ihren Zulieferern heutzutage Internationalität und Flexibilität. In Handtmanns Augen blitzt es vergnügt, als er ergänzt: „Ich bin übrigens in Begleitung unseres Werksarztes dorthin gereist. Mir war es pudelwohl dort; dem Arzt hingegen ging es gar nicht gut.“

Arbeit und Familie halten jung

 Arthur Handtmann ist auch mit seinen fast 90 Jahren eine Konstante im Unternehmen. Er kommt immer noch jeden Tag ins Büro – Vollzeit versteht sich, nur samstags nehme er sich ab Mittag frei, ergänzt er. Die Arbeit halte ihn eben jung – und davon gibt es für Arthur Handtmann reichlich. Denn seit er im Jahr 1998 die Verantwortung für die Handtmann-Unternehmensgruppe an seinen Sohn Thomas übertrug, ist Arthur Handtmann unter anderem Vorsitzender des Beirates der Holding, unter deren Dach die verschiedenen Geschäftsbereiche mit ihren autonomen Führungsstrukturen zusammengefasst sind. Der Beirat sei in die wichtigsten strategischen Entscheidungen eng eingebunden, erklärt Handtmann. „Ein hervorragendes, kompetentes Entscheidungsgremium. Ich musste als Vorsitzender noch nie eine mehrheitlich getroffene Entscheidung ablehnen.“ Und auch dem wöchentlichen Informationsaustausch mit den Chefs der verschiedenen Fertigungsbetriebe sowie des Personal- und Finanzbereichs wohnt Arthur Handtmann regelmäßig bei. Solche Gespräche könnten bei größeren Unternehmensbereichen wie der Leichtmetallgießerei schon einmal sechs bis acht Stunden dauern. Ob er denn ein Rezept habe, um diese Herausforderungen auch in seinem fortgeschrittenen Alter noch tagtäglich zu meistern? „Enthaltsamkeit bei Essen und Trinken, täglich ein alkoholfreies Bier und Freude am eigenen Tun“, sagt Handtmann spontan. Und seine Ehefrau Ilse natürlich, mit der er seit über 60 Jahren glücklich verheiratet sei. Sie sei auch in schwierigen Zeiten immer sein wichtigster Ansprechpartner gewesen. Ihren Rat schätze er bis heute und mit ihr könne er über alle Vorkommnisse bei Handtmann sprechen. „Wir sind die kleinste Mannschaft im Handtmann-Unternehmen“, sagt er liebevoll.

Schwierige Anfangsjahre für die Gießerei

 Rund 3500 Mitarbeiter arbeiten heute für die Handtmann-Unternehmensgruppe, davon allein 2000 im Gießereibereich. Gießerei-Standorte gibt es außer in Biberach auch im sächsischen Annaberg, im slowakischen Košice und eben im neuen Werk im chinesischen Tianjin. 60 000 Tonnen Aluminium- und Magnesiumgussteile – von Kurbelgehäusen, Zylinderköpfen bis hin zu Strukturbauteilen – gehen jedes Jahr an Kunden wie Volkswagen, Daimler, BMW und Audi (Bild 2). In den vergangenen Jahren ist man zusätzlich dazu übergegangen, den Automobilherstellern am Band einbaufähige Komponenten – ganze Systeme – zu liefern, nicht nur einzelne Gussteile. „Die Komplexität der Gussteile steigt stetig. Handtmann ist eine der wenigen Gießereien, die das leisten können“, sagt Handtmann sichtlich stolz. Neben dem Bereich Leichtmetallguss gibt es weitere erfolgreiche Geschäftsbereiche, wie beispielsweise die Produktion von Portionier- und Füllmaschinen, die Herstellung von Armaturen und Ventilen für den Getränkebereich oder die innovative Kunststofftechnik. Für das Geschäftsjahr 2015 ist ein Umsatz von 775 Millionen Euro geplant, zwei Drittel davon werden auf das Konto der Leichtmetallgießerei gehen. Als Arthur Handtmann im Jahr 1945 mit gerade einmal 18 Jahren den elterlichen Betrieb übernimmt, den Handtmanns Großvater 1873 als Messinggießerei gründete, ist diese rasante Entwicklung nicht abzusehen. Der Krieg ist zu Ende. Arthur Handtmann kommt wie so viele in Kriegsgefangenschaft – eine Erfahrung, die den jungen Mann nachhaltig prägt. „Was wir in Gefangenschaft an Demütigungen erdulden mussten, hat mich gelehrt, was ich als Vorgesetzter gegenüber meinen Mitarbeitern anders machen werde“, sagt Handtmann. Sein Vater ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, den kleinen Betrieb mit seinen 18 Mitarbeitern allein zu führen. Er fragt seinen Sohn, ob er die Verantwortung übernehmen will. Der wiederum fragt die Mitarbeiter seines Vaters, die allesamt ja zu ihrem neuen Chef sagen. Die folgenden Jahre sind für Arthur Handtmann eine einzige Herausforderung, denn er steht erst einmal ohne Schulabschluss und Ausbildung da. Er holt zunächst im Privatunterricht seinen Abschluss nach, studiert anschließend an einer Ingenieursschule. „Ich war von Montag bis Freitag Student, und am Samstag und Sonntag provisorischer Geschäftsführer.“ Ein Gemälde aus dem Nachlass des Malers Otto Dix erinnert ihn bis heute an diese turbulente Zeit (Bild 3). Es hängt in seinem Büro und zeigt den Gießer Zebatin von der Höri, bei dem der damals 20-Jährige während eines Praktikums in der Pumpenfabrik Allgeier in Radolfzell die Grundzüge des Gießens lernte. Aber schon in dieser Anfangszeit beweist Arthur Handtmann Erfindungsreichtum, Entscheidungsfreude und die Fähigkeit, auch außergewöhnliche Wege zu gehen. Er und seine Mitarbeiter suchen in abgestürzten Flugzeugen nach verwertbarem Material: Propeller, Motoren, Flügel und Rumpf werden so eingeschmolzen und zu Spätzlemaschinen und Waffeleisen verarbeitet – ein erster Versuch, anstelle von Messingguss Aluminiumgussteile herzustellen.

Hohe Investitionen in den Leichtmetallguss

Nach der Währungsreform 1948 erkennt Handtmann die Zeichen der Zeit und setzt konsequent auf Aluminiumguss. Er startet mit einer geborgten Formmaschine für Sandguss, sattelt einige Jahre später auf Kokillenguss um und produziert schließlich auf Kundenwunsch Großserienteile im Druckgussverfahren. Seit Mitte der siebziger Jahre gehören zunehmend große Automobilproduzenten zu seinen Kunden. „Die ersten 30 Jahre waren geprägt von laufenden notwendigen Modernisierungen, um den Betrieb am Leben zu halten.“ Dazu sei der ständige Kampf mit den Banken wegen der Finanzierung gekommen. Auch diese Erfahrungen hätten sein unternehmerisches Handeln beeinflusst, gesteht er. Die Handtmann-Gruppe habe in den vergangenen drei Jahren rund 250 Millionen Euro investiert, soviel wie in den gesamten zehn Jahren zuvor. Ein Großteil der Summe sei in die Erweiterung und Modernisierung der Gießerei geflossen, so beispielsweise in ein Magnesium-Getriebeprojekt für Daimler und Audi am Standort in Biberach (Bild 4). „Wir können allerdings als Familienunternehmen nicht jedes Jahr 100 Millionen Euro investieren. Wir wollen keinesfalls in eine finanzielle Schieflage geraten“, betont Arthur Handtmann. Ein wenig habe er sich für die Schwierigkeiten, die er anfangs mit einigen Banken hatte, revanchiert. „Später wurde ich in den Aufsichtsrat einer Bank berufen. Die hatten dort sicherlich nicht viel Freude mit mir“, erzählt er und wieder blitzt es schelmisch in seinen Augen.

Familiencharta und Familientage fördern Zusammenhalt

 Seine Mitarbeiter respektvoll zu behandeln und fair gegenüber Geschäftspartnern zu agieren – diesen Vorsatz haben sicherlich viele Unternehmen. Bei Handtmann allerdings geht man noch einen Schritt weiter. Hier gibt es seit einigen Jahren die sogenannte Familiencharta. Sie schreibt die Firmenphilosophie fest, an die alle Anteilseigner gebunden sind. Darauf aufbauend hat man für das Unternehmen Unternehmenswerte festgeschrieben: Werte wie Ehrlichkeit, Fairness, Wahrhaftigkeit und Zusammenarbeit sind darunter. Jeder Mitarbeiter wird geschult. Zu den Werten zählt auch Sparsamkeit. Einen Privat-Chauffeur? Den hält Arthur Handtmann bis heute für überflüssig; er fährt lieber selbst. Er sei halt halb Schwabe und halb Schotte, scherzt er. Seine Mutter sei Schottin gewesen. Außerdem ist es ihm wichtig, dass ein Großteil der erwirtschafteten Gewinne im Unternehmen verbleibt, um so weiteres Kapital für Investitionen anzusammeln. Seit 2006 kommen alle Familienmitglieder einmal im Jahr zum sogenannten Familientag zusammen, den Arthur Handtmann und seine Ehefrau Ilse ins Leben gerufen haben: Die Familien von Sohn Thomas und den Töchtern Ursula und Elisabeth, 17 Enkel samt Angetrauten und ein Urenkel reisen dann nach Biberach. Sie sind unter anderem Tierärzte, Landwirte, Brauer, Maschinenbauingenieure: Die zweitägige Veranstaltung startet stets mit der Besichtigung eines Betriebes. Anschließend führen Fachleute aus Wirtschaft, Technik und Management an Fachthemen heran und stellen Veränderungen im Unternehmen vor. Nach anfänglichem Zögern freuen sich heute alle auf die jährlichen Zusammentreffen. „Meine Frau und ich hoffen sehr, dass wir auf diese Weise auf gut ausgebildete Nachwuchsführungskräfte aus den Familien rechnen können“, sagt Handtmann. Eine Enkelin arbeitet bereits im Beirat der Unternehmensholding mit. Gezwungen werde allerdings niemand, betont Arthur Handtmann. Auch Sohn Thomas Handtmann sei langsam in das Unternehmen hineingewachsen und habe dann 1998 – im Rahmen des 125-jährigen Bestehens von Handtmann – die Unternehmensleitung übernommen. „Das verlief alles ganz reibungslos. Ein Handschlag und das war es“, erinnert sich Handtmann Senior, der seinem Sohn voll und ganz vertraut. Thomas Handtmann absolvierte eine Ausbildung bei ZF Friedrichshafen, hängte ein Ingenieurstudium an der ETH Zürich dran – „hat er prima bestanden“ – und sammelte anschließend Berufserfahrung im In- und Ausland, unter anderem bei Mitsubishi in Japan, erzählt Arthur Handtmann stolz. Danach überträgt ihm der Vater die Verantwortung für die Armaturenfabrik, die vor allem für Brauereien arbeitet. Lösungsorientiert sei sein Sohn, jemand der Innovationen vorantreibe. Er stehe für dieselben Werte und setze gleichzeitig eigene Akzente. Im Jubiläumsjahr dann schließlich die Gründung einer Holding, Vater und Sohn scheiden aus den Einzelgesellschaften aus, Handtmann senior übernimmt den Vorsitz des Beirats, Handtmann junior die Geschäftsführung der Holding.

Familienstiftung – ein Herzensanliegen

 Um sicherzustellen, dass sein Lebenswerk auch langfristig in Familienhand bleibt, hat Arthur Handtmann 2014 beschlossen, seinen Anteil von 51 Prozent an der Unternehmensgruppe in eine Familienstiftung einzubringen. „Eine Familienstiftung stirbt nicht.“ So werde vermieden, dass das Vermögen auf zu viele Erben verteilt und dadurch zersplittert werde. Das Unternehmen bleibe langfristig in Familienbesitz „Sie garantiert Sicherheit für die Unternehmensgruppe, die Arbeitsplätze und die Mitarbeiter“, ist Arthur Handtmann überzeugt, der die Stiftung leitet. Zudem sei die Stiftung ein Garant dafür, dass die Werte der Familie Handtmann auch langfristig in den Betrieben umgesetzt werden, ist sich Handtmann sicher. Denn ohne gelebte Werte funktioniere eine Gemeinschaft nicht, sei es ein Unternehmen, eine Familie oder ein Staat. Arthur Handtmann jedenfalls wird seine Werte, für die er als Unternehmer und Mensch steht, weiterhin jeden Tag vorleben und zum Wohle der Handtmann Unternehmensgruppe einbringen. Und das Vollzeit – versteht sich.