Fachartikel

3.05.2016
erschienen in GIESSEREI Heft 5|2016

Von Null auf Hundert: Ausbildung bei Sachsen Guss GmbH in Chemnitz

Bis zum fertigen Gussteil sind es viele verschiedene Schritte, die die Auszubildenden Stück für Stück in der Ausbildung lernen.

Die heutige Sachsen Guss GmbH in Chemnitz-Wittgensdorf hat in ihrer mehr als einhundertjährigen Firmengeschichte schon einiges erlebt: mehrfache Eigentümerwechsel, neue Unternehmensstrategien und wechselnde Firmenbezeichnungen. Wurde die Ausbildung junger Fachkräfte vor einigen Jahren noch zurückgefahren, entwickelt sich Sachsen Guss nun zu einem innovativen Ausbildungsstandort. Moderne Ausbildungskonzepte, gelebte Firmenwerte und interessante Berufsperspektiven überzeugen viele Jugendliche.

VON KARIN HARDTKE, RATINGEN

Gunter Tittmann arbeitet seit über 40 Jahren für die Traditions-Gießerei in Chemnitz-Wittgensdorf. Mehr als 30 Jahre begleitet er bereits junge Menschen auf dem Weg in das Berufsleben, seit vielen Jahren ist er Ausbildungsleiter. Gunter Tittmann hat in dieser Zeit schon einiges erlebt, ihn kann so schnell nichts mehr beeindrucken. „Ich könnte ein Buch über meine Erlebnisse schreiben“, scherzt er. Dass das Unternehmen mit seinen rund 600 Beschäftigten zurzeit allerdings fast 40 junge Menschen in den unterschiedlichsten Berufen ausbildet, darüber freut sich der erfahrene Ausbilder dann doch sichtlich. Nach einer mehrjährigen Ausbildungspause hatten im September 2014 die ersten zwölf Auszubildenden ihre Lehre in Wittgensdorf begonnen. Inzwischen wird hier wieder in insgesamt sieben Ausbildungsberufen ausgebildet. Gießereimechaniker und Technische Modellbauer sind genauso darunter wie Zerspanungsmechaniker, Mechatroniker oder kaufmännische Berufe. „Acht bis zehn Gießereimechaniker und zwei technische Modellbauer sind es jedes Jahr“, erzählt der Ausbildungsleiter sichtlich stolz. Die Gießerei in Wittgensdorf wurde im Jahr 1898 als Eisen- und Metallgießerei gegründet und gehörte zu DDR-Zeiten zum VEB Vereinigte Chemnitzer Gießereien. Nach der Wende wurde der Betrieb privatisiert und einige Jahre später von der Flender AG aus Bocholt übernommen. Im Jahr 2005 ging die Gießerei schließlich an den Siemens-Konzern. Der stellte die Ausbildung am Standort in Wittgensdorf im Jahr 2010 komplett ein und verlagerte sie in die Siemens-Niederlassung nach Chemnitz-Stadt. Als sich abzeichnete, dass die Siemens Gusstechnik GmbH – wie die Gießerei inzwischen hieß – allein durch Aufträge aus dem Siemens-Konzern langfristig nicht ausgelastet sein würde, suchte man nach einem Investor, der der Gießerei eine neue Perspektive geben könnte. Der wurde schließlich mit Josef Ramthun gefunden, Gesellschafter der Franken Guss Kitzingen GmbH & Co. KG in Bayern. Seit 2013 produziert die Chemnitzer Eisengießerei nun als eigenständiges Unternehmen innerhalb eines mittelständischen Gießereiverbundes, zu dem neben Franken Guss auch die WBG Wittgensdorfer Gussbearbeitungs GmbH & Co. KG gehört. „Durch den Erwerb der Siemens Gusstechnik erweitern wir unser Portfolio deutlich, gewinnen fundiertes Know-how der Mitarbeiter in Chemnitz und sichern so den eingeschlagenen Wachstumskurs nachhaltig ab“, erklärte Ramthun damals.

Demografischer Wandel – rechtzeitig auf Herausforderungen reagieren

Den eingeschlagenen Wachstumskurs fortführen und auf fundiertes Mitarbeiter-Know-how in Chemnitz bauen, das bedeutete für Josef Ramthun auch, verstärkt in die Ausbildung bei Sachsen Guss, wie die Gießerei fortan heißt, zu investieren. Sachsen Guss ist spezialisiert auf die Herstellung maschinen- und handgeformter Eisengussteile mit einem Stückgewicht von 0,5 Kilogramm bis 25 Tonnen, Einsatzwände für Turbolader oder Zylinder für Kolbenkompressoren sind darunter (Bild 1). Rund eine Viertelmillion Euro nahm man hier in die Hand, baute moderne Schulungsräume und stattete die in die Jahre gekommene Ausbildungswerkstatt mit einem Maschinenpark auf neuestem Stand der Technik aus. Für weitere 100 000 Euro wurde der Lehrwerkstatt auch noch ein ansprechendes Äußeres verpasst. Mittlerweile ist die Ausbildungswerkstatt so gefragt, dass auch Unternehmen aus der Umgebung ihre Auszubildenden nach Wittgensdorf schicken. Mehrere hunderttausend Euro werden jedes Jahr für Weiterbildung und Führungskräfteentwicklung bereitgestellt. Die Entscheidung, wieder selbst auszubilden, sei im Unternehmen durchweg positiv aufgenommen worden, sagt Dr. Guntram Schönherr, Personalleiter bei Sachsen Guss. „Das Durchschnittsalter unserer Mitarbeiter liegt jenseits der Vierzig. Es wäre ja fast sträflicher Leichtsinn, wenn wir nicht in die Ausbildung unseres Fachkräftenachwuchses investieren würden.“ Zu diesem Nachwuchs gehören auch Danja Fröhner und Maximilian Mai. Die beiden Sechzehnjährigen haben am 1. September 2015 mit 14 anderen Jugendlichen ihre Ausbildung begonnen. Maximilian Mai will Technischer Modellbauer werden, Danja Fröhner hat sich für eine Ausbildung zur Gießereimechanikerin entschieden. Der ehemalige Gymnasiast wollte keinesfalls studieren, sondern „etwas mit den Händen machen“. Ein Betriebsrundgang durch die Gießerei brachte bei Danja Fröhner die Entscheidung. „Da wusste ich sofort, dass ich Gießereimechanikerin werden möchte.“ Die Einschätzung der beiden nach gut einem halben Jahr Ausbildung fällt eindeutig aus (Bild 2). „Super Betriebsklima, vielseitige Ausbildung und volle Unterstützung durch die Ausbilder.“

Gute Zusammenarbeit mit Arbeitsagentur und IHK

Nicht wenige Jugendliche würden durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf eine Ausbildung bei Sachsen Guss aufmerksam, erzählt Personalleiter Guntram Schönherr. Oftmals arbeite bereits ein Verwandter oder Bekannter im Unternehmen. Aber dieser Kommunikationskanal reiche in der heutigen Zeit nicht mehr aus, um geeigneten Fachkräftenachwuchs zu finden. So ist man auch bei Sachsen Guss auf Ausbildungsmessen präsent, öffnet am Tag der Ausbildung seine Pforten, bietet Praktikumsplätze an und arbeitet eng mit Schulen zusammen. Ausbildungsleiter Gunter Tittmann besucht regelmäßig Schulklassen und wirbt für technische Ausbildungsberufe, insbesondere Gießereimechaniker und Technischer Modellbauer. „Viele Schüler wissen heute nicht, was sie werden wollen. Und viele Eltern wissen nicht, wie sie ihren Kindern bei der Berufswahl helfen können“, ist seine Erfahrung. Und Guntram Schönherr ergänzt: „Kaum ein junger Schüler hat als Berufswunsch Gießereimechaniker. Feuerwehrmann vielleicht oder Pilot. Hier sind die Gießereiunternehmen gefordert, frühzeitig Interesse zu wecken.“ Die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur und der Industrie- und Handelskammer in Chemnitz funktioniert prima. Der ein oder andere geeignete Bewerber sei auf diesem Weg schon zu Sachsen Guss gekommen. Zusammen mit der IHK entstand vor zwei Jahren ein Imagefilm, der die Berufe Gießereimechaniker und Technischer Modellbauer vorstellt. Das Video sei oft auf YouTube angeschaut worden, erzählt Personaler Schönherr. Wer sich den Film ansehe, der zeige eben auch, dass er sich im Vorfeld über Ausbildungsberufe informiert. Denn darauf legen die Verantwortlichen bei Sachsen Guss Wert. „Wir wünschen uns Auszubildende, die sich langfristig mit ihrem Beruf und dem Unternehmen identifizieren. Es wäre für alle Seiten unbefriedigend, wenn beispielsweise ein angehender Gießereimechaniker nach dreieinhalb Jahren Ausbildung feststellt, dass er doch lieber als Koch oder Musiker arbeiten würde“, sagt Personaler Schönherr (Bild 3).

Papier ist geduldig – Werte aber wollen gelebt werden

Bei der Bewerberauswahl spielt neben den Abschlussnoten auch die Persönlichkeit der Jugendlichen eine wichtige Rolle. Pünktlichkeit, eine gewisse Disziplin und der Wille, Verantwortung zu übernehmen, seien Charakterzüge, die einfach vorhanden sein müssen. Mit dem Einstieg von Josef Ramthun vor gut drei Jahren hat das Unternehmen auch ein neues Selbstverständnis entwickelt und dieses in einer Art „Wertecharta“ niedergelegt. Sie definiert gleichermaßen Außen-Werte im Kontakt mit Kunden und Geschäftspartnern und innere Werte für das tägliche kollegiale Miteinander. Respekt, Integrität, Vertrauen und Verantwortung – diese inneren Werte werden allen Neu-Azubis gleich zu Beginn ihrer Ausbildung im Rahmen der Einführungswoche nahegebracht. „Wie gehen wir im Arbeitsalltag miteinander um? Wie lösen wir Konflikte? Diese Fragen diskutieren wir mit den jungen Menschen. Sie sollen lernen, diese Werte im Firmenalltag zu leben“, sagt Personalleiter Guntram Schönherr. Bei Maximilian Mai und Danja Fröhner kommt die Wertecharta jedenfalls gut an. „Wenn ich unten in der Gießerei arbeite, dann ist es ja wichtig, dass ich dem Kranführer da oben vertrauen kann, dass er seine Arbeit verantwortungsvoll macht“, erklärt Danja Fröhner. Und überhaupt kommt die Einführungswoche bei den Auszubildenden gut an. Denn neben der Wertevermittlung gehört auch ein dreitägiges Programm in Zusammenarbeit mit der AOK Chemnitz dazu. Dies weiht die Jugendlichen in die Geheimnisse gesunder Ernährung, rückenschonender Arbeitshaltung und den Umgang mit Stresssituationen ein. Ein Betriebsrundgang mit Eltern und Freunden nebst gemeinsamem Frühstück und der Besuch eines Hochseilgartens mit anschließendem Grillfest schweißen die Azubis zusammen und legen den Grundstein für die zukünftige Wertegemeinschaft. „Die Einführungswoche war einfach klasse“, erinnert sich Danja Fröhner. Für ihr betriebliches Gesundheits- und Eingliederungsmanagement mit intern entwickeltem Frühwarnsystem und vielfältigen präventiven Gesundheitsangeboten wurde die Sachsen Guss erst kürzlich mit dem Inklusionspreis der Deutschen Bundesregierung ausgezeichnet. Die meisten Auszubildenden kommen aus den umliegenden Ortschaften, berichtet Ausbildungsleiter Gunter Tittmann. Da viele Jugendliche allerdings noch keinen Führerschein haben und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, hat man bei Sachsen Guss die Arbeitszeit der Azubis so angepasst, dass Bus und Bahnverbindungen problemlos erreicht werden können – „entspanntes Duschen und Umziehen eingeschlossen“, scherzt Tittmann. Maximilian Mai hat inzwischen seinen Motorradführerschein gemacht, Danja Fröhner fährt zurzeit noch mit ihrem Vater zur Arbeit, der hier als Fachkraft für Arbeitssicherheit tätig ist. Danja Fröhner und Maximilian Mai wollen auf jeden Fall bei Sachsen Guss bleiben, egal mit welchem Verkehrsmittel sie zukünftig zur Arbeit kommen werden.