Fachartikel

9.03.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 3|2017

Alles eine Frage von Kupfer

Der Materialfluss zwischen dem neuen Lager und den Arbeitsplätzen wird nach Industrie 4.0-Prinzipien gesteuert.

Ein Unternehmen, drei unterschiedliche Geschäftsbereiche, davon in zwei Bereichen Weltmarktführer – die Gebr. Kemper GmbH + Co. KG, Olpe, ist alles andere als eine normale Firma. Um das Familienunternehmen richtig zu verstehen, muss man schon ganz genau hinschauen und darf die Geschichte nicht außer Acht lassen. Die begann vor 150 Jahren und die Basis des Erfolgs ist der gekonnte Umgang mit Kupfer.

VON PIT JUNKER, KÖLN

Es ist nicht genau überliefert, zu welcher Auseinandersetzung es gekommen ist, als Johann-Anton Kemper 1864 gemeinsam mit seinem Bruder Eduard die Scharnierfabrik Gebr. Kemper gründete und sich als Standort den Gemüsegarten seiner Frau aussuchte. Sicher ist nur, dass er wohl die besseren Argumente hatte und sich durchsetzen konnte. Denn aus der „Gemüsegartenfabrik“, die in den ersten Jahren vor allem Scharniere für Munitionskisten produzierte, ist ein weltweit führender Anbieter von Armaturen und Systemen für die Gebäudetechnik, Rotgussteile und Walzprodukte geworden. „Und das Unternehmen expandiert weiter“, betont Rupprecht Kemper, der das mittelständische Familienunternehmen in fünfter Generation führt. Die Geschäftsbereiche Gebäudetechnik, Gusstechnik und Walzprodukte bilden heute die wirtschaftlichen Säulen des Unternehmens mit weltweit 850 Beschäftigten, davon allein 770 am Standort im sauerländischen Olpe. Mit der „Trinkwasser Hygiene-Systemtechnik für die technische Gebäudeausrüstung“ und den „gewalzten Bändern aus Kupferlegierungen für Hochleistungsanwendungen in der elektronischen Industrie“ ist Kemper Weltmarktführer. „Dass wir mit drei Geschäftsbereichen auf völlig unterschiedlichen Märkten unterwegs sind, hat uns eine enorme Stabilität verliehen, mit der wir Krisen immer gut bewältigen konnten“, sagt Stefan Pohl, Leiter Marketing und Vertriebscontrolling.

Eine große Kupfer-Liebe

Das Ausgangsmaterial und gleichzeitig die Basis aller drei Standbeine ist Kupfer. „Wir sind seit 150 Jahren diesem Metall treu geblieben“, sagt Pohl, „und haben im Umgang damit ein unglaubliches Wissen angesammelt.“ Was damit gemacht wird, zeigt sich unter anderem im Werk 2 bei den Walzprodukten aus Kupfer und Kupfer-Sonderlegierungen. Hier werden Bänder in Breiten von 3 bis 35 Zentimetern und Dicken von 0,1 bis 3 Millimetern produziert. Beliefert werden damit Stanzbetriebe, die sogenannte Halbzeuge vor allem für die Automobil- und Kommunikations- sowie die Elektro- und Elektronikindustrie fertigen. In hochkomplexen Anlagen, die teilweise an Druckrotationen von Zeitungen erinnern, werden die Bänder mit einer Fertigungstoleranz von wenigen Tausendstel Millimetern gewalzt. Das sei Hochpräzision, betont Pohl, und erfordere „extreme Oberflächenqualitäten“, die wiederum nur „bei gleichmäßigen metallurgischen Strukturen“ möglich seien. Um diese Qualität realisieren zu können, sei ein hochkomplexes Zusammenspiel von Schmelzen, Walzen und Glühen nötig. Die Gießerei im Werk 1 bedient dagegen die Geschäftsbereiche Gusstechnik und Gebäudetechnik mit Bauteilen, die im Sandgießverfahren gefertigt werden. Führende Anbieter der Sanitär- und Wassertechnik sowie Steuer- und Regelungstechnik setzen seit vielen Jahren auf die Gusstechnikprodukte der bereits 1884 gegründeten Gießerei. Die als Halbzeug gefertigten Gussteile werden Pohl zufolge nach den spezifischen Vorgaben der Weiterverarbeiter entwickelt, gegossen und bearbeitet.

Spezialist für korrosionsbeständige Armaturen

Aus der Gusstechnik heraus entwickelte sich Mitte des letzten Jahrhunderts dann ein Portfolio von eigenen Armaturen, speziell für industrielle Anwendungen und den Schiffbau. Das von Kemper perfektionierte Rot- oder auch Bronzegießen zeichnet sich nämlich durch eine hohe Korrosionsbeständigkeit aus und ist damit vielen anderen Werkstoffen bei aggressiven Umwelt- oder Medienbedingungen überlegen. Der entscheidende Durchbruch für das damalige Geschäftsfeld Armaturen (heute Gebäudetechnik) gelang dann Anfang der 1970er-Jahre mit dem sogenannten Weser-Ventil, einer korrosionsbeständigen Haustechnikarmatur aus Rotguss. Damals waren Verantwortliche des Hochbauamtes Bremen auf die meerwasserbeständigen Schiffsarmaturen von Kemper aufmerksam geworden und hatten spezielle Ventile für die Verteilung ihres, aus der Weser gewonnenen und stark aggressiven Trinkwassers bestellt. Heute zählen Gebäudetechnikarmaturen und Systeme zum Fertigungsprogramm. Das Unternehmen hat sich seit 2007 zunehmend als Systemanbieter profiliert. Damals wurde das „Kemper Hygienesystem“ (KHS) für die Aufrechterhaltung der Trinkwasserhygiene eingeführt, mit dem Kemper Weltmarktführer ist.

Hohe Investitionen am heimischen Standort

„Für die Gebäudetechnik“, sagt Stefan Pohl, „entwickeln wir hochkomplexe Systeme, die hinter der Wand verschwinden und dafür sorgen, dass sich die Wasserqualität innerhalb der Installationssysteme, beispielsweise in Krankenhäusern, Altenheimen oder Hotels, nicht negativ verändert.“ Das gelte besonders für Bereiche oder Zimmer, die nicht belegt sind und wo aufgrund fehlender Wasserentnahme das Risiko von Verkeimung entstünde. „Während wir beim Gießen und Walzen über großes Produktions-Know-how verfügen, ist es bei der Gebäudetechnik vor allem ein umfangreiches Entwicklungs-Know-how“, so Pohl weiter. Dass man bei Kemper gerade für den Bereich Gebäudetechnik große Zukunftschancen sieht, macht schon allein die Tatsache deutlich, dass gerade 20 Millionen Euro in den Bau einer hochmodernen Fertigungsstätte am heimischen Standort investiert werden. In dem neuen Werk 4 wird die komplette Armaturenfertigung untergebracht. Ebenfalls im Werk 4 entsteht eine vollautomatische Logistik zwischen Wareneingang, Montage, Fertigwaren- und Zubehörlager sowie Kommissionierung und Versand. Zusammen mit den hochmodernen Arbeitsplätzen sollen hier Prinzipien von Industrie 4.0 umgesetzt werden. Das heißt, Materialflüsse werden automatisch gesteuert und optimiert, Maschinen organisieren sich selbst und Lagerbestände werden je nach Bedarf erhöht oder heruntergefahren. Das Unternehmen entwickelt sich so permanent weiter, meint Pohl. Schließlich habe man auch darin 150 Jahre Erfahrung.

www.kemper-olpe.de