Fachartikel

1.02.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 2|2017

Der feinfühlige 15-Tonnen-Koloss

Geschäftsführer Lars Greitsch leitet die Gießerei Mecklenburger Metallguss in Waren an der Müritz.

Der weltgrößte Industrieroboter mit Elektroantrieb arbeitet bei MMG in Waren. Entwickelt wurde er am Fraunhofer-Institut in Rostock. Er könnte helfen, neue Jobs zu schaffen, meint sein Erfinder.

VON GERALD KLEINE-WÖRDEMANN, ROSTOCK 

Mit leisem Surren senkt die gelbe Maschine ihren einzigen Arm nach unten. Kein Detail entgeht den Sensoren, mit denen der Roboter die riesige, vor ihm liegende Schiffsschraube abtastet. Es surrt erneut, langsam bewegt sich der Arm. „Der arbeitet extrem genau“, staunt Reymond Tietz. Der gelernte Schlosser ist bei Mecklenburger Metallguss (MMG) in Waren an der Müritz für die Aufmaß-Vermessung zuständig. Und er betritt technologisches Neuland: In einem Modellprojekt mit dem Fraunhofer-Institut setzt der Weltmarktführer für große Schiffsschrauben erstmals einen Industrieroboter ein.

Der feinfühlige 15-Tonnen-Koloss wurde in Rostock entwickelt, am Fraunhofer-Anwendungszentrum für Großstrukturen in der Produktionstechnik (Fraunhofer AGP). „Es ist der größte elektrisch angetriebene Großroboter weltweit“, sagt sein Erfinder, der Professor Christoph-Martin Wanner. Früher entwickelte Wanner sogar noch größere Roboter für Betonpumpen bei seinem früheren Arbeitgeber, der Firma Putzmeister. Die wurden allerdings hydraulisch angetrieben. Sein „Rostocker Baby“ ist zweieinhalb mal so groß und leistungsstark wie das nächstgrößte am Markt erhältliche Gerät, das mit Strom läuft. In der Autoindustrie werkeln die stummen Kollegen schon seit Jahrzehnten vor sich hin. In Gießereiunternehmen wie MMG sieht man sie eher selten.

Der Fraunhofer-Roboter ist ein Prototyp. Die mehrmonatige Testphase hat er gerade mit Erfolg beendet. Ob sein Vertrag in Waren verlängert wird, ist aber noch nicht entschieden. „Wir sind in guten Gesprächen“, sagt MMG-Geschäftsführer Lars Greitsch. Es geht um den perfekten Feinschliff für die Schiffsschraube: Wie viel Bronze muss an welcher Stelle von einem frisch gegossenen Schiffspropeller-Rohling abgefräst und abgeschliffen werden, damit er seine makellose Form erhält? Dabei kommt es auf jeden Zehntelmillimeter an. Schon kleine Ungenauigkeiten können dazu führen, dass die Schiffsschraube nicht so rund läuft, wie sie sollte. Folgen können ein vibrierender Schiffsrumpf bei bestimmten Drehzahlen sein, schlimmstenfalls reißt eine Stück von einem Flügel des Propellers ab, wenn bei voller Fahrt irrsinnige Kräfte an seinen Außenkanten zerren. Kollege Roboter hilft dabei, dass der Propeller die gewünschte Form erhält. Er misst den Rohling und beklebt ihn mit Hunderten Messpunkten. Dann bohrt er in jeden der Punkte ein Loch, ein bis acht Millimeter tief. Das zeigt an, wie viel Material abgetragen werden muss. Über das Bohren ist Schlosser Reymond Tietz besonders froh. Denn das wird sonst von Hand gemacht. Das ist anstrengend, eintönig und nicht ganz ungefährlich: „Ich muss dazu auf dem ganzen Propeller herumklettern“, sagt Tietz. Arbeitsschutz ist ein wesentlicher Teil des Modellversuchs, erklärt MMG-Geschäftsführer Greitsch. Allerdings geht es dabei eher um die mögliche Gefahr, dass Arbeiter durch den Roboter verletzt werdyen - was noch nicht passiert ist. Auch die anderen Ergebnisse können sich sehen lassen. Der Roboter schafft in einer Schicht so viel wie menschliche Arbeiter in zweien.

Die Maschine zu kaufen würde laut MMG „einige Hunderttausend Euro“ kosten. Professor Wanner beziffert die Betriebskosten, über die gesamte „Lebenszeit“ gerechnet, auf unter fünf Euro pro Stunde. Müssen jetzt manche der 230 MMG-Beschäftigten um ihren Job bangen, weil sie plötzlich zu teuer geworden sind? Greitsch winkt ab - so viele Arbeitskräfte binde das Vermessen und Anbohren ja nicht. Und der Roboter müsse auch eingerichtet und betreut werden - von Menschen. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Facharbeiter arbeitslos werden“, meint auch Wanner. Er geht davon aus, dass dank des Roboters die Produktivität steigen wird und unter dem Strich zusätzliche Jobs entstehen.

Quelle: Ostsee-Zeitung vom 13. Oktober 2016

www.mmg-propeller.de