Fachartikel

24.05.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 5|2017

Generationenwechsel mit Herz

Vielversprechendes Geschäftsführer-Duo: Dr. Jochen Otzipka und Kathrin Grüne.

Laut dem Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen geht es beim Generationenwechsel nicht nur um Zahlen und Management-Know-how, sondern vielmehr auch um Emotionen. Diese Erkenntnis zeigt: Jeder Wechsel von Alt zu Jung im Unternehmen ist anders. Bei der Gießerei Dillenberg in Düsseldorf ist der Stabwechsel gelungen – mit Feinfühligkeit, Respekt und viel Geduld.

 VON ROBERT PITEREK, DÜSSELDORF

Dreizehn Jahre ist es her, dass ich mir das erste Mal Gedanken über die Nachfolge der Dillenberg-Gießerei gemacht habe“, erinnert sich Detlef Grüne, heute 71 Jahre alt und seit mittlerweile über 40 Jahren Geschäftsführer eines klassischen mittelständischen Familienunternehmens – Gründungsjahr 1919, 110 Beschäftigte, rund 400 Kunden. „Ich kam zu dem Schluss, dass es bei unserer Abnehmerschaft das Beste ist, dass die Firma weiter ein Familienmitglied leitet“, ergänzt er. Detlef Grüne entschied sich damals statt der sogenannten Gesellschafternachfolge mit externer Geschäftsleitung für die operative Nachfolge, bei der die Familie das Heft in der Hand behält – einer Option, die nach Informationen des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen immer seltener wird. Detlef Grüne selbst erlebte die Familiennachfolge noch ganz nach den Regeln „der guten alten Zeit“: „Ich habe noch eine Schwester und zwei Cousinen und war der einzige Junge – also war klar: Du gehst nach Aachen und studierst“, blickt er zurück. Nach dem gießereitechnischen Studium an der TH Aachen begann er im Unternehmen zu arbeiten, nach acht Jahren gemeinsamer Arbeit mit dem Vater in der Gießerei erfolgte dann der Stabwechsel an den Junior, der die Düsseldorfer Gießerei in die dritte Generation führen sollte. Wer hinhört, entdeckt auch heute noch die alte Schule in ihm: „Als mein Großvater, der Gründer des Unternehmens, starb, war ich 18. Ich habe erfahren, wie er mit meinem Vater gesprochen hat. Diesen Stil hat auch mein Vater übernommen, an mich übertragen und ich gebe ihn nun meinerseits weiter. Dieses klassisch konservative Denken und Handeln, diese Weltanschauung, die wir haben, ist ein ganz wichtiges Fundament für das Übertragen von einer Generation zur nächsten“.

Wechsel mit Hindernissen

Doch bei allem Traditionsbewusstsein – der klassische Weg funktioniert in den Zeiten von Globalisierung und den vielfältigen beruflichen Möglichkeiten, die sich dem Nachwuchs in dieser vernetzten Welt bieten, nicht mehr. Das weiß auch Detlef Grüne – spätestens seit sein Schwiegersohn nach sechs Jahren im Geschäft seine Ambitionen auf die Geschäftsführung aufgab und sich neuen Zielen widmete. Mehr aus Spaß denn aus Kalkül, das hier einmal mehr daraus werden würde, hatte Detlef Grüne seine beiden Töchter und ihre Freundinnen in ihrer Kindheit gelegentlich mit zur Arbeit genommen, ihnen dort Telefone in die Hand gedrückt und gesagt: „Jetzt spielt mal Unternehmer“. Und der Funke sprang über, wenn auch nicht sofort: Nachdem seine Tochter Kathrin Grüne Betriebswirtschaft und Kulturmanagement in England studiert und dann im Auktionshauswesen gearbeitet hatte, entschied sie sich, Personalleitung, Finanzwesen sowie Material- und Metallwirtschaft im Unternehmen zu übernehmen. „Als langfristige Perspektive“, wie sie damals dachte. Dann kam der Schnitt im ursprünglichen Generationenkonzept – die Nachfolge war wieder offen. „Im Zuge dieses Wechsels ist dann die Frage an mich herangetragen worden, ob ich die Geschäftsleitung nicht gemeinsam mit Dr. Jochen Otzipka machen will – er als Technischer Geschäftsführer, ich als Kaufmännische Geschäftsführerin“, erzählt die 41-Jährige.

Seiltanz zwischen Karriere und Familie

Nach elf Jahren gemeinsamer Arbeit im Unternehmen ist heute der Übergang zwischen Senior und Juniorin im „letzten Drittel“ angekommen, wie Detlef Grüne fast ein bisschen wehmütig eingesteht. Das operative Tagesgeschäft leiten auch heute schon seine Tochter und Dr. Otzipka, der wie Detlef Grüne an der TH Aachen Maschinenbau studiert hat. Dem klassischen Weg beim Generationenwechsel weint Detlef Grüne nicht nach, im Gegenteil, er weiß die moderne Lebensart seiner Tochter, den Seiltanz zwischen Karriere und Familie zu schätzen, den sie mit drei Kindern zwischen 5 und 9 Jahren und ihrem ebenfalls berufstätigen Mann bewältigen muss. Einen männlichen „Thronfolger“ braucht er nicht. Entscheidend sind das Wollen und das Können. Detlef Grüne zeigt damit, dass er mit der Zeit gehen kann – und damit den Weg hin zur mittlerweile vierten Generation aus den Reihen der Familie ebnet.

Gibt es ein Geheimrezept für den erfolgreichen Übergang?

Von sieben Unternehmen, die im Generationenwechsel sind, scheitern fünf – eine ungeheuer große Zahl von Firmen meistert diese Herausforderung also nicht. Das macht deutlich, dass ein reibungsloser Wechsel von der einen zur anderen Generation alles andere als leicht ist. Gibt es ein Geheimrezept für den erfolgreichen Übergang? Vielleicht ist das Scheitern vorprogrammiert, wenn der Senior nicht loslassen und dem Junior das Feld überlassen kann? Doch auch Detlef Grüne fällt es nicht leicht, das Geschäft vollständig abzugeben. „Ein Gießer verlässt sein Unternehmen nie“, zitiert Kathrin Grüne lachend aus den Kreisen von Familienunternehmen der Branche. „Das hat aber damit zu tun, dass wir nicht in Quartalen oder Jahresabschlüssen denken, sondern in Generationen“, kontert Detlef Grüne und fährt fort: „Es gibt so viele spezifische Dinge und Besonderheiten für uns als klassischen Kundengießer für den Maschinen- und Anlagenbau, die an die nächste Generation weitergegeben werden müssen – das ist ein Prozess, der vier bis fünf Jahre braucht.“ Während das dem einen oder anderen ehrgeizigen Nachfolger zu lange dauern könnte, sieht Kathrin Grüne die Vorteile einer langen Zusammenarbeit mit umfassendem Erfahrungsaustausch. Doch ohne Regeln der Zusammenarbeit ging es auch bei Detlef und Kathrin Grüne nicht: „Als Senior muss man den Junioren die Freiheit und das Vertrauen schenken und sagen: Ja, sie schaffen das schon! Sie machen das auf ihre Weise, aber sie machen es gut“, betont Kathrin Grüne mit fester Stimme. „Andererseits muss die Akzeptanz da sein, dass sich der Senior auch mal einmischt. Im Umgang miteinander, auch mit Dr. Otzipka, pflegen wir einen offenen Austausch und haben uns angewöhnt, mit dem Feedback des anderen umzugehen“, setzt sie hinzu. Für Detlef Grüne ging mit dem Eintritt der Tochter ins Unternehmen ein Wunsch in Erfüllung, die Zusammenarbeit war aber auch ein Lernprozess. Vor etwa fünf Jahren begann er dann, sich mehr und mehr aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen – mit dem Hinweis, für Fragen weiterhin offen zu sein und zur Verfügung zu stehen.

Vertrauen ist Trumpf

Regeln der Zusammenarbeit sind gut, doch ein Bestandteil darf bei einem erfolgreichen Generationenwechsel nicht fehlen, da sind sich Detlef und Kathrin Grüne einig: Vertrauen! „Wer ein Familienunternehmen in die nächste Generation führen will, muss die Unterstützung, aber auch das Vertrauen haben“, ist Detlef Grüne überzeugt. Seine Tochter ergänzt: „Herrscht Misstrauen untereinander, entwickelt sich nichts – der jüngere Part kann sich nicht entwickeln und der ältere sich nicht zurückziehen.“ Im Fall von Dillenberg waren zunächst die Anteilseigner im Familienbeitrat zu überzeugen. Schwager, Cousinen und Cousins aus vier Familien entscheiden mit darüber, wie es mit der Buntmetallgießerei im Düsseldorfer Stadtteil Eller weitergeht. „Fünf Jahre ist das jetzt her“, erinnert sich Kathrin Grüne, als die Entscheidung, dass sie die Geschäfte ihres Vaters weiterführt, getroffen wurde. „Wir haben immer gesagt: Wir wollen das Unternehmen weiterführen, es geht um den Erhalt der Arbeitsplätze und den guten Ruf, den wir am Markt haben.“ Schließlich gewann Kathrin Grüne das Vertrauen der Familie. Ein Grund für den einvernehmlichen Konsens ist die gelebte Transparenz bei Dillenberg: „Wir treffen uns regelmäßig mit dem erweiterten Familienkreis, geben Informationen heraus und veröffentlichen alle sechs Monate unsere Dillenberg-News, die den genauen Stand der Dinge im Unternehmen abbilden“, berichtet Detlef Grüne. Auch er selbst musste sich in den letzten Jahren erst davon überzeugen, dass seine Tochter die Richtige für den Job ist – denn in der Familie herrscht das Credo: Unternehmen geht vor Familie. Und das bedeutet für Detlef Grüne vor allem ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein – den Mitarbeitern, der Familie und den Kunden gegenüber. Heute weiß er, dass seine Tochter das Zeug zur Geschäftsführerin hat, drei Dinge waren für diese Erkenntnis aber unverzichtbar: gegenseitige Akzeptanz, gegenseitige Toleranz und gegenseitiges Vertrauen!

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