Fachartikel

4.04.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2017

Große Umbrüche, große Chancen

„Bereits 2020 wird mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus dem Bereich Elektrifizierung kommen
und das schließt auch die Elektrifizierung von Komponenten des Verbrennungsmotors ein“ (Foto: Rheinmetall Automotive AG)

Die Automobilindustrie wird in der nächsten Dekade größere Veränderungen erleben als in den vergangenen 100 Jahren, und zwar weltweit. Megatrends wie eine zunehmende Urbanisierung mit neuen Geschäftsmodellen städtischer Mobilität, die wachsende Vernetzung und die immer stärker einsetzende Elektromobilität verändern unsere Welt.

Von HORST BINNIG, NECKARSULM

Zwar herrscht allgemein noch große Unsicherheit, in welchem Maße elektrische Antriebe bei PHEVs (plug-in hybrid electric vehicle) oder BEVs (battery electric vehicle) in Zukunft zulegen werden, aber eines ist klar: Hybridisierung und Elektromobilität werden die klassische Beziehung zwischen Herstellern und Zulieferern neu definieren. Das hat schon allein technische Gründe. Hinzu kommen die speziell bei neuen Technologien immer kürzer werdenden Entwicklungszyklen. Sie machen eine funktionierende Verlinkung zwischen den Partnern auf allen Ebenen umso wichtiger.

Hybride und batterieelektrische Fahrzeuge setzen zudem eine große Zahl neuer Komponenten im Fahrzeug voraus. Diese Lieferkette muss zwangsläufig neu definiert werden. Wenn ich unseren aktuellen Lieferanteil zur Optimierung des Antriebsstranges beim Verbrennungsmotor sehe, dann beinhaltet das, was sich bei uns aktuell in der Entwicklungspipeline für künftige Antriebsformen befindet, einen erheblichen wertmäßigen Zuwachs. In Zahlen ausgedrückt könnte das, was wir zurzeit entwickeln, unseren Anteil pro Fahrzeug, insbesondere bei Hybriden, nahezu verdoppeln.

Bereits 2020 wird mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus dem Bereich Elektrifizierung kommen und das schließt auch die Elektrifizierung von Komponenten des Verbrennungsmotors ein. Das gilt nicht nur für unsere mechatronischen Produkte, auch die sogenannten „Hardparts“ entwickeln sich in die Richtung der zukünftigen Mobilität. Dabei sind unsere Gusskomponenten für Batterieträger von Elektrofahrzeugen nur ein Beispiel. Hinzu kommen sehr komplexe gekühlte Aluminiumgehäuse für Elektroantriebe selbst oder Strukturbauteile und kleinere Gusserzeugnisse im Leichtbau. Für mich also kein Grund, der Elektromobilität mit Argwohn oder gar Misstrauen zu begegnen. Sie ist eine Herausforderung, aber sie wird unsere Industrie weiter voranbringen, wenn wir in der Lage sind, die vor uns stehenden Aufgaben zu meistern. Dabei werden sich uns vollkommen neue Möglichkeiten eröffnen.

Wie eingangs gesagt: Die Automobilbranche steht vor dem größten Umbruch in ihrer bisherigen Geschichte. Sie muss sich jetzt diesen neuen Herausforderungen stellen, wenn sie auch in Zukunft die zentrale Rolle in der individuellen Mobilität innehaben will. Das geht aber nur mit dem engen Schulterschluss aller Beteiligten.

Horst Binnig, CEO Rheinmetall Automotive AG, Neckarsulm