Fachartikel

4.04.2017
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2017

Gussproduktion 2015 – globale Trends

"Die Signale aus dem Maschinenbau verheißen zwar aktuell lediglich ein Produktionsplus von 1 %, dennoch könnte sich im Jahresverlauf eine verbesserte Perspektive ergeben."

Neues Spiel – neues Glück! Alle Jahre wieder der Blick in den Rückspiegel, mit der Frage, wie sich die globale Gießereikonjunktur entwickelt hat. Und natürlich muss auch die kritische Frage beantwortet werden, ob das 2015er-Szenario, vor einem Jahr aufgespannt, der Realität gerecht geworden ist.

Von HEIKO LICKFETT, DÜSSELDORF

Wir hofften, dass die deutsche Gussproduktion mit mehr als einer schwarzen Null das Jahr 2015 abschließen kann. Zwar hat sich insgesamt über alle Werkstoffgruppen hinweg ein leichtes Plus ergeben, dies kann aber nicht zufriedenstellen. Die Durststrecke der gussintensiven Fachsparten des Maschinenbaus hat die Gesamtbilanz 2015 für viele deutsche Gießereien verhagelt. Dahinter stand nach wie vor die Investitionsschwäche in den rohstoffnahen Sektoren, sei es der Öl-/Gas-Sektor sowie industrielle oder landwirtschaftliche Rohstoffe. Anders der Fahrzeugbau, der sich auch in 2015 als verlässliche Wachstumsgröße zeigte. Wenden wir uns den globalen Daten 2015 zu, den letztverfügbaren Erhebungen zur weltweiten Gussproduktion. Traditionell veröffentlicht die American Foundry Society (AFS) in ihrer Zeitschrift Modern Casting in der Dezember-Ausgabe einen Überblick über die Weltgussproduktion, unterschieden sowohl nach Ländern als auch nach Werkstoffen. Die Tabelle finden Sie hier!

Für das Jahr 2015 registrierte die Modern Casting-Redaktion ein Fertigungsniveau von knapp über 104 Mio. t. Dies ist im Gegensatz zu den Jahren zuvor kein neuer Rekord. Wir hatten in der Analyse vor einem Jahr schon angedeutet, dass die „Volumenbäume“ nicht mehr in den Himmel wachsen. Die Zuwachsraten sind von Jahr zu Jahr kleiner geworden. 2015 hat es dann letztendlich ein kleines Minus von 1 % gegeben. Das ist einerseits nicht dramatisch, führt aber andererseits zu Fragen: Welche Länder bzw. Regionen mussten Federn lassen und hat es im Rahmen des Werkstoffwettbewerbs spürbare Verschiebungen gegeben? Gehen wir in die Länderanalyse. Haben sich wieder Verschiebungen im Länderranking ergeben oder ist bis auf Nuancen alles beim Alten geblieben? Dabei sollten wir uns zumindest von der Betrachtung der BRICS-Staaten als sich homogen entwickelnde Ländergruppe lösen. Dies ist seit mehreren Jahren nicht mehr der Fall. Unverändert finden sich die Volumen-Player der Gießereinationen in China, Indien sowie den USA. Lediglich Indien und die USA haben die Plätze getauscht.

In den Top 10 gibt es dennoch Neuigkeiten: Wir deuteten vor einem Jahr an, dass Südkorea Brasilien auf den Fersen sei und mangels verlässlicher Daten für Mexiko nur vermutet werden könne, dass die Gussproduktion zu einer über 2 Mio. t liegenden Fertigung geführt habe. Mit über 2,5 Mio. t Gussproduktion sind sowohl Südkorea als auch Mexiko nicht nur an Italien und Frankreich, sondern eben auch am rezessionsgeplagten Brasilien vorbeigezogen. Zumindest für Frankreich kommt es noch dicker: Die Türkei hat, getragen durch intensive Investitionen, den Anschluss an die Top 10 geschafft und Frankreich auf den zwölften Platz im globalen Ranking verwiesen.

Zu ausgewählten Ländern: Die chinesischen Gießereien konnten ihre Produktion im Berichtsjahr nach vorliegenden Daten nicht ausbauen! Ein Rückgang beim Eisen- und Stahlguss von 2 % konnte durch den Ausbau der NE-Metallgussfertigung um fast 3 % nicht ausgeglichen werden. Mit 45,6 Mio. t liegt die Fertigung um mehr als 1 % niedriger als im Jahr zuvor. Der Weltmarktanteil schrumpfte leicht auf 43,8 % (2014 = 44 %). Die wirtschaftliche Entwicklung in Indien hat sich, wie im Jahr zuvor, u. a. dank im Jahr 2015 noch niedrigeren Rohstoffpreise weiter gefestigt. Als Nettoimporteur von Rohstoffen konnte Indien die Gussproduktion um fast 8 % auf knapp 11 Mio. t ausbauen. Dies ist die höchste Wachstumsrate unter den Top 10-Gießereinationen im Jahr 2015. Der Anteil an der Weltgussproduktion legte durch diese dynamische Entwicklung von 9,5 % auf 10,3 % zu. Die ungebrochen rezessive Entwicklung in Brasilien drückte natürlich auch auf die Fertigung der Gießereien. Ein nach 2014 nochmals zweistelliges Minus ließ das Produktionsniveau auf 2,3 Mio. t absinken. Entsprechend ging auch der Weltmarktanteil von 2,6 % auf 2,2 % zurück. Eine Analyse der russischen Gussproduktion leidet unter der Nichtverfügbarkeit aktueller Daten. Für 2014 wurden damals 4,2 Mio. t gemeldet. Die allgemeine Wirtschaftsentwicklung im Jahr 2015 mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts um fast 4 % dürfte schwerlich zu einer Ausweitung der Gussproduktion geführt haben. Im globalen Ranking dürften somit auch die 4-%-Anteil der russischen Gießereien kaum Bestand gehabt haben. Hatten wir eingangs die Betrachtung der BRICS-Ländergruppe als hinfällig erachtet, so muss auch der Begriff der Triade für USA, Japan und Deutschland als Gruppe in Frage gestellt werden. Zu unterschiedlich zeigen sich die Entwicklungen trotz gegenseitiger Einflüsse und wirtschaftlicher Abhängigkeiten in bestimmten industriellen Bereichen.

Im Jahr 2015 fiel die Gussproduktion in den USA, der 2014 global zweitstärksten Gussnation, um mehr als 13 % auf knapp 10,4 Mio. t zurück. Diese Entwicklung basiert allerdings „nur“ auf einem Rückgang der Eisen- und Stahlgussfertigung um fast 17 %. Die NE-Metallgießereien konnten ihr Fertigungsniveau stabilisieren. Der Weltmarktanteil sank entsprechend von 11,4 % auf knapp unter 10 %.

Japan und Deutschland sehen das globale Ranking sportlich. Ganze 63 000 t trennen die beiden Gießereinationen. Japan hat knapp die Nase vorn. Die japanischen Gießereien mussten zwar ihr Fertigungsniveau um fast 3 % auf 5,4 Mio. t reduzieren, konnten aber ihren Weltmarktanteil mit 5,2 % knapp halten. Auf die deutsche Gießerei-Industrie entfallen 5,1 % bei einem Fertigungsvolumen von etwas über 5,3 Mio. t. Allerdings verbuchten die Eisen- und Stahlgießereien ein leichtes Minus wohingegen die NE-Metallgießer fast 8 % Zuwachs melden konnten. Treiber war unverändert der Guss von Komponenten für den Straßenfahrzeugbau. Datenabweichungen können sich aufgrund von späteren statistischen Korrekturen gegenüber der offiziellen Tabelle von Modern Casting ergeben. Traditionell widmen wir uns nach Begutachtung der größten einzelnen Gießerei-nationen der Betrachtung der Regionen Amerika, Europa und Asien.

Unverändert spielen der afrikanische Kontinent bis auf Südafrika sowie Australien und große Teile des arabischen Raums bei einer globalen Betrachtung kaum eine Rolle. Dies betrifft gerade auch Länder mit eigentlich großer Gießereitradition wie z. B. Ägypten, aber ebenso Marokko und Algerien. Länder mit eigentlich großer Gießerei-tradition wie z. B. Ägypten, aber auch Marokko und Algerien spielen nach wie vor keine Rolle. Dies betrifft auch den Iran. Der Zeitraum bis es zu wirtschaftspolitisch wirklich stabilen Rahmenbedingungen kommen kann ist seriös kaum zu prognostizieren (Bilder 1 und 2). Aggregiert man die Produktion der größten vier asiatischen Gießerei-nationen Japan, China, Indien und Korea, so ergibt sich ein Weltmarktanteil von 62 %. Das Niveau der Fertigung lag mit 64,4 Mio. t auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 2014.

Die Gießereien auf dem amerikanischen Kontinent – wir beschränken uns dabei unverändert auf die USA, Kanada, Mexiko und Brasilien – konnten ihren Anteil am Weltmarkt im dritten Jahr in Folge nicht halten. Der Anteil sank um fast einen Prozentpunkt auf etwas mehr als 15 %. Die Gussproduktion schrumpfte um 6,9 % auf 15,9 Mio. t. Dabei zeigt sich natürlich innerhalb der Großregion eine extrem heterogene Entwicklung. Insbesondere konnte die steigende Gussfertigung in Mexiko die Rückgänge in den USA und Brasilien nicht ausgleichen. Für die erweiterte Europaregion (inkl. Ukraine, Russland und Türkei) ergibt sich für das Jahr 2015 ein Fertigungsvolumen von knapp 21,7 Mio. t. Dies entspricht einem Plus von knapp 1 %. Im Vorjahresvergleich konnte der Weltmarktanteil aufgrund der Schwächesignale aus anderen Regionen nur geringfügig auf 20,8 % ausgeweitet werden. Unverändert bremsten die Investitionsschwäche innerhalb der EU sowie die Fragezeichen bzgl. der Entwicklung in Russland und der Ukraine im Rahmen der schwachen Industrieproduktion natürlich auch die Gussfertigung. Das es dennoch insgesamt zu einem leichten Anstieg in der europäischen Großregion kam, liegt einzig am gut laufenden Fahrzeugbau.

Der routinierte Blick ging im letzten Jahr zuerst auf die drei eigentlich traditionell dominierenden europäischen Gießereinationen, Deutschland, Frankreich und Italien. Dies hat sich mit den Jahresdaten 2015 geändert: Aus den Trio ist ein Quartett geworden. Die türkischen Gießer sind an ihren französischen Kollegen im Volumen vorbeigezogen. Schon im Jahr zuvor platzierte sich die Türkei im Eisen- und Stahlguss direkt hinter Deutschland auf dem zweiten Platz im erweiterten Europa. Sowohl Deutschland als auch Italien konnten durch den Anstieg der NE-Metallgussproduktion Plusraten verbuchen und das Fertigungsminus auf der Fe-Seite mehr als ausgleichen. Dies gelang den französischen Gießern das zweite Jahr in Folge nicht. Entsprechend schob sich die Türkei, welche in beiden Werkstoffgruppen zulegen konnte an Frankreich vorbei. Die Erholungsphase nach der schweren Rezession spürten auch die spanischen Gießer und zogen getragen durch hohe Zuwachsraten in allen Werkstoffsparten wieder an den polnischen Gießereien vorbei. Polen konnte das 2014er-Produktionsniveau lediglich halten. Rückgängen beim Eisen- und Stahlguss standen Zuwächse auf der NE-Metallgussseite gegenüber.

Abschließend ergibt sich für das gerade abgelaufene Jahr 2016 bezogen auf die deutschen Gießereien folgendes Bild: Es zeigte sich eine noch heterogenere Entwicklung in den einzelnen Werkstoffgruppen als in den beiden Jahren zuvor. Der auf hohem Niveau laufende Fahrzeugbau spielte den Aluminium-Gießereien deutlich in die Karten. Der stagnierende Maschinen- und Anlagenbau hatte andererseits den Druck auf das Geschäft der Eisen- und Stahlgießer nochmals verschärft. In 2016 sank die Fertigung bei den Eisen- und Stahlgießereien mit 3,916 Mio. t um 5,0 %. Für den Fahrzeugbau wurden mit 2,165 Mio. t um 6,1 % weniger Komponenten produziert. Die Unternehmen, welche Teile für den Maschinenbau abgießen, fertigten mit 0,989 Mio. t um 4,5 % unter dem 2015er-Niveau. Die Fertigung sonstiger Gusskomponenten (inkl. Bau-Guss, Rohren und Stahlwerksbedarf) lag mit 0,762 Mio. t um 2,3 % niedriger. Die deutschen NE-Metallgießereien produzierten im Jahr 2016 mit 1,2489 Mio. t um 2,2 % mehr als im Vorjahr. Die Fertigung in den Aluminium-Gießereien legte dabei mit 1,097 Mio. t um 2,3 % zu. Der Abguss von Magnesiumlegierungen lag im Gesamtjahr mit 17 400 t um 14,2 % über dem Volumen vom Vorjahr. Die Produktion von Komponenten aus Kupfer und Kupferlegierungen schrumpfte demgegenüber mit 78 500 t um 1,2 %. Der Abguss von Komponenten aus Zinklegierungen fiel gegenüber 2015 mit 56 200 t um 2,9 % höher aus.

Was könnte nun das aktuell laufende Jahr 2017 bieten? Fahrzeugbau und Maschinenbau stehen für ca. 80 – 85 % der Gießereiproduktion in Deutschland. In der Summe sollte sich die deutsche Gießerei-Industrie auf eine konjunkturelle Seitwärtsbewegung einstellen. Eine Grundannahme wäre, dass anziehende Investitionen in der EU (vorrangig in Südeuropa) schwache Investitionen in den Schwellenländern annähernd ausgleichen können. Sicher bewegt sich der Fahrzeugbau auf hohem Niveau. Weitere Zuwachsraten scheinen aktuell aber eher unwahrscheinlich. Gerade der innerdeutsche Pkw-Sektor dürfte inkl. seiner Zulieferer unter den angelaufenen Verlagerungen einzelner Serien nach Mexiko und Polen leiden. Wie so oft wird es Gewinner und Verlierer geben, je nach individueller Positionierung. Dies ist auch vor dem Hintergrund des anhaltenden Strukturwandels in der europäischen Gießerei-Industrie (inkl. Türkei) zu sehen. Impulse aus den wirtschaftspolitischen Entscheidungen nach der US-Wahl abzuleiten bzw. einzuschränken ist zudem aktuell kaum möglich. Ein signifikante Plus-Rate in der Gießerei-Industrie für das Jahr 2017 kann sich allein aufgrund der Größe der Gießerei-Industrie ergeben: Die Gießereien machen mit ihren knapp 600 Unternehmen ca. 1 % des Verarbeitenden Gewerbes aus. Zieht eine Kundenbranche deutlicher an als erwartet, kann dies überproportional auf die Gießereien ausstrahlen. Die Signale aus dem Maschinenbau verheißen zwar aktuell lediglich ein Produktionsplus von 1 % (für den Maschinenbau, nicht die Gießereien!), dennoch könnte sich im Jahresverlauf durchaus eine verbesserte Perspektive herausschälen. Dies können Investitionsimpulse aus den USA sein oder Investitionen in Schwellenländer, welche rohstoffbasiert sind. Bleiben wir optimistisch!

Dipl.-Hdl. Heiko Lickfett, Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie BDG, Düsseldorf