Fachartikel

4.10.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 10|2018

Berufliche Bildung – ein Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Integration

Bild 1: Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Iffert ist vom langfristigen Erfolg des Projektes „Berufsbildung für Flüchtlinge“ überzeugt.

Die Integration von Flüchtlingen ist ein politisches Dauerthema und wird quer durch alle Gesellschaftsschichten intensiv und teils kontrovers diskutiert. Dass berufliche Teilhabe ein wesentlicher Baustein für gelungene Integration ist, darüber herrscht Einigkeit. Doch Lippenbekenntnisse allein reichen nicht. Beim Essener Aluminiumproduzenten Trimet Aluminium SE wird soziale Verantwortung von jeher großgeschrieben. Seit 2015 engagiert sich das Unternehmen auch in der Berufsbildung von Geflüchteten – und das mit großem Erfolg.

VON KARIN HARDTKE, RATINGEN

Arbeitsplätze in der Industrie stellen schon seit Jahrzehnten ihre integrative Kraft unter Beweis.“ Davon ist Dr. Martin Iffert, Vorsitzender des Vorstands der Trimet Aluminium SE in Essen, zutiefst überzeugt. Indem Geflüchtete hier in Deutschland eine Berufsperspektive erhielten, eröffne sich ihnen eine reelle Chance auf gesellschaftliche Teilhabe, betont Iffert weiter.

Derzeit sind 26 Flüchtlinge an den verschiedenen Trimet-Standorten in Einstiegsqualifikationen oder als Auszubildende beschäftigt. Bis 2022 sollen es dann insgesamt 66 werden. Neben der beruflichen Ausbildung und integrationsfördernden Maßnahmen umfasst das Programm vorbereitende Einstiegsqualifizierungen und Praktika sowie begleitenden Sprach- und Fachkundeunterricht. Ziel sei es, diesen Flüchtlingen den Start in einem für sie völlig fremden Land zu erleichtern und ihnen so eine Perspektive für ihr Leben in ihrer neuen Heimat zu geben, erklärt Dr. Martin Iffert weiter (Bild 1).

Blick über den kulturellen Tellerrand bereichert

Einer, der hier eine neue Heimat gefunden hat, ist Abid O. Der 28-Jährige flüchtete 2016 aus Syrien. Dort hatte er unter anderem als Fliesenleger gearbeitet. In der Flüchtlingsunterkunft lernte Abid O. zunächst einmal Deutsch. „Die deutsche Sprache ist eine ganz schön schwere Sprache. Vor allem mit der Grammatik hatte ich anfangs ziemliche Schwierigkeiten“, erzählt er. Der junge Mann arbeitete im Flüchtlingsheim als Security-Mitarbeiter und sprang ein, wenn Übersetzer gebraucht wurden. „Warum machst Du eigentlich nicht eine Ausbildung?“, fragt ihn eines Tages die dortige Caritas-Mitarbeiterin. Sie ist es, die schließlich den Kontakt zu Trimet herstellt. „Wir arbeiten bei diesem Projekt eng mit sozialen Trägern und Behörden zusammen, um geeignete Teilnehmer zu identifizieren“, erklärt Ellen Ronden, Personalleiterin bei Trimet.

Am 1. Januar 2017 beginnt Abid O. schließlich eine Einstiegsqualifizierung bei Trimet. Die läuft gut, denn bereits am 1. August 2017 fängt er am Standort Essen seine zweijährige Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer in der Fachrichtung Metalltechnik an. „Eine Ausbildung ist für meine Zukunft sehr wichtig. Ohne Ausbildung ist es in Deutschland schwierig“, ist sich Abid O. sicher. Die Arbeit mache ihm großen Spaß, er lerne viel und fühle sich wohl bei Trimet. „Ich bin Teil einer tollen Gemeinschaft.“ Personalchefin Ellen Ronden bestätigt, dass man im Unternehmen sehr positive Erfahrungen mit den geflüchteten jungen Menschen mache. „Sie sind äußerst lernwillig und engagiert bei der Sache. Und von den Kolleginnen und Kollegen sind die Flüchtlinge gut aufgenommen worden.“ Auch Ausbilder Andrew Gertitschke ist mit der Entwicklung seines Schützlings Abid O. sehr zufrieden: „Seine Sprache verbessert sich von Tag zu Tag und er wird immer sicherer in seinem Auftreten.“ Und Timo Koesling, Leiter der gewerblichen Ausbildung, ergänzt: „Bei Trimet in Essen arbeiten Kolleginnen und Kollegen aus 25 Nationen zusammen. Integration ist für uns überhaupt nichts Neues.“ Es sei eben wichtig, bestehende Unterschiede offen zu leben und anzusprechen. Der Blick über den kulturellen Tellerrand ist so für beide Seiten bereichernd (Bild 2).

„Wir zusammen“ – Integrations-Initiativen der deutschen Wirtschaft

Zudem übernehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Trimet sowie externe Unterstützer Patenschaften für die Geflüchteten vor Ort. Sie helfen sowohl bei der Integration am Arbeitsplatz, begleiten die jungen Flüchtlinge aber auch bei Behördengängen. Und sie unterstützen bei Fragen zu den vielen deutschen Regelungen und Gepflogenheiten – sei es im Straßenverkehr oder im persönlichen Miteinander. „In Deutschland war ja alles neu für mich“, erzählt Abid O. Da sei es in der Anfangsphase schon hilfreich gewesen, im Behörden- und Formular-Dschungel auf tatkräftige Unterstützung zählen zu können – ob bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, den ständigen Bescheinigungen über seine Beschäftigung trotz des bestehenden Ausbildungsvertrages oder den Herausforderungen bei der Wohnungssuche. „Die Einladungen der Ämter, zu denen ich öfters musste, um beispielsweise meinen Aufenthaltsstatus zu klären, waren anfangs sehr schwierig für mich. Aber irgendwie hat mich das auch angespornt: Ich habe mich hingesetzt und ein halbes Jahr lang ganz intensiv Deutsch gelernt.“

Das Trimet-Engagement „Berufsbildung für Flüchtlinge“ ist mittlerweile ein Teil des Netzwerkes „Wir zusammen – Integrations-Initiativen der deutschen Wirtschaft“. Die Idee zu diesem Netzwerk entstand im Jahr 2015 aus dem Dialog führender Vertreter der deutschen Wirtschaft. Anfang 2016 brachten sich schließlich 36 Gründungsmitglieder mit ihren bereits bestehenden Projekten für Geflüchtete in das Netzwerk ein. Gute Kontakte zu relevanten Partnern aus Politik, Behörden und Institutionen gehören ebenso dazu wie konkrete Hilfestellung und Know-how bei neuen Integrationsprojekten. Mitglied werden kann jedes Unternehmen – unabhängig von Branche, Firmengröße oder Umfang des Integrationsprojektes. Auf seiner Internet-Plattform „www.wir-zusammen.de“ finden sich viele Beispiele für erfolgreiche Initiativen. Die sollen weitere Unternehmen dazu anregen, sich ebenfalls gemeinsam mit ihren Mitarbeitern für die Integration von Flüchtlingen einzusetzen (Bild 3).

Soziales Gewissen gehört zur Firmen-DNA

Bei Trimet musste allerdings kein Verantwortlicher motiviert werden, um sich für die Integration von Flüchtlingen einzusetzen. Eine sozial orientierte Unternehmensphilosophie gehört hier quasi zur Firmen-DNA und zum Selbstverständnis eines verantwortungsvollen Unternehmers. Sie ist auch das Erbe von Firmengründer Heinz-Peter Schlüter, der Ende 2015 verstarb. Sein soziales Gewissen hatte ihn eben auch zu der Flüchtlingsinitiative bewegt. Seit seiner Gründung im Jahr 1985 durch Heinz-Peter Schlüter hat sich das Unternehmen kontinuierlich vom Metallhandelshaus zum Aluminiumproduzenten und -verarbeiter weiterentwickelt. Durch strategische Zukäufe von Aluminiumhütten, Druckgießereien und Recyclingwerken sowie Investitionen in Forschung und Entwicklung bietet Trimet heute von der Idee bis zu maßgeschneiderten Produkten und Dienstleistungen rund um Aluminium alles aus einer Hand an (Bild 4).

Rund 2300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 900 Mitarbeiter im Joint Venture Trimet Automotive arbeiten an acht Standorten in Deutschland und Frankreich. Für sein soziales Engagement wurde Trimet bereits mehrfach ausgezeichnet. So erhielt das Unternehmen mehrmals das Siegel „Ökoprofit“, ebenso prämierte die Evangelische Kirche es in den vergangenen Jahren gleich dreimal hintereinander mit der Auszeichnung „Arbeit plus“ für die Einstellung arbeitsloser und älterer Menschen sowie für besondere Arbeitszeitmodelle. Und bereits im Jahr 2015 verlieh das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie dem Aluminiumhersteller den „Unternehmenspreis für Willkommenskultur“.

Fachbezogener Deutschunterricht gibt Sicherheit

Von dieser Willkommenskultur bei Trimet profitiert auch Malik S. Auch er floh aus Syrien, 2014 war das. Im Rahmen einer gemeinsamen Vermittlungsveranstaltung vom Jobcenter und der Diakonie kommt Malik S. schließlich im Jahr 2016 mit Trimet in Kontakt. Nach einem Intensivdeutschkurs absolviert er zunächst ein Praktikum. Seine Leistungen und sein Engagement überzeugen und so nimmt er am Anschluss an einer einjährigen Einstiegsqualifizierung Metall teil. Seine Erfahrungen als Schweißer und als Betonfacharbeiter, welche er in Syrien gesammelt hat, kann er hier gut einbringen. Nun ist er im regulären Ausbildungsprogramm und froh, nach einigen Monaten in der Ausbildungswerkstatt endlich auch in der Gießerei erste Erfahrungen zu sammeln. „Danke Trimet für alles, auch den Ausbildern möchte ich danken. Alle hier sind sehr nett und freundlich. Mir macht die Arbeit großen Spaß.“

Neben der Berufsschule paukt Malik S. regelmäßig fachbezogenes Deutsch gemeinsam mit weiteren Teilnehmern der Bildungsinitiative. Der Austausch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Kontakt mit den Menschen vor Ort gehören für ihn zu den Dingen, die er an seiner Ausbildung besonders schätzt. Im Alltag unterstützt ihn dabei auch eine Kollegin, die ihm und seiner Familie im Rahmen der Patenschaft bei Behördengängen und anderen Herausforderungen des Alltags mit Rat und Tat zur Seite steht, wie z. B. der Anmeldung seiner Kinder für den Kindergarten. „Um sich an die Abläufe und das Umfeld zu gewöhnen und zügig Fortschritte zu machen, ist der regelmäßige Austausch mit den Kollegen ganz wichtig. Dabei werden sprachliche Hürden und mögliche Vorurteile schnell abgebaut“, erläutert Personalerin Ellen Ronden.

Abid O. lebt hier in Deutschland zusammen mit seiner 15-jährigen Schwester. Weitere Geschwister leben in Stuttgart, seine Eltern und der Rest der Familie sind immer noch in Syrien. Der junge Mann hofft auf die Entfristung seiner Aufenthaltserlaubnis, die es normalerweise nach drei Jahren gibt. Malik S. hingegen ist bereits verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Der private Background dieser beiden Trimet-Azubis mag sich unterscheiden; doch mit ihrer Ausbildung haben beide eine wichtige Hürde für ihre Integration in Deutschland genommen. „Indem Trimet jungen Menschen, die Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben haben, eine berufliche Perspektive bietet, eröffnen wir ihnen die Möglichkeit, bei uns ein selbstbestimmtes Leben zu führen“, wird Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Iffert nicht müde zu betonen. Aber auch die Unternehmen profitieren: Denn eine langfristig erfolgreiche Wertschöpfung am Industriestandort Europa brauche nicht nur moderne Anlagen, sondern eben auch ausreichend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

www.trimet.de