Fachartikel

26.07.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 8|2018

Bits und Bites statt Zettelwirtschaft

Bild 2: Hoher Output bei höherer Teilekomplexität, die modernisierte IT trägt dazu bei.

Nürnberg ist für Erik Petraschek immer eine Reise wert. Und das liegt nicht in erster Linie an der Attraktivität der süddeutschen Großstadt. Es ist vielmehr der Ort, an dem Petraschek erfolgreich Heuschkel Druckguss modernisiert. Mit großer Dynamik und reichlich Ideen macht er das Unternehmen fit für den Wettbewerb. Ein zentraler Erfolgsgarant ist dabei die Einführung einer effektiven IT. Die Zettelwirtschaft gehört deshalb der Vergangenheit an.

VON MICHAEL VEHRESCHILD, KLEVE

Vor rund vier Jahren ging Erik Petraschek den nächsten Schritt. Lange Zeit erfolgreich als Unternehmensberater, übernahm er Heuschkel Druckguss als Eigentümer (Bild 1). Mit Leidenschaft und wohlüberlegten Plänen entwickelte er das Unternehmen weiter, behob Mängel und füllte bisherige Lücken aus. Erik Petraschek schuf eine zweite Führungsebene, um Heuschkel flexibler aufzustellen, baute den Vertrieb aus und erweiterte das Kundenportfolio – um nur wenige Beispiele zu nennen. „Heute werden wir als innovative Guss-Boutique wahrgenommen. Denn wir sind in der Lage, kleinen wie Großkunden komplexe Komplettlösungen anzubieten.“

IT als Überlebensfrage

Undenkbar wäre die Erfolgsgeschichte allerdings ohne die massive Modernisierung des IT-Bereiches. „Eine leistungsfähige IT ist die Grundlage für unser unternehmerisches Handeln.“ Sie sichert langfristigen Erfolg am Markt. Bis zur Heuschkel-Übernahme durch Erik Petraschek war durch die damalige Produktionsplanung aber de facto nur ein gewisses Umsatzvolumen möglich – seinerzeit zehn bis elf Millionen Euro jährlich. „Das Unternehmen war an seine Wachstumsgrenzen gestoßen“, erinnert sich Erik Petraschek. Durch manuelle Methoden hätten ansonsten Lieferungsverzögerungen und theoretisch Strafzahlungen gedroht. „Es war also eine Überlebensfrage, eine moderne IT zu haben.“ „Nehmen Sie als Beispiel unsere Angebotskalkulation. Das war früher ein Prozess, für den verschiedene Formulare teils manuell, teils PC-gestützt ausgefüllt wurden. Dieser Prozess war aufwändig, intransparent und viel zu langsam. Und damit ein echter Wettbewerbsnachteil“, ergänzt Geschäftsführer und Produktionsleiter Andreas Nützel.

Manuelle Verfahren zeigen Grenzen auf

Zahlreiche Prozesse waren mit großem manuellem Aufwand verbunden und keine Prozesskette war durchgehend digital gestaltet. Gerade bei Themen wie der Produktionsplanung gerät ein Unternehmen hiermit schnell an seine Grenzen. „Da kann eine einzige Änderung unmittelbar ihre gesamte Planung gefährden. In Zeiten, in denen Kunden durchaus mehrere Male am Tag ihre Abrufe korrigieren und zu Recht eine schnelle Antwort fordern, entsteht dadurch ein konkreter Wettbewerbsnachteil“, erläutert Eigentümer Petraschek. Es gab zwar ein ERP-System. Kaum ein Mitarbeiter habe aber verstanden, welche großen Möglichkeiten sich damit ergäben. „An dieser Stelle haben wir auch zuerst angesetzt und ein durchgängiges, neues ERP-System implementiert.“

Für neue IT alte über Bord geworfen

Der Weg hierhin – er war kein einfacher. „Wir mussten im Rahmen der Übernahme zunächst mit dem bereits davor ausgewählten Berater zurechtkommen, der ein untaugliches System verkauft und gleichzeitig die Umsetzung nicht zufriedenstellend begleitet hatte. Da standen wir nun mit einem nicht einsatzbereiten System, mit dem wir eigentlich nichts machen konnten“, erinnert sich der Heuschkel-Eigentümer. Das Unternehmen befand sich an einem Wendepunkt – wie sollte es weitergehen? „Wir mussten eine mutige Entscheidung treffen: Das nun vorhandene System optimieren. Oder nochmal komplett neu anfangen. Wir haben uns für die zweite Option entschieden, auch wenn dies enorme Kosten und im ersten Moment auch ein stückweit Unverständnis bei dem ein oder anderen ausgelöst hat. Aber ich wollte eine langfristig tragfähige, exzellente Lösung. Da müssen Sie manchmal das, was Sie haben, über Bord werfen.“

Angebot innerhalb weniger Tage

Mit externer Unterstützung überarbeitete Heuschkel seine Angebotskalkulation vollständig. Viele Einzelschritte entfielen, aber zahlreiche Möglichkeiten kamen hinzu. „Wir können heute Angebote erstellen, die viel besser auf die individuellen Herausforderungen der Kunden eingehen, eine höhere Teilekomplexität transparent abdecken und jede einzelne Kostenposition im Detail erklären. Trotzdem erhalten unsere Kunden ihr Angebot innerhalb weniger Tage“, sagt Andreas Nützel. Heute arbeiten die Nürnberger mit einem System, in das alle Abteilungen hineinarbeiten und in dem Daten nur einmal zu erfassen sind, um dann von allen anderen Abteilungen weiterverwendet zu werden (Bild 2). „Dieses System ist unser Rückgrat.“ Bits und Bites statt Zettelwirtschaft. Doch ohne engagierte Mitarbeiter funktioniert auch die beste IT nicht. Die Stammdaten jedes einzelnen Artikels mussten neu erarbeitet und teils manuell im System erfasst werden. Denn die Datenqualität ist von überragender Bedeutung, insbesondere der Stammdaten. Kommt es hier zu Fehlern, lässt sich das nur schwer wieder korrigieren. „Ich bin bis heute unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dankbar, dass wir das in großer Kraftanstrengung und mit Hilfe ihres Einsatzes und einer stringenten Projektsteuerung gemeinsam geschafft haben“, nickt Erik Petraschek anerkennend. Denn was als Herausforderung bei IT-Implementierungen oft übersehen wird: „Es geht nicht nur um die Technik, es geht auch um die Menschen, die tagtäglich mit dem System arbeiten müssen.“

Interne digitale Prozesse im Fokus

Bei der Entwicklung konzentriert sich Heuschkel aktuell auf die internen digitalen Prozesse. Das ERP-System im Unternehmen ist noch vergleichsweise jung. „Wir optimieren zurzeit die Zusammenarbeit aller Abteilungen, um den Prozessfluss möglichst effektiv und effizient zugleich zu gestalten“, erklärt Geschäftsführer Nützel. Das System wird schrittweise ausgebaut, um zukünftig auch jene Nebenprozesse abdecken zu können, die heute noch nicht im System vorhanden sind. Außerdem stattete Heuschkel relevante Maschinen so aus, dass deren wichtigsten Daten „Remote“ und stückteilbezogen in der Cloud auszuwerten sind. „Hier sehen wir noch deutlichen Weiterentwicklungsbedarf durch noch mehr Sensoren je Maschine. Durch die Sensoren an der Maschine verfügen wir über einen Datenschatz, den es zugänglich zu machen gilt und durch deren Auswertung wir neue Grundlagen schaffen – mit direkter Auswirkung auf unsere Prozess-Performance und Teilequalität.“

Auf Nummer sicher – DSGVO

Heuschkel geht bei seiner IT-Entwicklung „auf Nummer sicher“: „Die IT-Sicherheit ist ein Thema von sehr hoher Bedeutung, die durch die DSGVO nochmals an Komplexität gewonnen hat,“ betont Geschäftsführer Nützel. Neben der Schulung aller Mitarbeiter, sich entsprechend der IT-Richtlinie zu verhalten und den Anforderungen der DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) zu entsprechen, setzt das Unternehmen auch auf operative Maßnahmen: „Unsere IT-Abteilung sorgt dafür, dass der Zugriff auf unsere Systeme von außen jeweils auf dem aktuellsten Stand ist.“ Tägliche Daten-Backups auf mehreren Servern ermöglichen, dass im Fall des Falles sehr schnell auf eine aktuelle Datensicherung zurückgegriffen werden kann. „Je mehr Sie digitalisieren, desto mehr werden Sie auch in die Sicherheit dieser Infrastruktur investieren müssen.“ All diese Maßnahmen laufen in enger Abstimmung mit der internen Datenschutzverantwortlichen. Die Möglichkeiten, die sich durch eine moderne IT ergeben, sind bei Heuschkel noch nicht ausgereizt. Die weitere Zielrichtung ist ganz klar die stärkere Automatisierung, die schrittweise in Angriff genommen wird. Zum Beispiel mit neuen Maschinen, die über eine Vielzahl an Sensoren verfügen. Die von den Sensoren erfassten Daten werden je Schuss archiviert. Die Maschine beurteilt anhand von Toleranzgrenzen, ob es sich um ein Gutteil oder Ausschuss handelt. Das erfordert eine leistungsfähige IT. Nützel: „Die Vorteile sind enorm, aber die Umsetzung auch äußerst komplex. Daher beschäftigen wir uns im Rahmen unserer Strategie ‚Heuschkel 2025‘ gerade sehr intensiv damit.“

Modernisierung spricht sich rum

Weiteres Entwicklungspotenzial haben aus Sicht von Erik Petraschek die unternehmensübergreifenden Prozesse. „Das ist nicht einfach, auch wenn wir am liebsten alle unsere Partner schnell an unsere IT anbinden würden.“ Dabei müssten aber Hürden wie Inkompatibilitäten von Technik genauso wie von den Prozessen Dritter berücksichtigt und Lösungen gefunden werden. „Aktuell beschränken wir uns hier auf EDV-Anbindungen zu unseren großen Kunden. Das wollen wir ausbauen, denn durch eine gute Anbindung sinkt das Fehlerpotenzial.“ Die mutigen Entscheidungen zahlen sich bereits aus. „Die Kunden reagieren sehr positiv auf das, was passiert“, bilanziert der Heuschkel-Eigentümer. Denn es hat sich rumgesprochen, dass die Gießerei modernisiert ist. „Die Branchen sind gut vernetzt.“ Die erhöhte Leistungsfähigkeit ist längst kein Geheimnis mehr (Bild 3). Anerkannt wird die Unternehmens-Performance auch anhand der Zahlen von Kunden. Ablesbar an deren Audits, die sie bei Heuschkel vornahmen. Höchstbewertungsstufen wie A oder 1 sind heute Standard.

Ziel: Gießerei mit modernsten Prozessen

Vieles und Grundlegendes hat Heuschkel Druckguss im Bereich der IT also bereits erfolgreich umgesetzt. Doch braucht eine erfolgreiche Entwicklung auch eine weiterführende Vision. Und diese wird mit der Strategie „Heuschkel 2025“ dargestellt. Ihre zentralen Inhalte sind die Digitalisierung, Automatisierung und die Integration der Prozesse. In die Vollautomatisierung wird das Unternehmen insgesamt 3,5 bis 4 Millionen Euro investieren. „Ziel ist es dadurch, unseren Kunden ein qualitativ noch besseres Angebot machen zu können“, betont Eigentümer Erik Petraschek. Die Vision: Als mittelständische Gießerei genauso professionell agieren zu können wie große Wettbewerber. Bei diesem Entwicklungstempo wird aus der Vision wohl schon bald Wirklichkeit werden.

www.heuschkel-druckguss.de