Fachartikel

8.06.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 6|2018

Lichtblicke in Salzburg

BDG-Präsident Dr. Flender mit Stefan Pierer, dem Vorstandsvorsitzenden des Motorrad-Herstellers KTM. Pierer stellte seine strategischen Überlegungen zur Elektromobilität in einem Plenarvortrag vor (Fotos: Andreas Bednareck).

Auf der Großen Gießereitechnischen Tagung in Salzburg standen der Wandel der Automobilindustrie und die Folgen für Gießereien im Fokus – mit optimistischem Ausblick für die Branche.

VON ROBERT PITEREK, DÜSSELDORF

In einer mit rund 800 Teilnehmern sehr gut besuchten Veranstaltung haben sich Vertreter der österreichischen, schweizerischen und deutschen Gießerei-Industrie am 26. und 27. April 2018 zur Großen Gießereitechnischen Tagung in Salzburg getroffen. Die Mozart-Geburtsstadt war damit zum zweiten Mal nach 2012 Schauplatz des 3-Länder-Events. Das Salzburger Kongresszentrum bot dabei auf drei Etagen beste Bedingungen zu grenzüberschreitendem Networking, während sich die Teilnehmer in den drei Vortragsreihen Eisen- und Stahlguss, NE-Metallguss und Fertigungstechnik zugleich über zukunftsweisende neue Technologien und den neuesten Stand der Gießereitechnik informieren konnten. Wichtige Impulse gingen auch von den Plenarvorträgen aus, die sich insbesondere mit dem Wandel in der Automobilindustrie und den daraus folgenden Konsequenzen für die Gießerei-Industrie auseinandersetzten.

Am ersten Veranstaltungstag startete die Tagung zunächst mit der Eröffnung der Firmenpräsentation der Gießerei-Zulieferindustrie, an der in diesem Jahr 63 Unternehmen teilnahmen. Nach den Mitgliederversammlungen des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie e. V. (BDG) und der Forschungsvereinigung Gießereitechnik e. V. (FVG) begrüßte KR Ing. Peter Maiwald, Vorstandsvorsitzender des Vereins für praktische Gießereiforschung – Österreichisches Gießerei-Institut (ÖGI), die Branchenteilnehmer und wies stolz darauf hin, dass die Tagung in Salzburg von Gießereifachleuten aus 21 Ländern besucht werde. Maiwald spannte in seiner anschließenden Eröffnungsrede einen Bogen von Mozart zur Gießereibranche: „Bei Mozart wird’s einem warm ums Herz, beim Gießen vielleicht noch etwas wärmer.“ Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1756 in der Stadt an der Salzach geboren. Wegen des weltberühmten Musikers und Komponisten ist Salzburg bis heute ein Touristenmagnet. Zum Schluss begrüßte Maiwald seine Verbandskollegen aus Deutschland und der Schweiz, BDG-Präsident Dr.-Ing. Erwin Flender und Danilo Fiato, Vizepräsident des Gießereiverbandes der Schweiz (GVS), und hieß sie in Salzburg willkommen. Weitere Begrüßungsworte an das Publikum im Europasaal des Kongresszentrums richtete danach auch der Präsident des Vereins Deutscher Giessereifachleute e. V. (VDG), Dr. Jens Wiesenmüller.

Dr. Klaus Lellig von der Nemak Europe GmbH, Frankfurt, stieg mit seinem Thema „Herausforderungen und Chancen für den Automobilguss in verschiedenen Antriebskonzepten“ als erster in die Plenarvorträge ein. Der Direktor des Nemak- Europageschäfts präsentierte u. a. die lunkerfreie Fertigung von emaillebeschichteten Zylinderköpfen im Rotacast-Verfahren bei Nemak als zukunftsweisende Technologie. Zudem kündigte er den baldigen Bau einer neuen Nemak-Druckgießerei in der Slowakei an. Lellig betonte die hohe Bedeutung der Digitalisierung für Nemak und nannte die Simulation von Logistik und Produktionsfluss in diesem Zusammenhang als wichtige Schritte. Die Politik forderte er auf, beim Thema Diesel endlich für Klärung zu sorgen. Darüber hinaus sprach er sich beim Thema Fachkräftemangel dafür aus, junge Leute aus anderen Studien-Disziplinen von der Gießereitechnik zu überzeugen.

Nach Dr. Lellig kam mit Dr. Josef Edbauer, Leiter von GF Casting Solutions, Schaffhausen, ein weiterer Vertreter eines Branchenschwergewichts zu Wort. Dr. Edbauer brach zunächst eine Lanze für den Werkstoff Eisen, der weiterhin den Löwenanteil der Produktion bei GF Castings Solutions ausmache, schlug dann mit Blick auf die Zukunft aber mit den Zitaten „Die Gussregion der Welt ist China“ und „die E-Mobilität ist mit Sicherheit nicht mehr aufzuhalten“ zwei dicke rhetorische Pflöcke ein. Bei der Elektromobilität legte er die Konsequenzen für sein Unternehmen gleich nach: 50 Prozent der Forschungsgelder bei GF Casting Solutions flössen inzwischen in die Elektromobilität, sagte er. Am Ende seines Plenarvortrags wandte sich Dr. Edbauer bei den Themen Digitalisierung und Fachkräftemangel noch einmal warnend an das Publikum: Bei aller Euphorie über die Möglichkeiten der Digitalisierung seien die Gefahren der Cyberkriminalität nicht zu unterschätzen. Gleichzeitig spitze sich der Fachkräftemangel immer weiter zu: Das Durchschnittsalter in der Gießerei liege schon jetzt bei über 50 Jahren. Zugleich kämen bei der Rekrutierung der jährlich rund 300 Auszubildenden bei GF Casting Solution nur noch 2 - 3 Bewerber auf eine Stelle.

Am Ende der Plenarvorträge stand die Verleihung des „Innovationspreises der Deutschen Gießerei-Industrie – Peter R. Sahm“ an Dr.-Ing. Hubert Koch auf dem Programm. Der mittlerweile pensionierte ehemalige Leiter Forschung, Entwicklung und Kundenservice bei der Trimet Aluminium SE, Essen, erhielt den Preis u. a. für die Erfindung/Miterfindung der Legierungen AlSi10MnMg, AlMg5Si2Mn und AlSi9Mn, die mittlerweile genormte Gusslegierungen sind. Mit seinen Entwicklungen habe Dr. Koch die Voraussetzung für die funktions- und qualitätsgerechte Herstellung von Strukturteilen für die Automobilindustrie im Druckgießverfahren geschaffen, betonte BDG-Präsident Dr. Flender in seiner Laudatio für den Preisträger (Weitere Informationen). An das Ende der Vortragsreihen schlossen sich die VDG-Mitgliederversammlung, die Hauptversammlung des Vereins für praktische Gießereiforschung sowie die Jahreshauptversammlung von Proguss Austria an. Nach so viel geistiger Kost folgte mit dem Gießertreffen im Terminal Amadeus des Flughafens Salzburg der kulinarische Höhepunkt des Tages. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten von Proguss Austria, Dr. Dieter Nemetz, und den Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Wilfried Haslauer, konnten die mehr als 800 Teilnehmer bei erlesenen Speisen und Getränken die zahlreichen Impulse aus den Vorträgen Revue passieren lassen und ihr berufliches Netzwerk pflegen und ausbauen.

Der frühe Vormittag des zweiten Veranstaltungstags war erneut von einem facettenreichen Vortragsprogramm geprägt. Doch schon um 10:30 Uhr endeten die Vorträge, um Raum für letzte wegweisende Plenarvorträge zu schaffen.

Erster Redner war KTM-Vorstandsvorsitzender Stefan Pierer, der der Motorrad-Kultmarke im Verlauf der letzten Jahrzehnte wieder zu altem Ruhm verholfen hat. Heute ist KTM mit 5500 Mitarbeitern weltweit, einem Absatz von 240 000 Motorrädern und dem Zukauf der Motorrad-Sparte des schwedischen Husqvarna-Konzerns der größte Motorradhersteller Europas und Weltmarktführer im Bereich der Geländesport-Motorräder. Pierer ist Montanist. Er hat gemeinsam mit ÖGI-Geschäftsführer Gerhard Schindelbacher an der Montanuniversität in Leoben studiert. Als Pionier der Elektromobilität zeigte sich Pierer überzeugt, dass die E-Mobilität zunächst E-Bikes und Motorräder und später erst Autos betreffen werde, was er anhand der jüngsten Verkaufszahlen untermauerte: In Österreich und Deutschland seien bereits 1 Millionen E-Bikes verkauft worden, betonte er. Stolz nannte der KTM-Chef auch den derzeit größten Hoffnungsträger seines Unternehmens im Bereich E-Mobilität: das E-Motorrad Freeride E, für dessen Entwicklung 20 Millionen Euro investiert wurden.

Gute Nachrichten gab es beim anschließenden Vortrag von Prof. Dr. Lothar Kallien, Hochschule Aalen, und Dr. Christian Wilhelm, Foundry Consulting & Solutions. Die beiden Gießereiexperten präsentierten die Ergebnisse einer vom BDG initiierten Studie zum „Einfluss der Elektromobilität auf die Gießerei-Industrie und ihre Produkte“. Mitautor der Studie war Volkan Görgün vom Automobilentwickler AVL GmbH in Stuttgart. Quintessenz des Vortrags: Die alternativen Antriebskonzepte wie Hybrid- und Elektroantriebe bieten der Gießereibranche bis 2030 steigende Gussmengen im Vergleich zum alleinigen Antrieb mit Verbrennungsmotoren. Grund ist vor allem die prognostizierte starke Zunahme der als Brückentechnologie wirkenden Hybrid-Fahrzeuge, die sowohl einen Verbrennungs- als auch einen Elektromotor benötigen (Weitere Informationen).

In Dr. Carsten Kuhlgatz‘ Vortrag im Anschluss stellte der Geschäftsführer der Hüttenes-Albertus (HA) Chemische Werke GmbH, Düsseldorf, Überlegungen für eine neue Innovationskultur zwischen Gießern und Zulieferern vor. Der Innovationsdruck sei in den beiden wichtigsten Kundensegmenten der Gießereibranche, dem Automobil- und dem Maschinenbau, besonders hoch. Netzwerke seien für Innovationen unerlässlich. Durch frühzeitige Zusammenarbeit von Gießerei, Investitionsgüterhersteller, Verbrauchsmateriallieferant und ggfs. Hochschulen und anderen Institutionen sei es möglich, den Zeitbedarf für Produkt- und Prozessinnovationen zu verkürzen, betonte er. Das HA Center of Competence in Baddeckenstedt sei als verlängerter Arm der Gießerei ein passender Ort für diese verstärkte Zusammenarbeit, bekräftigte Dr. Kuhlgatz abschließend.

Der letzte Plenarvortrag der Großen Gießereitechnischen Tagung 2018 wurde von Dr.-Ing. Ludger Ohm, dem Geschäftsführer von Ohm & Häner aus Olpe bestritten. Das Familienunternehmen hatte den Innovationspreis 2017 erhalten. Dr. Ohm beschrieb den Weg seines Unternehmens von der Formbank zur Hightech-Gießerei. Mit seinen 700 Mitarbeitern und 100 Mio. Euro Umsatz wachse Ohm & Häner nicht über den Zukauf bestehender Gießereistandorte, sondern organisch an einem gewachsenen Standort in Deutschland, so Dr. Ohm. Statt Spezialisierung setze das Familienunternehmen auf Vielseitigkeit beim Produktspektrum. Zur kontinuierlichen Weiterentwicklung investiere die NE-Gießerei deshalb schon seit Jahrzehnten in überdurchschnittlichem Maße.

Näheres über das Fachprogramm lesen Sie in der aktuellen und der kommenden Ausgabe (Zum Abo). Die Ergebnisse der Mitgliederversammlungen von BDG, VDG und FVG beleuchtet die GIESSEREI in der kommenden Ausgabe.

www.bdguss.de