Fachartikel

8.06.2018
erschienen in GIESSEREI Heft 6|2018

Ohne Diesel läuft vorläufig nichts!

"Kein Antrieb ist alternativlos. Es geht nicht um Diesel oder E-Auto, sondern um die schlaueste Kombination bewährter und neuer Technologien."

VON JÜRGEN GROSSMANN, HAMBURG

Als ich in den 80er Jahren zur Georgsmarienhütte kam, da ging unsere Welt auch schon unter. Schienen seien tot, so raunte man in der Stahlszene, die Eisenbahn sei am Ende, denn nun rausche der Transrapid heran. Den Ausgang der Geschichte kennen wir. Derzeit erleben wir den nächsten Weltuntergang: Der Diesel soll beerdigt werden.

Die Erfahrung lehrt: Das Wesen der Disruption ist das Überraschende, Fortschritt lässt sich nur bedingt mit Gesetzen und Parolen vorantreiben. Sie kommt oft einfach so. Und meistens anders als erwartet. Wenn nun Radfahrer zu Antriebsexperten werden und Hysteriker zu Feinstaubfachleuten, dann ist vor allem eines sicher: eine entgleiste Debatte, getrieben von Halbwissen und Falschfakten. Oder, was fast noch schlimmer ist, von dem Wunsch, langfristig unsere Individualmobilität abzuschaffen. Egal ob durch harte Grenzwerte für Feinstaub, CO2 oder Stickoxide: Irgendeiner der drei Bösewichter wird doch vom Diesel nicht einzuhalten sein. Dass dabei ein Ast der Deutschen Volkswirtschaft nachhaltig beschädigt wird, auf dem viele von uns sitzen, ist nebensächlich. Deswegen bitte Ruhe bewahren und die Sachlage ordnen.

Erstens: Offenbar ist bei den Emissionsmessungen bestimmter Pkw-Modelle geschummelt worden. Hier klären Gerichte schonungslos die Sachlage. Eines steht jetzt schon fest: Es wird teuer. Der Begriff „Selbstreinigung“ hat im deutschen Automobilbau eine ganz eigene Bedeutung bekommen. Wie in allen Rechtsstaaten dürfen wir davon ausgehen, dass die Lage nach der Trickserei besser ist als vorher.

Zweitens: Dieselmotoren stoßen weniger vermeintlich klimaschädliches CO2 aus als ein Benziner, weil der Verbrauch niedriger liegt. Daher führte Bundeskanzler Kohl das Diesel-Privileg ein, das aber für Lastwagen gedacht war. Zwar produziert der Diesel mehr Stickoxide, aber weil die Motoren immer sauberer werden, sinken die Emissionen kontinuierlich. Dieser Trend wird sich fortsetzen, sofern die Pkw trotz deutlich smarterer Materialien, auch aus unserem Hause, nicht fortwährend schwerer, breiter, kräftiger werden. Bei aller Autobegeisterung: 400 röhrende PS passen in übervolle Innenstädte so gut wie ein Panzer in den Verkehrskindergarten.

Drittens: Das Gerangel um die Grenzwerte hat mehr mit Voodoo zu tun als mit Wissenschaft: Warum sind an Industriearbeitsplätzen 950 Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft erlaubt, im Büro 60, auf der Straße 40? Flatulenzen von Rindviechern, Grills und Kleinfeuer – das seien schlimmere Luftverschmutzer als Dieselmotoren, sagt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Was allerdings stimmt: Die deutschen Innenstädte werden nicht attraktiver durch Staus und Feinstaub. Städte, die eine praktikable, nachvollziehbare und effektive Methode der Stickoxidbegrenzung einführen, werden mit Lebensqualität belohnt. Was auch stimmt: Diejenigen, die jetzt gegen Diesel angehen, wollen eigentlich die individuelle Mobilität verändern, wie wir sie heute kennen und auch weit überwiegend schätzen.

Viertens: Das Elektroauto ist nicht perfekt. War es noch nie. Sonst hätten wir ja mehr davon. Die Technologie gibt es ja fast solange wie den Verbrennungsmotor, aber sie hat noch immer deutliche Schwächen: die Batterie, das Laden, die Herkunft des Stroms, der Rohstoffe, die Entsorgung – allenthalben ungeklärte Fragen, seit vielen Jahrzehnten. Warum Tesla zur Wunderfirma der Branche hochgeschrieben wird, während der deutsche Ingenieur scheinbar trottelig daneben steht, gehört zu den Geheimnissen eines Mediengewerbes, das Probleme entweder überbetont oder ausblendet. Ob Kinderarbeit in afrikanischen Kobaltminen oder fehlende Lademöglichkeiten - das E-Mobil ist und bleibt zunächst ein kalifornischer Traum, eine Sonnenscheintechnologie. Mit dem europäischen Winter dagegen werden die Stromspeicher nicht so recht warm. Die Energiedichte des Diesels im Tank ist und bleibt Benchmark. Fakt ist: Trotz großzügiger Kaufanreize werden die Stromer nur zögerlich erworben. Deutsche Autokäufer, wohl die kritischsten Kunden der Welt, sind von der Gesamtbilanz des E-Mobils bisher nicht überzeugt. Da hilft auch kein E-Privileg.

Der Markt ist unser zuverlässigster Indikator. Weder Kunden noch Industrie, weder Weltmarkt noch Arbeitnehmer wollen Entweder-oder-Dirigismus durch die Politik. Keine Frage: E-Mobilität bietet sich für Ballungsräume an, sofern der Strom sauber ist; auf Langstrecken dürfte der Diesel noch eine Weile sinnvoller sein. Womöglich erweisen sich in ein paar Jahren Brennstoffzellen oder neue Hybrid-Strategien als bessere Lösung. Auch gut. Denn aus Erfahrung wissen wir: Ein Wettbewerb der Ideen beflügelt den Fortschritt und damit den Umweltschutz am zuverlässigsten.

Kein Antrieb ist alternativlos. Es geht nicht um Stahl oder Karbon, Diesel oder E-Auto, sondern um die schlaueste, effektivste und umweltschonendste Kombination bewährter und neuer Technologien. Und da werden deutsche Ingenieure auch in den kommenden Jahrzehnten vorne mitspielen. Wir als Gesellschaft sollten das begrüßen und nicht anstreben, eine weitere Industrie, auf der unser Wohlstand beruht, aus unserem Lande zu vertreiben.