Fachartikel

7.05.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 5|2019

Anja und die Walzen

Frei nach Loriot: Ein Leben ohne Walzenguss ist möglich, aber sinnlos. Groß, dreckig und laut – das ist genau nach Anja Borns Geschmack.

Beruflich konnte sich Anja Born nach ihrem Abitur vor gut 20 Jahren so manches vorstellen. Nur eines stand für die junge Frau damals fest: Ein technischer Beruf kommt definitiv nicht infrage. Über Umwege entdeckte sie jedoch ihre Begeisterung für das Gießen. Insbesondere Großgussteile haben es ihr angetan. Als Mitarbeiterin der Arbeitsvorbereitung Walzenguss bei der Walzengießerei Coswig GmbH in der Nähe von Dresden steht sie seit nunmehr 13 Jahren tagtäglich ihre Frau.

VON KARIN HARDTKE, NEUSS

Die Profilwalze, die gerade aus der Grube geholt wird, wiegt circa 46 Tonnen und war vorher für 24 Stunden zum Erstarren in der Form. Jetzt wird sie in die Glühkammer überführt“, erklärt Anja Born. Fünfzehn Glühkammern gebe es insgesamt, fügt sie an. Die 40-Jährige nickt den Kollegen kurz zu, rückt ihren Helm zurecht und geht zügigen Schrittes in Richtung des größten der insgesamt vier Gießöfen in dieser Halle, um dort mit den Kollegen über einen bevorstehenden Abguss zu sprechen. Mehr als ein Dutzend Walzen verlassen jede Woche die Gießerei. Die schwerste Walze brachte stolze 60 Tonnen auf die Waage.

„Die Planung dieses Abgusses war für uns in der Arbeitsvorbereitung eine ganz schöne Herausforderung“, erinnert sich Born. Und man könne nie ganz sicher sein, dass alle Parameter innerhalb der vorgegebenen Toleranzen blieben. Dass ab und an mal etwas schiefläuft, sei halt Gießereialltag. „Dann herauszufinden, woran es gelegen hat, ist genauso spannend, wie die Vorbereitung eines Abgusses.“ Der Walzenguss sei eh etwas Besonderes und Spezielles, findet Born. „Ich möchte diese spannende Arbeit keinen Tag missen“. Die Walzengießerei Coswig GmbH gibt es bereits seit 1892. Sie gehört seit 1996 zum Gießereiverbund der DIHAG Holding GmbH in Essen. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Walzenguss und Handformguss. Mit rund 260 Mitarbeitern werden in beiden Geschäftsbereichen jedes Jahr mehr als 30 000 Tonnen Guss verarbeitet: auf der einen Seite zu Profilwalzen, Stauchwalzen oder Walzringen – auf der anderen Seite zu Rotorhohlwellen, Mahlplatten oder Getriebegehäusen. Zu den Abnehmern zählen Stahl- und Walzwerke, Hüttenwerke sowie Hersteller von Windenergieanlagen, Druckmaschinen, Mahl- und Zerkleinerungsmaschinen sowie Maschinenbauer aus verschiedenen Bereichen.

Wenn von den Kunden gewünscht, bietet die Gießerei einen kompletten Service aus einer Hand an – von der Entwicklung bis hin zur fachgerechten Nachkalibrierung. In den vergangenen Jahren wurde kräftig investiert – in den Aufbau einer neuen Gießerei für Handformguss, zwei neue Glühkammern, eine CNC-Karusselldrehmaschine und eine automatisierte Wasservergütungsanlage für Walzen beispielsweise.

Ferienjob bei den Werkstoffprüfern im Stahlwerk

Anja Born stammt aus dem südbrandenburgischen Dorf Prösen an der sächsischen Grenze zwischen Cottbus und Dresden. Gerade einmal 1,60 m groß, äußerst zierlich, blonder Pagenschnitt – auf den ersten Blick würden bei Anja Born vermutlich nicht wenige auf einen klassischen Bürojob tippen – irgendetwas bei Gericht, einem Steuerberater oder im öffentlichen Dienst beispielsweise. Und in diese Richtung hätte die berufliche Reise für die Abiturientin auch gehen können. Ein Studium sei für sie zunächst nicht infrage gekommen – „Bloß nicht schon wieder die Schulbank drücken“.

Da sie als Schülerin in den Sommerferien stets gearbeitet oder Praktika absolviert und somit bereits in den einen oder anderen Beruf hineingeschnuppert hatte, fand sie einige Ausbildungsberufe ziemlich reizvoll. „Rechtspfleger oder Bibliothekar hätte ich mir gut vorstellen können. Und Apotheker war damals schlichtweg mein Traumberuf“, erinnert sich Born. Auch den Eignungstest zum Fluglotsen habe sie absolviert und bestanden, erzählt sie ein wenig stolz und schmunzelt gleich darauf über ihre damalige Berufsfindungsphase. Als sie jedoch in den Ferien bei den Schmiedewerken Gröditz GmbH jobbt und so die Arbeit in einem Stahlwerk kennenlernt, ist ein Bürojob endgültig abgehakt. „Dort hatte man mich damals zu den Werkstoffprüfern gesteckt – zerstörungsfreie Prüfung mittels Ultraschall und so weiter. Diese Arbeit hat mich total begeistert.“ Da auch das Betriebsklima passte, absolviert die junge Frau eine dreieinhalbjährige Ausbildung zur Werkstoffprüferin. „Das war eine wirklich schöne Zeit“, sagt sie rückblickend und klingt dabei fast ein bisschen wehmütig.

Guten Morgen Frau Born, guten Morgen meine Herren!

Nach ihrer Ausbildung arbeitete Anja Born zunächst in der Fertigungskontrolle in einer dem Stahlwerk angeschlossenen Gießerei. Abwechslungsreich und interessant sei die Arbeit gewesen – aber nichts für zarte Gemüter. Riesige Schiffsbauteile mit entsprechend großen Bohrungen stellt die Gießerei unter anderem her. Als kleinste und zierlichste Mitarbeiterin der Fertigungskontrolle sei es dann meistens ihr Job gewesen, in die engen Bohrungen hineinzukriechen und die notwendigen Messungen vorzunehmen.

Anja Born ist zäh, beißt sich durch – und doch belastet diese anstrengende Arbeit mit der Zeit zunehmend ihre Gesundheit. „Einmal bin ich tatsächlich mit dem Ultraschallprüfkopf an einem Gussteil festgefroren.“ Und so entschließt sich die Werkstoffprüferin schließlich, doch noch zu studieren. Da sie dem Gießen auf jeden Fall treu bleiben möchte, fällt ihre Wahl auf den Studiengang „Werkstofftechnologie mit Schwerpunkt Gießereitechnik“ an der TU Bergakademie in Freiberg. Stipendien der Hans-Böckler-Stiftung sowie des Stahlinstituts VDEh helfen, die mehr oder weniger einkommensfreie Studienphase zu überbrücken. Dass es ein Bachelor-Studiengang werden sollte, da war sich Anja Born von Anfang an sicher.

„Der Vorteil lag für mich auf der Hand: eine überschaubare Regelstudienzeit, wodurch man für die Unternehmen schnell wieder verfügbar ist“. Einen „Nachteil“ hatte der Studiengang jedoch, erinnert sich Born und lacht: Sie war die einzige Frau in ihrem Semester. „Ich konnte im Gegensatz zu meinen männlichen Kollegen eigentlich nie eine Vorlesung ausfallen lassen. Denn schon bei der Begrüßung hieß es immer: Guten Morgen Frau Born, guten Morgen meine Herren.“ Obwohl Frauen in technischen Berufen definitiv auf dem Vormarsch seien, gebe es halt insbesondere in der historisch von Männern geprägten Gießereibranche immer noch weit mehr Männer als Frauen. Als Frau sei man in der Branche auch heute noch ein Stück weit ein Exot, so ihre Einschätzung. Für sie sei daher von vorneherein klar gewesen, dass sie als Frau in ihrem zukünftigen Beruf besonders gut sein muss, um sich zu behaupten und als kompetenter Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Nachdem sie ihren Bachelor-Abschluss als Werkstofftechnologin mit Schwerpunkt Gießereitechnik in der Tasche hatte, bewarb sie sich bei verschiedenen Gießereien in der Region.

Wegzuziehen, das kam für Anja Born nie infrage. „Wenn alle von hier weggehen, was soll denn dann werden?“, sagt sie. Manch ein männlicher Gesprächspartner sei zunächst ein wenig reserviert gewesen ob einer weiblichen Gießereispezialistin, erinnert sie sich. Nicht unbedingt eine angenehme Erfahrung, gesteht sie. Aber: „Ich weiß, wovon ich rede und ich kann mich schon auch durchsetzen.“ Eine Initiativbewerbung schickt Anja Born an die Walzengießerei Coswig. Doch zu diesem Zeitpunkt gibt es für die Ingenieurin dort keine passende Stelle. Born hat mittlerweile Jobzusagen einer Aluminiumgießerei sowie einer Stahlgießerei – und entscheidet sich für die Stahlgießerei. Sie beginnt dort als Mitarbeiterin der Qualitätssicherung. Die Arbeit ist vielseitig und macht ihr Freude. Doch als kurze Zeit später dann doch noch ein Anruf aus Coswig kommt, zögert Born nicht lange und schaut sich die Gießerei an.

Ihre damalige Gesprächspartnerin: Sabine Murcek, Leiterin der Arbeitsvorbereitung Walzenguss. Dort sucht man dringend Verstärkung. Nach dem Gespräch und einem Rundgang durch die Gießerei steht für beide Seiten schnell fest: Die Aufgabe passt – und was mindestens genauso wichtig ist: Die Chemie stimmt. „Ich kann das schlecht beschreiben. Aber es bestand von Anfang an eine Vertrautheit, so als wenn man sich schon ewig kennen würde“, erzählt Born. Zum Ende der Probezeit verlässt sie schließlich die Stahlgießerei und wechselt zur Walzengießerei Coswig in die Arbeitsvorbereitung Walzenguss, wo sie bis heute arbeitet. Sabine Murcek ist bis heute ihre Vorgesetzte. Und sollte die einmal nicht da sein, so übernimmt Anja Born seit einiger Zeit ihre Aufgaben in Vertretung.

Kompetenz und Tatkraft – ein unschlagbares Team

Ihre männlichen Gießereikollegen mögen sie zwar in Sachen Körpergröße überragen, aber auf der Nase herumtanzen lasse sie sich deshalb noch lange nicht, betont Born. In der Gießerei merkt man schnell, dass die zierliche Ingenieurin fachlich einiges auf dem Kasten hat und weiß, wovon sie spricht. Und dass sie sich für keine Arbeit zu fein ist und nicht nur redet, sondern auch mit anpackt. Anja Born arbeitet zu Beginn in der Walzenformerei im Schichtdienst, sie reinigt die Herdwagen und schippt Legierungselemente. Und auch am Gießofen beim Abschlacken findet man sie. Als es ihr jedoch nicht gelingt, den Schlackengreifer über die Rinne zu ziehen, lässt der Kollege sie zunächst einmal zappeln, bis er ihr schließlich hilft. Anja Born ficht das nicht an: „Nur Danebenstehen und Zuschauen ist nicht mein Ding. Ich will es lieber selber ausprobieren, auch wenn es letztendlich mal nicht klappen sollte.“

Das kommt an – wie auch die Tatsache, dass sie bei Klärungsbedarf lieber den direkten Kontakt sucht und in die Gießerei geht, statt nur zum Telefonhörer zu greifen oder eine E-Mail zu schreiben. Selbstverständlich gebe es gute und weniger gute Arbeitstage, genauso wie Tage, die sie vorwiegend an ihrem Schreibtisch vor dem Computer verbringt – „wenn beispielsweise Auswertungen gefahren werden müssen“, erklärt sie. Doch statt klinisch rein, mag Anja Born es lieber dreckig, laut und dunkel. Nach einem Tag ohne Abstecher in die Gießerei fehle ihr etwas, sagt sie. Bei besonderen Abgüssen, wie der eines circa 40 Tonnen schweren Kolbens (Fertiggewicht) im vergangenen Jahr, sei sie auf jeden Fall immer mit dabei. Genauso spannend sei es jedoch, wenn sich bei einem Abguss doch einmal ein Fehler einschleichen sollte. „Insbesondere bei Fehlern, die vorher bei identischen Abgüssen noch nie aufgetreten sind, sind wir von der Arbeitsvorbereitung gefordert. Manchmal findet man einfach keine Antwort. Auch das kommt vor.“

Sie fühle sich mit ihrer Arbeit verbunden, so drückt sie es aus. Sie wolle ihren Beitrag dazu leisten, dass die Arbeit in der Gießerei rund läuft. So sei sie halt schon immer gewesen. Halbe Sachen sind nichts für sie. Diese Begeisterung spüren auch Kunden und Besucher. Anja Born erinnert sich an einen Tag der offenen Tür, an dem sie Kunden die Gießerei gezeigt hat. Die waren nach dem Rundgang mindestens genauso beeindruckt von der Gießerei wie von ihrer „Fremdenführerin“, deren Enthusiasmus für ihre Arbeit und das Gießen auf sie überschwappte. Doch Anja Born ist nicht nur Vollzeit-Gießereibegeisterte, sondern auch Vollzeit-Mama – ein Spagat, der Flexibilität, Belastbarkeit und ein ausgeprägtes Organisationstalent erfordert.

Eine Herausforderung, die die 40-Jährige gerne annimmt und mit der manch ein männlicher Kollege wahrscheinlich so seine Schwierigkeiten hätte. Nicht so Anja Born. Bereits sechs Monate nach der Geburt ihres Sohnes stand sie quasi Vollzeit wieder in der Gießerei. Wenn Sie über ihren 8-jährigen Sohn William spricht, ist ihr Stolz fast mit Händen zu greifen. Mittlerweile lerne er Kanufahren, früher habe er auch Handball gespielt, erzählt sie. Dass Born – selbst begeisterte Handballerin – ihr Hobby aus Zeitgründen inzwischen aufgeben musste, bedauert sie ein wenig. Oder, dass ihr die Zeit fehlt, an den regelmäßigen Absolvententreffen der TU Bergakademie Freiberg teilzunehmen. Aber man müsse halt Prioritäten setzen.

Was Anja Born viel eher Sorgen bereitet, sind die Herausforderungen, denen sich die deutsche Gießerei-Industrie derzeit gegenübersieht: Billiganbieter aus China, die auf den deutschen Markt drängen, der Druck, neue Kundengruppen zu erschließen oder die immer kürzer werdenden Planungshorizonte beispielsweise. Nichtsdestotrotz: Anja Born liebt ihre Arbeit trotz aller Widrigkeiten bis heute. „Eine Arbeit außerhalb einer Gießerei kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Vorstellen kann ich mir hingegen, eines Tages mehr Verantwortung zu übernehmen.“ Sagt’s, nimmt kurz ein Telefonat entgegen und macht sich unverzüglich auf den Weg in Richtung Bearbeitungszentrum – ein Kollege hat eine Frage zur Profilierung einer Walze.

www.walze-coswig.de