Fachartikel

28.02.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 3|2019

Die Transformation hin zur Elektromobilität gewinnt an Fahrt

Christoph Langehenke, CTO-Chief Technical Officer, Managing Director bei VOIT (Foto: Alexander Kowalski) .

VOIT Automotive drückt aufs Tempo – der Systemlieferant für die Automobilindustrie hat längst Kurs auf die E-Mobilität genommen. Bereits jetzt fließt ein Drittel seiner Investitionen in die E-Mobilität – Tendenz stark steigend. Das Unternehmen ist gerüstet, wenn in den nächsten Jahren Hybride oder reine E-Fahrzeuge die Käufer elektrisieren werden.

Von MICHAEL VEHRESCHILD, KLEVE

Die Entwicklung der Automobilbranche könnte kaum spannender sein. Und sie erfordert Mut. Denn der Versuch, in die Zukunft der E-Mobilität zu blicken, „ist wie in eine Glaskugel zu sehen“, sagt Christopher Pajak, Leiter Strategischer Vertrieb bei VOIT Automotive. Dennoch müssen Automobilhersteller und ihre Zulieferer bereits jetzt in die E-Mobilität investieren – obschon derzeit die Umsätze aufgrund der aktuell noch überschaubaren Stückzahlen eher bescheiden sind.

 

 

Eine strategische Entscheidung

Doch wer früh genug einsteigt, wird möglicherweise eher auf die Überholspur wechseln können. Bereits seit mehreren Jahren beschäftigt sich VOIT Automotive aus dem saarländischen St. Ingbert intensiv mit der E-Mobilität. Anfänglich, erinnert sich Christopher Pajak, war dies eine strategische Entscheidung. Der Diversifikationsgedanke und die Kundenanforderung standen im Vordergrund. „Wir haben in diesem Bereich bereits erfolgreich Kompetenz bewiesen“, wie Christoph Langehenke, CTO-Chief Technical Officer, Managing Director, betont. Ein Vorteil: Denn wer früh erfolgreich Leistung bietet, setzt die Referenz. Der E-Motor soll also rundlaufen. Am besten mit Fertigungstechnologien, die auch eine wirtschaftliche Elektromobilität ermöglichen.

Hierzu wendet VOIT Automotive beispielsweise ein innovatives Fertigungsverfahren für wassergekühlte Elektromotorengehäuse in der Großserienfertigung an. „Anstelle einer Abdichtung und Verschraubung eines Kühlmantels um das Gehäuse hat VOIT das Verfahren des Rührreibschweißens prozesssicher und großserientauglich weiterentwickelt“, erläutert Christoph Langehenke. „Mit der Folge, dass wir einen führenden deutschen OEM als Neukunden gewinnen konnten.“ Diese einbaufertige Komponente steht bereits seit Frühjahr 2018 für eine Vielzahl elektrifizierter Modelle zur Verfügung. „Diese moderne Fertigungstechnologie des Rührreibschweißens in Serie lässt neue Gestaltungsmöglichkeiten beim Design sowohl gekühlter Elektromotoren als auch von Leistungselektronik zu.“ „Außerdem konnten wir durch dieses innovative Produkt- und Prozessengineering ein weiteres E-Mobility-Projekt gewinnen. Die Teile und Komponenten sind hochkomplex, darauf sind wir sehr stolz. Wir sind gespannt, wie die Endkunden die neuen, rein elektrischen Modelle dieses deutschen Premium-OEM annehmen“, begeistert sich Christopher Pajak.

Komponenten für die E-Mobilität

VOIT Automotive hat sich frühzeitig in die E-Mobilität begeben und bietet bereits zahlreiche Leistungen an. So gehören zu den Komponenten im Bereich Antriebstechnik auch Getriebeinnenteile – bis hin zu kompletten Gehäusebauteilen für E-Achsen. Zum Portfolio zählen außerdem Bauteile für schaltbare Getriebe, Gehäuse für Steuer- und Leistungselektronik, Gehäuse für Lenkgetriebe und Motorgehäuse für die elektrische Lenkung. „Besonders interessant sind Gehäuse inklusive Kühlmantel sowie Statorträger für E-Maschinen“, ergänzt Christoph Langehenke. „Außerdem werden zukünftig im VOIT-Unternehmensverbund auf Gießzellen mit Tonnagen von bis zu 2500 Tonnen Gehäusebauteile für Elektromotoren für einen weiteren deutschen Premium-OEM gegossen und fertig bearbeitet.“

Gerüstet, um schnell zu wachsen

Die Elektrifizierung des Antriebs bedeutet technisch eine große Umwälzung. Denn sie ändert Konstruktion und Komponenten des Antriebsstrangs. Viele Komponenten und Teile des klassischen Verbrennungsmotors werden bei reinen Elektrofahrzeugen nicht mehr benötigt, der reine Antriebsstrang wird simpler. Andererseits werden beispielsweise Anforderungen an die Geometrie der Komponenten für die Leistungselektronik oder Fahrerassistenzsysteme steigen. „Dies wird auch für uns neue Chancen eröffnen“, ist sich Christopher Pajak sicher.

VOIT scheint sie zu nutzen. Das Unternehmen stieg zum Tier-1-Zulieferer auf und liefert ebenfalls direkt an namhafte Automobilhersteller – auch bei der E-Mobilität. Die Botschaft von VOIT ist angekommen: „Wir sind gerüstet und können im E-Bereich schnell wachsen.“ Derzeit sind „die Stückzahlen noch überschaubar, aber die Tendenz ist stark steigend“, betont Christopher Pajak. Natürlich eine Herausforderung, besitzen die heute noch vergleichsweise kleinen Serien immer kürzere Produktlebenszyklen. Die Hersteller stehen im globalen Wettbewerb unter Kostendruck. „Und der wird an die Zulieferer weitergegeben.“

Kürzere Entwicklungsphasen

Die Anforderungen an das Unternehmen als Engineering Partner steigen also stetig, neue Systeme für E-Mobilität haben eine immer kürzere Entwicklungsphase, wobei am Design der einzelnen Komponenten aufgrund immer neuer Anforderungen bis kurz vor Produktionsstart gearbeitet wird. „Zudem ist die Anlaufkurve in der Serienfertigung sehr steil, was bei den hochkomplexen Teilen beherrscht werden muss. Die Prozesse müssen in der Großserie von Anfang an perfekt sein, um bei dem enormen Kostendruck Wettbewerbsfähigkeit zu garantieren“, erläutert der Leiter des Strategischen Vertriebs. Dabei sei stets darauf zu achten, ergänzt Christoph Langehenke, das Design der Komponenten optimal auszulegen, um kostengünstig produzieren zu können.

„Auf diese Weise machen wir die Produkte großserientauglich.“ VOIT setzt darauf, sich früh am Entwicklungsprozess der Automobilbranche zu beteiligen. „Da wir oft bereits in der Prototypenphase am Design der Komponenten mitwirken, können wir den ,Wandel‘ aktiv ,im Kleinen mitgestalten‘ und so unseren Beitrag zum Wandel hin zur E-Mobilität leisten“, sagt Christopher Pajak. VOIT will Motor sein.

Voit deckt gesamte Prozesskette ab

Aber dazu muss es ein leistungsfähiger und anpassungsfähiger Motor sein. VOIT scheint ihn zu besitzen, denn das Unternehmen hat sich bereits längst vom reinen Gießer zum Lieferer von fertig bearbeiteten einbaufertigen Komponenten und Baugruppen entwickelt, inklusive JIT-Logistik. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Entwicklungsabteilung und einen eigenen Werkzeugbau samt Prototypenbau. „Wir decken die gesamte Prozesskette ab“, so Pajak. Der Wandel erfordert von der gesamten VOIT-Gruppe aber ein Umdenken, „wir müssen näher bei unseren Kunden in der Entwicklung sein, aber als Großserienlieferant auch noch näher an deren Produktionsstandorten, uns weiter internationalisieren. Viele E-Mobility-Komponenten unserer Kunden werden zukünftig in Asien oder Osteuropa montiert.“ Gegebenheiten, die Kunden in den Wachstumsmärkten sehr schätzen. Die Chance auf einen Großauftrag wächst.

Elektroautos für Mega-Citys

Ein attraktives Wachstum wird in Asien erwartet. Die Urbanisierung in China und ein rigider werdender Umweltschutz kurbeln die Entwicklung der Elektroautos an. 1980 lebten lediglich 20 Prozent der Bevölkerung in Städten, 2025 sollen es laut Experten 70 Prozent im Reich der Mitte sein. „In den asiatischen Mega-Citys setzt sich E-Mobilität mittelfristig durch – reine Elektrofahrzeuge werden dort 2030 dominieren. Im ländlichen Raum eher der Hybrid“, prognostiziert Christopher Pajak.

In den nächsten Jahren setzt sich VOIT mit seiner China-Strategie auseinander. „Ein sehr spannendes Feld. Wir passen uns da an, wo es benötigt wird.“ VOIT sieht sich daher die Märkte genau an und richtet den Blick auch nach Osteuropa, wo das Unternehmen bereits präsent ist. Die Standorte in Deutschland oder in Frankreich sollen aber nicht darunter leiden, wenn teilweise gleiche Produkte auch in der Niederlassung in Polen produziert werden. „Wir werden als Gruppe wachsen, Treiber hierfür ist aber Osteuropa“, sagt Christoph Langehenke, CTO-Chief Technical Officer.

2023 als Tipping Point

Alle blicken nun gespannt auf den vermutlichen Zeitpunkt der Marktdurchdringung durch Elektroautos. Klar ist bereits, dass 2019 ein spannendes Jahr wird – zahlreiche Modelle stehen auf der Schwelle. Einige OEMs bringen E-Fahrzeuge an den Start – darunter auch erste Modelle von Jaguar, VW, Audi, Porsche oder Mercedes-Benz. Der Markt wird also schon bald vielfältiger.

Gut für VOIT: Denn Leistungen des Unternehmens werden an Bord sein. Ein Signal an weitere Automobilhersteller, die mit dem Gedanken liebäugeln, ebenfalls ein E-Modell zu launchen. „Wir sind dann im Rennen“, sagt Christopher Pajak selbstbewusst. Aber wann könnten die Elektroautos langsam, aber sicher, gewinnbringend davonfahren? „Der Tipping Point, also Wendepunkt, sollte ab 2023 erreicht sein und ein starker Rückgang der konventionellen Antriebe zu Gunsten von Micro-, Mild- oder Vollhybriden (HEV) bzw. Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen (PHEV), Batteriebetriebenen Fahrzeugen (BEV) oder Brennstoffzellenbetriebenen Fahrzeuge (FCEV) folgen“, vermutet Christopher Pajak. Zusammen könnten laut Experten in rund fünf Jahren fast 30 Prozent der Pkw-Neuzulassungen mit einem Hybrid- oder Elektroantrieb ausgestattet sein. 2030 könnte der Anteil der Neuzulassungen mit reinen Verbrennungsmotoren gar auf rund 15 Prozent fallen.

Umsatz bei E-Mobilität wächst

VOIT fährt einen Teil des Altgeschäftes runter, „aus dem wir uns strategisch verabschiedet haben“, erklärt Christopher Pajak. Bis aber die E-Wende eintritt, „behalten wir selbstverständlich auch unser Brot- und Buttergeschäft im Auge.“ VOIT hat aber bereits eine verheißungsvolle Zukunft vor Augen. Denn auch wenn der Umsatz durch die E-Mobilität aktuell noch eine untergeordnete Rolle spielt, könnte sich das bald ändern. Schon in den nächsten drei Jahren wird der Umsatzanteil der E-Mobilität auf rund 20 Prozent steigen. Eine Entwicklung, mit der VOIT Automotive kräftig Fahrt aufnehmen würde.

www.voit.de