Fachartikel

14.01.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 1|2019

Einmal Süddeutschland und zurück – ein Gießerei-Ingenieur folgt seiner Passion

Abteilungsübergreifende konstruktive Zusammenarbeit trägt Früchte: Kai Bonitz im Gespräch mit seinem Kollegen Henry Weber aus der Konstruktionsabteilung: Sie beraten über eine Ölwanne (FOTOS: Mario Jahn).

Kai Bonitz studierte Gießereitechnik an der TU Bergakademie Freiberg und entdeckte dort seine Leidenschaft für den Werkstoff Aluminium und das Druckgießen. Zielstrebig führte sie den Mann aus dem Erzgebirge zunächst quer durch die Republik in das oberschwäbische Biberach an der Riß zur Leichtmetallgießerei Albert Handtmann. Nach 13 Jahren und einigen Karriereschritten ist der Gießerei-Ingenieur nun zurück in seiner Heimat. Seine Arbeit bei der Handtmann Leichtmetallgießerei Annaberg in Annaberg-Buchholz bringt den Ingenieur auch wieder näher an seine Gießereiwurzeln. Der Artikel ist der erste Teil einer GIESSEREI-Serie über den Werdegang ehemaliger Gießereitechnik-Absolventen.

VON KARIN HARDTKE, RATINGEN

Kai Bonitz mag Herausforderungen, gerne auch jeden Tag eine neue. Und schließlich eine Lösung zu finden, das begeistert den Gießerei-Ingenieur noch mehr. „Es ist für mich immer wieder ein befriedigendes Gefühl, die Ursache für einen Fehler zu finden und ihn schließlich auch beseitigen zu können. Dann kann man nach getaner Arbeit beruhigt nach Hause gehen.“

Das kann Kai Bonitz nun immer öfter, denn seit gut einem Jahr ist der ehemalige Abteilungsleiter Teil des KVP-Teams der Handtmann-Leichtmetallgießerei in Annaberg-Buchholz. „KVP“ steht für „kontinuierlicher Verbesserungsprozess“. Die insgesamt vier Mitarbeiter dieser Task-Force sind seit gut einem Jahr im Einsatz. Sie sorgen dafür, dass sämtliche Abläufe und Prozesse für alle neu zu produzierenden Gussteile im Vorfeld der Serienproduktion perfekt aufeinander abgestimmt und optimiert sind, um beim späteren Produktionsstart keine bösen Überraschungen zu erleben. Dazu gehört es einerseits, sich vorab intensiv mit dem „Charakter“ des neuen Gussteils zu befassen; andererseits ist der Austausch mit sämtlichen am Herstellungsprozess beteiligten Abteilungen extrem wichtig. Das fängt bei der Konstruktion an und hört beim Einfahren der Prozesse auf den Maschinen noch lange nicht auf. „Wir befassen uns intensiv mit einem neuen Produkt, um gemeinsam Lösungen zu finden und das Unternehmen so zukunftsfähig zu machen“, erklärt Hannes Seyfarth, der das KVP-Team leitet und seit 16 Jahren bei Handtmann in Annaberg-Buchholz arbeitet.

Seyfarth und sein Team sind weitestgehend vom Gießerei-Tagesgeschäft freigestellt. Doch wenn es in der Gießerei einmal Probleme gibt, die sich nicht so einfach beheben lassen, dann findet das KVP-Team auch hierfür eine Lösung. „Mit seiner Ausbildung, seinem Sachverstand und seiner Berufserfahrung hätte man Kai Bonitz auf fast jeder Stelle in der Gießerei einsetzen können. Wir sind froh, dass er im KVP-Team mitarbeitet “, lobt Gießereileiter Heiko Blei den „Heimkehrer“. Und ergänzt mit einem breiten Grinsen: „Und gut integriert hat sich der Kai bei uns sehr schnell.“

Strukturiertes Lernen – eine Fähigkeit, die sich bis heute auszahlt

Kai Bonitz stammt aus dem kleinen Ort Brünlos in der Nähe von Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Nach Abitur und Bundeswehr entschied er sich zunächst für eine Ausbildung zum Rohrleitungsbauer. Doch nach drei Jahren in diesem Beruf stellte Kai Bonitz ernüchtert fest: „Das kann nicht die Zukunft für mich sein.“ Im Winter gibt es kaum Arbeit und die Phasen der finanziellen Unsicherheit werden von Jahr zu Jahr länger. Bonitz fasst den Entschluss, beruflich umzusatteln und doch noch zu studieren.

Eine Berufsinformationsveranstaltung gibt schließlich den Ausschlag für ein Studium der Gießereitechnik, auch weil er zuversichtlich ist, im produzierenden Gewerbe später eine gute Anstellung zu finden. Das Erzgebirge ist zwar eine Bergbauregion mit einer langen Tradition, doch heutzutage noch „etwas in Richtung Bergbau“ zu studieren, das war für Bonitz keine berufliche Option. Das Grundstudium an der TU Bergakademie Freiberg ist ziemlich hart für den Studenten. Denn das Abitur war schon einige Jahre her und insbesondere an das Mathematikgrundlagenwissen wollten sich die grauen Zellen nicht so recht erinnern. Der Student muss zunächst einiges an Lehrstoff nachholen. Doch das hat auch sein Gutes: „Ich habe gelernt, effektiv, strukturiert und zielgerichtet zu lernen und an Aufgaben lösungsorientiert heranzugehen – eine Fähigkeit, die ich auch im KVP-Team gut gebrauchen kann.“

Und eine Fähigkeit, die ihm schließlich einen Bachelor-Abschluss mit Auszeichnung einbringt. Im Laufe des Studiums entwickelt Bonitz ein ausgeprägtes Interesse für den Werkstoff Aluminium und das Druckgießverfahren. In den Semesterferien arbeitet der Student regelmäßig bei der Handtmann-Leichtmetallgießerei in Annaberg-Buchholz. Dort erkennt man recht schnell das Talent des jungen Mannes. Seine Abschlussarbeit zum Thema „Potenzial einer optimierten Formtemperierung beim Druckgießprozess“ schreibt er am Handtmann-Hauptsitz im baden-württembergischen Biberach, wo man ihm Anfang 2004 direkt eine Festanstellung anbietet. Bonitz sagt zu und zieht mit seiner damaligen Partnerin aus dem Erzgebirge nach Oberschwaben. Beide fassen dort beruflich schnell Fuß.

Nach einem Einarbeitungsjahr in der Leichtmetallgießerei wird Bonitz bereits Schichtleiter im Bereich Druckguss, nach drei weiteren Jahren bietet man ihm eine Aufgabe in der neu gegründeten Abteilung „Technologie Druckguss“ an, die sich mit Zukunftsthemen in der Gießerei befasst. Eine Aufgabe mit Verantwortung, die Bonitz reizt und in der er gestalten kann. Außerdem hat der Gießerei-Ingenieur mit Handtmann einen Arbeitgeber gefunden, bei dem Unternehmenswerte und -leitlinien nicht bloß auf dem Papier stehen, sondern Tag für Tag gelebt werden.

Handtmann – ein Unternehmen mit sozialer Verantwortung

Die Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG ist Deutschlands größte Leichtmetallgießerei, die sich noch in Familienbesitz befindet. Sie ist das Schwergewicht in der Handtmann Unternehmensgruppe, zu der weitere erfolgreiche Geschäftsbereiche gehören, wie beispielsweise die Produktion von Portionier- und Füllmaschinen, die Herstellung von Armaturen und Ventilen für den Getränkebereich oder die Kunststofftechnik. Rund 3500 Mitarbeiter arbeiten mittlerweile für die Handtmann-Unternehmensgruppe, über 2300 davon in den deutschen Gießereien in Biberach und Annaberg-Buchholz sowie im slowakischen Werk Košice und im chinesischen Tianjin.

Mehr als 60 000 Tonnen Aluminium- und Magnesiumgussteile – von Kurbelgehäusen, Zylinderköpfen bis hin zu Strukturbauteilen – gehen jedes Jahr vorwiegend an Kunden aus der Automobilindustrie. Die seit 1926 bestehende Gießerei in Annaberg-Buchholz hatte Arthur Handtmann 1992 von der Treuhandanstalt übernommen. Trotz schlechter Auftragslage wurden seinerzeit alle 110 Beschäftigten übernommen. In den vergangenen 25 Jahren wurde das Werk stetig modernisiert und erweitert – über 80 Millionen Euro steckte Handtmann in den Ausbau des Standortes. Heute arbeiten hier wieder rund 340 Mitarbeiter, rund ein Drittel davon im Schmelzbetrieb und in der Gießerei. 19 vollautomatisierte Druckgussmaschinen sorgen für durchschnittlich 45 Tonnen Aluminiumgussteile täglich.

Der im April 2018 verstorbene Firmengründer Arthur Handtmann hat das Unternehmen mit seinen Wertvorstellungen und Ideen maßgeblich geprägt. Arthur Handtmann war ein Vollblutunternehmer vom alten Schlag. Er war überzeugt, dass ein Unternehmen neben Maschinen und Werkzeugen auch zufriedene Mitarbeiter braucht, um langfristig erfolgreich am Markt bestehen zu können, erzählt Bonitz. Der Ingenieur erinnert sich gerne daran, dass Arthur Handtmann jeden Freitagnachmittag hinunter in die Gießerei im Stammwerk in Biberach kam und mit jedem Mitarbeiter einige Worte wechselte. Gelebte soziale Verantwortung sei heutzutage nicht mehr allzu häufig anzutreffen, sagt Bonitz.

Wer einmal bei Handtmann arbeitet, der bleibt in aller Regel. Fluktuation gibt es kaum. Man sei ein Stück weit wie eine große Familie, so Bonitz. Manchmal sind es die Kleinigkeiten im tagtäglichen Umgang miteinander, die der Gießerei-Ingenieur besonders schätzt: die allmorgendliche Begrüßung unter den Kollegen hier in Annaberg mit einem wohlwollenden „Glück auf“ oder die Tatsache, dass Handtmann seine Gießereimitarbeiter während des nicht enden wollenden Sommers 2018 und tropischen Temperaturen tagtäglich mit erfrischendem Speiseeis versorgte. 

Vom Abteilungsleiter zum Teammitglied: eine Entscheidung, die passt

Doch Ende 2014 folgt dann für Kai Bonitz zunächst ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter: Der Bereich Druckguss am Standort in Biberach war mittlerweile stark gewachsen, so dass man die Verantwortung auf mehrere Abteilungsleiter verteilen möchte. Kai Bonitz wird einer von ihnen. 120 Mitarbeiter hat er fortan in seinem Team – eine herausfordernde und interessante Aufgabe, an der er auch persönlich gewachsen sei, sagt er. Bonitz und seine Ehefrau haben mittlerweile einen kleinen Sohn und der Wunsch wird größer, mittelfristig wieder näher bei den Familien im Erzgebirge zu sein. Aber auch der Wunsch, wieder näher „an der Gießereibasis und an der Technik“ zu arbeiten, wie Bonitz es beschreibt.

Da man den erfahrenen und engagierten Gießerei-Ingenieur nur ungern verlieren möchte, bietet man ihm schließlich im Herbst 2017 den Wechsel in die Gießerei nach Annaberg-Buchholz an, um das neu gegründete KVP-Team zu verstärken. Dass er dort zukünftig keine Abteilungsleiterfunktion und keine Personalverantwortung mehr haben wird, empfindet der Gießerei-Ingenieur nicht als Rückschritt. Bei seinen Vorgesetzten trifft Bonitz` Entscheidung auf viel Anerkennung.

„Es war ein großer Schritt für Herrn Bonitz, sich aus einer Abteilungsleiterposition heraus noch einmal neu zu orientieren. Hut ab!“, sagen Gießereileiter Heiko Blei und KVP-Teamleiter Hannes Seyfarth. Und sie ergänzen: „Da Kai Bonitz ja bereits in Biberach für Druckgusssysteme verantwortlich war und über viel Erfahrung verfügt, bringt er auch neue Sichtweisen und technologische Perspektiven ein.“ Das Ergebnis: konstruktive Diskussionen im Team und neue Lösungsansätze.

Die Zukunft im Blick: Großauftrag in Sachen Elektromobilität

Und wenn es etwas zu klären oder zu besprechen gibt, dann schätzt man hier im Erzgebirge eher die direkte und offene Art. „Kritik ist Kritik und Lob ist Lob“, bringt Gießereileiter Heiko Blei es auf den Punkt. Schlussendlich gehe es darum, dass das Unternehmen nur mit der Produktion von hochwertigen Gussteilen langfristig am Markt bestehen könne. Und das funktioniere eben nur, wenn alle an einem Strang ziehen würden, als Mannschaft eben. Die Herausforderung sei dabei nicht unbedingt, einen Prozess zu optimieren, sondern dieses Niveau dann auch langfristig zu halten, so Blei weiter. Optimierte interne Abläufe, weniger fehlerhafte Gussteile und eine weitaus bessere Verfügbarkeit der Gießanlagen: Es hat sich vieles getan in den vergangenen Jahren. „Stillstand bedeutet Rückschritt, das kann sich heute keine Gießerei mehr erlauben“, sagt Gießereileiter Blei.

Da kommt es äußerst gelegen, dass ein internationaler Automobilkonzern die Handtmann-Gießerei mit der Produktion von Batteriequerträgern beauftragt hat. Da der Großauftrag wegen Platzmangels nicht im Stammwerk in Biberach realisiert werden kann, wird dies in Zukunft in Annaberg-Buchholz geschehen. Dafür werden alte Hallen aus dem Gründungsjahr 1926 abgerissen. Die neuen Hallen werden dann Platz für 6 bis 7 Druckgussmaschinen bieten. Zurzeit werden bereits die ersten Prototypen gegossen, was natürlich auch für das KVP-Team und Gießerei-Ingenieur Kai Bonitz viel Arbeit bedeutet. Bonitz schließt nicht kategorisch aus, irgendwann einmal wieder Führungsaufgaben oder Personalverantwortung zu übernehmen. Aber im Moment sei er im KVP-Team am richtigen Platz.

„Meine Zeit in Biberach war spannend und hat mich auch als Mensch weiter gebracht. Aber ich trauere ihr nicht nach. Meine Stärken sehe ich heute eher im technologischen Bereich.“ Bonitz und seine Frau haben mittlerweile einen zweiten Sohn. Die acht- und zweijährigen Sprösslinge freuen sich, dass Papa nun etwas mehr Zeit für sie hat und mit ihnen Fußball spielt. „Früher habe ich selbst im Verein gespielt. Aber man wird halt nicht jünger“, scherzt der 43-Jährige. Doch die Begeisterung für das Motorradfahren ist geblieben. Seit er wieder im Erzgebirge lebe, fahre er eher noch häufiger. Wenn er mit dem Motorrad durch die Landschaft düse, bekomme er einen klaren Kopf, sagt er. Und der kann sicherlich nicht schaden, denn die nächsten Herausforderungen für das KVP-Team warten bereits.

www.handtmann.de