Fachartikel

7.05.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 5|2019

Deutsche Gussproduktion 2018 und Ausblick 2019

BDG-Hauptgeschäftsführer Max Schumacher hat die Lage der Gussproduktion sowie den Ausblick für das aktuelle Jahr in der GIESSEREI kommentiert. Lesen Sie seine Einschätzung am Ende des Artikels.

Anschließend an die Analyse der Weltgussproduktion für das Jahr 2017 in der April-Ausgabe der GIESSEREI, folgen in dieser Ausgabe die Ausführungen zur Lage der Gussproduktion 2018 in Deutschland und der Ausblick 2019.

VON HEIKO LICKFETT UND SOPHIE STEFFEN, DÜSSELDORF

Während die deutsche Gießerei-Branche für 2018 noch ein minimales Plus von knapp einem Prozent erzielen konnte, fällt die Prognose für 2019 weniger gut aus:Je nach Entwicklung der geopolitischen Faktoren wären ein Ergebnis auf Vorjahres-Niveau oder sogar ein gewisses Minus möglich.

Deutsche Gussproduktion 2018

Zu Beginn des Jahres 2018 wurde in der April-Ausgabe der GIESSEREI eine Einschätzung bezüglich der Entwicklung der deutschen Gussproduktion für die nachfolgenden Monate des Jahres abgegeben. Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Prognose bestätigen lässt oder sich ein anderer Trend ergeben hat. Rückblick: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich nach dem konjunkturellen Erholungsjahr 2017 auch im Jahr 2018 die deutsche Gießerei-Industrie weiter leicht beleben würde, wurde als recht hoch eingeschätzt. Daher wurde sowohl kunden- als auch werkstoffübergreifend weiteres Wachstum (volumenbezogen) für die deutsche Gießerei-Industrie prognostiziert.

Hierbei wurde im „Best Case“-Szenario eine signifikante Plus-Rate von deutlich mehr als fünf Prozent kalkuliert, sollte die Entwicklung des Fahrzeugbaus positiver als erwartet sein. Ein deutliches Minus sollte nur entstehen, wenn sich exogene Faktoren, wie beispielsweise geopolitische Ereignisse, unerwartet negativ sowohl auf die Gießerei-Industrie als auch auf die Gesamtkonjunktur auswirken. Im Rückspiegel betrachtet wurde weder das „Best Case“ noch das „Worst Case“-Szenario realisiert. Stattdessen hat sich für die deutsche Gießerei-Branche in 2018 ein leichter Produktionszuwachs von 0,8 Prozent ergeben. Wie schon in den vorhergehenden Jahren zeigte sich hierbei eine heterogene Entwicklung in den einzelnen Werkstoffgruppen.

Richtet man den Blick auf die beiden Hauptkundenbranchen der Gießerei-Industrie, wird deutlich, dass der Produktionszuwachs weniger auf den Fahrzeugbau, sondern eher auf den Maschinenbau zurückgeführt werden kann: Aufgrund der seit September 2018 gültigen neuen Prüfkriterien (WLTP), kam es beim Straßenfahrzeugbau zu gravierenden Problemen und einer in der Folge einbrechenden Pkw-Fertigung. Der daraus resultierende spürbare Rückgang bei den Auftragseingängen für die Gießer zeigte sich grundsätzlich werkstoffunabhängig.

So wurden von den Eisen- und Stahlgießereien für den Fahrzeugbau im Jahr 2018 mit 2,331 Mio. t um 0,3 Prozent weniger Komponenten als im Vorjahr produziert. Auf der NE-Metallseite waren die Auswirkungen allerdings noch deutlicher zu spüren, da die Abhängigkeit dort mit 80 Prozent Anteil Fahrzeugbauguss traditionell höher ist. Die deutschen NE-Metallgießer mussten letztendlich mit 1,176 Mio. t einen Rückgang um 2,4 Prozent hinnehmen. Im Gegensatz hierzu spielte den Eisengießereien statistisch die gut laufende Maschinenbaukonjunktur in die Karten. Sowohl aufgrund der hohen Anlagenauslastung als auch eines schwachen Schlussquartals 2018 konnte der deutsche Maschinen- und Anlagenbau seine Produktion jedoch nicht über zwei Prozent hinaus ausweiten.

Insgesamt ergab sich im Jahr 2018 für die Eisen- und Stahlgießereien mit 4,256 Mio. t ein Produktionsanstieg um 1,7 Prozent. Die Unternehmen, welche Teile für den Maschinenbau abgießen, fertigten mit 1,103 Mio. t um 1,1 Prozent über dem 2017er Niveau. Die Fertigung sonstiger Gusskomponenten lag mit 0,821 Mio. t um 8,8 Prozent höher. Es ist zu vermuten, dass sich im Bereich der sonstigen Gusskomponenten auch viele Teile für den Maschinenbau verbergen, da eine scharfe Abgrenzung z.B. zwischen Maschinenbau und Elektrotechnik nicht mehr möglich ist.

Ausblick 2019

Was könnte nun das aktuell laufende Jahr 2019 bieten? Sowohl bei den NE-Metallgießereien als auch bei den Eisen- und Stahlgießereien ergeben sich alleine aus den Werten für Januar und Februar 2019 wenig verlässliche Signale für die kommenden Monate. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem Fahrzeug- und Maschinenbau, die zusammen 80 Prozent der deutschen Gussproduktion nachfragen und damit die Hauptkundengruppen darstellen.

Fahrzeugbau

Szenarien unabhängiger Forecasting-Institutionen wie LMC Automotive gehen von einem deutlichen Minus gegenüber 2018 aus.Zudem korrigierte der VDA Anfang März 2019 seine Prognose für die innerdeutsche Pkw-Fertigung von plus zwei Prozent auf minus fünf Prozent! Damit würde sich ein schon länger andauernder Trend bestätigen: Die Verlagerung der Inlandsproduktion ins Ausland. Dies führt einerseits zu einer rückläufigen innerdeutschen Pkw-Produktion und andererseits zu einer Fertigungszunahme im Ausland. Entsprechend sind bei einigen deutschen Automobilherstellern Modellverlagerungen innerhalb Europas zu beobachten.

Doch es treten ebenfalls Verlagerungen ins Nicht-EU-Ausland auf, die mit dem Potenzial des verlagerten Komponenteneinkaufs verbunden sind. Insgesamt dürfte der Fahrzeugbau (Pkw) in Europa das 2018er-Produktionsniveau bestenfalls halten können. Da die meisten Fahrzeugbaugießereien international, zumindest aber europäisch, zuliefern, dürfte das Szenario des europäischen Marktes das wichtigste sein. Darüber hinaus stehen die OEMs vor weiteren Herausforderungen: Zwar werden die WLTP-Nachwehen weiter abebben, doch am Horizont tauchen die EVAP-Problematik sowie die Verschärfung der RDE-Prüfung (Real Driving Emissions) auf.

Hinter dem EVAP-Test (Evaporative Emissions) verbirgt sich eine ab 1.09.2019 gültige neue Prüfung von Tank und Kraftstoffleitungssystem aller Neuwagen in Europa bzgl. der Ausdünstung von Kraftstoffen. Auf dem internationalen Markt ergeben sich zudem Unwägbarkeiten durch potenzielle Zollsteigerungen beim Export in die USA, betreffend sowohl Pkw als auch Komponenten. Diese Diskussion ist unverändert in der Schwebe. Die jüngsten Signale von den chinesischen Märkten sind indes ambivalent. Im Automobilmarkt sank das Marktvolumen im Januar und Februar deutlich gegenüber den Vorjahresmonaten. Allerdings zeigen die bereits eingeführten Konjunkturmaßnahmen der chinesischen Regierung zur Stützung der Nachfrage und Ankurbelung der Wirtschaft schon ihre Wirkung. Schwächesignale kommen außerdem aus der Großregion Nordamerika.

Maschinenbau

Die zweitwichtigste Kundengruppe – der allgemeine Anlagen- und Maschinenbau – geht auf ein weiteres Wachstumsjahr mit Vorbehalten zu. Die Erstprognose für das Jahr 2019 lag bei plus zwei Prozent basierend auf hohen Auftragsbeständen und Durchlaufzeiten. Zum Start der Hannover Messe wurde diese Prognose bereits halbiert. Für Gießereien stellt sich hier die Frage, inwieweit das Abarbeiten von Auftragsbeständen im Maschinenbau mit „historischer“ Gussproduktion verbunden ist. Schließlich werden normalerweise am Anfang der Durchlaufzeiten die Gusskomponenten angefordert. Viele Sparten, die für die Gießerei-Industrie wichtig sind, schauen in unterschiedlicher Intensität gedämpft optimistisch in das Jahr 2019. Das bedeutet nicht zwingend weitere Steigerungen! Angesichts der ausgelasteten Kapazitäten ist das Halten des Niveaus schon eine logistische Meisterleistung für viele Unternehmen. Ausnahmen gibt es, positive wie negative.

Szenarien

Ein Minus für die deutsche Gussproduktion ist mittlerweile durchaus absehbar. Trotz der sich abzeichnenden Konjunkturschwäche wäre jedoch ein starker Einbruch aktuell nur vorstellbar, wenn exogene Faktoren zum Tragen kommen, welche die Gesamtkonjunktur zusätzlich treffen. Das wären zum Beispiel eine starke handelspolitische Eskalation sowie ein harter Brexit bzw. andere geopolitische Ereignisse. Nachdem die Brexit-Entwicklung nun eine Verlängerung bis Oktober 2019 beinhaltet und dennoch komplett offen ist, sind leider alle Szenarien denkbar.

Die Gießereien und ihre Zulieferer sind hier hoffentlich vorbereitet ihren Teil zur Stabilisierung der Lieferketten beizutragen. Weiterhin befinden sich alle Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China in der Schwebe und können sich jederzeit über Kollateraleffekte auf die EU auswirken. Nach aktueller Datenlage haben die deutschen Gießereien somit im „Best Case“ die größte Chance, in Summe das Jahr 2019 mit annähernd dem gleichen Produktionsniveau wie 2018 zu bewältigen. Dafür sprechen zum einen die guten Auftragsbestände bei den Maschinenbaugießereien, welche mehr Substanz zu haben scheinen als in der Hochphase 2007/2008.

Zum anderen würde zu diesem Szenario allerdings auch gehören, dass die Gießereien, welche dem Fahrzeugbau zuliefern, in der Produktion knapp das Vorjahresniveau halten können. Die Wahrscheinlichkeit, die Produktion im Jahr 2019 deutlich zu steigern und mit einem Plus von mehr als fünf Prozent abschließen zu können, ist gering. Dem stehen beim aktuellen Produktionsniveau die hohe Auslastung und die, zu Recht, mit Augenmaß betriebenen Erweiterungsinvestitionen gegenüber. Die gesamtkonjunkturellen Abschwächungssignale bieten zudem kaum Raum für signifikante Belebungen.

Elektromobilität

Die Frage nach der E-Mobilität stellt sich natürlich dauerhaft. Insbesondere gilt dies, wenn man die Ankündigungen der OEMs bzgl. neuer Stromer-Modelle registriert. Die zugehörigen Szenarien wurden bei der Großen Gießereitechnischen Tagung in Salzburg im April 2018 vorgestellt und in den GIESSEREI-Ausgaben von April und Juli letzten Jahres publiziert. Natürlich bereiten sich alle Gießereien darauf vor, wie ihr Geschäftsmodell bei zunehmender Hybridisierung bzw. Elektrifizierung der Fahrzeuge Bestand haben kann bzw. modifiziert oder womöglich vollständig umgewälzt werden muss. Dies sind allerdings unternehmensindividuelle strategische Fragestellungen vor dem Hintergrund von steigenden Gussbedarfen auf Sicht der nächsten Dekade.

"Deutsche Gießereien sollten sich wetterfest machen"

VON MAX SCHUMACHER, DÜSSELDORF

Die Wolken am Konjunkturhorizont ziehen sich seit Herbst 2018 spürbar zu. Diese Analyse der BDG-Volkswirte wird durch Rückmeldungen aus der Branche bestätigt: Nach den teilweise schmerzhaften Einschnitten durch WLTP gibt es in der europäischen Automobilindustrie bestenfalls eine Seitwärtsbewegung und auch der Maschinenbau verliert an Dynamik. Die Gefahr eines konjunkturellen Gewitters hat auch angesichts der sonstigen wirtschaftspolitischen Unsicherheiten deutlich zugenommen. Dass es zu einem Sturm wie 2009 kommt, ist eher unwahrscheinlich. Die Rahmenbedingungen sind andere.

Eigentümer und Geschäftsführer der Gießereien sind gut beraten, ihr Haus auf konjunkturelle Wetterfestigkeit einzurichten. Insbesondere die Fähigkeit, im Produktionsablauf mit höchstmöglicher Flexibilität reagieren zu können, wird weiterhin an Bedeutung zunehmen. Die fordernden Signale aus den Kundenbranchen sind hier eindeutig! Und die Politik muss die Zeichen der Zeit verstehen, industrie- und handelspolitische Verzerrungen abbauen und für den industriellen Mittelstand, der das Rückgrat der deutschen Wirtschaft darstellt, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen schaffen. Hierfür setzt sich der BDG aktiv ein.

www.bdguss.de