Fachartikel

27.08.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 9|2019

Dem Mangel intelligent begegnen

Ein besonderer Tag für die Handtmann Leichtmetallgießerei in Biberach: Die Teilnehmer der neuen internen Weiterbildung zum „Handtmann Gießereimechaniker“ erhalten ihre Abschlusszertifikate. Ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunftssicherung – für alle Beteiligten.

Gießereimechaniker ist ein Lehrberuf, für den sich bekanntlich nicht genügend junge Erwachsene bewerben. Einen intelligenten Ausweg aus dieser Mangelwirtschaft hat die Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG im baden-württembergischen Biberach gefunden. Wie der Betrieb in den eigenen Reihen motivierte Kandidaten fand und in einem mit externen Partnern neu entwickelten Konzept zum Gießereimechaniker weiterbildete lesen Sie im folgenden Artikel.

VON KARIN HARDTKE, NEUSS

Es ist Donnerstagnachmittag, der 18. Juli 2019 – für die Handtmann Leichtmetallgießerei ein besonderer Tag. Kurz vor 15 Uhr füllt sich langsam der Veranstaltungsraum im ersten Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes an der Arthur-Handtmann-Straße. Hier werden in ein paar Minuten die ersten sechs Handtmann-Mitarbeiter ihr Abschlusszertifikat zum „Handtmann Gießereimechaniker“ in den Händen halten. Handtmann-Personalleiter Ottmar Weggenmann (Bild 1) höchstpersönlich lässt es sich nicht nehmen, die Urkunden zu überreichen.

„Ich gratuliere Ihnen allen recht herzlich. Die vergangenen sechs Monate waren für Sie eine äußerst intensive Zeit. Sie haben viel gelernt – in Theorie und Praxis.“ Die gesamte Gießereibranche stehe vor großen Herausforderungen und Veränderungen, führt Weggenmann weiter aus. „Um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es nicht nur innovative Technik und Produkte, sondern qualifizierte Mitarbeiter mit fundiertem Gießerei-Know-how“. Einer, der jetzt über solch fundiertes Gießerei-Know-how verfügt, ist der erst 20-jährige Johannes Haupt (Bild oben). Der junge Mann absolvierte bei Handtmann eine Ausbildung zum Mechatroniker und ist sichtlich erleichtert, dass er sein Abschlusszertifikat zum „Handtmann Gießereimechaniker“ in den Händen hält. „Obwohl ich ja bereits seit Ende meiner Ausbildung in der Druckgießerei arbeite, war ein Großteil des Lernstoffs doch völliges Neuland für mich“, sagt Haupt und lacht.

„In mehreren einwöchigen Theorieblöcken habe ich jede Menge über das Gießen gelernt – Metallkunde, wie eine Druckgussmaschine funktioniert oder über die Analyse von Gussfehlern beispielsweise. Das war streckenweise ziemlich anstrengend, aber total spannend“, erzählt er weiter und man spürt seine Begeisterung für die Materie. In den jeweils dreiwöchigen Praxisphasen im Anschluss sei es dann in den laufenden Gießereibetrieb gegangen – „das war mindestens genauso interessant“. Etwa die Ursache zu finden, wenn beim Gießen ein Fehler auftritt, obwohl der Abguss vorher zigmal einwandfrei funktioniert hat, das habe ihn schon ganz schön fasziniert. Sein Mitstreiter Ivan Jelcic nickt zustimmend. Der 28-jährige Industriemechaniker kam über ein Leihunternehmen zu Handtmann, hat in der Putzerei und als Maschineneinrichter gearbeitet. Er mag den manchmal rauen Umgangston in der Gießerei und hat auch nichts dagegen, wenn es mal etwas lauter und dreckiger ist. „Die Arbeit in einer Bank beispielsweise wäre so überhaupt nichts für mich“, lacht er. Die Weiterbildung zum „Handtmann Gießereimechaniker“ hingegen sei eine goldrichtige Entscheidung gewesen, fügt er an. Er habe viel gelernt und sich damit gute Entwicklungsmöglichkeiten in der Gießerei geschaffen.

Exzellenter Arbeitgeber, doch kaum Gießereinachwuchs

Die Idee, Mitarbeitern mit einer technischen Ausbildung eine interne Qualifizierung zum „Handtmann Gießereimechaniker“ anzubieten, sei nach einer Bilanz der Mitarbeiterstruktur in der Gießerei entstanden, berichtet Gießereileiter Helmut Hirt. „Wir hätten zwangsläufig irgendwann Probleme bekommen. Denn neben Mitarbeitern, welche die Druckgussmaschinen einrichten können, brauchen wir natürlich auch Fachkräfte, die sich auf der Schmelzseite auskennen“, erklärt Hirt. Man brauche Kollegen, die auf Herausforderungen im Schmelzprozess reagieren könnten. Diese Arbeit erfordere unter anderem fundierte Kenntnisse in Metallurgie, Robotik und Hydraulik. Die Schwierigkeit: Die Resonanz auf die klassische Ausbildung zum Gießereimechaniker, die Handtmann nach einer mehrjährigen Pause wieder aufgenommen hatte, war ziemlich desillusionierend.

„Das Interesse war quasi gleich null“, erinnert sich Hirt. Da habe auch der exzellente Ruf, den das Familienunternehmen als Arbeitgeber weit über die Stadtgrenzen hinaus genießt, nicht geholfen. Die mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur hatte der mittlerweile verstorbene Seniorchef Arthur Handtmann maßgeblich geprägt. Die Handtmann Leichtmetallgießerei ist Teil der Handtmann Unternehmensgruppe, zu der insgesamt fünf Geschäftsbereiche gehören. Über 2300 der insgesamt 3600 Mitarbeiter arbeiten in den deutschen Gießereien in Biberach und Annaberg, im slowakischen Werk Košice und im Werk Tianjin in China. Die Gießerei zählt zu den führenden Automobilzulieferern für den Bereich Antriebsstrang, aber auch für Karosserie- und Fahrwerksteile. Rund 70 000 Tonnen Aluminium- und Magnesiumgussteile – von Kurbelgehäusen, Zylinderköpfen bis hin zu Strukturbauteilen – gehen jedes Jahr an Kunden wie Volkswagen, Daimler, BMW und Audi. Gegossen wird im Druck- und Kokillenguss sowie im Lost-Foam-Verfahren.

Verschiedene berufliche Hintergründe – ein gemeinsames Ziel

Dass im Juli 2019 mit Johannes Haupt und seinen Kollegen die ersten selbst qualifizierten Gießereimechaniker ihre Zertifikate bekommen konnten, hat natürlich viele Vorüberlegungen, die schließlich in die Ausschreibung zu einem mehrmonatigen Qualifizierungskonzept mündeten (siehe auch Extrakasten „Das Qualifizierungskonzept“). Einer, den die Ausschreibung sofort gereizt hat, ist Gökhan Öztürk. Der hat mit seinen gerade einmal 25 Jahren bereits eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer, Industriemeister Metall sowie zum Technischen Betriebswirt vorzuweisen. Und nun hält er auch noch das Zertifikat, das ihn als „Handtmann Gießereimechaniker“ ausweist, in den Händen. „Ich habe zwar vorher bereits in der Schmelzerei gearbeitet, aber in den vergangenen sechs Monaten habe ich unglaublich viel Neues gelernt: Gießsimulation, Gießprozesse analysieren oder Maschinenparameter einstellen“, erzählt Öztürk begeistert (Bild 2).

Und nach jeder Theoriephase hätten sie das Gelernte dann im laufenden Gießereibetrieb weiter vertieft. „Von der direkten Zusammenarbeit mit vielen langjährigen Kollegen haben die Teilnehmer sehr profitiert. Sie haben sich in ein Team integrieren müssen und gesehen, dass es verschiedene Herangehensweisen an Probleme gibt“, erzählt Diplom-Ingenieur Jörg Templin, erste Anlaufstelle für die Teilnehmer in der Praxisphase und beeindruckt von deren Engagement. „Die Motivation in der Gruppe war hoch.“ Das Kompliment geben Johannes Haupt und Gökhan Öztürk gerne an Jörg Templin zurück. „Wenn wir irgendetwas nicht verstanden haben, dann hat sich Herr Templin mit uns zusammengesetzt und wir haben das Ganze noch einmal in aller Ruhe durchgearbeitet.“ Als weiterer Pluspunkt stellte sich die Inhomogenität der Gruppe heraus. Vom Teilnehmer, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat bis zum berufserfahrenen Meister, vom Industriemechaniker über den Mechatroniker bis zum Maschinen- und Anlagenführer war alles vertreten. „Jeder hat auch vom anderen etwas lernen können. Das war für uns alle eine echte Bereicherung“, ist Gökhan Öztürk überzeugt.

Für Gökhan Öztürk, Johannes Haupt und Ivan Jelcic jedenfalls hat sich die Weiterbildung zum „Handtmann Gieße-reimechaniker“ bereits gelohnt. Sie arbeiten mittlerweile als sogenannte Teameinsteller in der Druckgießerei. „Der Einsteller richtet unter anderem Druckgussanlagen ein, überwacht den Fertigungsprozess und analysiert eventuelle Störungen und Gießfehler“, erklärt Ivan Jelcic. „Ich bin letztendlich für die reibungslose Arbeit meines Teams verantwortlich“, fügt er an (Bild 3). Die Kombination aus Gießereitechnik und Personalverantwortung reize sie, sagen sie unisono. „Ich habe quasi eine Schnittstellenfunktion inne. Die Arbeit wird nie langweilig. Es gibt ständig neue Herausforderungen“, erklärt Gökhan Öztürk. Auch für die Handtmann Leichtmetallgießerei hören die Herausforderungen in Zukunft sicherlich nicht auf. In Sachen Fachkräftemangel jedoch ist das Unternehmen nun einen guten Schritt weiter. „Ja, Ausbildung kostet immer auch Geld. Aber es ist definitiv eine Investition in die Zukunft der Gießerei“, davon ist Personalleiter Ottmar Weggenmann zutiefst überzeugt. Der nächste Kurs zum „Handtmann Gießereimechaniker“ beginnt daher bereits im Herbst dieses Jahres.

www.handtmann.de

Das Qualifizierungskonzept mit zwei Partnern

Die Ausgangslage bei Handtmann: Es gibt zu wenig Bewerber als Gießereimechaniker. Daran schließt sich die Überlegung an, motivierte eigenes Mitarbeiter aus anderen Lehrberufen selbst zu qualifizieren, und dies mithilfe externer Partner. Geworden sind dies aus dem Neckartal bei Stuttgart die Technische Akademie Esslingen (TAE) sowie die VDG-Akademie, die im Haus der Gießerei-Industrie in Düsseldorf firmiert und als führender Anbieter von Seminaren und Lehrgängen für die Gießerei-Industrie Spezialist für die branchenweite Wissensvermittlung ist. „Handtmann hat Anfang 2018 Kontakt zu uns aufgenommen und uns ihr Anliegen geschildert“, erzählt Dieter Mewes, seines Zeichens Leiter der VDG-Akademie in Düsseldorf.

In etwas mehr als drei Monaten entstand ein passgenaues Qualifizierungskonzept über sechs Monate mit einem mehrfachen Wechsel von Theorie- und Praxisphasen. In Anlehnung an die Ausbildungsverordnung für Gießereimechaniker entwickelte Handtmann mit den Partnern TAE und VDG insgesamt neun Theoriemodule. VDG- und TAE-Dozenten vermittelten den Stoff in jeweils bis zu einwöchigen Theorieblöcken vor Ort in Biberach. Vom „Basiswissen für Gießereimechaniker“ über „Grundlagen der Metallkunde und Schmelzbehandlung für Druckgusswerkstoffe“ bis hin zur „Prozesstechnik des Druckgießprozesses und Analyse von Gussfehlern“ reichte die Palette. Die TAE wiederum leistete die Vermittlung der Blöcke „Technische Systeme (gießereispezifisch) in Betrieb nehmen“ und „Technische Systeme instand halten“, sodass beide Partner zusammen das passende Wissen vermittelten.

„Die Zusammenarbeit mit VDG-Akademie und TAE hat reibungslos funktioniert“, lobt Andreas Maier, Leiter der Personalentwicklung bei Handtmann. In seinem Team liefen sämtliche organisatorische Fäden zusammen, in Zusammenarbeit mit der Personalbetreuung auch die firmeninterne Ausschreibung der Maßnahme. „Das Interesse hat uns positiv überrascht“, sagt Maier. Und so waren die sechs Teilnehmer des ersten Kurses schnell gefunden. Der konnte dann bereits im Oktober 2018 starten. An dessen Ende stand jetzt für die ersten Absolventen das Abschlusszertifikat als „Handtmann Gießereimechaniker“ an.