Fachartikel

29.11.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 12|2019

Die Heilige Barbara - Schutzheilige der Gießer

Bild 1: Moderne Interpretation der Heiligen Barbara durch den Künstler Eckhart Dietz für das Gießerei-Institut (GTA) der Hochschule Aalen.

Am 4. Dezember begeht die katholische Kirche den Tag der Heiligen Barbara. Die legendenumwobene Barbara dient als Patronin bei jeglicher Bedrängnis, bei Unwetter sowie Gefahren durch Feuer, Sprengstoff und plötzlichen Tod. Feuerwerker, Raketenmacher, Sprengmeister, Kanoniere, Artilleristen, Maurer, Steinmetze, Dachdecker und Architekten, vor allem aber Berg- und Hüttenleute sowie Gießer suchten und suchen ihren Schutz. Auf den Spuren gegossener Barbara-Skulpturen ist viel über ihre künstlerische Entwicklung, aber auch über die Bedeutung der Schutzheiligen zu erfahren.

VON ECKART PASCHE, WILLICH

Von der Heiligen Barbara als Schutzheilige der Gießer zeugen heute vor allem die jährlichen Barbaratagungen- und -Kolloquien, die in diesen Tagen in den VDG-Landesgruppen von Kiel über Friedberg, Düsseldorf und Leipzig bis hinunter nach Aalen stattfinden. Viele Barbaraveranstaltungen richten auch die deutschen Hoch- und Fachhochschulen aus. Statt einer klassischen bildlichen Darstellung der Schutzheiligen bevorzugen die Lehrstätten einer modernen Gießereitechnik mancherorts allerdings moderne Interpretationen (Bild 1).

Geschichtliche Verortung

Der historische Hintergrund, in der die Tragödie der Heiligen Barbara ihren Lauf nahm, ist die Regierungszeit des römischen Kaisers Diocletian von 284 bis 305 nach Christus. In dieser Zeit soll die Heilige Barbara in Nikomedia in Kleinasien, dem heutigen türkischen Izmit, gelebt haben. Der Überlieferung zufolge wurde sie von ihrem Vater enthauptet, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben.

St. Barbara ist eine der vier „Virgines Capitales“ (vorzügliche heilige Jungfrauen) und zählt seit dem 14. Jahrhundert zu den 14 Nothelfern, die als Fürbitter in besonderen Gefahren, Nöten, und Krankheiten angerufen sowie um Hilfe und Vermittlung zu Gott gebeten werden. Beim Aufgabenbereich der Heiligen Barbara gibt es regionale Unterschiede, sodass sich ihre Zuständigkeit auf mehr als 35 unterschiedliche Hilfsleistungen und Berufsgruppen erstreckt.

Schutzheilige im Braunkohlerevier

95 Jahre und kein wenig amtsmüde! 1924 erblickte die wohl am häufigsten in Deutschland noch im Einsatz befindliche St. Barbara im Braunkohlenrevier der Niederlausitz das Licht der Welt: Am 16. Mai 1924 wurde in Senftenberg das „Bergbauhaus“ für den „Verein der Niederlausitzer Braunkohlenwerke“ (von 1898) und weitere bergbauspezifische Institutionen seiner Bestimmung übergeben. Hierfür schuf der junge Auszubildende Heinrich Moshage (1896-1968; Bild 2) eine 1,45 m hohe Figur der Heiligen Barbara aus Eisenguss und damit das Urbild für viele weitere Abgüsse. Der Abguss erfolgte bei der Lauchhammer Bildguß AG im Süden Brandenburgs.

Eine schlanke junge Frau in überlanger Körperform mit bodenlangen, sie umhüllenden Gewändern und ausgebreiteten Armen und Händen steht auf einem sechseckigen Sockel. Dieser ist auf der Vorderseite mit einer Blume geschmückt. Die darüber stehenden Majuskeln St. Barbara geben sie als die Schutzheilige zu erkennen. Zwei „Knäblein“, die als Putti, aber auch als „Bergmännlein“ gedeutet werden können, umfassen mit einem Arm den Sockel. Die andere Hand hält den Wappenschild mit Schlägel und Eisen. Das Spruchband „Der Segen – durch Arbeit“ hinter dem Rücken, in Höhe der Schultern der Heiligen weist die Figur als frontalansichtig und somit als Hängemotiv aus (Bild 3).

Moshages Anleihen bei der Gotik zur Gestaltung seiner Heiligen Barbara sind augenfällig: Die gotisch anmutende Figur sowie die gestreckten Körperproportionen unterstützen die schönlinigen, bodenlangen Gewänder. Und die überlangen, grazilen, aber geziert gehaltenen Hände und Gliedmaßen versprühen das Fluidum der Gotik. Dem neuen gotischen Formgefühl sieht sich auch das adelige Modeideal verpflichtet. Der Körper wird betont. St. Barbara trägt ein langärmeliges, bodenlanges Kleid, das sich eng an ihren Oberkörper anschmiegt, sodass es ihn mehr modelliert als verhüllt. Am Boden lugen unter dem Saum zwei Schuhspitzen hervor. Der über ihre Schultern gelegte, zu Boden fallende Mantel wird durch die ausgebreiteten Arme leicht geöffnet und umschließt die Figur in einer schmalen, überlangen Kontur. Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese Plastik, die ohne Barbara-Attribute (Turm, Kelch, Buch, Palmwedel), in manchen Ausführungen aber mit einem Sternenkranz versehen ist (Bild 4), ein Prototyp für eine Madonnenfigur war.

Auch die ausgebreiteten Arme mit geöffnetem Mantel deuten auf eine Schutzmantelmadonna hin, die ab dem 13. Jahrhundert in der Kunst erscheint. Die Schutzmantelfunktion entfaltet sich vollends in einer Entwurfszeichnung Moshages (Bild 5), die offensichtlich für eine Plakette gedacht war. Hier nimmt der gleiche Barbaratypus eine ganze Zechenanlage unter den Schutz seines Mantels. Die Schutzgewährende wird von vielen kleinen symbolischen Sternen umkränzt. In dieselbe Richtung weist eine Plakette (1933), auf der das gleiche Barbara-Motiv auf einer Wolke thront. Ihr Antlitz ist mit einem rautenförmigen Strahlenkranz hinterlegt. Damit die Schutzheilige, die sich durch kein Attribut ausweist, auch als solche erkannt wird, begleitet sie ihr Namenszug „St. Barbara“. Von der Gotik an wurden Barbara-Figuren in der bildenden Kunst mit langer, teils lockig-wallender Haarpracht dargestellt. In einzelnen Fällen waren die Haare um den Kopf geflochten. Darauf umfängt eine Krone das Haupt.

Heinrich Moshage kreierte eine eigene Frisur für seine Heilige: Von einem Mittelscheitel wellen sich die Haare symmetrisch auf dem Kopf, um dann in einem nackenlangen Lockenkranz zu enden und den schlanken Hals zu betonen. Der Bildhauer hat jede einzelne stilisierte Locke herausgearbeitet, gerade so wie bei der Haartracht und den Bärten männlicher Figuren in spätmittelalterlichen Schnitzaltären (Bild 6). Die feinen, ebenmäßigen Gesichtszüge mit der wohlgeformten Nase, den halb gesenkten Augenlidern und dem verinnerlichten Blick offenbaren eine madonnengleiche Ausstrahlung. Eine künstlerische Schönheit mit der auch Moshages St. Barbara ab 1924 ihre Schutzfunktion im Lausitzer Revier ausübte. Und da das Schutzbedürfnis in dieser Gegend groß war, bot die Gießerei in Lauchhammer die Heilige in vier Größen zu 20, 39, 94 und 145 cm und den Ausführungen in Bronze und in Eisen sowie mit unterschiedlichen Sockeln an.

Die Ur-Barbara aus dem Bergbauhaus in Senftenberg musste ihr Domizil 1933 verlassen, als dieses von der Rechtsberatungsstelle der Deutschen Arbeiterfront genutzt wurde. Sinnstiftend wurde sie über dem Stollenmundloch des 1932/33 gegründeten Modellbergwerks des dortigen Heimatmuseums angebracht, wo sie heute noch wacht und die Besucher des Kreismuseums in der Feste Senftenberg empfängt. Die 1,45 m große Barbara-Figur hatte viele Nachfolgerinnen, die die Gießerei Lauchhammer verließen, aber deren Wege durch die historische Entwicklung heute kaum nachvollziehbar sind. Doch einigen Schutzheiligen kann heute wieder begegnet werden. So hängt eine St. Barbara in Lauchhammer im Kunstgussmuseum. Ein weiteres Exemplar aus Gießereibeständen wurde im Jahre 2013 vom Museumsdachboden zur Braunkohlentagebau-Förderbrücke F 60, dem heutigen Besucherbergwerk in Lichterfeld, verlagert. Die „schwarze Barbara“ am Eingang der Kirche St. Konrad im sächsischen Deutzen war ursprünglich für das 1956 gebaute Kulturhaus gedacht, vertrug sich jedoch nicht mit der sozialistischen Ideologie. So schützte sie die katholischen Bergleute und deren Familien, die ab 1910 aus Bayern und Schlesien kamen, um in der Braunkohle zu arbeiten, und wacht heute noch über die Gemeinde.

Zwei weitere St.-Barbara-Plastiken finden sich in Cottbus beim Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg sowie seit 1998 in der Hauptverwaltung der Laubag. Das Bergbaumuseum Knappenrode verfügt seit November 1999 über eine Barbara-Figur. In Leipzig ziert die Heilige seit Mai 2000 eine Stele zur Erinnerung an das Plagwitzer Gießerei- und Maschinenbauzentrum. Und die Verbindungsstelle der IGBCE nahm im November 2000 einen Nachguss der Heiligen als Spende der Laubag für ihren Empfangsbereich entgegen. Die vermehrten Güsse der St. Barbara in Lauchhammer nach der Deutschen Einheit lassen sich durch die Reaktivierung des religiösen Brauchtums und seiner Ausübung erklären. Selbst der Energiekonzern Vattenfall Europe Mining ließ die Heilige Barbara in Miniaturformat als Kundengeschenk gießen. Aber auch zu Zeiten der DDR behielt die Kunstgießerei Lauchhammer St. Barbara in ihrem Programm, wie die Preisliste von 1954 zeigt. Diese bot die Heilige aus Bronze zu 2012 Mark und aus Eisen zu 1310 Mark zum Export an. Stand St. Barbaras Wiege in der Lausitz, so wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ihre westdeutsche Schwester geboren. Nach der Kriegszerstörung der Buderuswerke in Wetzlar stellte im Jahre 1946 das Anblasen des ersten wiederhergestellten Hochofens auf der Sophienhütte den Neubeginn dar, den Heinrich Moshage mit einer Erinnerungsplakette festhielt.

In diesem Zusammenhang schlug er dem Vorstand der Eisenwerke vor, die Tradition der ehemaligen preußischen Eisenkunstgießereien Gleiwitz, Berlin und Sayn wieder aufleben zu lassen und ebenso wie in Lauchhammer, das nun in der Sowjetischen Besatzungszone lag, Kunstwerke aus Eisen zu gießen. Der Unternehmensvorstand nahm diese Anregung auf und richtete 1947 im bestehenden Eisenwerk Hirzenhain eine Kunstgussabteilung ein. Im Jahre 1950 ließ Buderus die stillgelegte Maschinenwerkstatt des Eisenwerks Hirzenhain umbauen und die Kunstgießerei konnte dort einziehen. Hier besteht sie noch heute und stellt unterschiedliche Güsse der „Moshage-Barbara“ her.

Der erste, 1950 erschienene Modellkatalog der Kunstgießerei weist die Figur in ihrem Programm aus. Der Barbarafigur, welche die ein- und ausfahrenden Bergleute auf der Grube Anna im Aachener Revier an einem Streckenabzweig unter Tage beschützte, wurde nach der Zechenschließung eine eigene Kapelle errichtet. Auf den Schutz ihrer gusseisernen Patronin konnten auch die Beschäftigten der Zeche Zollverein in Essen, die heute zum Unesco-Welterbe zählt, vertrauen (Aufmacherbild). Im Vergleich zur Ur-Barbara von 1924 gingen später einige künstlerische Details verloren. Dennoch sind ihre Schönheit und Anmut erhalten geblieben, ebenso wie die Nachfrage nach dieser künstlerischen Schöpfung Moshages. Denn „was die Kunstmoden überdauert, wird erst viel später überschaubar sein“, konstatierte er.