Fachartikel

1.04.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2019

Wie die Kugelspielerin eine Schwester bekam

Nach dem Schweißen fehlen nun nur noch wenige Details, bevor die Kugelspielerin auf die Reise nach Berlin gehen kann.

Im Berliner Park Luisenhain stand einst die Skulptur einer Kugelspielerin, die in den 1950er-Jahren verloren ging. Die Rekonstruktion der historischen Skulptur ist nun mithilfe einer identischen Figur und dem fachmännischen Duplizieren durch die Düsseldorfer Kunstgießerei Schmäke gelungen.

Von DANIEL SCHRADER, DÜSSELDORF

Versteckt zwischen Bäumen und Blumenbeeten steht sie am Rande der Königsallee – und trotzdem ist sie ein kleines Wahrzeichen: die Kugelspielerin im Kö-Gärtchen. 1,40 Meter ist die Dame groß, ihr Körper ist nach vorne gebeugt, in ihrer Hand hält sie eine Kugel, als wäre sie nur wenige Augenblicke vom nächsten Wurf entfernt. Kreiert wurde die Figur von Walter Schott, 1902 kam sie als Schenkung von Gustav Hatzfeld nach Düsseldorf. Dort stand sie zunächst im Museum, bis sie 1932 an ihren heutigen Platz kam. Doch die Bronze-Figur, das mag manchen Düsseldorfer enttäuschen, ist kein Unikat.

Zur Jahrhundertwende war die Figur von Walter Schott ein Verkaufsschlager unter Kunsthändlern. An vielen Orten konnte man die Dame betrachten, wahlweise unbekleidet oder bekleidet. Einer davon war der Luisenhain, ein Park im Berliner Stadtteil Köpenick. Bis Anfang der 1950er-Jahre stand die Figur dort an zentraler Stelle. Dann wurde sie bei einer Neugestaltung des Parks abmontiert und im dortigen Rathaushof gelagert. Danach verliert sich die Spur der Figur; bis heute wurde sie nicht wiedergefunden.

Als der Berliner Werner Wischnewsky vor einiger Zeit in einem Zeitungsbericht über die Figur las, wurde seine Neugier geweckt. Nach einiger Recherche entdeckte er schließlich die Düsseldorfer Skulptur. Daraufhin reiste er in die Landeshauptstadt. Einerseits, um sich die Figur einmal vor Ort anzusehen, andererseits, um mit der Stadt über die Anfertigung eines Duplikats zu verhandeln. Das Düsseldorfer Kulturamt stimmte zu, jedoch unter der Bedingung, dass das Duplikat vor Ort von der Kunstgießerei von Karl-Heinz Schmäke hergestellt werde. Wischnewsky hätte das Duplikat lieber in Berlin anfertigen lassen, doch die Stadt hatte Angst vor Schäden durch den Transport. Zudem sei so sichergestellt, dass keine widerrechtlichen Abformungen beziehungsweise Duplikate der Skulptur erstellt werden können. Finanziert wurden die Arbeiten durch Spenden, die ein eigens gegründeter Bürgerverein sammelte.

Für die Kunstgießerei war die Herstellung des Duplikats zwar keine Herausforderung, aber trotzdem mit hohem Aufwand verbunden. Rund 140 Arbeitsstunden dauerte es, bis die Kugelspielerin für Berlin gegossen war. Dazu verwendeten Schmäke und seine Mitarbeiter das Wachsausschmelzverfahren. Dabei wurde im ersten Schritt eine abnehmbare Form der Kugelspielerin hergestellt. Zunächst trug der Kunstformer Norbert Walta eine Schicht aus Silikon auf, bevor er zur Stabilität des Silikonmantels Gips auf der Skulptur verteilte und diese Umhüllung verhärten ließ. Anschließend wurde das erstellte Negativ der Figur abgenommen und mit Wachs gefüllt, um ein Ebenbild der Kugelspielerin zu erstellen. Aufgrund von Struktur und Größe der Figur wurde dieser Wachsabguss jedoch in drei Einzelstücke unterteilt: Oberkörper, Unterleib sowie der Arm inklusive der Kugel. Das Original war zu diesem Zeitpunkt bereits längst wieder an seinem Ursprungsort im Kö-Gärtchen.

Aber die Prozedur kam auch der Düsseldorfer Kugelspielerin selbst zugute. Im Zuge der Demontage wurde die Chance genutzt, die Bronzefigur einmal gründlich zu reinigen und kleine Blessuren zu reparieren. Ohnehin ist es ein kleines Wunder, dass die Düsseldorfer Statue im Gegensatz zu ihrer Berliner Schwester noch existiert. Denn 1951 und 1964 wurde sie jeweils gewaltsam von ihrem Sockel gerissen und musste wieder instandgesetzt werden. Hinzu kamen unzählige kleinere Reparaturarbeiten im Verlauf der Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs entging sie zudem nur knapp einer Einschmelzung zur Herstellung von Kriegsmunition. Jetzt erstrahlt sie jedoch wieder in neuem Glanz.

Auf ihr Ebenbild wartete zu diesem Zeitpunkt dagegen noch viel Arbeit. So wurden die Einzelteile der Wachsfigur jeweils mit einer feuerfesten Hülle aus Schamott umgeben, um das Wachs im Anschluss bei 800 °C im Ofen aus der Form zu schmelzen und gleichzeitig die Hülle zu härten. Nun wurde heißes Metall in die Formen gegossen und nach dem Härten des Materials die Hülle geöffnet. Im letzten Schritt wurden die drei Einzelteile der neuen Kugelspielerin zu einer Figur zusammengeschweißt, bevor ein Ziseleur letzte Feinheiten und Details ausarbeitete. Inzwischen hat sich die Berliner Schwester der Düsseldorfer Kugelspielerin schon auf den Weg in ihre neue Heimat gemacht und wurde am 19. Januar feierlich eingeweiht.

Der zuständige Bezirksbürgermeister Oliver Igel dankte bei den Feierlichkeiten neben Werner Wischnewsky auch der Stadt Düsseldorf für ihre Kooperation. Im Luisenhain direkt gegenüber des Köpenicker Rathauses hat die Berliner Kugelspielerin nun an alter Stelle ihr neues Zuhause gefunden. Dieses Mal hoffentlich für immer.