Fachartikel

19.12.2019
erschienen in GIESSEREI Heft 12|2019

Technische Modellbauerin: Eine Ausbildung mit Perspektive

Kristin Modes – eine junge Frau, die viel auf dem sprichwörtlichen Kasten hat. Hier zeigt sie einen Handformkernkasten – ein Erinnerungsstück aus ihrer Ausbildungszeit.

Bürokauffrau, Industriekauffrau oder Einzelhandelskauffrau – sie gehören bei jungen Frauen zu den beliebtesten Ausbildungsberufen. Der Beruf des technischen Modellbauers hingegen kommt eher den wenigsten in den Sinn. Kristin Modes jedoch erkannte früh die Vielseitigkeit und das Potenzial dieses Berufs. Ihre Ausbildung absolvierte sie bei der Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG im hessischen Stadtallendorf. Für die heute 25-Jährige war dies der Grundstein für ihre noch junge Karriere.

VON KARIN HARDTKE, NEUSS

In die Ausbildungswerkstatt kommt Kristin Modes inzwischen nur noch selten. Denn mittlerweile arbeitet die gelernte Modellbauerin im Bereich „Technische Akquisition“, begleitet dort Kundenprojekte aus der technischen Perspektive von A wie Anfrage bis Z wie Zeichnung. Doch für dieses Gespräch geht es noch einmal zurück zum Anfang: Modes öffnet das Rolltor zur Ausbildungswerkstatt – die erst vor kurzem komplett modernisiert und durch einen Anbau erweitert wurde – steuert direkt auf einen der Metallschränke zu und holt eine rechteckige Holzplatte heraus. Es ist ein Modellriss, den sie während ihrer Ausbildung angefertigt hat.

Die 25-Jährige streicht liebevoll über das gute Stück – und dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: Dieser Modellriss ist der erste Schritt nach der abgeschlossenen Modellplanung. Er wird 1:1 wie das spätere Modell auf eine Holzplatte gezeichnet und mit einer Anreißnadel eingeritzt. Kristin Modes fährt zur Erklärung mit dem Zeigefinger über eine rot markierte Vertiefung. Schwindmaße, Formschräge und alle weiteren form- und gießtechnischen Aspekte, die für die Herstellung eines Gussteils erforderlich sind, sind ebenfalls zu berücksichtigen. „So kann man später beim Bau der einzelnen Komponenten zur Kontrolle immer wieder die Maße abgreifen“, erläutert Modes begeistert, dreht sich um und durchforstet weitere Schränke in der Werkstatt.

Schließlich findet sie, was sie sucht und hält einen kleinen orangefarbenen Flitzer hoch, der eine unübersehbare Ähnlichkeit mit einem VW-Käfer hat. Dieses Modell – ein Auto mit Gummiantrieb – hat sie seinerzeit im Rahmen eines Kunststofflehrgangs an der Berufsschule gemeinsam mit anderen Auszubildenden entwickelt. Und zwar vom Design und Materialauswahl über die Zusammenbau- und Einzelteilzeichnung bis hin zur Erstellung der Negativformen, um die verschiedensten Kunststoffe in die gewünschte Form zu bringen. „Die Arbeit des technischen Modellbauers ist extrem abwechslungsreich. Ich brenne einfach für diesen Beruf“, erzählt Modes enthusiastisch. In ihrer Freizeit lebt sie ihre Begeisterung auf andere Art und Weise aus: Kristin Modes backt für ihr Leben gern – am liebsten Motivtorten. Je filigraner, umso besser. Ständig probiert sie Neues aus. Ob eine Prise Salz mehr an den Kuchenteig oder ein bisschen weniger Backpulver – „Ein kleines Detail kann schon mal erfolgsentscheidend sein. Da unterscheidet sich Backen nicht groß vom Modellbau.“

„Frauen können auch Technik“

Ein typischer Frauenberuf – „Ich meine das auf keinen Fall abwertend“ – kam für die Realschulabsolventin von Anfang an nicht infrage. Physik, Chemie, Biologie und Mathematik – das interessierte die Schülerin. Ihre Mutter las eher zufällig über den Tag der Ausbildung, den die Eisengießerei Fritz Winter alljährlich im Sommer veranstaltet. Mitarbeiter des Service Center Personal, Ausbilder sowie Mitarbeiter aus den Fachabteilungen und natürlich Auszubildende informieren an diesem Tag über die verschiedenen Ausbildungsberufe – interessante Vorführungen und Betriebsrundgänge inklusive. „Der Tag der Ausbildung ist ein wichtiger Baustein neben vielen anderen Aktivitäten, um unser Unternehmen als attraktiven Ausbildungsbetrieb in der Region noch bekannter zu machen und aktiv um qualifizierten Nachwuchs zu werben“, erläutert Sebastian Hofmann aus dem Bereich Ausbildung und Personalentwicklung.

Die Eisengießerei entwickelt und produziert Roh- und Fertigteilkomponenten sowie komplexe Systembauteile für die weltweite Automobil-, Nutzfahrzeug- und Hydraulikindustrie. Zu den Hauptprodukten gehören Bremsscheiben, Bremstrommeln, Zylinderblöcke und Hydraulikgehäuse. Sie ist die größte konzernunabhängige Gießerei Europas in Familienbesitz. Doch auch für Fritz Winter wird es zunehmend schwieriger, alle Ausbildungsplätze – insbesondere in manchen technischen Ausbildungsberufen – zu besetzen. Um auch vermehrt Frauen für die sogenannten MINT-Berufe zu begeistern, engagiert sich die Gießerei seit Neuestem in einem Pilotprojekt der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. Es handelt sich hierbei um eine Kombination aus studienvorbereitenden Vorlesungen in einem MINT-Fach sowie einem dreimonatigen Praktikum in einem Unternehmen. Fritz Winter ist eines der ersten Unternehmen, das bei diesem Projekt mitmacht. „Wir sehen die Chancen, die dieses Projekt langfristig bietet und sind vom Erfolg überzeugt“, erläutert Personaler Sebastian Hofmann.

Ein Glück für Fritz Winter jedenfalls, dass Kristin Modes seinerzeit am Tag der Ausbildung beim Informationsstand der technischen Modellbauer stehenblieb. „Das war genau das, was ich wollte. Man kann in diesem Beruf kreativ sein. Man kann später je nach Neigung mehr in die gusstechnische oder handwerkliche Richtung gehen. Oder gar studieren, wenn man will, Architektur beispielsweise.“ Dass sie später einmal selbst als Auszubildende beim Tag der Ausbildung mitwirken wird, verwundert da nicht weiter (Bild 1). „Wir haben schon früh das Engagement und das Potenzial von Frau Modes erkannt und sie daher auch zu Ausbildungsmessen mitgenommen, um mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern“, erklärt Sebastian Hofmann. „Frauen können nämlich auch Technik“, ergänzt Modes bestimmt und lacht dabei.

„Eine Gießerei ist halt kein Lebensmittelbetrieb“

Bewerbung verfasst, Vorstellungsgespräch absolviert, Ausbildungsvertrag unterschrieben. Irgendwie ging dann alles ganz schnell. Am 08.08.2011 beginnt Kristin Modes schließlich bei der Eisengießerei ihre Ausbildung zum technischen Modellbauer. Die gleichermaßen souveräne wie entspannte Einstellung der damals Siebzehnjährigen: Lass alles in Ruhe auf dich zukommen, nimm alle Erfahrungen als Chance wahr – und: Gib immer dein Bestes. Doch zunächst einmal kam die große Ernüchterung, erinnert sich Modes lachend. Denn fortan beginnt ihr Arbeitstag morgens um sechs Uhr. Und was mindestens genauso schlimm ist: Es gibt kaum Stühle! Anstatt, wie in der Schule, den ganzen Tag zu sitzen und sich „berieseln zu lassen“, heißt es ab jetzt: Sicherheitsschuhe an, ab in die Ausbildungswerkstatt und an der Werkbank mal wieder selbst die Gehirnwindungen strapazieren.

„Das war am Anfang alles ziemlich ungewohnt für mich. In den ersten Wochen war ich abends schon ganz schön geschafft“, gesteht sie schmunzelnd. Doch ihre Begeisterung für die Materie macht diese kleinen Unannehmlichkeiten problemlos wieder wett. Der Grundkurs Metall? Einfach nur interessant! Und der Zeichnungskurs, in dem es um Arten, Aufgaben und die eigentliche Erstellung einer Zeichnung ging? Extrem wichtig, findet Modes. Denn nur, wenn man diese Grundlagen verstanden hat, kann man später eine fehlerfreie Modellplanungszeichnung erstellen. In dieser Zeichnung steckt nämlich die eigentliche Herausforderung. Wenn man die gut hinbekommt, dann wird auch das spätere Gussteil gut – das hat ihr Ausbilder seinen Schützlingen immer wieder eingebläut.

„Jedes Gussteil hat seine Tücken. Das macht die Modellplanung ja so abwechslungsreich“, findet Modes. Welche Schwindmaße gilt es zu berücksichtigen? Wie kommt das Eisen später in den Hohlraum? Und wie schafft man es, dass die Kerne nicht kippen? Bei Fritz Winter verbringen die Azubis zum technischen Modellbauer viel Zeit in der Ausbildungswerkstatt, um die verschiedensten Arbeitsschritte und Fertigkeiten von der Pike auf zu lernen (Bild 2). Dass in vielen Köpfen immer noch das Bild vom schmutzigen Gießereibetrieb herumgeistert, hört Modes gar nicht gern. Denn: „Was ist schon Dreck? Wenn wir gießen, entstehen selbstverständlich Rußpartikel. Keine Frage. Aber für einen Schornsteinfeger ist der Ruß ja auch kein Dreck. Wir sind halt kein Lebensmittelbetrieb.“

Weiterbildung und Engagement zahlen sich aus

Ihre Ausbildung zu verkürzen – der Gedanke kam Kristin Modes nie. „Diese dreieinhalb Jahre habe ich von Anfang bis Ende ausgekostet. Ich wollte so viel wie möglich lernen.“ Modes erinnert sich auch gern an ihre Berufsschulzeit, insbesondere der Austausch mit technischen Modellbauern anderer Fachrichtungen bringt ihr viel. Verschmitzt ergänzt sie: „Und außerdem werde ich ja noch lange genug arbeiten.“ Etwaige Vorurteile über Frauen in technischen Berufen perlen an Kristin Modes ab. Man muss einfach wissen, was man kann, findet sie. Und was man will. Dass sie sich später einmal zur Modellbaumeisterin weiterbilden möchte, das signalisiert sie der Personalabteilung daher bereits während ihrer Ausbildung. Ihre erste Station nach Ende der Lehre ist dann der hauseigene Modellbau, der auch die umfangreiche Modellwartung übernimmt. Sie wartet fortan Kernformwerkzeuge, tauscht Ausstoßer und Schlitzdüsen aus, repariert ausgeschossene Gravuren (Bild 3).

Als die Eisengießerei Anfang 2016 ein neues Traineeprogramm ins Leben ruft, nimmt Kristin Modes als eine der Ersten daran teil. Sie arbeitet in verschiedenen Abteilungen – unter anderem in der Produktentwicklung und der Konstruktion/technischen Akquisition – und merkt schnell, dass ihr Letzteres liegt und Spaß macht. In dieser Zeit bildet sie sich auch zur Modellbaumeisterin an der Holzfachschule in Bad Wildungen weiter. Kristin Modes entscheidet sich ganz bewusst für eine Vollzeitausbildung. Ganz oder gar nicht. Keine Doppelbelastung, keine Ablenkung, nur lernen, lernen, lernen. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie, insbesondere während der Prüfungsphase, stellt Material und die Ausbildungswerkstatt für die Anfertigung des Meisterstücks zur Verfügung. Zugute kommt ihr, dass die Eisengießerei Fritz Winter mit ihren rund 3700 Mitarbeitern bis heute ein Familienunternehmen ist. Gutes Betriebsklima und familiäre Atmosphäre inklusive. „Das spürt und schätzt man als Mitarbeiter“, betont Modes. Und Personaler Sebastian Hofmann ergänzt: „Wer bei Fritz Winter anfängt, der möchte in der Regel auch hierbleiben. Denn Motivation, Leistungsbereitschaft, Engagement und Wissensdurst sowie Lernbereitschaft sind eine sehr gute Mischung für die tägliche Arbeit und berufliche Perspektive in unserem Unternehmen.“

Vom Modellbau in die technische Akquisition

Seit 2017 arbeitet Kristin Modes nun in der technischen Akquisition und ist mit ihren gerade einmal 25 Jahren bereits stellvertretende Projektleiterin. Sie begleitet hauptsächlich Gussprodukte aus dem Bereich „Antrieb“ – Zylinderblöcke, Zylinderköpfe oder Hydraulikgehäuse beispielsweise. Leitet der Vertrieb eine Kundenanfrage für ein Bauteil schließlich an die technische Akquisition weiter, dann beginnt Kristin Modes Arbeit.

Wie hoch ist der technische Aufwand? Wo kann das Bauteil möglicherweise produziert werden? Lässt es sich eventuell leichter und kostengünstiger fertigen? „Erteilt uns der Kunde schlussendlich den Auftrag, dann ist es unter anderem meine Aufgabe, alle notwendigen Schritte in die Wege zu leiten, die einzelnen Schritte zu begleiten und den gesamten Prozess zu dokumentieren“, erklärt sie. Ein abwechslungsreicher Job mit viel persönlichem Kundenkontakt, bei dem „ohne Englisch gar nichts geht“. Das liegt ihr, sagt sie. Doch mindestens genauso viel Freude bereitet Modes die Arbeit mit dem CAD-Programm (Bild 4).

Die nimmt im Moment circa zwei Drittel ihrer Zeit in Anspruch. Geht es beispielsweise darum, für eine kleine Prototypenserie das 3-D-Formschema zu erstellen, dann igelt sich die gelernte Modellbauerin hinter ihrem Computer ein und versinkt ganz im Thema: Wenn ich an dieser Stelle eine Sicherung einbaue, dann habe ich aber dort einen Grat. Wo muss ich putzen? Wie bekomme ich den Kernsand in die Form? Gibt es eventuell Turbulenzen beim Abguss? Einen Teil der Modellbauaufträge vergibt Fritz Winter auslastungsbedingt an externe Unternehmen. „In dem Fall erstelle ich die Ableitung der 2-D-Formschemen und kontrolliere gleichzeitig auf Konstruktionsfehler“, erzählt sie und ergänzt: „Bei der Planung ist so viel zu berücksichtigen. Es gibt so vieles, was ineinandergreift. Das macht die Arbeit so spannend.“ Für ihren Arbeitgeber und das Thema „Frauen in technischen Berufen“ rührt die sympathische 25-Jährige daher gerne auch mal die Werbetrommel – sei es auf der internationalen Gießerei-Fachmesse GIFA 2019 in Düsseldorf oder auf der jährlichen Absolventenmesse der TU Bergakademie Freiberg.

Mittelfristig mehr Projektverantwortung zu übernehmen, das kann sich die Kristin Modes gut vorstellen. „Meine Ausbildung zum technischen Modellbauer war das Beste, was ich machen konnte“, resümiert sie. Und wer weiß, vielleicht steckt ihre Begeisterung an und es entscheiden sich in Zukunft ja mehr Frauen für diesen Beruf. Zu wünschen wäre es. Und im Hause der Fritz Winter Eisengießerei gibt es dafür die besten Möglichkeiten.

www.fritzwinter.de