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11.04.2020

"Wir sollten heimische Standorte stärken"

Jörg und Richard Siedler (v.l.n.r.) vor der fertig gedruckten Gießform für die Friedensglocke, die nun wegen der Coronakrise erst zum Tag der Deutschen Einheit abgegossen wird (Foto: LVZ).

Die Gießerei Keßler & Co aus Leipzig verschiebt wegen der Corona-Krise den für das 25. Firmenjubiläum anberaumten Abguss einer Friedensglocke. Die Gießerei reagiert damit auf die gestiegene Auftragslage aufgrund unterbrochener asiatischer Lieferketten. Warum die Keßler-Geschäftsführer Richard und Jörg Siedler hoffen, dass wir Lehren aus der Krise ziehen.

„Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt.“ So dichtete es Friedrich Schiller. Lang ist es her. In der Leipziger Gießerei Keßler & Co. stehen zwei Formen für den Abguss einer gut 345 Kilogramm schweren Stahlglocke bereit. Gefertigt wurden die Gießformen digital. Schicht für Schicht im Drucker aufgetragen. „Auf den Hundertsten-Millimeter genau“, erklärt Jörg Siedler (59), der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vater Richard Siedler (81) führt.

"Für Frieden, Naturschutz und Gerechtigkeit"

„Für Frieden, Naturschutz und Gerechtigkeit“ Der Junior-Chef streicht über die raue Oberfläche der sandigen Form. Spiegelverkehrt ist die Inschrift zu lesen „Für Frieden auf Erden, Naturschutz und Gerechtigkeit“. Vor 25 Jahren haben die Siedlers die Gießerei gegründet. Sie ist aus der alten Lehr- und Forschungsgießerei des einstigen Gisag-Kombinates entstanden. Die Firma fertigt Einzel- und Kleinserien von Guss- und Maschinenteilen. Entsprechend groß beziehungsweise klein sind die Pfannen, in denen die Stahllegierungen zum Schmelzen gebracht werden. „Über unsere größte Pfanne würde man in anderen Gießereien sicher schmunzeln. Aber dort geht es auch um Serienfertigung und einen ganz anderen Ausstoß“, sagt Jörg Siedler.

Familienunternehmen investierte 10 Millionen Euro

In den vergangenen 25 Jahren hat das Familienunternehmen zehn Millionen Euro in neue Technik und Lagerkapazität investiert. In einem kleinen Raum steht ein moderner Laserschweißer zum Reparaturschweißen von winzigen Fehlstellen in Gussteilen. „Kann nicht jeder“, sagt der Firmenchef. Über die Anschaffungskosten schweigt er. Fast siebenstellig sei 2017 die Investition in ein neues Lagergebäude gewesen. Die Regale im rund zehn Meter hohen Lager sind bis an die Decke mit Modelleinrichtungen gefüllt. „Das Kapital der Firma - dabei gehören die Modelle von Kurbelgehäusen, Zylindern oder Laufrädern unseren Kunden“, sagt der Senior-Chef. Wann immer ein Maschinenteil kaputt geht, reicht ein Anruf und die Leipziger Spezialisten holen das jeweilige Modell aus dem Regal und sorgen für Ersatz.

Lieferströme aus Fernost wegen Corona unterbrochen

Gleich mehrere Unternehmen machten dieser Tage von diesem Service Gebrauch. „Die von uns entwickelten Teile gehen in Serie – aus Kostengründen erfolgt die Produktion zumeist in Fernost“, so der Junior-Chef. Die Corona-Pandemie habe nicht nur die Lieferströme von in Asien gefertigten Atemschutzmasken oder dringend benötigen Medikamenten unterbrochen. Auch im Auto- oder Maschinenbau sind Zuliefererbetriebe in Quarantäne. Manches dringend benötigte Ersatzteil aus chinesischer oder indischer Produktion kann deshalb nicht geordert werden. Weit mehr als sonst greifen die Leipziger derzeit ins Regal und helfen aus. Bis Ende Mai sei man mit Aufträgen noch ausgelastet. „Mal sehen, wie lange die Wirtschaft noch abgeschaltet bleibt“, sinniert Senior-Chef Siedler und fügt an: Er habe die vage Hoffnung, dass die westlichen Industrienationen ihr bisheriges Tun überdenken. Er wolle die Globalisierung nicht verteufeln. Sie dürfe aber nicht ausarten. Dass die Bänder vielerorts stillstehen, habe nicht nur mit Corona, sondern mit Abhängigkeiten und Lieferketten rund um den Globus zu tun.

"Wir sollten die heimischen Standorte stärken"

„Vielleicht besinnen wir uns ja nach Krise und stärken die heimischen Produktionsstandorte wieder“, sagt er und redet von bezahlbarer Energie, Umweltschutz im Einklang mit Arbeitsplätzen, mehr Akzeptanz in Politik und Gesellschaft für technische Berufe. Die vier Eisen- und Stahlgießereien, die Mitglied im Leipziger Gießereinetzwerk sind, hätten seit der Wende 180 Millionen Euro investiert und 1500 Arbeitsplätze geschaffen. „Das ist ein Gut, das bewahrt werden sollte.“

Das Gießen der Friedensglocke haben die Siedlers wegen der Corona-Krise abgeblasen. Nicht zum Firmenjubiläum dieser Tage, sondern zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit soll die Glocke nun werden – und dann vor dem Firmengebäude in Stadtteil Großzschocher aufgestellt werden. Natürlich wünsche man sich, dass die Gießereien des Netzwerkes, Zulieferer und Transportfirmen die Krise unbeschadet überstehen. Und noch etwas würde er gern loswerden, sagt Richard Siedler: „Wir fiebern jeden Tag mit den vielen Helfern in Heimen und Krankenhäusern mit. Ihnen gebührt Dank. Wenn wir die Glocke gießen, werden wir an ihren persönlichen Einsatz gegen die Pandemie erinnern.“

Quelle: Andreas Dunte, Leipziger Volkszeitung vom 8. April 2020

www.giesserei-kessler-leipzig.de

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