Fachartikel

2.04.2020
erschienen in GIESSEREI Heft 4|2020

Deutsche Gussproduktion 2019 und Ausblick 2020

Die Zukunft ist ein wenig wie der Blick in die Glaskugel. Wie auch immer die Zahlen am Ende des Jahres 2020 aussehen werden – das Jahr wird schwierig werden.

Die Produktion von Guss in Deutschland ging 2019 schon deutlich zurück. Jetzt wird der Ausblick 2020 von der Corona-Krise überschattet. Es ist eine disruptive Entwicklung, die Risiken, langfristig aber auch Chancen für die Gießereibranche birgt.

VON SOPHIE STEFFEN, DÜSSELDORF

Nachdem das Jahr 2019 bereits von vielfältigen Unsicherheiten und instabilen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen geprägt war und sich die deutsche Industrie seit dem vierten Quartal 2018 in der Rezession befand, sah es noch zu Jahresbeginn nach einer Trendwende für 2020 mit in der Folge stabileren Geschäften aus. Seit dem Ausbruch des Coronavirus in China und der nunmehr globalen Ausbreitung des neuartigen Krankheitserregers hat sich das Blatt gewendet und wird die Wirtschaft in den kommenden Monaten in Atem halten. An dieser Stelle ein Hinweis: Über die Corona-Pandemie hinaus, gehen derzeit andere wichtige wirtschaftspolitische Themen in der breiten Öffentlichkeit und Medienlandschaft unter. Nichtsdestotrotz sollte man sie unbedingt weiter im Blick behalten. Zu den vielfältigen Unsicherheitsfaktoren, die sich auf die Investitionsneigung der Unternehmen auswirken, gehören: der Brexit, bestehende Handelskonflikte zwischen den Wirtschaftsmächten sowie Auseinandersetzungen im Nahen Osten (Saudi-Arabien und Russland) mit Unsicherheitssignalen bezüglich der Öl- und Gaspreise. Bisher ist das Ausmaß der Pandemie nicht absehbar. Die Folgen für die Wirtschaft sind kaum zu prognostizieren und hängen stark von Länge und Tiefe der gesundheitlichen Schutzmaßnahmen ab. Wirtschaftsforschungsinstitute sehen deshalb unterschiedliche Szenarien als wahrscheinlich an. Werden Schutzmaßnahmen ab dem Sommer nach und nach gelockert, ist möglicherweise mit einer graduellen Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2020 zu rechnen. Spätestens im Jahr 2021 dürften Nachholeffekte die deutsche Wirtschaft ankurbeln. Nun zur Rückschau auf 2019:

Deutsche Gussproduktion 2019: Gesamtzahlen

Die deutsche Gießerei-Branche schrumpfte im vergangenen Jahr um 8,9 % auf eine Gesamtproduktion (Fe und NE) von 4,950 Mio. t. Auch ihr Umsatz ging zurück – um 8,5 % auf 12,430 Mrd. Euro. Wie schon in den letzten Jahren zeigte sich eine heterogene Entwicklung in den einzelnen Werkstoffgruppen: Die Eisen- und Stahlgießer produzierten mit 3,805 Mio. t 10,6 % weniger als 2018. Moderater schrumpfte die Fertigung der Nichteisen-Metallgießer. 1,146 Mio. t bedeuten ein Minus von 2,6 %. 

Zur Einordnung: Der Rückgang gegenüber dem außerordentlich hohen 2018er Niveau ist zwar deutlich, doch entspricht die Produktion immer noch in etwa dem Level von 2010. Auch 2019 war der Fahrzeugbau mit rund 60 % die mit Abstand wichtigste Abnehmerbranche der Gießerei-Industrie, gefolgt vom Maschinen- und Anlagenbau mit 20 % der gesamten Gusskomponenten. Im Bereich der Sonstigen Gusskomponenten, auf die ebenfalls 20 Prozent entfielen, verbergen sich viele Teile für den Maschinenbau, da eine scharfe Abgrenzung z.B. zwischen Maschinenbau und Elektrotechnik nicht mehr möglich ist.

Drei Faktoren ließen die Zahl der Aufträge sinken
Die Kundenbranchen der Gießerei-Industrie blicken aufgrund der international schwächeren Nachfrage auf ein herausforderndes Jahr zurück. Insbesondere drei Faktoren führten zu geringeren Aufträgen: eine nachlassende Weltkonjunktur, der Strukturwandel in der Automobilindustrie sowie zahlreiche politisch motivierte Verwerfungen – wie der Brexit und anhaltende Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie der EU. All dies führte zu hohen Unsicherheiten und wirkte sich bremsend auf die Investitionsneigung aus. Für die Gießerei-Industrie bedeutete das werkstoffunabhängig einen spürbaren Rückgang bei den Auftragseingängen. Für den Fahrzeugbau wurden von den Eisen- und Stahlgießereien im Jahr 2019 mit 2,087 Mio. t um 10,5 % weniger Komponenten als im Vorjahr produziert.

Das zeigt den steigenden Einfluss der Werksumstellungen führender OEMs auf E-Mobilität. Auch auf der NE-Metallseite kam es zu einem Rückgang um 2,3 % auf 0,919 Mio. t. Nachlassende Bestellungen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus führten bei den Eisen- und Stahlgießern zu einem Produktionsrückgang um 15,5 % auf 0,933 Mio. t. Die deutschen NE-Metallgießer mussten sogar einen Rückgang um 16,6 % hinnehmen. Denn aufgrund der hohen Export-intensität sind viele Sparten des Maschinenbaus Leidtragende der globalen Unsicherheiten. Dabei zeigte sich die Minusrate bei den gussintensiven Sparten sehr unterschiedlich.

Ausblick 2020 – wie es hätte kommen können

Zu Beginn des Jahres 2020 sah es so aus, als hätten die deutschen Gießereien noch eine gute Chance, in der Endbilanz des Jahres das Produktionsniveau von 2019 zu halten. Eine Bodenbildung im Verlauf des ersten Halbjahres und eine langsame Belebung in der zweiten Jahreshälfte war als durchaus realistisch eingeschätzt worden. Mit dem zusätzlichen Faktor „Coronavirus“ ändert sich die Situation für den weiteren Jahresverlauf fundamental.

Ausblick 2020 – Status quo mit Coronavirus

Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus ist der zu Jahresanfang aufgestellte Ausblick auf 2020 inzwischen Makulatur. Der exogene Schock wird in einem unbekannten Ausmaß die Gesamtkonjunktur Deutschlands sowie der Welt treffen. Denn das besondere an dem neuartigen Virus für die Wirtschaft ist, dass es zu einem gleichzeitigen Angebots- und Nachfrageschock kommt. Darüber hinaus sind die Auswirkungen auch bereits stark auf den Finanzmärkten spürbar.

Weltweit hatten die Börsen im März mit einzelnen Tages-Rekordverlusten reagiert. Die wichtigsten Indizes, auch der deutsche Dax, liegen mehrere Tausend Punkte unter ihren Höchstständen, was die deutlich negative Erwartungshaltung der Anleger reflektiert. Doch was bedeutet nun der Ausbruch des Virus für die deutsche Gießerei- Industrie? Für die genauere Einordnung folgt eine Betrachtung der Kern-Absatzmärkte Fahrzeug- und Maschinenbau.

Fahrzeugbau – Situation bei den OEMs
Zu Beginn der Corona-Pandemie war vorrangig die chinesische Stadt Wuhan in der Region Hubei betroffen. Nachdem Ausgangssperren zur Eindämmung der Ausbreitung verhängt wurden, kam es in dem Automotivehub auch zu Produktionsstopps europäischer OEMs. In der Folge wurden – mit einem zeitlichen Versatz – Störungen der globalen Lieferketten erwartet, da viele Unternehmen Vorprodukte aus China beziehen. Zusätzlich brach die Nachfrage nach Pkws ein. Nachdem bereits im Jahr 2019 die Absatzzahlen um 10 % geringer ausfielen als 2018, nahm der Rückgang der Zulassungen im Januar auf minus 20 % zu. Im Februar schlug die Corona-Krise voll durch: Das Pkw-Marktvolumen ist um 82 % eingebrochen.

Diese Entwicklung ist nun auch für andere Länder zu befürchten. Täglich nimmt die Zahl der Infizierten global zu. Vor allem Norditalien sowie Spanien sind besonders hart betroffen und kämpfen derzeit gegen das Virus an. Derzeit prüfen Autohersteller inwieweit sie Medizintechnik und Schutzausrüstung, wie Masken, in ihren Werken produzieren können. Aufgrund von Covid-19-Fällen in deutschen Automobilwerken mussten auch diese reihenweise geschlossen werden, während in China die Produktion langsam wieder im 1-Schicht-Betrieb hochgefahren wird. Damit rückt die Einhaltung der europäischen CO2-Emissionsnormen für Pkw vorerst in den Hintergrund (95 % der Neuzulassungen dürfen einen CO2-Ausstoß von 95 Gramm pro Kilometer im Durchschnitt nicht überschreiten).

Fahrzeugbau – weltweiter Nachfragerückgang nach Pkw
Generell ist für das erste Halbjahr 2020 mit einem weltweiten Einbruch der Nachfrage nach Pkw auszugehen. Unabhängige Forecasting-Institutionen wie LMC Automotive gingen bereits im Februar in ihrem Corona-Pandemic-Szenario davon aus, dass für den chinesischen Pkw-Markt mit einem Produktionsrückgang um 10 % für 2020 gerechnet werden dürfte. Auch der europäische Markt dürfte in 2020 stark unter Druck stehen. Vonseiten des VDA gibt es bisher keine offiziell angepasste Prognose für den deutschen und europäischen Automobilmarkt. Branchenanalyst Ferdinand Dudenhöffer erwartet jedoch für Westeuropa einen Absatzrück-gang um 11 %, wobei je nach weiterem Verlauf der Pandemie in Europa die Zahlen noch niedriger ausfallen könnten. Er geht für 2020 von einem Corona-bedingten Rückgang der Verkäufe um eine Million aus. Außerdem erwartet Dudenhöffer, dass der westeuropäische Automobilmarkt ein Jahrzehnt benötigen wird, um das 2019er Niveau wieder zu erreichen.

Maschinenbau
Neben den deutschen Gießereien sehen auch die Maschinenbauer die Produktionsstopps der Autoindustrie mit Sorge. Der VDMA senkte vorläufig seine Produktionsprognose von minus 2 % auf minus 5 %. In einer Blitz-Umfrage des VDMA gaben bereits 60 % der Unternehmen eine Beeinträchtigung der Lieferketten an, insbesondere durch Italien und China. Vereinzelt konnten deutsche Gießereien die Chance nutzen und Aufträge übernehmen, um die Produktion von wichtigen Komponenten sicherzustellen. Das zeigt, dass es gerade in solchen Zeiten notwendig ist, Gießereibetriebe nicht generell zu schließen. Denn sie produzieren oft Schlüsselkomponenten, die benötigt werden, um eine Maschine am Laufen zu halten, die wiederum für die Herstellung lebensnotwendiger Güter benötigt wird.

Coronavirus – auch positive Ausblicke?
Zunächst zum Aspekt der unmittelbaren wirtschaftlichen Bewältigung der Situation durch die Unternehmen: Gießereien werden Liquiditätsengpässe vermelden. Welche konkreten politischen Handlungsmöglichkeiten die Europäische Union sowie Bund und Länder haben, um in dieser Krise den deutschen Mittelstand zu unterstützen, wird derzeit diskutiert. Unabdingbar ist, dass die Hilfe auch vor Ort bei den Betrieben ankommt. An dieser Stelle soll nichts beschönigt werden: Der Effekt der Corona-Pandemie ist deutlich, überwiegend negativ und damit auch ein großer Risikofaktor für die deutsche Gießerei- Industrie. Gleichzeitig sind damit auch vereinzelt Chancen verbunden. Denn jetzt ist der richtige Zeitpunkt Kunden davon zu überzeugen, Gussteile vermehrt wieder in Deutschland zu bestellen. Seitdem in China die Produktion eingestellt wurde, werden zunehmend globale Lieferketten evaluiert und überdacht. Der Aufbau eines Zweitlieferanten und damit das Konzept des Dual-Sourcing könnte in der Zukunft für viele Gießerei-Kunden eine Möglichkeit sein, die Lieferung von Vorprodukten sicherzustellen.

Nun darf man nicht erwarten, dass der Einkauf den preisgesteuerten Ansatz verlässt und sich nicht mehr global orientiert, erste Beispiele aus der Branche belegen das, aber Vorteile einer Bestellung bei heimischen Unternehmen – wie kurze Transportwege, zeitnahe Lieferung, Zuverlässigkeit und hohe Qualität – liegen vielfach auf der Hand. Sie sind in Zeiten funktionierender globaler Lieferketten jedoch nicht der entscheidende Faktor für eine Bestellung. In Krisenzeiten werden diese Aspekte jedoch umso wichtiger. Die Chance, dass Aufträge zumindest teilweise am Ende auch längerfristig bei deutschen Unternehmen bleiben, besteht jedoch. Wohlwissend, dass viele Gießereien zunächst mit der unmittelbaren, betrieblichen Bewältigung der neuen Situation kämpfen, werden diese positiven Aspekte an dieser Stelle nur angedeutet. Zu einem späteren Zeitpunkt kann die Corona-Krise rückblickend aus volkswirtschaftlicher Sicht analysiert und die hier angedeuteten Lehren vertieft diskutiert werden.

www.bdguss.de