Fachartikel

7.01.2020
erschienen in GIESSEREI Heft 1|2020

Aus dem Erzgebirge in die Welt

Max Jankowsky setzt in der traditionsreichen Gießerei neue Akzente.

Die Gießerei Lößnitz bei Aue im Erzgebirge, klassische Eisengießerei von Form- und Presswerkzeugen für den Automobilbau, hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben. Treiber dafür ist Max Jankowsky, seit Jahresbeginn Geschäftsführer des Familienbetriebes.

VON MARTIN VOGT

Das da wäre ein sehr komfortables Einfamilienhaus plus Luxusjacht und Südseeurlaub“, sagt Max Jankowsky und weist aus seinem Bürofenster auf blitzblanke neue Rohre zwischen alten Mauern. Die Gießerei Lößnitz ist 170 Jahre alt und so lange wird hier bereits Eisen gegossen. Jankowsky ist 26 Jahre jung. Als sein Großvater zusammen mit dem Geschäftspartner Frank Kattermann 1992 der Treuhand den ehemaligen DDR-Betrieb abkaufte, war Max Jankowsky noch nicht geboren. Seit 1.1.2020 ist Jankowsky Geschäftsführer, neben Jörg Kattermann. Damit hat er jetzt auch formell jene Position, die er seit jungen Jahren informell besetzt hatte: die eines Vordenkers im Betrieb, der definiert, welche Themen und Projekte für den Betrieb wichtig werden und wie sie umzusetzen sind. Etwa die blanken, mannshohen Rohre anschaffen, die zu einer neuen Anlage gehören, mitsamt 38 Meter hohem Abluftkamin. Diese Anlage hat das Familienunternehmen bauen lassen, Jankowsky schaut darauf vom Stehpult aus seinem Büro direkt an der Auer Straße.

Dass die Sonne an diesem kalten Herbstmorgen unter stahlblauem Himmel flach über dem bewaldeten Höhenzug im Osten aufgeht und neben dem Kamin neckisch in Jankowskys Bürofenster blitzt, mag ein Zufall sein. Aber ein passender. „Unser Betrieb liegt nun mal mitten im Ort. Und der Ort liegt im Tal“, sagt der Unternehmer. Das hat Konsequenzen: Die Lage ist zwar idyllisch – die Auer Straße schlängelt sich jenseits des Ortes mit seinen etwas mehr als 8000 Bewohnern durch den Wald und schließlich am schmucken Stadion von Erzgebirge Aue vorbei. Aber sie behindert auch den Luftaustausch und das bedeutete im Falle der Eisengießerei: dicke Luft – die jahrelang aus den Oberlichtern des Betriebes entwich und sich schließlich zur dicken Luft mit den Bewohnern von Lößnitz verstetigte.

Absauganlage macht Lößnitz sauberer

Die Gießerei Lößnitz entschloss sich, die Sache offensiv anzugehen. Fünf Millionen Euro später – so viel hat die Entstaubungsanlage gekostet – ist das Thema gelöst: An diesem kalten Tag ist von außen nicht wahrnehmbar, dass in der Gießhalle tonnenweise 1330 Grad heißes Eisen vergossen wird. Lößnitz gießt Gusseisen mit Kugelgrafit und Gusseisen mit Lamellengrafit, legiert und unlegiert im Vollformgussverfahren. Zwei Pfannen Schmelze gleichzeitig laufen in die großen Formen, bis zu 18 Tonnen schwer sind die Gussstücke aus Lößnitz. Noch Stunden nach jedem Abguss züngeln Flammen an den Rändern der Formkästen, die an diesem Gießtag allmählich den Boden füllen, während auf der anderen Seite der Halle der nächste Abguss vorbereitet wird: Tonnenweise Sand strömt in die Kammern des Formkastens. Lößnitz produziert im „Lost Foam“-Verfahren. Die Modelle sind aus Styropor. Gegen die Summe aller Gerüche hatten die Lößnitzer vor Jahren mit einer Bürgerinitiative angekämpft – heute verschwinden die Geruchsbelästigungen im Saugstrudel der Anlage, die bis zu 180 000 Kubikmeter stündlich von der Gießereidecke wegbefördert.

An 17 Stellen saugt sie – zielgerichtet mit variabler Leistung, je nachdem, wo der nächste Abguss besonders viel Feinstaub und Gerüche gen Hallendecke schickt. Aktivkohle hilft dabei, die Partikel zu binden. Am Ende landet alles in stabilen weißen Säcken, rund eine Tonne Staub täglich. Die gute Luft hat ihren Preis: Jährlich rund 150 000 Euro kostet der Unterhalt der Anlage – für Wartung, zwei Silo-Füllungen Aktivkohle à 13 000 Euro und natürlich Strom. Viel Strom. Mehr als 500 Ampere ziehen die E-Motoren aus dem Netz. Die Anlage vom Spezialisten Kappa verfügt über eine eigene kleine Trafostation in der Schaltzentrale – ohne die in den Lößnitzer Stuben wohl die Lichter gedimmt würden, sobald in der Fabrik die Motoren starten. Das Ergebnis ist bessere Luft – für Anwohner und Gießerei-Mitarbeiter.

Mädchen an der Wand

Die Mitarbeiter? Sie sind eher jung als alt, Durchschnitt knapp 40 Jahre, was für die Branche eher wenig ist. Mancher hat Tätowierungen auf den muskulösen Armen. Und Kalender mit Mädchen an der Wand, die noch weniger Textil tragen. Männer, die morgens die Motoren ihrer Autos in Lößnitz und Umgebung starten, um zur Gießerei zu kommen. Das Erzgebirge ist eine Gegend, in dem man üblicherweise mit dem Auto von A nach B gelangt. Eine ländliche Gegend, in der das Auto seinen ursprünglichen Wert hat, als Garant von Lebensqualität und Mobilität. Und es gilt anders als in manchen Metropolen noch nicht als Klimaschädling und Verursacher von allerlei Unbill.

Lößnitz liegt im Wahlkreis 15, Erzgebirge 3, in dem die Grünen bei der Landtagswahl im Spätsommer 2019 abgeschlagen bei 3,3 Prozent landeten. Heimat hat in diesem ländlichen Erzgebirge eine selbstverständlichere Bedeutung als in Ballungsraum-Milieus. Natürlich ist die Gießerei Lößnitz Hauptsponsor des lokalen Fußballvereins – mit dem GL auf seinen Trikots trägt Sechstligist FC 1910 Lößnitz den Namen des örtlichen Arbeitgebers nach ganz Sachsen. Und hinter Jankowskys Stehpult stecken drei Stofffahnen in Messingständern. Die blaue Europafahne mit den Sternen für ihre Mitgliedsländer. Die Deutschlandfahne. Und die Fahne des Freistaates Sachsen. „Aus dem Erzgebirge in die Welt“, sagt Jankowsky und ergänzt fast entschuldigend: „Eine Weltfahne gibt es ja leider nicht, sonst würde ich die hier ebenfalls aufstellen.“

Gießerei erfreulich konjunkturfest

Jankowsky lebt sozusagen die sächsische Variante des bekannten Roman-Herzog-Bonmots der Symbiose von „Laptop und Lederhose“. Der junge Geschäftsführer strahlt beides aus. Tradition und Moderne. Verwurzelung und aufgeschlossene Weltoffenheit. Und die Familiengießerei ist beides. Ein uraltes Verfahren in der Gießhalle, wo der zugelieferte Schrott im koksbetriebenen Kupolofen zu tonnenschweren neuen Gussstücken wird. Zu Gussstücken, die dann die Zukunft prägen.

Im wahrsten Sinne des Wortes: Lößnitz produziert Form- und Stanzwerkzeuge für die Automobilproduktion. Jankowskys Gussteile bringen Blech in Form. „Wir sehen bei uns die Autos von übermorgen – Autos, die in zwei oder drei Jahren auf den Markt kommen“, sagt der Chef. Konjunkturprobleme kennt er eher vom Hörensagen, auch die heftige Krise von 2008/2009, die manchen Betrieb an den Rand seiner Existenz gebracht hatte, war an der Gießerei Lößnitz mehr oder weniger vorbeigegangen. Die Erklärung ist einfach. „Ob Verbrenner oder Elektromotor, ob große oder kleine Stückzahlen in der Fertigung: Neue Automodelle kommen immer wieder raus. Wir liefern die Werkzeuge dafür.“

Motorhauben für die Premium-Autos dieser Welt

So liegt im Modellbau das komplette Seitenteil eines Autos auf dem Tisch, herausgearbeitet in Polystyrol. „Hier kommt der Ladestecker hin. Das wird also ein E-Auto“, sieht der Chef und streicht über das glatte Material, das später in der Gießhalle zur Form für das Bauteil wird. Die Jungs aus dem Modellbau modellieren also die Formen für Seitenteile, Motorhauben, Kotflügel, Unterböden – eben alles, was sich in Blech herausarbeiten lässt und dafür massive, halt- und belastbare Werkzeuge verlangt. Die Kunden sind die namhaften deutschen OEMs – Audi, BMW, Porsche, Daimler – die längst weltweit extrem erfolgreich sind. In Lößnitz gegossen – und damit für die Straßen von Malibu bis Macau in Form gedrückt.

Neuer Akzent in traditionellem Unternehmen

Und in der eher traditionellen Welt im Erzgebirge setzt Max Jankowsky neue Akzente. Sein jüngster Akzent ist das „Klimaneutrale Unternehmen“, wie sich die Gießerei Lößnitz seit 1. Januar für das komplette Jahr 2020 nennen darf. Dafür hat die Nachhaltigkeitsberatung „Fokus Zukunft“ den Ausstoß des Betriebes in CO2-Äquivalenten – den sogenannten „Fußabdruck“ – berechnet. 1830,5 Tonnen CO2-Äquivalente lautet die Klimabilanz der Gießerei Lößnitz. Inklusive aller morgendlichen Anfahrten der Mitarbeiter (siehe Infokasten). Die Gießerei investierte in den Kauf entsprechender Zertifikate, die diese 1830,5 Tonnen kompensieren – unter anderem durch Aufforstungsprojekte. Damit kann sie den magischen Begriff „klimaneutral“ verwenden.

OEM-Anforderungen fördern Nachhaltigkeit

Was ist die Motivation für die Initiative? Die lange Antwort ergibt sich aus Jankowskys Büro. Auf seinem Sideboard befindet sich ein Buch, es liegt nicht etwa, sondern steht aufrecht und schreit seinen Titel mit den großen, orangen Buchstaben an alle Besucher: „UNFAIR! Für eine gerechte Globalisierung“. Dr. Gerd Müller, CSU, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in den Kabinetten Merkel II und IV, hat dieses Buch geschrieben. Und die „Allianz für Entwicklung und Klima“ gegründet, die den Schutz des Klimas als „Überlebensfrage der Menschheit“ ansieht. Lößnitz ist beigetreten. „Wir haben uns verpflichtet, die Gedanken von Kyoto mitzutragen“, erläutert der frischgebackene Geschäftsführer ganz selbstverständlich den Schritt und ergänzt: „Ein OEM hat uns ganz konkret nach unserem CO2-Fußabdruck gefragt“. Das ist dann die kurze Antwort: Weil es das unternehmerische Handeln schlichtweg erfordert, will die Gießerei Lößnitz auch in Zukunft noch als Zulieferer auf der Liste der OEMs stehen. Da ist sie wieder, die Nachhaltigkeit, mit der Verantwortung für 82 Arbeitsplätze und ebenso viele Familien. Jankowsky bedauert die Entwicklung nicht, die letztlich immer weitere Investitionen in den Betrieb erfordert. Eher macht er den Eindruck, die Dinge als unveränderliche Tatsache zur Kenntnis zu nehmen und deswegen nur in eine Richtung zu blicken: Nach vorne in die Zukunft, die für ihn zwingend nachhaltig ist.

E-Autos und ein Bienenvolk für 2020

Entsprechend planen die zwei Geschäftsführer für 2020 weitere Investitionen – eine Million Euro teuer wird die zusätzliche Absaugung der Sandaufbereitung. Wieder ein sehr schickes Einfamilienhaus, das Max Jankowsky aus seinem Fenster allerdings nicht wird sehen können. Außerdem wird ein Teil der fünf Verbrenner-Fahrzeuge der Gießerei durch Elektroautos ersetzt – und eine Elektro-Tankstelle soll errichtet werden, die erste und damit einzige in Lößnitz. Und die Gießerei Lößnitz bekommt ein Bienenvolk.

www.giesserei-loessnitz.de