Fachartikel

7.01.2021
erschienen in GIESSEREI Heft 1|2021

Ein einfacher Fußabdruck und seine komplizierten Implikationen

Der European Green Deal verspricht Klimaneutralität bis 2050. FOTO: ADOBESTOCK

Mitten in der Coronakrise kommt mit großer Wucht ein Thema zurück, das in der öffentlichen Wahrnehmung eine wenige Monate kurze Verschnaufpause hatte: Die Klimadebatte. Konkret heruntergebrochen auf die Gießerei- Industrie geht es dabei um Energiepreise und damit um eine wesentliche Bedingung unternehmerischen Handelns – sowie um den CO2-Fußabdruck und seine Bilanzierung, die von immer mehr Gussabnehmern gefordert wird. Das setzt unsere Branche unter Druck, hierzu auskunftsfähig sein zu müssen. Was hat es auf sich mit diesem Instrument? Warum ist das Thema wichtig? Und was müssen Gießereien darüber wissen? Ein Überblick.

VON ELKE RADTKE UND MARTIN VOGT, DÜSSELDORF

Dass eine Reihe von Klimagasen maßgeblich den Klimawandel treibt, ist bereits seit vielen Jahren gesicherte Erkenntnis. Die Ursache für den Klimawandel, präziser den menschengemachten – anthropogenen – Klimawandel, bilden die sogenannten Treibhausgase. Dazu zählt natürlich zum erheblichen Teil Kohlendioxid (CO2) – aber auch Methan (CH4), Distickstoffmonoxid („Lachgas“ – N2O) sowie fluorierte Kohlenwasserstoffe haben Einfluss auf die Erderwärmung. Wenn vereinfachend nur von CO2 gesprochen wird, hat das zwei Komponenten: Erstens geht es tatsächlich und überwiegend um Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Energieträger wie Erdgas, Erdöl oder Kohle. Und zweitens werden die weiteren Gase in CO2-Äquivalente umgerechnet, also quasi in diese klimatechnische Leitwährung übersetzt.
Was sich zunehmend ausbildet, ist der Umgang mit der Erkenntnis der Klimaerwärmung. Insbesondere die hochentwickelten westlichen Gesellschaften – darunter auch die deutsche – haben sich die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf die Fahnen geheftet – konkret im Pariser Klimaabkommen: Im Dezember 2015 hatten zunächst 196 Staaten sowie die EU ihre Absicht erklärt, die globale Erwärmung verglichen mit der vorindustriellen Zeit auf „deutlich unter“ 2 Grad zu begrenzen – idealerweise. Vorrangiges Instrument dazu ist, die Menge des jährlich von Menschenhand freigesetzten CO2 zu reduzieren. Dies bedeutet insbesondere: schrittweise weniger fossile Brennstoffe zu verfeuern und idealerweise den Energiebedarf irgendwann CO2-neutral rein regenerativ zu decken.

Was bedeutet das für unsere Branche?

Dieses zunächst global-abstrakte Thema gewinnt, heruntergebrochen auf unsere Gießerei-Industrie, eine unmittelbare, konkrete Bedeutung. Die Erreichung der Klimaschutzziele ist für unsere Branche eine enorm große Herausforderung, denn die Gießereibranche gehört zu den energieintensiven Industrien. Die Erzeugung der erforderlichen Schmelztemperaturen – im Falle von Eisen annähernd 1500 Grad – ist unser Tagesgeschäft. Damit einher geht ein hoher Energiebedarf, der bisher auch zu einem entsprechenden CO2-Ausstoß führt.
Ist also dieser Themenschwerpunkt sachlich geboten, hängt der Zeitpunkt auch an den politischen und gesellschaftlichen Umständen. Der gesellschaftliche Druck auf das politische System wächst deutlich, was gleichermaßen Berlin wie Brüssel, und damit den nationalen wie EU-weiten Regulierungsrahmen betrifft. Die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen und die nachhaltige Erreichung einer Klimaneutralität fordern nicht nur gesellschaftliche Klimabewegungen oder Umweltverbände, sondern auch die EU-Kommission. Ende 2019 verkündete sie im Rahmen ihres European Green Deal die Klimaneutralität 2050 als ehrgeiziges Ziel für die gesamte EU. Vorher hatte der Deutsche Bundestag bereits im Klimaschutzgesetz von 2019 das Ziel verankert, bis 2050 klimaneutral zu sein – und gleichzeitig das Emissionsziel von minus 55 Prozent (im Vergleich zu 1990) bis 2030 inklusive der Sektorziele gesetzt. Zudem beschreitet Deutschland mit dem nationalen Brennstoff- Emissionshandel ab 2021 einen nationalen Sonderweg, um seinen eigenen politischen Vorgaben gerecht werden zu können.
Dem gegenüber stehen die Bemühungen von Unternehmen, ihre eigenen Wege zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks zu gehen und mithin Vorbild und Referenz für weitere Interessierte zu sein. Für die Ermittlung des Carbon Footprint existieren seit vielen Jahren bewährte Standards – erarbeitet von renommierten Institutionen wie dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) und dem World Resources Institute (WIR) sowie der International Organization for Standardization (ISO). Mit dem Inkrafttreten der EU-Richtlinie zur Angabe nicht finanzieller und die Diversität betreffender Informationen – der sog. CSR-Richtlinie – entstand ein weiterer Treiber für die Ermittlung der konkreten Umweltauswirkungen von Unternehmen. Seit 2017 sind große kapitalmarktorientierte Unternehmen und Konzerne zu einer nicht finanziellen Berichterstattung verpflichtet, welche auch Umweltbelange betrifft. Im Zuge der Wahrnehmung einer verstärkten Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft spielt die Lieferkette eine zunehmend zentrale Rolle.

Das Thema Klimawandel ist zurück

Insbesondere die Klimadebatte – wir erinnern uns an „Fridays for Future“ – wurde von der Coronakrise ab Frühjahr wenige Monate überlagert, verdrängt vom Covid-19-Virus. Nun kommt sie aber mit Macht zurück. In vielen Medien ist das Thema „Klima“ mittlerweile dauerpräsent, Spiegel Online beispielsweise hat einen festen Kasten dafür unter der Überschrift „Der Klimabericht – Daten zur Lage des Planeten“ etabliert. Unter anderem werden darin Temperaturanstieg, Ökostrom-Erzeugung oder der Verlust an Regenwald sowie der Anstieg des Meeresspiegels angezeigt. Das der Menschheit verbleibende CO2-Budget bis zur 2-Grad-Marke zählt runter, sekündlich aktualisiert. Längst haben viele Online-Medien feste Themenbereiche etabliert, die als „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ in der URL der Seite stehen, um tägliche Meldungen ergänzt. Diese Präsenz und Dramatik hat Wechselwirkungen – zunächst mit dem Publikum: Die große massenmediale Präsenz macht das Thema flächendeckend bewusst und das mit stark appellierendem Charakter, was wiederum Auswirkungen auf andere gesellschaftliche Bereiche hat. „Klima“ bedeutet in dieser Diktion die angesprochene Reduktion der CO2-Freisetzung, zielt in einem weiteren Sinne aber sehr stark auch auf die westliche Lebensweise allgemein. In die Defensive geraten damit industrielle Prozesse insgesamt. Der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) sieht es sehr bewusst als seine Aufgabe an, auch die ökonomische und soziale Komponente von Nachhaltigkeit zu betonen, um damit die bisweilen sehr einseitige Fokussierung auf die dritte, die ökologische Komponente, zu relativieren. Stets geht es uns dabei um die Rahmenbedingungen des unternehmerischen Tuns in Deutschland.

Folgen für die Industrie

Zurück zu den Konsequenzen der Themenagenda: Die Klimadebatte wirkt einerseits direkt auf die Politik ein und durch entsprechendes politisches Handeln dann auf die Unternehmen. Gleichzeitig übt das Thema auch psychologischen Druck aus – es definiert zunehmend, wie sich Unternehmen aufstellen sollten. Man mag sich die Frage stellen, was die Oberhand hat: Die Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderung oder das Kalkül, welche Wirkung des eigenen Unternehmens auf Öffentlichkeit und Kunden opportun ist. Letztlich bleibt es eine eher theoretische Frage, weil es für die Auswirkungen unerheblich bleibt. Und die sind erheblich: Immer mehr Unternehmen erklären CO2-Neutralität als klar definiertes Ziel und nennen auch ein Datum dafür. Insbesondere die Absichtsbekundungen der großen Automobilhersteller sind diesbezüglich eindeutig. Für die Gießerei-Industrie sind die Konsequenzen klar: Die Ansprüche der OEMs steigen. Generell geht es darum, den CO2-Fußabdruck zu verringern, also CO2 einzusparen. Das kann durch die Optimierung und Weiterentwicklung von Prozessen erfolgen bzw. durch Umstellung von Techniken und Verfahren. Notwendige Grundlage ist indes, den eigenen CO2-Fußabdruck zu kennen.

Elke Radtke, Umwelt + Arbeitsschutz, Martin Vogt, Kommunikation, BDG