Fachartikel

26.01.2021
erschienen in GIESSEREI Heft 2|2021

Gussproduktion 2025: Wie nachhaltig fällt die Erholung aus?

Dr. Heinz-Jürgen Büchner, IKB Deutsche Industriebank AG (Foto: IKB).

Die IKB Deutsche Industriebank ist mit ihren Dienstleistungen vorwiegend auf mittel­ständische Unternehmen in Deutschland ausgerichtet. Regelmäßig ver­öffent­lichen IKB- Mitarbeiter Beiträge in analogen und digitalen Medien und halten Vorträge auf Veran­staltungen der Industrie. Eine Prognose zur Entwicklung der Gießerei-Industrie bis 2025.

VON HEINZ-JÜRGEN BÜCHNER, FRANKFURT AM MAIN

Das Jahr 2020 wird den bisher stärksten Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung nach Ende des Zweiten Weltkriegs verzeichnen. Hatte man bei dem ursprünglichen Ausblick auf 2020 noch mit einem halbwegs normalen Anstieg des Welthandels und des globalen Bruttoinlandsproduktes (BIP) gerechnet, so bewirkte der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie zu Jahresbeginn in China das Gegenteil.

Obwohl China als erstes einen Lockdown durchführte, wird es auch von den führenden Wirtschaftsnationen das einzige Land sein, welches noch einen kleinen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes erzielen wird (Bild 1). China reagierte auf den Ausbruch der Pandemie sofort mit einer lokal strengen Schließung zum Teil ganzer Regionen. Dies traf nicht nur die Automobilindustrie und deren Zulieferer, sondern aufgrund von Störungen der Logistikketten auch in erheblichem Maße die Guss- und Metallindustrie. Allerdings kam es auch zu einer schnellen Erholung der Wirtschaft, sodass man hier einen sogenannten „V-förmigen Verlauf“ des BIP erwartet.

Innerhalb der EU fällt der Einbruch in Italien, Spanien und Frankreich im Vergleich zu Deutschland gravierender aus. Aber auch in Deutschland zeichnet sich vorerst nur eine langsame Erholung ab. Die hohe Zahl an Kurzarbeitern ist zwar ein wichtiges Instrument der Beschäftigungssicherung, bedeutet aber gleichzeitig bei den privaten Haushalten einen deutlichen Entzug an Kaufkraft. Dies hat entsprechend negative Auswirkungen auf den privaten Verbrauch. Insgesamt ist in der EU von einem eher „U-förmigen Verlauf“ der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auszugehen, der sich bis weit in die zweite Hälfte 2021 hinziehen wird.

Die Erholung in Europa im Jahr 2021 wird bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen noch deutlich schwächer ausfallen. Ab Oktober 2020 belasten zudem die stark anziehenden Infektionszahlen etliche Länder, die eine wirtschaftliche Erholung im vierten Quartal 2020 wahrscheinlich dämpfen dürften. In den USA ist bisher noch kein großer Lockdown angekündigt. Der wieder kräftige Anstieg der Infektionsziffern sorgt aber auch hier dafür, dass bestenfalls eine schwache Erholung im vierten Quartal 2020 möglich sein wird. Entscheidend wird sein, wie die neue Regierung auf die Herausforderungen der Pandemie reagiert und ob man zukünftig wieder eine stärkere Orientierung hin zu den wichtigsten globalen Handelspartnern haben wird.

Automobilindustrie belastet Gussproduktion

In den Jahren zwischen 2013 und 2017 expandierte die weltweite Automobilproduktion kräftig; in den beiden Folgejahren 2018 und 2019 sank diese dagegen wieder (Bild 2). Das Jahr 2020 ist nun von der Coronavirus-Krise geprägt; es wird nur noch mit einer Produktion von bestenfalls knapp 72 Mio. Light Vehicles (LV) gerechnet, was einen globalen Einbruch von um die 20 % bedeutet. Europa und Nordamerika sind am stärksten betroffen; in China dagegen gibt es seit April wieder positive Absatzmeldungen. Für das Jahr 2021 wird kein kompletter Aufholeffekt gesehen, die IKB  rechnen mit einem Anstieg auf ca. 80 Mio. LV weltweit.

Der Aufholprozess zieht sich relativ lange hin: Das Produktionsniveau von 2019 wird erst 2024 überschritten, dasjenige von 2018 dürfte frühestens im Jahr 2026 erreicht werden. Somit ist diesmal der Weg aus der Krise der Automobilindustrie wesentlich langwieriger als in der Konjunkturkrise 1993 oder der Finanzkrise 2007/09. Die Produktion von Medium & Heavy Vehicles verzeichnet 2020 ebenfalls einen starken Einbruch: Die weltweite Produktion von Nutzfahrzeugen bricht um rund ein Viertel ein (Bild 3). Bis 2025 wird auch das Vorkrisenniveau nicht wieder erreicht.

Während sich die chinesische Pkw-Produktion jedoch bereits wieder erholt, geht es im Nutzfahrzeugsegment in China nochmals weiter nach unten. Gegen Ende des Betrachtungszeitraums bewegt sich die Produktion in China in etwa auf dem Niveau von 2016. Allerdings hat es in den letzten Jahren im Reich der Mitte auch eine erhebliche Modernisierung z.B. der Lkw-Flotte gegeben. Dagegen vollzieht sich der Erholungsprozess in Europa wesentlich schneller, das Niveau von 2019 könnte schon 2023 erreicht werden. Der Rückgang der globalen Pkw- und Nutzfahrzeugproduktion belastet aber die weltweite Gusserzeugung im laufenden Jahr. Einbrüche in der Hauptabnehmerbranche von Gussteilen können nur sehr schwer durch andere Abnehmerindustrien kompensiert werden, zumal auch dort Produktionseinbußen auftreten.

Maschinenbau in schwerem Fahrwasser

Die Nachfrage nach Maschinenbauprodukten dürfte weltweit erst im Verlauf des Jahres 2021 langsam wieder anziehen (Bild 4). Im aktuellen konjunkturellen Umfeld mit Unterauslastungen der Kapazitäten halten sich Firmen naturgemäß mit Investitionen zurück. Die Umsätze in China werden sich nach dem Rückgang im laufenden Jahr als erstes erholen, aber auch hier dämpft der weiter nicht beendete Handelskonflikt mit den USA die Investitionsbereitschaft. Die Handelskonflikte der USA mit Partnern, darunter auch Deutschland und die EU, haben zudem ebenfalls negative Auswirkungen für den internationalen Bedarf an Maschinenbauprodukten.

Belastet wird die Maschinenbauproduktion primär von der geringeren Nachfrage der Automobilindustrie sowie den geopolitischen Auseinandersetzungen. Das Einbrechen der Exporte vieler anderer Abnehmerbranchen und das deutliche Absinken der Kapazitätsauslastung gerade auch in den USA und wichtigen Schwellenländern bremst nicht nur in Deutschland die Investitionsbereitschaft in neue Maschinen und Anlagen. Im Jahr 2019 ist die gesamte Bauleistung in Europa um 2,9 % gewachsen, vor allem getrieben durch Neubauprojekte (Bild 5). Für 2020 wird ein deutlicher Wachstumsrückgang aufgrund der sich abschwächenden Konjunktur prognostiziert. So standen im Zuge des Shutdowns auch in Spanien, Frankreich oder Italien etliche Baustellen länger still, was zu entsprechenden Verzögerungen in der Fertigstellung führt und zum Teil Folgewirkungen bis in das Jahr 2021 hinein hat.

Trotz der signifikanten Rückgänge des Wachstums im Jahr 2020 aufgrund der Coronavirus-Pandemie wird mit einer Erholung der Baubranche in den Jahren 2021 und 2022 gerechnet. Die Wachstumsraten werden jedoch geringer ausfallen als vor der Pandemie. Das Wachstum im Wohnungsbau und im gewerblichen Bau wird 2020 in Westeuropa voraussichtlich um 8 % zurückgehen, aber in den nächsten zwei Jahren wieder um ca. 3 % bis 5 % p. a. ansteigen. Der erwartete Rückgang in Osteuropa – aber auch in Deutschland – fällt deutlich geringer aus. Entscheidend für die Erholung der europäischen Bauwirtschaft werden aber auch die Umsetzungen der angekündigten Infrastrukturprogramme der EU sowie vieler Mitgliedsstaaten sein.

Gussproduktion bricht 2020 ein

Zwischen 2016 und 2018 konnte die globale Produktion von Eisen- und Stahlgusswerkstoffen noch um 10 % auf 90,2 Mio. t gesteigert werden. Einen maßgeblichen Anteil hieran hatte China, das 2018 immerhin 41,2 Mio. t guten Guss erzeugte. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es lediglich 9,9 Mio. t, die Produktion hat sich also seit Beginn des Jahrtausends vervierfacht. Auch China dürfte im Jahr 2020 einen Rückschlag in der Produktion erfahren.

Allerdings geht die IKB immer noch von einem Ausstoß von mindestens 35 Mio. t aus, der bei einer zügigen Umsetzung der beschlossenen Infrastruktur­investitionen wesentlich stärker ausfallen könnte. Weltweit gehen sie von einer Produktion von rund 76 Mio. t Eisengusswerkstoffen aus (Bild 6). Dies bedeutet eine Produktionseinbuße von rund 16 % gegenüber 2018. Der Rückgang fällt somit etwas geringer im Vergleich zur gesamten Produktion von Light Vehicles aus, da andere Abnehmerindustrien – wie etwa baunahe Gussanwendungen – wesentlich stabiler gelaufen sind. Am kräftigsten fällt 2020 der Rückgang in Westeuropa aus, wo wir einen Produktionseinbruch von bis zu einem Viertel erwarten. Hier kam es zu den längsten Lockdowns und auch die Erholung der Automobilindustrie begann zunächst schleppend. In der NAFTA, in Osteuropa sowie dem Rest der Welt sinkt dagegen die Produktion nur um jeweils 14 bis 15 %.

Covid-19-Pandemie traf das industrielle Herz Westeuropas

Der Rückgang der Produktion von Eisen-, Stahl- und Temperguss fällt in Europa sehr unterschiedlich aus (Bild 7). Den stärksten Einbruch im Gussausstoß sehen wir in Italien. Der Schwerpunkt der ersten Pandemiewelle traf das industrielle Herz Italiens mit den Regionen Lombardei, Piemont und Veneto besonders stark. Hier sind nicht nur die Automobilindustrie, der Maschinenbau und große Teile der Metallverarbeitung ansässig, sondern auch viele Gießereien mit internationaler Reputation und zumindest europaweiten Lieferketten.

Aber auch die deutschen Gießereien erleiden im Jahr 2020 eine deutliche Absatzeinbuße. Neben geringeren Abrufen der Automobil­industrie bewirkten die temporären Störungen in der Supply Chain auch anderer Industrien ebenfalls einen Nachfragedämpfer. Die osteuropäischen Gießereien kommen aufgrund des Nachholbedarfs vor allem in Russland und der Ukraine, aber auch aufgrund der schwächeren Lockdownmaßnahmen – selbst in der Türkei sind diese weitgehend ausgeblieben – etwas besser durch die Krise.

Insgesamt sehen wir in Europa in den Jahren 2021 und 2022 jedoch einen Erholungsprozess in der Produktion von Eisengusswerkstoffen. Allerdings wird das Vorkrisenniveau bestenfalls nur kurz erreicht werden. Zwischen 2022 und 2025 dürfte die erzeugte Tonnage wieder zurückgehen. Einer der Hauptgründe hierfür liegt im Trend zum Leichtbau sowie dem weiteren Vordringen der E-Mobility in der Pkw-Produktion. Wird ein klassischer Verbrennungsmotor inklusive Peripherie durch eine komplette Batterie ersetzt, so steigt das Gesamtgewicht des Light Vehicles. Dies gilt selbst bei einem Batteriegehäuse aus Aluminiumguss. Dann muss aber an anderer Stelle Gewicht aus dem Fahrzeug herausgenommen werden. Dies kann zum Beispiel im Bereich der Strukturbauteile erfolgen, aber auch bei anderen Gusskomponenten.

Allein durch den Effekt, bestehende Gussteile – egal ob Motorblock, Ölwanne oder andere Gussstücke – leichter zu machen, werden in den nächsten fünf Jahren bedeutende Tonnagen verloren gehen. Hinzu kommt noch bei etlichen Teilen die Werkstoffsubstitution durch Aluminium. Dass in dieser Prognose die Gussproduktion in Spanien vergleichsweise stabil bleibt, ist unter anderem im Windanlagenguss begründet. Der durch entsprechende Regulierungen gewünschte Ausbau der Offshore-Winderzeugung kommt den dortigen Gießereien zugute. Die osteuropäischen Gießereien profitieren von den Investitionsnotwendigkeiten u.a. in die Infrastruktur in Russland und der Ukraine, aber auch von guten Wachstumsaussichten in der Türkei.

Die IKB erwartet zudem vermehrt die Verlagerung von Gussproduktion von Westeuropa nach Osteuropa. Dies gilt trotz der auch in vielen osteuropäischen Staaten anziehenden Lohnkosten. Gleichwohl kann gerade die Nachbearbeitung dort wesentlich kostengünstiger erfolgen. Zudem ist auch hier oft die Nähe zu den OEM, die dort Fertigungskapazitäten ausbauen, ein entscheidender Standortfaktor. Bezogen auf die Eisengusswerkstoffe sehen wir weitere relative Marktanteilsgewinne von Kugelgrafitguss und Vermikulargrafitguss zulasten des Graugusses.

Aluminiumguss mit Erholungspotenzial

Die weltweite Produktion von Aluminiumguss muss ebenfalls im laufenden Jahr einen Rückschlag hinnehmen: Die Gesamt­erzeugung dürfte mit 16,8 Mio. t um gut 10 % geringer als 2018 ausfallen (Bild 8). China hatte 2018 mit 7,2 Mio. t einen erneuten Produktionsrekord aufgestellt. Gegenüber dem Jahr 2000 war dies das Neunfache der damaligen Tonnage. Für das Jahr 2020 erwarten wir für die chinesische Aluminiumgusserzeugung nur einen leichten Rückgang auf rund 7 Mio. jato. Die Rückgänge in der NAFTA-Region, in Westeuropa und im übrigen Asien werden jeweils zwischen 15 und 18 % betragen.

Hierbei ist der geringere Gussausstoß im übrigen Asien vor allem auf die sinkende Erzeugung in Indien sowie die Rückgänge in Japan und Südkorea zurückzuführen. Die letzten beiden Länder werden längerfristig Produktionskapazitäten an China verlieren. Zudem müssen mittelfristig auch Länder wie Vietnam oder Indonesien stärker in den Fokus genommen werden. Hier kommt es zum Aufbau neuer Kapazitäten. Dagegen prognostiziert die IKB für Osteuropa nur eine Produktionseinbuße von etwa 10 %. Positiv wirken sich vor allem die Neuerrichtungen von Standorten internationaler Gießereigruppen auf die erzeugte Tonnage aus. Bezogen auf den Erholungsprozess seht die IKB im Jahr 2022 einen neuen Produktionsrekord. Allerdings setzt dies voraus, dass es 2021 und 2022 nicht zu erneuten größeren Produktionsunterbrechungen in der globalen Automobilindustrie und dem Maschinenbau kommt.

China dürfte seine jährliche Aluminiumgusserzeugung in Richtung 8 Mio. t er­höhen. Aber auch in Westeuropa und der NAFTA sind Subs­titutionserfolge sowohl zulasten anderer Werkstoffe als auch anderer Fertigungstechnologien zu erwarten. Insbesondere das Segment der Strukturbauteile bietet hier noch große Chancen. So will etwa Tesla für seine E-Vehicles komplette große Teile im Aluminiumguss fertigen und hat entsprechend in neue Gießmaschinen investiert. Zum Beispiel soll die hintere Bodenplatte seines neuen Modells Y statt aus 70 Teilen nur noch aus vier Komponenten gefertigt werden. In einem weiteren Schritt soll diese Bodenplatte dann komplett aus einem Guss entstehen.

Andere OEM denken über ähnliche Projekte nach. Notwendig hierfür sind allerdings auch Gießmaschinen mit Schließkräften im Bereich von um die 6000 t. Innerhalb Westeuropas wird Deutschland seine Position als führender Aluminiumgussproduzent weiter halten können (Bild 9). Auch Italien dürfte wieder eine schnellere Erholung zeigen. Osteuropa inklusive der Türkei wird das insgesamt stärkste Wachstum zeigen. Neben der Slowakei, Ungarn und Rumänien dürften sich auch noch einige kleinere Länder wie Kroatien verbessern. Die Türkei profitierte bisher von hohen Auslandsinvestitionen, hat aber zuletzt massiv an Ansehen – aufgrund von Eingriffen in die Unabhängigkeit der Notenbank verbunden mit einem starken Wechselkursverfall sowie politischer Irritationen – verloren.

Branche vor Konsolidierung

Der Produktionseinbruch im Jahr 2020 wird nicht zuletzt den Konsolidierungsprozess beschleunigen. Neben einigen Insolvenzen – die nicht in jedem Fall mit einem Kapazitätsabbau einhergehen – wird es vermehrt zu Übernahmen und Joint Ventures kommen. Die zukünftigen Investitionsnotwendigkeiten etwa im Aluminiumguss werden viele kleinere Firmengruppen nicht mehr allein stemmen können. Größere Unternehmenseinheiten verbessern aber insbesondere auch die Verhandlungsposition gegenüber den meist erheblich größeren Abnehmergruppen.

Hier ist gerade nach der Covid-19-Pandemie ein stärkeres Augenmaß gefordert. Zusätzliche Savings würden viele Gießereien an den Rand ihrer Existenz bringen. Die deutsche Automobilindustrie hat bisher von der technologischen Leistungsfähigkeit und Entwicklungskompetenz ihrer Gusspartner profitiert. Dies gilt es zu erhalten.

Dr. Heinz-Jürgen Büchner, IKB Deutsche Industriebank AG, ist als Managing Director Industrials & Automotive zuständig für die Metallbranche und verantwortlich für die Rohstoffanalysen der Bank.