Fachartikel

12.01.2021
erschienen in GIESSEREI Heft 1|2021

Wir brauchen kein Belastungsmoratorium!

Foto: BDG

Standpunkt von BDG-Hauptgeschäftsführer Max Schumacher zur Lage von Mittelstand und Branche

Das ist schon eine Provokation. Wenn der scheidende BDI-Präsident dies sagt, dann stutzt man schon. Ja, wenn wir denn kein Belastungsmoratorium brauchen, was brauchen wir denn dann? Die Antwort auf die rhetorische Frage hat sich Prof. Kempf dann auch gleich selbst gegeben: Wir brauchen ein Entlastungsversprechen. Punkt.

Ich greife das auf und ergänze: Wir brauchen Mut, um gerade den Teil der Wirtschaft, der seit Jahren den Karren zieht, um den Mittelstand, die mittelständischen Zulieferer von allem zu entlasten, was die nachhaltige wirtschaftliche Erholung behindert. Dabei ist mir jedes Wort wichtig: Entlastung, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Erholung.

Fangen wir mit dem Ziel an: Wirtschaftliche Erholung. Derzeit sehen die Zahlen der Gießerei-Industrie so schlecht aus wie in kaum einem anderen industriellen Bereich. Wir rechnen am Jahresende mit einem Produktions- und Umsatzminus von ca. 25 %, nach einem schon schwachen 2019. Die existenziellen Probleme, die davon ausgehen, adressieren wir in der Politik und die vernünftige Ausweitung der Kurzarbeits regelungen ist sicherlich nur der prominenteste von vielen hilfreichen Ansätzen des Konjunkturpakets. Am Ende sind es aber nicht die staatlichen Hilfen, die uns wieder auf die Beine kommen lassen, sondern ein Wiederanspringen der für uns wichtigen Kundenbranchen, allen voran der Automobil industrie. Hier könnte ein wirksamer Anreiz gegeben werden, allen Unkenrufen zum Trotz. Helfen würde es aber schon, wenn die nach wie vor wichtige Position eines modernen Verbrennungsmotors in der Architektur einer nachhaltigen Mobilität anerkannt und nicht durch abenteuerliche, von Wunschdenken getriebenen neuen Abgasnormen ad absurdum geführt würde. Auch den Fuß von der Bremse bei der Zulassung von klimaneutralen Kraftstoffen zu nehmen, stünde uns gut zu Gesicht. Technologieoffenheit nur in Sonntagsreden hochzuhalten ist mehr als nur kontraproduktiv.

Die Erholung dieses für uns zentralen Marktes wird die Auslastung und hoffentlich auch die Marge unserer Branche wieder stabilisieren. Für uns überraschend erfreulich war sowohl die Erwartung der Teilnehmer an unserer Corona-Umfrage als auch die Einschätzung eines namhaften Kredit instituts, dass die Branche im Jahr 2022 wieder mit einer Auslastung rechnen darf, die zumindest mit dem Vorkrisenjahr 2018 vergleichbar ist. Wir werden sehen, ob dieser Optimismus etwas zu hoch gegriffen ist, aber eines wird deutlich: nach der Krise können wir wieder Fahrt aufnehmen und zwar in die richtige Richtung. Das zählt.

Wir können zum Erhalt einer kompletten Lieferkette am Standort Deutschland beitragen. Und das umfasst auch die Anforderungen der Nachhaltigkeit. Unsere Produkte tun das schon lange, denn regenerative Energieerzeugung kommt ohne Guss nicht aus und auch Elektromobilität funktioniert nur mit Gussteilen. So weit wie bei den Produkten sind wir bei der Produktion noch nicht überall. Es wird eine erhebliche Kraftanstrengung bedeuten, die angestrebte Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Das fängt mit dem Wissen um die CO2-Emissionen am eigenen Standort an und endet nicht bei der Frage, ob ein Kupolofen auch mit Wasserstoff betrieben werden kann. Beide Themen treibt der BDG übrigens mit eigenen Projekten voran.

Nachhaltigkeit betrifft aber nicht nur Ökologie und Klima. Auch die ökonomischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Hier verweise ich nun einmal nicht auf den Staat, sondern auf mächtige Abnehmer, die trotz deutlich kleinerer Seriengrößen Preise nicht nur beibehalten, sondern Boni streichen, Solidaritätsabschläge einfordern, Zahlungsziele verlängern und rückwirkend versuchen, in Vertragsbeziehungen einzugreifen oder das Materialpreisrisiko auf den Lieferanten abzuwälzen. Und gleichzeitig ausgezeichnete Quartalsergebnisse vorlegen, während zum Beispiel die Gießer 2019 noch nicht einmal 1 % Marge im Durchschnitt erreichen. Das ist so ziemlich das Gegenteil nachhaltigen Wirtschaftens. Gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie versuchen wir diese Themen ebenfalls anzusprechen.

Schließlich: Entlastung. Wir kämpfen gegen die Einführung eines nationalen Emissionshandels, ohne dass dieser durch eine wirksame Carbon-Leakage-Regelung abgefedert würde. Wir wenden uns auch gegen überzogene Verschärfungen des Umweltrechts in der TA Luft, weitere Beispiele ließen sich anführen. Gut ist, dass die Belastung, die durch eine dramatisch erhöhte EEG-Umlage drohte, nunmehr abgewendet worden ist, aber dabei darf es nicht bleiben. Die EEG-Umlage muss von der Stromrechnung verschwinden, die Netzentgelte müssen deutlich sinken und dürfen ebenfalls nicht auf die Stromkosten umgelegt werden. Einen Corona-Soli darf es nicht geben, auch diese Belastung muss verschwinden. Bürokratieabbau ist das nächste weite Feld, in dem Entlastungen nottun und von der Unternehmensbesteuerung haben wir noch gar nicht gesprochen. Im internationalen Wettbewerb wird so hart gekämpft, dass uns nur solche aktive industriepolitische Maßnahmen wieder in die Vorhand bringen.

Nur wenn hier die Weichen richtig gestellt werden, ist die Branche in der Lage, die für die Transformation notwendigen Investitionen zu tätigen, wobei der Mittelstand sogar noch aktive Unterstützung durch staatliche Mittel bräuchte.

Also: Wir brauchen Mut, um die mittelständischen Zulieferer von allem zu entlasten, was die nachhaltige wirtschaftliche Erholung behindert. Und um unseren Präsidenten zu zitieren: Wir werden unseren Beitrag leisten!

Max Schumacher, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG)