1.02.2017

Drei Fragen an...

Foto: Mediakonzept

Prof. Matthias Busse, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM in Bremen und Sprecher der „Fraunhofer Systemforschung Elektromobilität – FSEM“, zum Thema Elektroautos auf den Straßen. Wann wird dieses Bild Wirklichkeit und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Gießerei-Branche?

Herr Professor Busse, wie schätzen Sie aufgrund Ihrer Forschungen den Trend Elektromobilität ein? Wie schnell ist hier mit großen Veränderungen zu rechnen?
Mit unserem Verbundprojekt „Fraunhofer Systemforschung Elektromobilität “ begleiten wir den Prozess seit seiner Entstehung. Die große Euphorie rund um die Elektromobilität, die vor etwa fünf bis sechs Jahren eingesetzt hat, ist auch heute noch zu spüren. Diese Euphorie sorgt allerdings aus meiner Sicht für überhöhte Erwartungen: Wir dürfen nicht glauben, dass wir innerhalb weniger Jahre die komplette Mobilität umgestalten können – das wird nicht funktionieren und wäre auch für die Gießerei-Industrie nicht realisierbar. Insofern stimmt meiner Ansicht nach zwar die Richtung, aber nicht das Tempo. Denken Sie nur an das hohe Niveau, dass wir uns in Deutschland im Automobilbereich aufgebaut haben: Das hat viele Jahrzehnte gedauert. Im Bereich Elektromobilität sind wir dagegen noch nicht so weit. Zum Beispiel müssen wir in puncto Reichweite, Verlässlichkeit und Kosten noch Abstriche machen. Auch die Ladeinfrastruktur ist noch nicht ausreichend ausgebaut. Wir reden also immer noch von einer technisch eingeschränkten Mobilität zu einem vergleichsweise hohen Preis. An das Thema müssen wir demnach auch in der Forschung weitaus grundlegender herangehen, als wir anfangs dachten. Hier liegt noch eine Menge Arbeit vor uns. Wir sollten uns also klarmachen: Elektromobilität zufriedenstellend umzusetzen – dieser Prozess ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.

Die Gießerei-Industrie sieht die Entwicklung im Bereich Mobilität vielfach recht entspannt – ist das gerechtfertigt?
Wie sich die wirtschaftliche Lage auch für die Gießerei-Industrie entwickelt, ist immer vom Hauptprodukt abhängig: Der Kolben beispielsweise wird nach meiner Einschätzung nicht innerhalb kurzer Zeit verschwinden. Und auch für einen Elektromotor können immer noch Gussbauteile notwendig sein. Allerdings ist der Prozess im Bereich Mobilität auch nicht zu unterschätzen: So könnte etwa die Batterietechnik in den nächsten Jahren viel bewegen und für stürmische Entwicklungen sorgen, von denen auch die Gießerei-Branche unter Umständen betroffen sein wird.

Was sollten Gießereien also tun, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein?
Es ist sicherlich ratsam, verstärkt über den Leichtbau im Automobil nachzudenken. In diesem Bereich werden viele Komponenten in Zukunft wichtig bleiben. Neben dem Zylinderkopf, dem Kurbelgehäuse oder der Kurbelwelle beispielsweise gehören hierzu schließlich auch die Strukturbauteile. Ein Trend ist hierbei sicherlich die Funktionsintegration im Sinne der Sensorik mit gesteigerter geometrischer Komplexität, aber auch in Hinblick auf Hybridbauweisen: Hier stehen etwa die Fragen im Mittelpunkt, welche Kunststoffe im Leichtbau wichtig werden und wie insbesondere faserverstärkte Kunststoffe bestmöglich an Gussbauteile angebunden werden können.

Das Interview führten Dieter Beste und Dr. Elena Winter

www.ifam.fraunhofer.de
www.elektromobilitaet.fraunhofer.de