12.06.2018

Drei Fragen an Wolfgang Ernst

Wolfgang Ernst ist Geschäftsführer der Datec GmbH, einem Ausrüster für Elektronik in der Sandaufbereitung (Foto: Andreas Bednareck).

Wolfgang Ernst moderierte eine Vortragsreihe des Formstoff-Forums, bei dem am 7. und 8. März in Aachen 420 Gießereiexperten zusammenkamen. Seit einiger Zeit beklagt Ernst einen Entwicklungsrückstand beim Nassgießen gegenüber anderen Verfahren (siehe GIESSEREI 2-2018). Die GIESSEREI sprach ihn in Aachen auf das Thema an.

Herr Ernst, das Kernpaketverfahren für dünnwandige Automobilteile wird weiterentwickelt, das Nassgießen kaum. Gerade in der Sandaufbereitung können die Verfahrensvorteile bis dato also nicht genutzt werden. Ist der Wunsch nach einer Weiterentwicklung der Grund, warum Sie sich so sehr für das Nassgießen stark machen?
Es gibt eine Leidenschaft für diesen mineralischen Rohstoff. Und ich finde es spannend, daran zu arbeiten und Erkenntnisse weiterzuentwickeln. Bei oberflächlicher Betrachtung denkt man vielleicht, daran kann man nichts optimieren. Wenn man näher schaut, zeigt sich aber, dass es sehr wohl Ansatzpunkte gibt, wo man mit neuer Mess- und auch Steuerungstechnik Dinge realisieren und umsetzen kann, die vor 20 Jahren noch undenkbar waren. Und dieser Reiz, immer neue Schritte nach vorne zu gehen, ist für mich der Motor. Hinzu kommt, dass ich beobachte, dass diesem Verfahren ein Grab geschaufelt wird, weil die Entwicklung stagniert. Bei einem Vortrag heute Nachmittag hieß es: „Mensch, da muss ich ja richtig viel in Messtechnik investieren.“ Und das stimmt, aber wenn ich 40 Jahre nichts getan habe, stehe ich bei Null und dann wird es eben teuer. In den Gießereien gibt es, wenn es z. B. um die Bemaßung von Gussteilen geht, sehr hochwertige Messeinrichtungen. Aber beim Nassgießen, wenn es um das Sandlabor geht, wird mit uralten Geräten gearbeitet und die Hülsen sind im schlimmsten Fall auch noch verrostet.

Dünnwandigkeit ist ja im Trend und für den Leichtbau im Automobilbau auch durchaus erforderlich. Hierfür wird das Kernpaketverfahren eingesetzt. Große Gussteile wie Windradnaben werden durch das Gießen in Furanharzformen hergestellt. Welche Gussteile betrifft das Nassgießen heute?
Laut etwas älterer Zahlen sind es noch gut drei Viertel der Gussprodukte in Deutschland. Das wird sich allerdings verschoben haben, denn mit dem Trend zu steigender Komplexität hat sich das Kernpaketverfahren mehr und mehr durchgesetzt. Das Verfahren gibt es seit 10 Jahren, es ist aber vergleichsweise teuer. Die Großserie hat da an der Stelle eine sehr starke Stellung. In Gießereien, die sehr kundenspezifisch mit kleinen Serien arbeiten, dominiert das Nassgießen wie eh und je, denn es ist wegen seines Preisvorteils weiterhin ein verbreitetes Verfahren. Im Vergleich zum Kokillengießen, wo sie für eine einzelne Form richtig viel bezahlen müssen und auch nicht mit einer Form auskommen, hat das Nassgießen einen Riesenvorteil. Sie haben nur wenige Einstandskosten, um eine Form zu erstellen. Wenn die Form zerstört wurde, können Sie das Ganze wieder neu nutzen. Das ist ein ungeheurer Prozessvorteil. Beim Kernpaketverfahren gibt es Zyniker, die vom Groschengrab sprechen, weil die Themen Kernpakete und Sandverfahren noch immer nicht ganz gelöst sind und sich dadurch wohl noch höhere Kosten ergeben. Wenn es für das Nassgießen gelingen würde, eine neue Sandaufbereitung zu entwickeln, könnte das Verfahren seine Preisvorteile in die Waagschale werfen.

Eines der Kernanliegen des Entwicklungsrückstands beim Nassgießen ist es, die Messverfahren für den Formsand zuverlässiger zu machen. Hierzu hielt Hubert Kerber vom ÖGI beim Formstoffforum einen Vortrag. Wie beurteilen Sie seine Vorschläge?

Wir befinden uns in der Verlegenheit, dass wir für unsere ganzen Messsysteme im Sandlabor überhaupt keine Methoden entwickelt haben, um zu sagen, diesem Messwert vertraue ich. Die Entwicklungen, die für andere messtechnische Aufgaben stattgefunden haben, wurden nicht auf das Sandgießen übertragen. Wenn ich jetzt einen Messwert wie 18 N/cm2 für eine Druckfestigkeit habe: Wie kann ich diesem Messwert vertrauen, wie kann ich dem Messgerät glauben, dass es in Ordnung ist, oder ob der Bediener richtig damit umgegangen ist. Das Problem ist nämlich, dass bei den Messungen sehr große Streuungen erkennbar sind. Die Ringversuche, über die Hubert Kerber vom österreichischen ÖGI in seinem Vortrag gesprochen hat, sind Teil einer Strategie, uns auf den Stand der Technik der allgemeinen Messtechnik zu bringen. Das erfordert neue Überlegungen. Die Angleichung der Messverfahren und auch eine Angleichung bei der Prüfung der Geräte. Wenn wir die Streuungen in den Messwerten verstehen, verstehen wir auch die Ursachen für die Ausreißer in der Sandaufbereitung besser. Die Frage muss beantwortet werden, wie ich zu einer Messmittelfähigkeit komme. Das ist auch nötig, weil den Gießern externe Auditoren von Kunden durchaus auf die Füße treten, und die Messverfahren in Frage stellen. Für uns geht es schlicht und ergreifend darum, herauszufinden, wie den Messwerten geglaubt werden kann und wie sie vergleichbar werden. Da haben wir uns in der Vergangenheit aus der Verantwortung gestohlen. Es ist ein schwieriges Thema, dem wir uns aber stellen müssen. So sehr ich aber davon überzeugt bin, dass es die Potenziale des Verfahrens gibt, so sehr ist mir auch die merkwürdige Zurückhaltung in Mitteleuropa bei der Weiterentwicklung des Nassgießens aufgefallen. Möglicherweise kommen die Impulse dafür in Zukunft aus dem asiatischen Raum, denn dort geht man noch mit einer ganz anderen Aufgeschlossenheit an diese Fragen heran. Dort sieht man manchmal den Glanz in den Augen der Ingenieure, in diesem Bereich noch etwas zu erreichen. Ja, wir können Potenziale entwickeln. Aber ich habe die Sorge, dass die Notwendigkeit und die Möglichkeiten hier bei uns nicht erkannt werden.

http://datec.org

>>Nachbericht Formstoff-Forum 2018