2.10.2018

"Integrierte Flüchtlinge tragen dazu bei, unseren Wohlstand zu erhalten"

Markus Trompetter ist Geschäftsführer von Trompetter Guss in Chemnitz (Foto: Privat)

Markus Trompetter leitet die Eisengießerei Trompetter Guss in Chemnitz. Nach den jüngsten Neonazi-Ausschreitungen in Chemnitz ringt die Region gemeinsam mit ihren Bürgern um das Image der Stadt. Ein Aktionsbündnis, bestehend aus Chemnitzer Unternehmen, hat sich kürzlich in einer großen deutschen Tageszeitung zu Wort gemeldet. Zu dem Bündnis bekennt sich auch Markus Trompetter. Der Chemnitzer Unternehmer steht zu den Werten einer offenen und toleranten Gesellschaft und sieht in Flüchtlingen keine Bedrohung, sondern auch eine Chance, den sich immer weiter verschärfenden Arbeitskräftemangel in der Region abzumildern.

Herr Trompetter, in einer großen deutschen Tageszeitung werben Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen aus der Industrie in bunten Lettern mit den Worten: „Chemnitz ist weder grau noch braun. Wie kam es zu dieser Aktion?
Das ist eine Initiative von Bürgern, Unternehmern und Wissenschaftlern. Das war eine spontane und sehr kurzfristige Aktion, die wir gemeinsam mit dem Industrieverein Sachsen unterstützt haben. Es geht darum, zu sagen nicht jeder Ostdeutsche ist ein Rechter, aber auch darum, ein Zeichen für die Demokratie und gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Hass zu setzen. Zunächst möchte ich einmal sagen, wie sehr uns der Tod von Daniel H. schockiert hat. Dieser Vorfall hat ja alles ausgelöst. Allerdings stand nicht die Trauer am Anfang im Fokus, stattdessen haben schnell Neonazis und rechte Gruppierungen diese Tat für sich in Anspruch genommen. Dass Neonazis diese Tragödie für ihre Zwecke nutzen, dürfen wir aber auf keinen Fall zulassen. Wir dürfen diesen Leuten nicht das Feld überlassen.

Trompetter Guss betreibt eine Gießerei im bayerischen Bindlach mit 110 Mitarbeitern, die von Ihrem Vater und Ihrem Bruder geleitet wird. Ihnen untersteht die Gießerei in Chemnitz, die seit 2000 zum Familienunternehmen gehört. Was empfinden Sie, wenn Sie an die jüngsten rechtsgerichteten Vorgänge in Ihrer Stadt denken?
Eine tiefe Frustration. Eigentlich ist Chemnitz über die letzten Jahre zu einer weltoffenen und liebenswerten Stadt herangereift, in der sehr viele Bürger Initiative ergriffen haben. Das Verantwortungsgefühl der Menschen, die hier leben, ist überwältigend: Es wurde eine Vielzahl an Projekten gestartet, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – organisiert von den Menschen, die hier leben und die für ein friedliches Miteinander eintreten. Es ist furchtbar und beängstigend zu sehen, dass rechte Gruppierungen mit ihren Krawallen diesen Frieden jetzt maßgeblich gestört haben. Zudem vermittelt es auch einfach ein falsches Bild von Chemnitz. Diese rechten Spinner sind einfach nicht in der Mehrheit. Es handelt sich über eine verhältnismäßig kleine Anzahl verantwortungsloser Chaoten, die aber jetzt das Bild von Chemnitz in Deutschland und der Welt maßgeblich beeinflusst haben. Das ist traurig. Die Politik und der Rechtsstaat sind jetzt gefordert, endlich entschieden gegen diese Leute vorzugehen. In ganz Europa, so auch in Deutschland und insbesondere in Ostdeutschland, haben wir ein zunehmendes Problem am rechten Rand und das muss offen angesprochen werden. Nach wie vor wählt aber ein Anteil von drei Viertel oder mehr in Ostdeutschland gemäßigte Parteien, das sollten wir auch nicht vergessen. Die Politik muss endlich demokratische Maßnahmen finden, diesem Problem Herr zu werden. Und immer wieder muss betont werden: Die große Mehrheit, auch und gerade der Chemnitzer, möchte mit rechtem Gedankengut nichts zu tun haben. Auch deshalb haben wir diese Aktion ins Leben gerufen. Wir wollen zeigen, dass wir mehr sind als jene, die unsere offene und tolerante Gesellschaft bedrohen. Das Motto „Wir sind mehr“ hatte ja auch das Konzert gegen rechte Gewalt Anfang September in Chemnitz, zu dem mehr als 65 000 Menschen aus Chemnitz und der Region gekommen sind.

Neben Ihrem Engagement in dem Aktionsbündnis tun Sie ja auch in Ihrer Gießerei etwas für die Integration von Flüchtlingen, ähnlich wie Trimet in Essen. Kann auch die Industrie eine konstruktive Rolle für ein toleranteres Miteinander in Deutschland spielen?
Ja, die Industrie leistet bereits einen konstruktiven Beitrag, um Flüchtlinge zu integrieren. Von den seit 2015 nach Deutschland gekommenen ca. 1,2 Mio. Flüchtlingen wurden 300 000 bereits in den Arbeitsmarkt integriert, der Anteil der Industrie an dieser Integrationsleistung ist sicherlich nennenswert. Klar es könnten mehr sein, aber für mich ist das schon einmal ein Erfolg. Viele Betriebe haben das auch bereits erkannt. Wenn man allerdings Menschen aus anderen Kulturkreisen in ein Unternehmen integrieren will, ist ein erhöhter Aufwand erforderlich, dem man sich stellen muss. Wir haben da ganz gute Erfahrungen gemacht. Derzeit arbeiten bei uns in Chemnitz 450 Beschäftigte. Wir haben Flüchtlinge als Auszubildende eingestellt, einer davon ist Guineer, der andere kommt aus Afghanistan. Weitere sechs Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsländern haben wir im Produktionsprozess integriert und wir sind ständig dabei, weitere einzustellen. In der Gießerei benötigen wir ja die komplette Bandbreite der Bevölkerung, vom hochqualifizierten Ingenieur bis zum angelernten Hilfsarbeiter. Gerade in dem Bereich vom Hilfsarbeiter bis zur Fachkraft machen wir uns bei der Besetzung der Stellen die größten Sorgen. Man darf aber nicht vergessen, dass aus willigen Auszubildenden innerhalb von drei Jahren auch Facharbeiter werden. Man kann also auch relativ schnell die Früchte der eigenen Ausbildung ernten. Fachkräfte fallen nicht vom Baum, wir müssen sie ausbilden – auch wenn es bei Flüchtlingen etwas schwieriger ist. Wir haben auch Rückschläge erlebt, insbesondere kulturell bedingte. Es gibt Probleme mit der Einstellung zur Arbeit oder zur Geschlechtergleichheit. Das ist nicht die Regel, kommt aber vor. Die Konsequenz muss dann auch sein, sich einzugestehen, dass das nicht die Richtigen für den Betrieb sind. Insgesamt bin ich aber beeindruckt, dass viele mit großem Willen und großem Engagement in kurzer Zeit unsere Sprache lernen. Um die Eingliederung von Flüchtlingen mit noch ungenügenden Sprachkenntnissen zu erleichtern, greifen wir z. B. auch auf die vom Arbeitsamt unterstützten Einstiegsqualifizierungen zur Vorbereitung auf das Berufsleben zurück. Hierbei kann individuell, nach Bedarf, die Arbeitszeit zunächst zu einem Prozentsatz x in Sprachunterricht und Arbeit aufgeteilt werden, der Anteil der Arbeit wird dann nach Lernfortschritt erhöht. Damit die Eingliederung gelingt, haben wir darüber hinaus Patenschaften im Unternehmen organisiert und einen Migrationsbeauftragten ernannt, der organisiert, Sorgen zusammenträgt und immer wieder neue Hilfeleistungen initiiert. Alles in allem haben wir also positive Erfahrungen gemacht und jedes positive Beispiel kann auch andere dazu ermuntern, sich darüber Gedanken zu machen, Flüchtlinge als Arbeitskräfte einzustellen. Probleme löst man mit Mut und Zuversicht und nicht mit Angst und Verzagtheit. Integrierte Flüchtlinge, die eine Perspektive haben, bereichern unser Leben und tragen dazu bei, unseren Wohlstand zu erhalten.

Quelle: u. a. Nordbayerischer Kurier vom 5.9.2018

www.trompetter-guss.de