3.07.2018

"Welthandelsordnung ist sehr fragil!"

Foto: GDA

Das Geschäftsführendes Präsidialmitglied des GDA Gesamtverband der Aluminiumindustrie, Christian Wellner, kommentiert im Interview die US-Strafzölle auf Aluminium- und Stahlimporte sowie die Sanktionen gegen russische Oligarchen und ihre Firmen. Zugleich schätzt er die Folgen für die deutsche Aluminiumindustrie ein.

Herr Wellner, wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftspolitische Situation rund um Zölle und Sanktionen?
Die handelspolitischen Maßnahmen der letzten Monate haben gezeigt, wie angreifbar wir sind und dass die Welthandelsordnung eine sehr fragile ist. Der US-Präsident hat Strafzölle gegen Aluminium und Stahl ins Feld geführt. Zudem hat er Sanktionen gegen Russland erlassen, die insbesondere den Rusal-Konzern betreffen. Rusal ist nicht nur ein bedeutender Aluminiumlieferant, mit 1,6 Mio. t der größte in die EU, sondern in der gesamten Kette von der Rohstoffbeschaffung bis hin zur Hütte auch eng mit anderen – westlichen – Partnern verbunden. Rusal betreibt unter anderem eine Aluminiumoxidfabrik im irischen Aughinish. Die Fabrik ist der größte europäische Produzent von Tonerde. Von dort werden europäische Primärhütten mit dem Rohstoff Aluminiumoxid beliefert, der für die eigene Herstellung in den europäischen Aluminiumhütten notwendig ist. Deshalb ist das Werk unverzichtbar für die Aluminiumoxid-Versorgung des europäischen Marktes. Sollte Aughinish kurz- oder mittelfristig keine Tonerde mehr liefern können, drohen Produktionsausfälle, die Stilllegung von Anlagen sowie eine kostenintensive und monatelang andauernde Wiederinbetriebnahme. Hinzu kommen noch die Iran-Sanktionen, deren Folgen für den Welthandel wir noch nicht absehen können. In dieser Gemengelage haben sich unterschiedliche Fronten gebildet, einmal zwischen USA und Europa und zwischen USA, Russland, China und dem Iran. Wir brauchen jetzt eine sachliche Debatte. Maßstab hierfür sind die Prinzipien der Welthandelsorganisation WTO, die fairen und freien Handel sichern sollen.

Wie ist Deutschland von den Sanktionen betroffen?
Unsere Unternehmen haben im letzten Jahr rund 82 000 t Aluminiumprodukte in die USA geliefert, das waren etwa 2 % der gesamten deutschen Produktion. Das scheint zunächst nicht viel, aber es konzentriert sich auf wenige Unternehmen, die sehr exportintensiv in die USA sind. Hierbei handelt es sich um hochqualitative Aluminiumprodukte, die in dieser Qualität in den USA nicht hergestellt werden können. Die dortigen Verarbeiter sind auf die Produkte angewiesen und werden die Strafzölle bezahlen müssen, was zu Preissteigerungen im US-Markt führen wird. Letztlich müsste die US-Wirtschaft die Strafzölle selbst bezahlen. Die Wettbewerbsfähigkeit von US-Produkten würde sich im Weltmarkt verschlechtern. Zudem gehen wir davon aus, dass die Russland-Sanktionen einen erheblichen Einfluss auf die Handelsströme zwischen Deutschland/Europa und Russland haben könnten. Die EU ist Netto-Importeur von Rohaluminium und Tonerde. Die Sanktionen könnten Marktverschiebungen für alle Marktteilnehmer zur Folge haben, die in der gesamten Lieferkette zu spüren wären. Dadurch könnten auch große Abnehmerbranchen, wie die Automobilindustrie, von den Auswirkungen betroffen sein. Da andere Exportstaaten wie China, Russland oder die Golfstaaten weiterhin den Strafzöllen unterliegen, befürchten wir, dass massive Umleitungseffekte entstehen und es hierzulande zu Marktverzerrungen in der gesamten Lieferkette kommen könnte. Zudem drohen in einem solchen Szenario Versorgungs- und Lieferengpässe bei Rohaluminium bzw. Aluminiumoxid. Wenn die Versorgungssicherheit nicht mehr sichergestellt wäre, ginge das zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen gegenüber außereuropäischen Anbietern wie China, Indien oder den Golfstaaten.

Wie schätzen Sie die weiteren Entwicklungen ein?
Die Regierungen der beteiligten Regionen müssen schnell gemeinsam Lösungen suchen, also die EU, China, USA und Russland. Wenn die Situation weiter eskaliert, werden alle verlieren. Freihandel und ungestörter Handel ist der Wachstumsmotor für alle Regionen dieser Welt. Darauf basieren unser Wohlstand und Fortschritt. Unsere Branche ist ein exzellentes Beispiel und Argument für den globalen Handel und dessen Vorteile für alle Beteiligten. Die Aluminiumindustrie war schon immer eine globale Industrie, mit weltweit vernetzten Handelsströmen und Unternehmen, die über alle Grenzen ihre Produkte liefern und anbieten können. Wir haben gesehen, wie schnell sich Dinge ändern und müssen alles tun, unsere Unternehmen zu unterstützen und zu schützen. Hierzu gehört auch, dass wir die Aluminiumhütten in Deutschland halten und stärken, damit wir auch für die Zukunft eine eigene Versorgungsbasis haben.

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