27.02.2020

"When you wait, you're late!"

Huub van der Weiden ist Account Manager für Europa und China bei Gemco, wo er mit Unterbrechungen seit 1997 arbeitet. Er ist verheiratet und hat vier Kinder zwischen 17 und 22 Jahren (Foto: Martin Vogt).

Huub van der Weiden ist Vertriebsingenieur beim niederländischen Gießereianlagenplaner Gemco Engineers. „Markt und Trends, und jetzt?“ lautete der Vortragstitel des ehemaligen Maschinenentwicklers im vergangenen Oktober auf dem Ledebur- Kolloquium im sächsischen Freiberg – eine Frage, die sich aktuell viele Gießer stellen. Die GIESSEREI traf van der Weiden auf der EUROGUSS zu einem Gespräch über die Produktion der Zukunft, Big Data, Fachkräfte und neue Partnerschaften.

Welche Chancen bieten sich Gießereien durch die Marktsituation und die aktuellen Trends?
Chancen haben Gießereien, die flexibel reagieren und ihre Produktion personalisieren, also an die Wünsche des Kunden anpassen.Hierzu müssen die Betriebe aber befähigt werden – und da ist viel zu tun. Personalisieren heißt nämlich, dass Produkte in kürzester Zeit hergestellt werden müssen und sich innerhalb eines Jahres wieder ändern können. Wir sprechen demnach von kurzen Laufzeiten. Eine der Chancen besteht darin, dass der Gießerei-Ingenieur einer Gießerei bereits in die Entwurfsphase beim Kunden seine Kenntnisse einbringt statt wie bisher darauf zu warten, dass der Kunde zur Gießerei kommt und fragt, ob etwas machbar ist. Denn dann läuft die Laufzeit eigentlich schon. So kann viel Zeit gespart werden. Und die ist wertvoll, weil „Anlaufzeiten“ entfallen und die Produktion sofort erfolgen kann. So gewinnen alle Parteien …

Warum verringert sich die Laufzeit von Produkten?
Wegen der Nachfrage am Markt. Die fordert heute weniger Massenproduktion von den Gießern. Wir sind von der Massenproduktion über die massenangepasste Produktion („mass customization“) in die Zeit der personalisierten Produktion übergegangen. Der Markt hat sich sozusagen von einem Push- zu einem Pull-Markt entwickelt, bei der Gießereien ihr Angebot strategisch auf die Nachfrage des Kunden ausrichten. Man wird On Demand-Produktion brauchen, die Laufzeit muss kürzer werden. Es ändert sich alles viel schneller als früher. Es ist damit zu rechnen, dass schon im Verlaufe eines Jahres das Produkt anders aussehen wird. Um die Laufzeit am besten auszunutzen, muss das Engineering bereits beim Kunden stattfinden und bereits das erste gegossene Bauteil die Kundenanforderungen voll erfüllen. Und das ohne Anlaufserien und ohne Auftrag zur Serienproduktion, denn der Kunde wird in der Zukunft überwiegend Kleinserien abrufen. Um die Gießereien zu dieser flexiblen, personalisierten Produktion zu befähigen, müssen in Gießereien aber zahlreiche Dinge verändert werden.

Können die Gießereien das finanziell überhaupt schultern?
Ja und nein. Aber für nein gibt es Lösungen! Die Änderungen, die in den Gießereien vorgenommen werden müssen, sind häufig organisatorisch und erfordern kleinere Investitionen, die sich schnell auszahlen, wie z. B. Softwaresysteme, die die Betriebszeitoptimierung und die Null-Fehler-Methode implementieren. Größere Investitionen in die flexible Produktionsautomatisierung, bei der auch innovatives Smart-Engineering eingesetzt werden muss, können schrittweise getätigt werden, sodass sich diese Investitionen auch bei kleineren Serien amortisieren können. Big Data trägt dazu bei, dass Produktanforderungen bereits ab dem ersten Bauteil erfüllt werden und der Ausschuss nahezu auf null heruntergefahren werden kann. Neben Big Data bleiben Fachkenntnisse jedoch unabdingbar. Die Spezialisierung in der Gießereibranche muss noch voranschreiten, sodass sich Fachleute perfekt mit einer Produktgruppe auskennen.

Und wie ist das mit den Kosten?
Auf der einen Seite kostet es, Gießereien umzubauen, bringt aber auch etwas, wenn die personalisierte Produktion implementiert ist. Es gibt Möglichkeiten Kosten zu vermeiden, insbesondere in Zeiten, in denen Banken Kredite nicht mehr so ohne weiteres bereitstellen. So wie Partnerschaften eingehen…

Wie stellen Sie sich das vor?
Gießereien können Partnerschaften eingehen, zusammenarbeiten. Wenn ein Gießer sich mit einer Produktgruppe nicht gut auskennt, sollte er seine Spezialisierung nicht aufgeben, sondern sich mit einer Gießerei zusammentun, die diese Spezialisierung hat. Und diese Gießerei sollte dann auch produzieren. Die Aufgabe der Gießerei, bei der die Anfrage eingegangen ist, ist es dann sicherzustellen, dass dem Endkunden gute Qualität geliefert wird. Das kann sich auch auf die Nacharbeit oder eine eventuelle Vormontage ausdehnen, je nachdem was angefragt wird. Wenn zusammengearbeitet wird, reduziert sich die Investition pro Partner. Wie wir aus der Branche mitbekommen, kommt aktuell mehr Geld von Partnern als von Banken. Für die Zukunft und die Branche heißt das: Gießereien können Kunden anderer Gießereien sein oder Lieferanten an Endkunden. Weil dies aber ein ganz anderes Geschäftsmodell ist, müssen sich Gießereibelegschaften aber auch zusätzliche Fachkenntnisse aneignen.

Welche Risiken gibt es für Gießereien?
Das größte Risiko ist, dass Gießereien jetzt zu lange warten. Auf Englisch heißt es: When you wait, you’re late! Der Markt sagt aktuell nicht, wie es weitergeht. Die Automobilhersteller sind zurückhaltend, aber in den Gießereien muss es weitergehen. Die Gießer müssen jetzt an der Personalisierung arbeiten, also an „Zero Defects“, Wertschöpfung, Betriebszeit, Personal, Rückverfolgbarkeit, an der Reduzierung der Laufzeit und an Umweltfragen. Wenn dann klar ist, wohin es geht, sind die Gießereien organisatorisch schon darauf eingerichtet.

Was erwarten die Gießereikunden von den Gießern?
Gießereien müssen ihre Kunden entlasten, indem sie dem Kunden die richtige Qualität und Quantität liefern. Die Gießereikunden werden zunehmend erwarten, dass sie sich nicht mehr um das Gussprodukt kümmern müssen, sondern es stattdessen problemlos an ihren Fertigungslinien einsetzen können. Dazu muss die Gießerei in der Lage sein, angemessen und genau zu produzieren. Big Data-Analyse leistet einen Beitrag, aber nur, wenn die Erfahrung der Gießer in die Programme einfließt. In vielen Gießereien herrscht allerdings Fachkräftemangel. Wir hören deshalb bei Gesprächen über Erweiterungen, Modernisierungen oder Automatisierungen immer die Frage: Wie können wir die Arbeitsumstände verbessern, um wieder passende Mitarbeiter für unsere Gießereien zu bekommen. Ein Beispiel: In Ungarn haben wir in einer Gießerei eine integrierte Putzerei errichtet. Früher kam die Produkttraube aus der Gießerei und wurde irgendwo in der Gießerei nachbearbeitet. Aufgrund der Art der Arbeit und der Umstände, oft von gering qualifizierten lokalen Arbeitnehmern. Die Gießerei bezahlte diese Arbeiter pro Stück. Das scheint günstig zu sein, ist aber im Endeffekt teuer, weil es unbeliebte, harte, nicht ergonomisch angepasste Arbeit ist. Wir haben eine Putzstrecke gebaut, bei der man jeden Arbeitsplatz individualisieren kann. Tischhöhe, Beleuchtung und Absaugung können auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Arbeiters angepasst werden. Jetzt gelingt es der Gießerei, die Putzarbeiten mit ihrer eigenen Fachbelegschaft und ohne Einsatz von Leiharbeitern durchzuführen. Dadurch werden die Kosten langfristig reduziert. Aber was noch wichtiger ist: Es verbessert die Qualität des Produkts und das merkt der Kunde.

Worauf müssen sich die Gießer noch einstellen?
Die Gießer sollten wenn möglich bereit sein, im Ausland aktiv zu werden. Heute fragen die Hersteller nicht selten danach, ob ihnen Zulieferer ins Ausland folgen wollen. Wenn der Gießer dann nicht mitkommt, geht der Hersteller zu einer anderen Gießerei, die das tut. Die Internationalisierung sorgt auch für Zusammenarbeit, zum Beispiel mit einem Joint Venture. Denn die Gießereien starten mit einer lokalen Partnerschaft und erweitern dann die Produktion, wenn die Aufträge kommen. Wir haben damals für Georg Fischer eine Gießerei in China gebaut, die wir zunächst für 35 000 Tonnen ausgelegt haben. Einige Jahre später haben wir sie erweitert, sodass dort heute 60 000 Tonnen produziert werden können. GF konnte seine Kunden halten und darüber hinaus expandieren.

Was ist Ihre Einschätzung über die Entwicklungsrichtung bei den Autobauern?
Das ist sehr schwer zu sagen. Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Antrieb der Zukunft elektrisch sein wird, aber künftige Fahrzeuge immer Hybride sein werden. Die Elektrik wird dafür genutzt, das Fahrzeug anzutreiben. Mit einem Generator, der im effizientesten Drehzahlbereich arbeitet, wird der Strom dann effizient verwaltet. Langfristig glaube ich, dass das E-Auto das Rennen macht, aber nicht von jetzt auf gleich.

Welche Lösungen für Gießereien bietet Gemco?
Gemco ist Berater, Ingenieurdienstleister, Planer und Anlagenbauer kompletter Gießereien. Die modernen von Gemco errichteten Gießereien sind sauber und bieten ergonomische Arbeitsplätze. Es ist eine hohe Verfügbarkeit gewährleistet, weil unser Mehrwert darin besteht, Gießereien so zu bauen, wie sie sich Gießer vorstellen. Wenn es um Wartungsarbeiten geht, dann können wir garantieren, dass eine Komplettanlage die benötigte Verfügbarkeit bietet. Wenn wir Gießereien entwickeln, sind alle IT-Schnittstellen schon eingeplant. Wir bauen jedes Jahr gleichzeitig rund fünf Gießereien, daher wissen wir, wie es gemacht wird und entwickeln neue Werke ohne Scheuklappen. Wir können z. B. Erkenntnisse aus dem Bau einer Aluminiumgießerei auch beim Bau einer Eisengießerei einbringen, wenn das Sinn macht. Automatisierung, Nachbearbeitung und Vormontage gibt es in Aluminiumgießereien schon überall, in Eisengießereien ist da noch Nachholbedarf. Bei Big Data gibt es Systeme, die noch mit Daten aus den Gießereien gefüllt werden müssen. Wir verfügen über Experten, mit denen Big Data schneller realisiert werden kann als mit den eigenen Ressourcen der Gießereien. Big Data bietet viele Möglichkeiten, wenn aber falsche Daten eingegeben werden, gibt es auch unerwünschte Ergebnisse.

An welchen Projekten arbeitet Gemco gerade?
Das Engineering und Projektmanagement der neuen Scania-Gießerei in Schweden ist aktuell unser größtes Projekt. Ende dieses Jahres soll die Produktion anlaufen. Jetzt werden die Anlagen installiert. Ein großes Projekt ist auch die Modernisierung der Gießerei des Unternehmens Kamaz im russischen Nabereschnyje Tschelny. Hier geht es auch um Ausschussreduktion. Gerade erst haben wir eine Sandgießerei in Mazedonien in Betrieb genommen und das Großprojekt MIT-Mexiko abgeschlossen. Anfang Januar ist darüber hinaus die Produktion einer von uns gebauten Eisengießerei in Ägypten angelaufen. Neue Projekte in Europa sind in der Planungsphase, aber wir erwarten in den kommenden Monaten einige große Investitionsentscheidungen. Weiter sind wir in verschiedene Grünsand-Regenerierungsprojekte sowie die Entwicklung des Lost Foam-Verfahrens für das Eisen- und Aluminiumgießen eingebunden. Dann kommen noch viele weitere kleine Projekte dazu. Gemco baut nicht nur Gießereien auf der grünen Wiese, sondern setzt jede Modernisierung um – auch die Digitalisierung von Gießereien. Vergleichsweise neues Thema für uns ist die Big-Data-Erfassung und noch wichtiger: die Analysen und Empfehlungen die daraus resultieren müssen. Zusätzlich konfrontieren uns immer mehr Gusseinkäufer mit Fragen zu Entwicklung und Qualitätssicherung. Diese beiden Themen werden sich in den kommenden Jahren annähern. Und Gemco wird dazu Dienstleistungen für Gießereien anbieten können.

Wie haben sich Ihre Umsätze entwickelt?
Mit unseren inzwischen 45 festen Mitarbeitern haben wir in den letzten Jahren einen Jahresumsatz von 15 bis 20 Millionen Euro erzielt. In den kommenden fünf Jahren wollen wir 30 Millionen erreichen. Weltweit werden mehr und mehr Gießereien auf uns aufmerksam.

Und wie ist Ihr eigener Hintergrund?
Ich bin Account Manager für Europa und China. Früher habe ich selber Maschinen entwickelt, habe also einen technischen Hintergrund, ohne den es bei dieser Arbeit auch nicht geht. Ich habe 1997 bei Gemco angefangen und dort mit der Konzentration auf Lost Foam bis 2001 gearbeitet. Ich hatte dann eine Weile eine eigene Lost-Foam-Gießerei, bin aber nach neun Jahren zu Gemco zurückgekehrt. Privat bin ich verheiratet und habe vier Kinder zwischen 17 und 22 Jahren.

Das Gespräch mit Huub van der Weiden führte Robert Piterek