14.05.2020

„Wir sollten unsere eigenen Fähigkeiten wieder stärken!“

Foto: Ohm & Häner

Für Ohm & Häner-Werksleiter Dr. Georg Dieckhues ist die aktuelle Krise eine Art Déjà-vu. Im Jahr 2009 war das hochmoderne Aluminiumsandgusswerk II in Drolshagen bei Olpe gerade fertig, da brach die Finanzkrise über das Land herein und das erhoffte Anziehen der Auftragslage blieb zunächst aus. Jetzt ist es ähnlich: Kaum hat die Produktion mit der hochautomatisierten neuen HWS-Formanlage begonnen, rutscht das Land in die Corona-Krise. Damals ist Ohm & Häner gestärkt aus der Krise herausgekommen – und rechnet auch jetzt wieder fest damit.

Hallo Herr Dr. Dieckhues, wo treffe ich Sie aktuell an?
Ich bin im Home-Office, weil das Werk heute geschlossen ist. Wir fahren derzeit Kurzarbeit. Ich bin zu den Betriebstagen im Büro, wenn das Werk geschlossen ist im Home-Office. Wir fahren an den Produktionstagen mit voller Leistung und schalten dann einige Tage in der Woche komplett ab. Bei Vollbetrieb bleibt der reguläre Dreischichtbetrieb erhalten, bei dem wir rund und die Uhr produzieren. Ein Herunterfahren auf zwei Schichten hat sich als ineffizient und kostenintensiv herausgestellt. Wenn wir an manchen Tagen komplett abschalten, sparen wir die Energiekosten und weitere Produktionsnebenkosten. Das Werk steht je nach aktueller Auslastung an zwei bis drei Tagen die Woche still.

Wenn Sie die letzte Zeit seit dem Shutdown Revue passieren lassen. Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen gehabt?
Wir hatten an sich ein vergleichsweises ziemlich gutes erstes Quartal. Es gab zwar schon Umsatzeinbußen, die waren aber nicht coronabedingt, sondern gingen auf die abkühlende Konjunktur zurück. Da hatten wir uns auch schon im vergangenen Jahr darauf eingestellt, indem wir einen Teil der Beschäftigung zurückgefahren hatten. Durch die Sparmaßnahmen waren wir mit dem Umsatzrückgang zunächst ganz gut zurechtgekommen und hatten ein gutes Quartal erlebt. Ab April hat dann der Shutdown durchgeschlagen. Dann ist es bei vielen unserer zentralen Kunden zur Abschaltung ganzer Produktionsbereiche gekommen. Aufträge wurden dann storniert oder weit nach vorne geschoben. Das führt natürlich zwangsläufig dazu, dass die Arbeitslast sehr stark zurückgegangen ist.

Welche Produktbereiche sind besonders betroffen?
Es ist schon flächendeckend. Der Automotive-Bereich ist natürlich besonders betroffen, weil dort die Werke ja heruntergefahren wurden und zunächst einmal keine Teile benötigt wurden. Doch auch der Maschinenbau ist betroffen. Infrastruktur, Bahn- und Bauindustrie laufen zunächst einmal noch. Baumaschinen wie z. B. Stampfer und Rüttelplatten, in denen auch viel Aluminiumguss drin ist und die als Exportartikel nach Italien, Frankreich, Spanien und auch in die USA gehen, sind allerdings auch sehr stark eingebrochen.

Welche Hygienevorschriften gelten bei Ihnen, um die Produktion fortzusetzen?
Wir haben natürlich gewisse Hygienemaßnahmen eingeführt, allerdings können wir nicht in vollem Umfang umsetzen, was von der Politik gefordert wird. Wir achten allerdings schon sehr darauf, dass die Mitarbeiter in der Produktion Distanz halten. Wir haben schon Anfang März, als absehbar war, dass da etwas auf uns zurollt, unsere Mitarbeiter dringend dazu angehalten, Distanz zu wahren. In ausgewählten Positionen im Unternehmen werden natürlich auch Masken getragen und an allen möglichen Ecken stellen wir auch Desinfektionsmittel bereit, damit die Mitarbeiter Zugang dazu haben.

Wie sieht es bei den Corona-Infektionen eigentlich in Ihrer Region aus?
Der Kreis Olpe ist sogar relativ stark betroffen, in unserem Werk sind wir aber bisher verschont worden.

Haben Sie auch einen höheren Krankenstand?
Ja, wir haben normalerweisen einen Krankenstand von um die 5 Prozent, der hat sich jetzt erhöht und liegt im Bereich von 10 Prozent. Wir haben aber auch einige Leute prophylaktisch weggeschickt, wenn es Symptome oder Kontakte zu Corona-positiven Personen gab. Dadurch haben wir es geschafft im Werk II keine Mitarbeiter zu haben, die Corona-positiv sind. Auch in Werk I ist aber bis dato niemand krank.

Haben Sie Verständnis für die beispiellosen Maßnahmen gehen das Virus, die weltweit umgesetzt werden?
Ja, ich habe dafür Verständnis. Man kann zwar die Verhältnismäßigkeit angesichts der Auswirkungen diskutieren. Ich glaube aber, dass wir nur durch die disziplinierte Umsetzung dieser Maßnahmen vor Schlimmerem bewahrt wurden. Natürlich ist es schwer, so etwas nachzuvollziehen. Es ist aber immer leicht zu sagen, dass hätten wir auch anders geschafft. Nur kann das niemand wissen. Ich halte nichts davon, darüber zu spekulieren. Ich glaube auch nicht, dass es wirtschaftlich sehr viel besser ausgesehen hätte für unsere Branche, wenn wir den Shutdown anders gemacht hätten. Denn unsere Kunden haben ihre Kunden im Ausland und dort waren die Auswirkungen gravierend. Ich finde die Maßnahmen daher richtig. Wir sind auch sehr frühzeitig auf unsere Mitarbeiter zugegangen und haben um deren Einhaltung gebeten.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung von Politik, Verbänden und Banken? Schließlich gilt die Liquidität ja aktuell als dringendstes Problem.
Als Werksleiter bin ich da nicht der optimale Ansprechpartner. Soweit ich aber weiß, haben die Banken relativ gut reagiert. Und was das Kurzarbeitergeld betrifft, wurde es sehr unkompliziert und unbürokratisch gewährt. Natürlich kann man jetzt auch Betriebsmittelkredite in Anspruch nehmen. Wir haben die bisher nicht beantragt, weil sie ja natürlich irgendwann auch zurückgezahlt werden müssen und die Rückführung dieser Kredite irgendwann die Investitionsfähigkeit einschränkt. Deswegen wollen wir versuchen, weitgehend darauf zu verzichten. Ob das gelingt, hängt davon ab, wie sich die Situation weiterentwickelt. Unsere potenzielle Auftragslage auch mit unserer neuen Formanlage ist grundsätzlich gut, nur wurden einige Projekte jetzt gebremst, sodass die Auslastung nicht sichergestellt ist. Auf der Anlage laufen überwiegend Automotive- und Maschinenbauteile. Mittelfristig sind wir sehr optimistisch, weil wir uns mit der neuen Anlage sehr gut aufgestellt haben.

Blick in die Glaskugel: Wie könnte eine Welt nach Corona für Ihr Unternehmen aussehen?
Sicherlich werden sich einige Dinge durch diese Pandemie-Krise verändern. Die Fernkommunikation mit digitalen Möglichkeiten wird möglicherweise gestärkt werden, sodass man nicht für jedes Meeting durch die halbe Republik reist. Videotelefonie und Online-Präsentationen werden glaube ich bleiben. Und das ist ja auch nicht schlecht, denn das spart Zeit und schont die Umwelt. Wir werden uns vielleicht ein etwas anderes Arbeiten angewöhnen. Intern hier im Werk wird sich aber möglicherweise nicht so viel ändern. In den Geschäftsprozessen vielleicht, in den Produktionsprozessen wahrscheinlich eher weniger.

Welche Lehre ziehen Sie persönlich bisher aus der Krise?
Ich glaube, dass uns allen klargeworden ist, dass wir uns durch die exorbitante Globalisierung von Märkten abhängig gemacht haben. Und dass wir bestimmte Produkte selbst in ausreichendem Umfang herstellen könnten. Ich persönlich würde mir wünsche, dass wir unsere eigenen Fähigkeiten wieder stärken und bestimmte Schlüsselprodukte und -fähigkeiten entweder nach Deutschland zurückholen oder in Deutschland belassen. Beim Ausverkauf der Industrie an ausländische Inhaber und Konzerne sollte umgedacht werden. Wenn sie mich fragen, wie groß meine Hoffnung ist, dass das passiert, muss ich Ihnen sagen, dass ich nicht übermäßig optimistisch bin, weil letztendlich Geld und Profit bestimmend sind und weniger idealistische Ansätze.

Wir blicken jetzt grundsätzlich optimistisch in die Zukunft, denn wir haben das vor zehn Jahren ja schon einmal durchgemacht. Wir hatten gerade eine Rieseninvestition getätigt – den Bau des hochmodernen Werks II – als die Krise hereinbrach. Wir sind damals sehr gestärkt daraus hervorgekommen, weil wir diese große Investition bereits vorher umgesetzt hatten und sind optimistisch, dass das dieses Mal auch wieder so laufen kann.

 

Das Gespräch mit Dr. Georg Dieckhues führte Robert Piterek