19.05.2020

„Wir brauchen wieder mehr Normalität!“

Foto: BDG/Soschinski

Kathrin Grüne leitet die Buntmetallgießerei Dillenberg in Düsseldorf. 100 Mitarbeiter produzieren hier u. a. Gelenksteine für Stahlwerke, Schneckenräder für Rolltreppen oder Bauteile für E-Motoren und die Windkraft. Die Gießerei produziert weiter, führt aber bald Kurzarbeit ein. Auch wenn der Bestand der über 100 Jahre alten Gießerei nicht unmittelbar bedroht ist, sorgt sich Geschäftsführerin Grüne darum, dass der Shutdown zu lange dauert und uns wirtschaftlich noch massiv einholt.

Hallo Fr. Grüne, treffe ich Sie im Home-Office an?
Nein, ein produzierendes Gewerbe vom Home-Office aus durch die Corona-Krise zu manövrieren ist meines Erachtens nicht möglich. Wir haben das zu Anfang der Krise durchdacht, haben aber auch noch nicht wirklich die Infrastruktur dafür, weil wir ziemlich papierlastig sind, was die Prozesse angeht. Für die Verwaltung haben wir das etwas konkreter überlegt. Aber auch den Vertrieb von extern zu machen, wo doch hier jeder Termin abgesprochen und jede Kapazität organisiert werden muss, ist schwierig. Das haben wir demnach auch nicht gemacht. Es ist eine ungewöhnliche und sehr schwierige Zeit. Ich habe zum Beispiel auch noch schulpflichtige Kinder zu Hause, die jetzt Home-Schooling machen müssen. Wir überstehen das alle, ich glaube aber – auch wenn jetzt wieder etwas mehr Normalität einkehrt – dass uns die Krise noch massiv wirtschaftlich einholen wird.

Wenn Sie die letzte Zeit seit dem Shutdown Revue passieren lassen. Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen gehabt?
Zunächst einmal haben wir einen weiteren Auftragsrückgang erlebt, die Situation hat sich verschlechtert. Wenn man sich die Entwicklung von 2019 anschaut, dann war es ohnehin schon ruhiger geworden, es hatte bereits eine konjunkturelle Abkühlung gegeben. Anfang 2020 wussten wir, dass wir auf eine Rezession zusteuern. Das hat sich über die letzten 7 Wochen nach dem Shutdown noch verschärft. Jetzt sind wir in einer Situation, in der wir uns mit Kurzarbeit auseinandersetzen und für die Produktion und Fertigung mit weniger Arbeit rechnen müssen. Dir Krise hat massive Auswirkungen auf unser Geschäft. Gerade in unserer Industrie ist es ja so, dass wir schon in den letzten Jahren nicht gerade das große Wachstum gesehen und uns auf sehr schwierige Märkte eingestellt haben. Hinzu kommt, dass niemand wirklich prognostizieren kann, wie sich das in den nächsten Wochen und Monaten weiterentwickelt. Man muss im Grunde damit rechnen, dass es weiter ruhig bleibt und sich die Krise bis ins Jahr 2021 hineinzieht. Schließlich müssen alle Finanzierungen, die der Staat jetzt bereitstellt, ja irgendwann auch wieder refinanziert werden. Das sind ja keine Geschenke, denn der Staat ist ja ohnehin verschuldet. Jetzt werden Billionen in die Hand genommen, um Wirtschaft und Industrie zu retten, aber es gibt ja eigentlich gar nichts zu verteilen. Es kommen schwierige Zeiten auf uns zu, davon bin ich überzeugt.

Aber Sie sorgen sich jetzt nicht direkt um den Bestand Ihres Unternehmens?
Nein, wir sind traditionsreich und konservativ und haben schon in den letzten Jahren viel dafür getan, dass wir auch so eine Krise überstehen werden. Da mache ich mir im Moment keine Sorgen. Die Belegschaft war allerdings zunächst extrem verunsichert, vor allem was die Hygiene anging. Doch wir wollten weiterarbeiten und haben uns an die hohen Ansprüche an den Gesundheitsschutz angepasst. Auf der anderen Seite hatten viele einfach Angst. Es stellte sich die Frage, was wir machen, wenn ein Mitarbeiter krank wird und wir dann vielleicht unter Quarantäne gestellt werden. Das kann ja auch heute noch passieren. Inzwischen fangen wir an, mit der Situation zu leben und es entwickelt sich ein Alltag. Aber die Verunsicherung durch das Virus, das rückläufige Geschäft, das jetzt die Anmeldung von Kurzarbeit nötig macht, bleibt. Die Stimmung ist deshalb natürlich sehr angespannt.

Welche Hygienevorschriften gelten bei Ihnen, um die Produktion fortzusetzen?
Wir legen sehr viel Wert auf Handhygiene. Dann haben wir unsere Fertigung außerdem in Inseln aufgeteilt. Die Abteilung arbeiten für sich und die Schnittstellen haben wir auf den Telefonweg und E-Mails umgestellt, sodass es zwischen den Abteilungen keine Kontakte mehr gibt. Wir haben die Verwaltung ebenfalls isoliert. Die Arbeitspapiere werden kontaktlos per Körbchen übermittelt. Hinzu kommt natürlich das Einhalten des Abstands, was aber in der Gießerei ganz gut geht. In den Fertigungsabteilungen steht ja jeder an einer Maschine. Es finden keine gemeinsamen Pausen mehr statt und auch Masken sind im Einsatz. Zwischenzeitlich hatten wir hier aber Versorgungsengpässe.

Haben Sie Verständnis für die beispiellosen Maßnahmen gegen das Virus, die weltweit umgesetzt werden?
Anfangs hatte ich Verständnis, denn die Maßnahmen haben ja auch Wirkung gezeigt. Inzwischen schwindet mein Verständnis aber. Es ist schon Wahnsinn, was sich hier abspielt. Wenn ich allein den Bildungssektor sehe: die Kinder werden ja jetzt im Grunde eingesperrt. Wenn ich mir dann vorstelle, dass Familien aus den unteren Bildungsschichten jetzt vielleicht zu sechst oder acht in kleinsten Wohnungen sitzen. Man weiß ja gar nicht, was dort passiert. Der Kontakt zu den Kindern, der in vielen Bereichen so wichtig ist, ist komplett abgebrochen. Dieses Miteinander hat ja auch eine Kontrollfunktion. Das Zurückdrehen der Maßnahmen geht mir zu zögerlich. Wenn die Wirtschaft wieder anspringt, wird das für uns alle extrem schwierig. Wenn wir überlegen, dass Gastronomie und Hotellerie aktuell stillstehen, dann bricht auch die Volkswirtschaft gerade ein Stückweit zusammen. Ob das, was umgesetzt wurde, noch mit dem Risiko übereinstimmt, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich dann noch überlege, wie unsere Persönlichkeitsrechte eingeschränkt wurden, wundere ich mich, warum die Leute nicht auf die Straße gehen. Erste Reaktionen gibt es ja schon, etwa von Schülern und Studenten. Unser Unternehmen hat ja im vergangenen Jahr das 100. Jubiläum gefeiert. Aber so eine Situation hat es in unserer Firmengeschichte noch nie gegeben und ich hätte auch nie damit gerechnet.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung von Politik, Verbänden und Banken?
Die Unterstützung von der Politik etwa bei der Kurzarbeit war gut, das muss man schon sagen. Das läuft auch alles recht unbürokratisch ab. Auch etwa Zahlungsstundungen z. B. der Umsatzsteuer zur Liquiditätssicherung sind recht einfach zu erreichen. Ich sehe die Kurzarbeit auch als sinnvolles Instrument an, um die Mitarbeiter zu halten. Auch von Seiten der Verbände wie der IHK und dem BDG kamen schnell die Informationen bei uns an, die wir brauchten. Das ist grundsätzlich sehr positiv. Ist Ihre Finanzierung noch gesichert? Ja, aber das Thema Liquidität spielt aktuell schon eine wichtige Rolle, z. B. gibt es Forderungsausfälle auf Seiten der Kunden. Davon werden wohl auch einige die Krise nicht überstehen. Wir müssen beobachten, wie sich die Zahlungsmoral verändert. Wenn es so ruhig ist wie jetzt, baut sich natürlich ein Liquiditätsengpass auf. Das wird über die nächsten Monate zunehmend sichtbar werden.

Wenn Sie Ihre verschiedenen Produktbereiche betrachten. Wo läuft es noch, wo gibt es Schwierigkeiten?
Das ist ziemlich flächendeckend. In manchen Bereichen gibt es noch Geschäft, das steht aber auf wackeligen Beinen. Dass es einen Produktbereich gibt, der wirklich profitiert von der Lage, kann ich nicht sagen. In den Unternehmen werden nun natürlich auch die Investitionen überdacht. Wenn nicht mehr investiert und nichts mehr gekauft wird, kann sich die Lage nicht bessern. Es gibt keine Planungssicherheit, aktuell fahren alle auf Sicht.

Blick in die Glaskugel: Wie könnte eine Welt nach Corona für Ihr Unternehmen aussehen?
Ich glaube, da gibt es zwei Szenarien. Wenn ich zurückblicke auf die Krise von 2008/09, die anders war als die aktuelle, sprang die Wirtschaft nach den massiven Einschnitten auch schnell wieder an. Wenn man optimistisch ist, kann man das auch für diese Krise erhoffen. Nach dem Shutdown, in dem sich ein Rückstand aufgebaut hat, könnte es dann schnell wieder besser werden. Da würde ich aber momentan noch nicht so fest darauf bauen. In dem anderen Szenario, davon hatten wir ja schon gesprochen, beschäftigt uns diese Krise noch sehr lange, sowohl was den Umgang untereinander angeht, Stichwort: Social Distancing, als auch was die Dämpfung des Geschäfts angeht. Wir führen gerade die Kurzarbeit ein, aber wie ist es, wenn wir einmal zwölf Monate Kurzarbeit gemacht haben? Dann wird nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Wirtschaft die große Entlassungswelle auf uns zukommen.

Welche Lehre ziehen Sie persönlich bisher aus der Krise?
Dass es Situationen gibt, die unsere Persönlichkeitsrechte massiv einschränken und von denen man nicht erwarten konnte, dass sie in unserer entwickelten Welt noch passieren konnten. Wichtig ist aber, das zu reflektieren und die Einschränkungen nicht einfach abzunicken.

Ihre Erwartungen an die Politik?
Eine Lockerung der Maßnahmen. Den Shutdown beenden und die Wirtschaft wieder hochfahren. Bei aller Vorsicht ist es wichtig, dass es weitergeht, das tut uns Menschen auch gut. Das habe ich auch bei der Belegschaft gemerkt, die nach einem längeren Produktionsstopp über Ostern, froh war wieder arbeiten und sich wieder sehen zu können. Wir brauchen wieder mehr Normalität!

Das Gespräch mit Kathrin Grüne führte Robert Piterek