31.08.2020

„Das IFC bietet erstmals wieder Gelegenheit zur persönlichen Begegnung!“

Mirjam Jan-Blazic hat einen Master-Abschluss der Fakultät für Technologie und Metallurgie in Belgrad und war lange Jahre Laborleiterin in einer Druckgießerei
(Foto: Slowenischer Gießereiverband).

Mirjam Jan-Blazic leitet seit vielen Jahren den slowenischen Gießereiverband. Anlässlich des 60. Bestehens der Internationalen Gießereikonferenz (IFC) in Portorož hat sie sich trotz der Pandemie dazu entschieden, die Veranstaltung vom 16.-18. September auszurichten. Die Verbandschefin sprach mit der GIESSEREI über die Geschichte der Konferenz, die bevorstehende Veranstaltung sowie über Covid-19 und seine Folgen.

Sehr geehrte Frau Jan-Blazic, der Internationale Gießereikongress in Portorož an der Adria ist jetzt 60 Jahre alt. Wie sahen die Anfänge der Konferenz in den frühen 1960er-Jahren aus? Die Konferenz wurde unter der Schirmherrschaft des 1953 in Ljubljana im ehemaligen Jugoslawien gegründeten Vereins Slowenischer Gießereifachleute ins Leben gerufen und ist bis heute gewachsen. 14 Vorträge wurden auf der ersten zweitägigen internationalen Gießereitagung einige Jahre später gehalten. Fünf Redner kamen aus dem Ausland, neun aus Jugoslawien. Zu dieser Zeit kamen die ausländischen Redner aus Deutschland, Österreich sowie der Schweiz und der Tschechoslowakei. Das zeigt, dass die Zusammenarbeit mit dem Verein Deutscher Gießereifachleute (VDG) und dem Österreichischen Gießerei-Institut (ÖGI) schon sechs Jahrzehnte währt.

Die Konferenz in Portorož stellte für uns damals auch eine Gelegenheit dar, unsere Erfolge der ganzen Welt zu zeigen. Es sei darauf hingewiesen, dass unsere Gießereien bereits in den 1950er-Jahren nicht nur auf die Übernahme moderner technologischer Errungenschaften aus dem Ausland angewiesen waren. Seit seiner Gründung unterstützte der Verein Slowenischer Gießereifachleute zusammen mit seinen Mitgliedsgießereien die inländische Entwicklung der Produktion eigener Gießereimaschinen und -ausrüstungen sowie Hilfsgießereimaterialien und -rohstoffe. Zu dieser Zeit war dies sehr wichtig, da der Devisenbestand des Landes die Importmengen erheblich einschränkte. Diese Strategie hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Noch heute beziehen unsere Gießereien zahlreiche hochwertige Rohstoffe und Hilfsgießereimaterialien sowie Gießereiausrüstungen von heimischen Herstellern.

Sprechen wir über das Mutterland des IFC: Bitte nennen Sie uns einige Informationen über die slowenische Gießerei-Industrie?
Die slowenischen Gießereien sind ein wichtiger Bestandteil der slowenischen Industrie. Wenn wir unsere Gießereiproduktion, basierend auf statistischen Informationen für die weltweite Gießereiproduktion, in Tonnen pro Einwohner messen, liegt Slowenien an der Weltspitze. Wir haben bei etwas über zwei Millionen Einwohnern rund 70 Gießereien mit etwa 5000 Mitarbeitern. Zahlreiche mittlere und große Gießereien erwirtschaften ungefähr 90 % alle Gießereiumsatzerlöse.

Interessanterweise werden in unseren Gießereien alle Gießereitechnologien eingesetzt, was in kleineren Ländern eher unüblich ist. Trotz der Anzeichen einer bevorstehenden Rezession im zweiten Halbjahr 2019 ist das Geschäftsjahr für die meisten slowenischen Gießereien noch relativ gut verlaufen. Die offizielle Statistik zeigt, dass die Gießereiproduktion im Jahr 2019 195 609 Tonnen Gussteile betrug, 1 % weniger ist als im Jahr 2018. Die Gießereiproduktion sah im vergangenen Jahr folgendermaßen aus: 58 281 Tonnen Grauguss (Minus 7 %), 43 867 Tonnen Gusseisen mit Kugelgrafit (± 0), 3200 Tonnen Temperguss (Plus 3 %), 25 099 Tonnen Stahl mit Fe-Granulat (Minus 10 %), 54 625 Tonnen Al-Legierungen (Plus 5 %), 9665 Tonnen Zinklegierungen (Plus 14 %) und 872 Tonnen Cu-Legierungen (Plus 15 %).

60 Jahre sind ein langer Zeitraum. Was waren die größten Highlights in dieser Zeit?
Der Verein Slowenischer Gießereifachleute setzt sich schon seit seiner Gründung sehr ehrgeizige Ziele. Denn die slowenischen Gießereien brauchten Unterstützung, um die technologische Kluft bzw. den Rückstand zu den entwickelten Industrieländern zu verringern. Die Entscheidung, einen jährlichen internationalen Gießereikongress in Portorož zu organisieren, hat sich schnell als richtige und nützliche Entscheidung nicht nur für die slowenische Gießereibranche, sondern auch für andere teilnehmende Länder erwiesen.

Aus diesem Grund entwickelte die Gießereitagung sich zu einem bedeutenden Gießereitreffen, bei dem wir bis heute wissenschaftliche und technologische Fortschritte austauschen und weitergeben. Nach 1970 wurden diese Möglichkeiten noch präsenter, als wir unter der Schirmherrschaft des Kongresses damit begannen, eine begleitende Gießereiausstellung zu veranstalten. Eine wichtige Rolle in der 60-jährigen Geschichte spielt auch LIVARSKI VESTNIK, unsere seit 67 Jahren erscheinende Gießereizeitschrift, in der wir hauptsächlich Forschungs- und Fachartikel von dem Kongress in Portorož veröffentlichen. Seit 2001 werden im LIVARSKI VESTNIK Fachartikel zweisprachig veröffentlich – in slowenischer und englischer Sprache. Die Konferenz in Portorož wurde zu einem traditionellen Treffpunkt für Vertreter zahlreicher nationaler Gießereiverbände und -vereine sowie der World Foundry Organization (WFO), des Europäischen Gießereiverbands (CAEF) und der Mitteleuropäischen Gießereiinitiative (MEGI).

Wichtig war auch, dass die Mitglieder des Vereins Slowenischer Gießereifachleute die Organisation des Tagungsprogramms sowie die Vorbereitung des Kongresses in Portorož vor etwas mehr als vier Jahrzehnten den Universitäten überließ. Im Jahr 2005 war es erneut Zeit für einen Wechsel: Der Programmteil des Kongresses blieb organisatorisch in der Hand der Universitäten, eine neue organisatorische Symbiose aus Verband, Industrie sowie den Universitäten von Ljubljana und Maribor ermöglichte eine neue Qualität in der Entwicklung des Verbands sowie des Gießereikongresses von Portorož.

War es problemlos möglich, zu Zeiten des Kalten Krieges, also vor 1990, einen internationalen Gießereikongress in Slowenien zu organisieren?
Sie stellen mir eine Frage, die mit der Weltpolitik zu tun hat. Als Kalten Krieg verstehe ich den Konflikt zwischen dem von den USA geführten Westblock und dem von der damaligen Sowjetunion geführten Ostblock. Da sich das ehemalige Jugoslawien, zu dem damals auch Slowenien gehörte, dank seines Präsidenten J. B. Tito nicht bereit erklärte einem der beiden Blöcke beizutreten, war dieser Konflikt bei uns nicht spürbar. Jugoslawien war zu dieser Zeit ein sehr offenes Land. Ausländer konnten einreisen und jugoslawische Bürger ausreisen. Der jugoslawische Pass erzielte den höchsten Preis auf dem Schwarzmarkt, da er den freien Reiseverkehr in viele Länder ermöglichte.

Ich bin weder auf schriftliche noch mündliche Berichte gestoßen, noch erinnere ich mich daran, dass es in Zeiten des Kalten Krieges, der mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Sowjetunion endete, Schwierigkeiten gegeben hätte, den Kongress in Portorož zu organisieren. Im Mai 1991, einen guten Monat vor der Unabhängigkeitserklärung des slowenischen Staates, fand der letzte Gesamt-Jugoslawische Gießerei-Kongress (32. IFC) in Portorož statt.

Wie beurteilen Sie die Bedeutung der Veranstaltung in Europa?
Meiner Meinung nach gehört die Konferenz in Portorož mit Gießereiausstellung aufgrund ihrer Errungenschaften, wissenschaftlichen Beiträge und ihrer heutigen Größe zu den bekanntesten Gießereiveranstaltungen in Europa. Und sie steht mit Sicherheit ganz oben im Vergleich zu den Fachkonferenzen in diesem Teil Europas. Dass die Konferenz zu einer angesehenen und qualitativ hochwertigen internationalen Konferenz herangewachsen ist, zeigt die Tatsache, dass die WFO im Jahr 2019 die Organisation ihres Technischen Forums dem Verein Slowenische Gießereifachleute anvertraute. Das Forum fand zusammen mit der 59. IFC in Portorož statt. Dies war bislang die größte Gießereiveranstaltung in Portorož. Es waren mehr als 400 Teilnehmer und mehr als 100 Redner aus aller Welt anwesend. Auf Rekordniveau waren auch die Teilnehmerzahlen an der Gießereiausstellung.

Wie überall auf der Welt ist Slowenien von der Corona-Pandemie betroffen. Wie ist die aktuelle Situation?
Die Gießereien sind unterschiedlich stark von der Pandemie betroffen. Ihre Geschäftstätigkeit in der Pandemie hängt hauptsächlich davon ab, von wo sie beliefert werden und in welches Land sie liefern. Slowenische Gießereien sind hauptsächlich in der Automobil-, Glas-, Eisenbahn- und Metallindustrie sowie im Land- und Schwermaschinenbau vertreten. Ende Juni erreichten einige große slowenische Gießereien wieder einen Anteil von über 70 % im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. Bis September könnten wieder 90 % erreicht werden. Einen Corona-Fall in einer Gießerei hat es nicht gegeben. Die slowenische Regierung hat bisher vier Maßnahmenpakete in Kraft gesetzt, um die negativen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Wirtschaft und Bevölkerung zu lindern.

Das erste Maßnahmenpaket vom März betrifft die soziale Sicherheit der Bevölkerung und den Schutz der Wirtschaft, wobei der Schwerpunkt auf der Erhaltung der Arbeitsplätze liegt. Das zweite Paket bezieht sich auf die Sicherstellung der Liquidität für Unternehmen und enthält Möglichkeiten für neue Bank-Darlehen. Im Rahmen des dritten Pakets wird die Teilzeitarbeit eingeführt, erweitert werden die staatlichen Subventionen nun auch auf Menschen, die vorübergehend ihren Arbeitsplatz verloren haben. Das vierte Paket bietet Interventionsmaßnahmen zur Vorbereitung auf die zweite Welle von COVID-19 und ermöglicht unter anderem eine weitere Verlängerung der Unterstützung von Personen, die vorübergehend arbeitslos sind. Wir denken, dass Slowenien dank der vielen Sicherheitsmaßnahmen, relativ gut mit der Pandemie umgegangen ist. Im Vordergrund standen unsere Ziele, Produktion und Arbeitsplätze zu erhalten. Ich denke, dass dieses Ziel erreicht wurde.

Die Konferenz findet vom 16. bis 18. September 2020 statt. Was können die Teilnehmer erwarten?
Im regulären Konferenzprogramm werden 35 Vorträge gehalten. Am ersten Tag sind elf Plenarvorträge geplant, am zweiten Tag zwölf Vorträge im Bereich Gusseisen und zwölf Vorträge im Bereich Nichteisen. Es wird auch eine traditionelle begleitende Gießereiausstellung mit rund 40 Ausstellern geben. Zur gesundheitlichen Sicherheit: Wir werden alles tun, um unserem guten Namen als Organisator und Gastgeber dieser traditionellen Gießerei-Veranstaltung in Portorož gerecht zu werden – sowohl beim Kongress als auch in den Hotels. Detaillierte Anweisungen für den sicheren Aufenthalt werden allen Teilnehmern eine Woche vor dem offiziellen Beginn des Kongresses zugesandt.

Wieviele Teilnehmer werden erwartet?
Aufgrund der Pandemie werden wir sicherlich weniger Teilnehmer haben als in den Vorjahren. Wir erhalten weiterhin Anmeldungen und werden sie bis zum Beginn des Kongresses annehmen. Ein Kreis von Teilnehmern wird sich wahrscheinlich erst im letzten Augenblick entscheiden, nach Portorož zu kommen, unter Berücksichtigung der Risikolage im eigenen Land oder in Slowenien. Derzeit können Bürger aus Ländern, die auf der sogenannten „Grünen Liste“ stehen, ohne Einschränkungen nach Slowenien kommen. Dies sind die Länder, die die Pandemie erfolgreich im Griff haben.

Bürger aus Ländern, die auf der sogenannten „Gelben Liste“ stehen, können unter bestimmten Bedingungen nach Slowenien kommen (i. d. R. mit einem negativen Test auf das Covid-19-Virus). Mit den bestätigten Vorträgen können wir das reguläre Konferenzprogramm jedenfalls zu 100 % zu füllen. Ausgehend von der Anzahl der bereits registrierten Teilnehmer für die Ausstellung sieht es so aus, als würden wir auch die übliche Anzahl von Teilnehmern wie in den vergangenen Jahren erreichen.

Wird es bei dem Kongress eine Feier wegen des 60. Bestehens des Kongresses geben?
Für uns alle – uns als Organisatoren sowie die Teilnehmer – wird das Treffen Anlass zum Feiern bieten, wenn es uns gelingt, das vorgesehene Konferenzprogramm und die Ausstellung unter diesen völlig neuen Bedingungen durchzuführen. Es bietet sich nun nach einem Jahr erstmals wieder die Gelegenheit der persönlichen Begegnung. Nach dem Lockdown und den Einschränkungen, die wir erlebt haben, vermissen wir alle unsere sozialen Kontakte, die wir nun seit Beginn der Krise durch die Absage der meisten Gießereiveranstaltungen nicht mehr pflegen konnten.

Unsere traditionelle Begrüßung und ein Kennenlerntreffen mit dem Bürgermeister der Gemeinde Piran werden im Garten des Georgios-Zentrums neben der Domkirche in Piran organisiert. Und das Gießertreffen findet an der Küste gegenüber dem Slovenija Kongresszentrums mit angenehmer Live-Musik statt. Wegen der Sicherheitsmaßnahmen müssen wir das Abendessen und die Bootsfahrt auf der Adria leider absagen. Aber wir sind sicher, auch dieses Jahr eine erfolgreiche Veranstaltung durchführen zu können.

Ausblick in die Zukunft: Wie beurteilen Sie die Aussichten der slowenischen und europäischen Gießerei-Industrie angesichts der Pandemie?
Unter diesen Umständen ist es schwierig, die Zukunft der europäischen Gießereibranche vorherzusagen. Meiner Einschätzung nach kann die Wirtschaft das Herunterfahren der Produktion wie im März nicht noch einmal überstehen. Die Gießereien stehen vor vielen neuen Herausforderungen und anspruchsvollen Veränderungen. Eine davon ist sicherlich, den schnellen Weg in eine grüne Zukunft, eine „grüne Wirtschaft“ zu gehen, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Es kann sich nicht mehr alles um Wirtschaftswachstum und Gewinne drehen, sondern um die Reduzierung aller Arten von Emissionen, um den Klimawandel einzudämmen.

Diese Pandemie ist eine Warnung. Daher muss es aus meiner Sicht schnell eine Restrukturierung in der Autoindustrie und damit auch in der zuliefernden Gießereibranche in Richtung Elektromobilität und Hybridfahrzeugen geben. In jedem Fall bin ich davon überzeugt, dass die Gießereibranche weiterhin ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der Industrie bleibt und damit die Existenz der anderen Branchen sicherstellt. Ich glaube auch, dass die Pandemie zur Rückkehr von Gießereien nach Europa führen wird, die vor Jahren in asiatische Ländern verlagert wurden.