1.10.2020

„Wir wollen ein Industriekonzern sein, der auf mehreren Beinen steht“

Rainer Kurtz ist CEO der Kurtz Holding (Foto: KurtzErsa).

Bereits im Februar dieses Jahres hat der Gießereimaschinenhersteller Kurtz GmbH, ein Geschäftsbereich der Kurtz Holding GmbH & Co. Beteiligungs KG, eine strategische Neuausrichtung bekannt gegeben. Im Interview erklärt CEO Rainer Kurtz jetzt die Hintergründe der aktuellen Neuausrichtung und spricht über die Herausforderungen während der Corona-Krise.

Mit ihrem Schwerpunkt Moulding Machines bildet die Kurtz GmbH einen von drei Geschäftsbereichen der Kurtz Holding GmbH & Co. Beteiligungs KG. In dem Business Segment mit rund 80 Ingenieuren und Technikern werden an den Standorten Wiebelbach und Wertheim in Deutschland sowie in einem Werk in China schon seit Jahrzehnten Schaumstoffmaschinen und Gießereimaschinen hergestellt. Nun kam es zur Neuorganisation der Kurtz GmbH. Auch die Holding strukturiert ihr Geschäft schon seit Längerem um. So wurde bereits im September vor zwei Jahren die Eisengießerei Smart Foundry in Hasloch im Zuge der Konzentration auf den Maschinenbau veräußert.

Mitte Februar, also kurz vor Beginn der Corona-Krise in Deutschland, machte die Kurtz GmbH die Planung einer strategischen Neuausrichtung öffentlich. Grund seien „gravierende Veränderungen“ in den Bereichen Schaumstoffmaschinen und Gießereimaschinen. Was genau kann man darunter verstehen?
Rainer Kurtz: Der Hauptgrund für die strategische Neuausrichtung liegt darin, dass wir in beiden Geschäftsfeldern massive Umsatzeinbrüche zu verzeichnen hatten. Das liegt erstens daran, dass einer unserer größten Abnehmer von Maschinen in der Kunststoffverarbeitung aufgrund von eigenen Planungsschwierigkeiten weggefallen ist und wir trotz der sich nun wieder bessernden Auftragslage das Volumen der Vergangenheit nicht aufrechterhalten können.

Zweitens kommt die große Debatte rund um Kunststoffverpackungen hinzu, welche unsere Kunden verunsichert und auf deren Seite zu Überkapazitäten führt. Folglich wird im Moment auch nicht investiert. Und drittens vollzieht auch der Automobilbereich derzeit einen technologischen Wandel. Trotz sehr guter Geschäfte in der Vergangenheit mit Automobilzulieferern und OEMs ist momentan auch hier eine Überkapazität vorhanden. Wir durchleben gerade eine Zeit, in der nicht mehr nur noch Verbrenner im Fokus stehen, sondern auch batteriebetriebene Autos sowie Hybridfahrzeuge und sogar von Wasserstoff die Rede ist. Wohin die Reise geht, lässt sich derzeit nicht sicher sagen, weswegen auch hier die Investitionen gestoppt werden.

Da wir alle Kurtz Ersa-Produkte an unserem lokalen Standort hier in Wiebelbach und in China produzieren, können die anderen beiden Bereiche Electronics Production Equipment und Kurtz Ersa Automation gewisse Einbußen im Feld Moulding Machines teilweise wieder ausgleichen. Aber langfristig gesehen muss die Produktion um die Hälfte zurückgefahren werden und an diesem Punkt sind strukturelle Änderungen zwingend notwendig.

Welche konkreten Veränderungen sieht die Kurtz GmbH im Rahmen der Neuausrichtung vor?
Rainer Kurtz: Als erste Maßnahme mussten wir 20 Stellen abbauen. Doch langfristig gesehen war dieser Schritt nicht ausreichend, sodass wir weitere 40 Mitarbeiter in andere wachsende Bereiche der Kurtz Holding GmbH versetzt haben. Des Weiteren haben wir uns dazu entschieden, den gesamten Bereich „Mechanische Bearbeitung“ zu veräußern. Ein weiterer Bestandteil der Reorganisation der Kurtz GmbH sieht zudem den Launch eines neuen Geschäftsfelds vor, aber über die Richtung darf ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts verraten.

Dann bleibt es also auf jeden Fall spannend bei der Kurtz GmbH. Apropos neue Entwicklungen – hatte die Coronakrise zwischenzeitlich einen Einfluss auf die Planung und Umsetzung der Organisationsprozesse?
Rainer Kurtz: Seit wir die strategische Neuausrichtung dem Beirat am 24. Januar 2020 präsentiert haben und diese angenommen wurde, haben wir den Plan konsequent umgesetzt. Damit hatte das Coronavirus zwar keinen unmittelbaren Effekt auf die Umstrukturierung, vielmehr hat die Krise dem gesamten Konzern weltweit signifikante Rückgänge im Geschäft beschert. Vom Auftragseingang her lief das Quartal 1 noch halbwegs wie geplant, da wir den Chinese New Year Effect einkalkuliert hatten. Im zweiten Quartal wurden unsere Erwartungen schon leicht untertroffen und jetzt im dritten Quartal erwarten wir den Tiefpunkt an Auftragseingängen. Gerade liegen wir bei -25 % bis -30 %, in manchen Bereichen sogar bei -40 % und die Auswirkungen von diesem niedrigen Auftragseingang werden wir auch im vierten Quartal im Umsatz spüren.

Wir glauben auch, dass wir im ersten Quartal 2021 noch nicht wieder dort sein werden, wo wir ohne die Coronakrise gewesen wären. Wir haben sogar für das zweite Quartal 2021 noch einen Corona-Effekt eingeplant und hoffen, dass sich die Situation im zweiten Halbjahr wieder normalisiert hat. Im Jahr 2019 konnten wir einen Umsatz von ca. 263 Millionen Euro erzielen und hatten für dieses Jahr noch höhere Ziele, aber durch die Krise verlieren wir jetzt etwa 50 Millionen Euro Umsatz.

Das sind sehr unerfreuliche Nachrichten, aber wir haben schon aus vergangenen Krisen viel gelernt und sind gut vorbereitet. So haben wir einen Notfallplan ins Leben gerufen. Dieser sieht beispielsweise Kurzarbeit als Sparmaßnahme vor – auf einen weiteren Stellenabbau haben wir bewusst verzichtet, um den aktuellen Mitarbeiterstand zu halten. In den zwei Wochen, während die Produktion im April komplett heruntergefahren war, haben die Mitarbeiter Überstunden und Urlaubstage abgebaut.

Abgesehen von der Kurzarbeit und dem Stundenabbau – welche personellen Maßnahmen mussten sie aufgrund von Corona noch treffen?
Rainer Kurtz: Wir haben das Virus von Anfang an sehr ernst genommen und dafür Sorge getragen, dass wir es aus dem Unternehmen draußen halten. Aus diesem Grund haben wir Mitarbeiter schon bei dem leisesten Verdacht für zwei Wochen in Quarantäne geschickt und viele haben von zu Hause gearbeitet. Das war möglich, weil wir erst letztes Jahr ein neues Rechenzentrum gebaut haben. Wir haben jetzt also zwei Rechenzentren – eines in Wertheim und eines in Wiebelbach - welche miteinander verbunden sind. Deswegen war es möglich, dass selbst Konstrukteure über virtuelle Zugänge mit der gewohnten Performance im Homeoffice arbeiten konnten. Als weitere Schutzmaßnahme haben wir an den Eingängen Fieber gemessen und Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Natürlich gehörte auch die offene Informationspolitik zur Tagesordnung. So haben wir Anfang März bereits eine tägliche Telefonkonferenz eingeführt, an der Mitarbeiter des Managements, des Betriebsrats und sogar des Katastrophenschutzes teilgenommen haben. Im Rahmen dieser Meetings haben wir klare Regelungen zum Umgang mit dem Coronavirus geschaffen und unsere Mitarbeiter entsprechend auf den aktuellen Wissensstand gebracht. Außerdem haben wir allen nahegelegt, die Corona-Warnapp zu nutzen, sodass wir auch die digitalen Möglichkeiten voll ausschöpfen.

Unabhängig von der Corona-Krise hat sich der Kurtz Ersa Konzern bereits im Jahr 2018 von der Eisengießerei in Hasloch getrennt. Fand der Beginn der Neuausrichtung in Wirklichkeit schon an diesem Punkt statt oder hatte die Entscheidung andere Gründe?
Rainer Kurtz: Die besagte Eisengießerei und auch der Bereich Lohnarbeit gehörte zu unserem einstigen Geschäftsbereich Metal Components. Zu diesem Geschäftsbereich gehörten drei Gießereien sowie eine Blechverarbeitung in Wertheim und eine in Baiersdorf bei Nürnberg, zu der auch dieser kleine Teil mechanische Bearbeitung gehörte. Und dieses Geschäft machte 2007 das größte Feld im Kurtz Ersa-Konzern aus. Nun haben wir dieses Geschäftsfeld seit dem 1. August 2020 vollständig eliminiert, aber wir sind trotzdem gewachsen. Wir haben in den letzten 13 Jahren also schon eine große Transformation erlebt, indem wir uns von den Gießereien, der Blechverarbeitung sowie von der mechanischen Bearbeitung und nun auch von der Vorfertigung getrennt haben. Das ist ein Teil unserer langjährigen Strategie, denn uns ist damals bewusst geworden, dass wir zu komplex aufgestellt sind und eine klare Linie verfolgen müssen. Wir wollen ein Industriekonzern sein, der auf mehreren Beinen steht und das ist uns nun gelungen: Wir haben immer noch drei Geschäftsfelder, nämlich Electronics Production Equipment, Moulding Machines – gerade in der Umstrukturierung – und unseren neusten Bereich Automation, in dem Montagelinien automatisiert werden. Wir sind nun also ein reiner Engineering Konzern mit ein paar Standardprodukten und der Fähigkeit zur Systemintegration. Künftig soll sich die Kurtz GmbH vorrangig auf die Geschäftsfelder Automotive und Protective Solutions konzentrieren und Kunden aus der Automobil- und Kunststoffindustrie umfassende Lösungskonzepte anbieten.

Inwiefern lässt sich dieser verstärkte Fokus auf die Automobilindustrie mit der verringerten Nachfrage von Gussteilen vereinen?
Rainer Kurtz: Unsere Kunden der Automobilindustrie kommen nicht nur aus dem Metall- sondern auch aus dem Kunststoffbereich. Wir haben die Aktivitäten also neu zusammengefasst und bieten zum einen Kompetenzen im Bereich Protective Solutions an. Das heißt konkret, dass wir die Maschinen herstellen, mit welchen beispielsweise Stoßfänger, Seitenaufprallschutze, Polster im Armaturenbrett und Werkzeugträger aus Schaumkunststoffen gefertigt werden. Zusätzlich arbeiten wir an etwas Neuem, so befinden sich gerade innovative Anwendungsmöglichkeiten von Hart- und Schaumkunststoffen im Karosseriebereich in der Vorentwicklung. Es wird noch weitere neue Bereiche geben – auch im Metallbereich – aber darüber kann ich erst im Detail sprechen, wenn die Zeit reif ist.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf dem Leichtmetall-Portal Spotlightmetal veröffentlicht, Redakteurin: Nicole Kareta