20.05.2020

"Umfassende Information und Motivation ist wichtig!"

Foto: Weso Aurorahütte

Corona-Interviews, Teil 4: Dr. Wolfgang Lenz ist technischer Geschäftsführer der WESO Aurorahütte im hessischen Gladenbach. Er leitet die Produktion der Eisengießerei mit ihren über 400 Mitarbeitern, 62,3 Mio. Euro Umsatz und 28 000 Tonnen Jahresproduktion gemeinsam mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner. Über die Folgen von Corona sprach Dr. Lenz mit der GIESSEREI aus dem Home-Office, in dem die beiden Geschäftsführer abwechselnd arbeiten. Zum Produktspektrum von WESO gehören etwa die Heiz- und Bahntechnik sowie die Landtechnik und der Maschinenbau.

Wenn Sie die letzte Zeit seit dem Shutdown Revue passieren lassen. Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen gehabt?
Wir haben kundenbezogene Produktionsstopps gehabt, vor allem bei den Produkten, die in den Export gehen, zum Beispiel nach Frankreich, Spanien und Italien. Zum Glück sind wir mit guten Auftragsbüchern in die Krise gestartet. Eine weitere Auswirkung des Shutdowns waren kurzzeitige Lieferstopps, vor allem aus Italien. Wir beziehen ja sehr viel Zukaufmaterial, weil wir an die Heiztechnik fertige Komponenten liefern. Die Lieferengpässe haben dazu geführt, dass wir das eine oder andere Aggregat nicht bauen konnten. Folge der aktuellen Lage war anfangs auch ein überproportionaler Krankenstand von 7 Prozent über dem Normalstand. Inzwischen hat sich das aber wieder verbessert und wir sind wieder bei rund 5 Prozent.

Welche Hygienevorschriften gelten bei Ihnen, um die Produktion fortzusetzen?
Hauptthema ist immer das Händewaschen und die Hygiene auf den Toiletten. Das zweite Thema ist Abstandhalten. Wir haben entsprechend den Grundsätzen aus dem Bundesgesundheitsministerium eine Schichtentrennung durchgeführt und haben auch Arbeitsplätze räumlich getrennt, sodass wir Produktionseinschränkungen durch Schichtentrennung und längere Pausen hatten und weiter haben. Wir machen auch Pausen zwischen den Schichten, um begegnungsfreie Schichtwechsel durchzuführen. In bestimmten Abteilungen haben wir auch den Schichtbetrieb von einer Schicht auf zwei Schichten umgewandelt, um auf mögliche Infektionen reagieren zu können. Bei einer Infektion kommt so nur ein Teil der Mitarbeiter in Quarantäne, der andere bleibt arbeitsfähig und wir damit auch lieferfähig. Das führt allerdings zu erhöhten Logistikkosten.

Auch im Büro wurden Mitarbeiter auseinandergesetzt. Schutzmasken schreiben wir an den Arbeitsplätzen vor, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Zwischenzeitlich hatten wir Engpässe bei Masken. Als diese wieder verfügbar waren, haben wir die Pausen wieder verkürzt. Die Mitarbeiter, die kommen und gehen müssen getrennte Wege gehen, wenn sie an die Stechuhr gehen und dort auch Schutzmasken tragen. Überall dort, wo das Näherkommen nicht zu vermeiden ist, sind Schutzmasken Pflicht.

Haben Sie Verständnis für die beispiellosen Maßnahmen gehen das Virus, die weltweit umgesetzt werden?
Als es losging hatten wir schon sehr großes Verständnis und sind den Vorgaben voll gefolgt. Sorgen machten die Zahlen in Nordrhein-Westfalen, aber vor allem auch die Bilder aus Italien. Ischgl hat gezeigt, wie schnell sich die Infektionen ausbreiten können. Dann wurde es aber immer schwieriger, diese stringenten Vorgaben einzuhalten bzw. zu akzeptieren. Ich verstehe zum Beispiel nicht, dass mehr über Profifußball diskutiert wird als über die Öffnung der Kitas und Schulen und Sport für die Kinder. Da sind die gesellschaftlichen Verhältnisse aus meiner persönlichen Sicht etwas verschoben. Denn ohne Kitas und Schulen können die Eltern ja nur noch erschwert arbeiten gehen. Diese Institutionen sind also sozusagen systemrelevant. Von der Regierung sind allerdings eine ganze Menge Maßnahmen getroffen worden, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern, etwa das Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld. Das sind beispielsweise schon gute Dinge, die auch schnell in die Wege geleitet wurden.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung von Politik, Verbänden und Banken?
Die getroffenen Maßnahmen wie die Stundung von Steuern und Sozialbeiträgen und beim Kurzarbeitergeld die Bezahlung der Sozialbeiträge für die Firmen, sind gut. Die Aktivitäten des Verbands sind ebenfalls sehr hilfreich. Alle paar Tage kam eine neue Zusammenfassung, in der auf die Gesetze und Verordnungen hingewiesen wurde. Seit Ende April sind wir unabhängig, sodass für uns die Unterstützung durch den Verband nun noch wichtiger ist. Für eine eigenständige Gießerei fühlen wir uns sehr gut unterstützt.

Blick in die Glaskugel: Wie könnte eine Welt nach Corona für Ihr Unternehmen aussehen?
Das ist eine schwierige Frage. Wir hatten aus dem Notfall- und Risikomanagement, das noch aus unserer Zeit in der Viessmann-Gruppe stammt, verschiedene Szenarien für Produktionsausfälle und gesundheitliche Probleme abgeleitet. Abseits von der Theorie sieht die Praxis aber meist anders aus. Wir werden das noch weiter ausarbeiten. Wichtig ist, und das haben wir auch zu spüren bekommen, die umfassende Information und Motivation der Mitarbeiter. Denn sie sind ja im persönlichen Umfeld betroffen, mit den ganzen Einschränkungen und Auflagen die dazugehören, und das gleiche gilt auch in der Gießerei. Wir wollen die Maßnahmen durch die Schaffung von Verständnis dadurch auch unterstützen, damit es eine durchgängige Kette von Schutzmaßnahmen vom Einkaufen über das Privatleben bis zum Arbeitsplatz gibt. Auch bei möglichen Produktionserweiterungen wollen wir die Arbeitsplätze künftig so gestalten, dass wir flexibel auf Situationen wie die aktuelle reagieren können.

Glauben Sie denn, dass es einmal eine Zeit geben wird, wo wir wieder zurückkehren zu den Regeln, die wir vorher hatten?
Ja, die Zeit wird kommen. Aber die Menschen werden sensibler sein und mehr aufpassen.

Welche Lehre ziehen Sie persönlich bisher aus der Krise?
Da gibt es zwei Felder: Das eine ist die Familie. Hier müssen die Schutzmaßnahmen eingehalten werden, obwohl es schmerzhaft ist, dass man sich nicht mehr treffen kann. Gelassenheit ist eine weitere Lehre aus der Krise sowie das Besinnen auf Freunde und Nachbarn, denen man auch einmal Hilfe anbieten sollte. Das hat bei uns im Dorf sehr gut funktioniert. Im Beruf nutzen wir jetzt verstärkt Telefon- und Videokonferenzen zur Kommunikation. Aber ein Punkt ist mir ganz wichtig: Das Präsenzmeeting ist wichtig, das persönliche Gespräch ist unabdingbar. Deshalb haben wir seit Anfang Mai wieder Präsenzmeetings in unserem größten Besprechungsraum. Da sitzen wir weit auseinander wie man das aktuell im Fernsehen sieht. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft ohne direkte soziale Beziehungen nicht mehr funktionieren wird.

Ihre Erwartungen an die Politik?
Ein einheitliches Vorgehen gegen das Virus. Aktuell gibt es das nämlich nicht, sondern einen Flickenteppich von Maßnahmen. Das bietet den Nährboden für politisches Profilieren. Es muss bestimmte Themenbereiche geben, wie eine Pandemie, die zentral aus Berlin geregelt werden, dann kommen auch keine unnötigen Diskussionen auf, wie wir sie aktuell erleben.

Wird Corona weg von der Globalisierung zurück zur Regionalisierung bzw. verkürzten Lieferketten führen?
Man wird hier oder da bei bestimmten systemrelevanten Produkten darüber nachdenken. Eine Regionalisierung wäre zum Beispiel auch bei der Arzneimittelproduktion sehr wichtig. Die Globalisierung hat jetzt wirtschaftlich betrachtet einen Rückschlag erlebt – es wird aber im Prinzip so weitergehen wie bisher. Ich gehe davon aus, dass die Maßnahmen in einigen Monaten enden und man sich dann deutlich weniger Gedanken über Zweitlieferanten machen wird. Und wenn, wird die Anforderung sein, wir brauchen euch als Zweitlieferant – aber zu den Konditionen aus Übersee.

Das Gespräch mit Wolfgang Lenz führte Robert Piterek