9.11.2020

"Die Vereinigung startete im März '90"

Mario Mackowiak ist Beiratsvorsitzender des BDG-Landesverbands Ost und hat den Prozess der Vereinigung in der deutschen Gießerei-Industrie u. a. als langjähriger Geschäftsführer der Keulahütte in Krauschwitz begleitet (Foto: Privat)

Mario Mackowiak war Zeitzeuge der deutsch-deutschen Gießereivereinigung. Der langjährige Geschäftsführer der Eisengießerei Keulahütte in Krauschwitz erinnert sich im Interview an die Initialzündung der Gießerei-Vereinigung im März 1990, die schließlich in der offiziellen Wiedervereinigung mündete.

Vor 30 Jahren vereinigte sich das Land und kurz darauf auch die Gießerei-Industrien der beiden Landesteile. Wie haben Sie diese Zeit bis zur offiziellen Vereinigung zu einer gemeinsamen deutschen Gießereibranche erlebt?
Der Zeitraum der Wiedervereinigung und auch die ersten ca. fünf Jahre danach waren spannend, aber eben auch durch eine gewisse persönliche Unsicherheit geprägt. Ich denke, zuerst werden sich viele ostdeutsche Gießer mit Sicherheit an die erste, ich nenne es bewusst deutsch-deutsche Veranstaltung am 1. und 2. März 1990 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, erinnern. Für mich als damals dreißigjährigem Gießereimann bleibt es bis heute die beeindruckendste und emotionalste Veranstaltung. Schließlich fanden die Gießer aus Ost und West sehr schnell zueinander.

Neben einer Reihe von Gießereifachleuten aus der DDR erinnere ich mich noch besonders an Eberhard Möllmann, der als damaliger Präsident des VDG und des DGV den Vereinigungsprozess trotz gesamtwirtschaftlich schwieriger Bedingungen massiv voranbrachte. Die persönliche Unsicherheit kam dann etwas später hinzu. Ist es besser, in der ostdeutschen Gießerei-Industrie zu bleiben, mit allen möglichen Konsequenzen des riesigen Umstrukturierungsprozesses oder entscheidet man sich eher für die verlockenden Angebote aus dem Westen? Naja, das Ergebnis meiner Entscheidung ist wohl bekannt.

Es gibt Licht und Schatten bei diesem Prozess. Was lief Ihrer Meinung nach gut und was weniger gut?
Natürlich gehören Gießereischließungen und der damit verbundene Verlust von Arbeitsplätzen zu den Schattenseiten der Wiedervereinigung. Ich selbst habe leider auch vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern persönlich die Entscheidung überbringen müssen, dass ihr Arbeitsplatz wegfällt. Es waren die schwärzesten Stunden, zumal sich Gießereien in der Regel durch einen sehr persönlichen Umgang miteinander abheben. Von einigen Neubauten abgesehen, hatte die übergroße Mehrheit der ostdeutschen Gießereien andererseits jedoch einen erheblichen Investitionsstau, angefangen von klassischen Gießereianlagen bis hin zu Ausrüstungen zum Schutz der Umwelt.

Vor diesem Hintergrund war die Arbeit der Treuhandgesellschaft bzw. der Managementgesellschaften nicht einfach. Mit Dr. Peter W. Bardenheuer hatten die ostdeutschen Gießer jedoch im Gegensatz zu anderen industriellen Bereichen einen hochkompetenten Glücksfall in der Treuhand.

Wenn Sie heute zurückblicken. Ist der Prozess der Einheit der beiden Industrien abgeschlossen oder gibt es noch Nachholbedarf?
Die Branche handelt heute einheitlich und hat auch eine übereinstimmende Sichtweise auf branchenspezifische Probleme, ob auf die Energiepreise, die Auswirkungen des Brennstoffemissionshandelsgesetzes oder auf die ausufernde Bürokratie, um nur einige zu nennen. In der Bewertung einer Reihe gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen gibt es jedoch nach meiner Wahrnehmung deutlich unterschiedliche Auffassungen zwischen Ost und West.

Am 12. November findet der Ostdeutsche Gießereitag statt. Hier soll auch der Gießerei-Vereinigung von vor 30 Jahren gedacht werden. Wie findet die Veranstaltung statt und wie kann dieses Ereignis aktuell gebührend gefeiert werden?
Natürlich sollte 30 Jahre Wiedervereinigung das zentrale Thema des ostdeutschen Gießereitages und der Mitgliederversammlung am 11. und 12.11.2020 in Chemnitz sein. Zumal ja nicht nur die ost- und westdeutschen Gießer wiedervereinigt sind. Seit 2008 sind in Ostdeutschland auch die Eisen- und Nichteisengießer in einem Landesverband organisiert, und da muss ich sagen, das funktioniert wirklich hervorragend.

Natürlich hatten wir auch, wie immer in den vergangenen Jahren, einen hochrangigen Vertreter der Politik eingeladen. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, Marco Wanderwitz, gleichzeitig auch Ostbeauftragter der Bundesregierung, folgte unserer Einladung nach Chemnitz.

An der Zeitform zeigt sich, dass wir unsere Veranstaltung inzwischen Pandemie-bedingt  verschieben mussten. Jedoch gilt das alte Sprichwort: Verschoben ist nicht aufgehoben. Und Herr Wanderwitz hält in jedem Fall seine Zusage zur Teilnahme aufrecht.

Wir gedenken in dieser Ausgabe auch dem ehemaligen VDG-Hauptgeschäftsführer Niels Ketscher. Welche Rolle hat er bei der Vereinigung der Branche aus Ihrer Perspektive gespielt?
Niels Ketscher war ein bekannter Gießer aus Ostdeutschland, der bereits wenige Jahre nach der Wende als Hauptgeschäftsführer in die höchste Position beim VDG aufstieg. Dort hat er auch gute Arbeit geleistet. Dass der Verband sehr schnell auf ostdeutsche Gießer auch für Spitzenpositionen zurückgegriffen hat, war für mich persönlich sehr wichtig.

Heute handelt die Branche wie erwähnt einheitlich und da hat mir etwas besonders gefallen, was BDG-Präsident Dr. Erwin Flender kürzlich auf einer Vorstandssitzung sagte: Wir müssen als Gießerei-Industrie rebellischer werden, sprich uns mehr in Szene setzen und uns besser positionieren und verkaufen. Wir sind ein Teil der Zulieferindustrie für so viele Branchen und sollten alle Kanäle nutzen, um unsere Interessen stärker in den Mittelpunkt zu bringen.

Das Interview mit Mario Mackowiak führte Robert Piterek

In der kommenden Ausgabe der GIESSEREI erscheint mit „Der Strukturwandel der ostdeutschen Gießerei-Industrie“ ein Artikel von Mario Mackowiak über die deutsch-deutsche Gießereivereinigung und die Entwicklung der ostdeutschen Gießerei-Industrie seither.

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