12.05.2020

„Die Krise bietet Chancen, die wir bisher nicht im Fokus hatten!“

Foto: Franken Guss

Corona-Interviews, Teil 1: Josef Ramthun leitet eine Gießereigruppe, bestehend aus der Automotive-Gießerei Franken Guss in Kitzingen und der überwiegend für den Maschinenbau fertigenden Gießerei Sachsen Guss in Chemnitz. Beim Telefoninterview mit der GIESSEREI über die Folgen von Corona ist der Unternehmer gerade in Chemnitz und stimmt die Mitarbeiter auf die Krise ein. Die mittelständische Gruppe hat über 1200 festangestellte Mitarbeiter und erwirtschaftet hauptsächlich mit Eisen-, aber auch mit Aluminiumguss rund 230 Mio. Euro Jahresumsatz.

Wenn Sie die letzte Zeit seit dem Shutdown Revue passieren lassen. Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen gehabt?
Ich muss immer differenzieren zwischen den Standorten. Die Coronakrise hatte keinen direkten Einfluss, aber die OEMs und später auch Tier1s haben auf die Bremse getreten und zwei Tage später war der Shutdown auch im Automobilzulieferwerk Frankenguss angekommen. Seitdem fahren wir auf einem historisch niedrigen Niveau. Die Belegschaft ist jetzt natürlich irritiert. Da muss viel informiert werden, weil sie unterschiedlichste Informationen haben und auch unterschiedlich geführt werden müssen.

Fahren Sie Kurzarbeit?
Ja, die Automobilzulieferer haben ja nicht erst seit Corona Schwierigkeiten. Die Absatzprobleme wurden durch die Krise nur verschärft. Wenn Corona vorbei ist, wird die Absatzproblematik auch nicht automatisch gelöst sein. Die wird uns noch weiterhin herausfordern. Wir haben vorher andere Instrumente genutzt und nutzen nun seit April am Kitzinger Standort das Instrument Kurzarbeit, weil es für die Unternehmen kostenneutral ausgestaltet ist und werden voraussichtlich ab Juni auch in Chemnitz die Kurzarbeit starten. Der Maschinenbau hinkt halt immer ein paar Monate der Automobilindustrie hinterher. Die Auftragseingänge schwächeln inzwischen auch hier in Chemnitz. Sie werden aber hoffentlich nicht so massiv zurückgehen wie im Bereich Automotive. Wenn man den Vergleich zu 2009 bemüht: da waren wir in Kitzingen im Markt auf die Hälfte abgesunken, jetzt sind wir im April bei 25 Prozent. Der Mai wird vielleicht bei 35 oder 40 Prozent herauskommen, aber das ist alles an Dramatik nicht zu überbieten. Und dann die Mannschaft bei Laune zu halten, ist nicht leicht. Hinzu kam dann auch noch durch erleichterte Möglichkeiten der Krankschreibung ein höherer Krankenstand bis über 15%, der die Ertragssituation zusätzlich belastet hat.

Gab es auch Auswirkungen auf die Lieferketten?
Nein, die Lieferketten bei Hilfts- und Betriebsstoffe sowie Rohmaterialien, sind ja intakt. Keine Probleme an beiden Standorten. Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Unser Einkauf hat hier einen grandiosen Job gemacht und sehr vorausschauend agiert.

Welche Hygienevorschriften gelten bei Ihnen, um die Produktion fortzusetzen?
Es sind alle die, die vom Bundesministerium erlassen wurden. Alles, was da drinsteht, wird auf die Umstände in den beiden Unternehmen übersetzt und konsequent umgesetzt. Besuche nur, wenn es zwingend zur Belieferung der Kunden notwendig ist. Alle, die von zu Hause aus arbeiten können, arbeiten auch von zu Hause aus. Wir nutzen digitale Medien, um uns auszutauschen, reden eher häufiger miteinander als vor der Krise, als wir für Gespräche durch die halbe Republik gefahren sind, das ist eine ganz positive Auswirkung. Man gibt sich nicht mehr die Hand, was ich sehr vermisse, denn: so ein Händedruck hat ja auch etwas. Wir gehen auf Abstand, was sicherlich die wichtigste Regel ist, die wir jetzt alle miteinander konsequent einhalten müssen. Und natürlich waschen wir uns nach jeder Begegnung die Hände und stellen mittlerweile auch unser eigenes Desinfektionsmittel her, sodass wir nicht um eine Knappheit bangen müssen. Und überall da, wo die Abstände nicht einzuhalten sind, etwa an einer Kerneinlegestrecke, sind Schutzmasken verfügbar. Somit wird alles getan, um die Belegschaft zu schützen und ich hoffe, dass das alles gut weitergeht und auch angenommen wird. Durch viel Kommunikation müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass sie die Hygieneregeln aus eigener Überzeugung anwenden.

Haben Sie Verständnis für die beispiellosen Maßnahmen gehen das Virus, die weltweit umgesetzt werden?
Verständnis auf jedem Fall. Die Aussagen der Virologen sind ja eindeutig, auch wenn sie nicht immer den gleichen Ton haben und nicht immer die gleiche Vorgehensweise empfehlen. Ich habe mir z. B. regelmäßig den Podcast von Christian Drosten angehört. Was würde man denn als Politiker auch anders entscheiden wollen, als erst einmal die Systeme herunterzufahren. Ich glaube, dass hier ein breiter Konsens existiert. Was danach entschieden wurde, gibt Freiraum für die Debatte in alle Richtungen. Wie man jetzt aus diesem Shutdown wieder herauskommt, ist glaube ich die große Herausforderung. Ich bin nicht mit allem einverstanden. Aber dass die Regierung zunächst als Stufe 1 der Handlungen Pandemiebekämpfung nach besten Wissen und Gewissen betreiben muss, ist völlig unstrittig und wir hatten ja auch keine Blaupause, wie so etwas geht. Als Stufe 2 beginnt nun langsam Schritt für Schritt eine wie immer geartete Normalität im gesellschaftlichen Leben. Was ich allerdings sehr vermisse ist die Debatte darüber, wie jetzt die Wirtschaft wieder angekurbelt werden soll. Wie sieht die 3. Stufe aus, die wir jetzt zünden müssen? Wolfgang Schäuble hat es richtig gesagt: Ohne Umsatz kann die Wirtschaft nicht funktionieren, da reichen die prall gefüllten Kassen des Staates nicht aus. Sollen nicht Millionen aus der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit gehen, muss die Wirtschaft zügig hochfahren.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung von Politik, Verbänden und Banken? Schließlich gilt die Liquidität ja aktuell als dringendstes Problem.
So ist es, und zwar egal, ob ich ein kleines, mittleres oder großes Unternehmen habe. Wissen Sie, einige Große haben schon gewaltige Summen bekommen. Kleine bekommen auch sofort ihre Unterstützung! Für den Mittelstand gibt es ein buntgemischtes Kaleidoskop an Darlehensmöglichkeiten. Und genau da liegt eigentlich das Problem. Unterstützung durch die Politik – ich kenne das ja von vor 10 Jahren – bedeutet häufig warme Worte und auch viele Visitenkarten. Ob die Hilfe dann in die Tat umgesetzt wird, ist noch einmal etwas ganz anderes. Viele Kontakte schaffen noch keine Lösung. Und zu den Verbänden: Was Dr. Fynn Lohe vom BDG macht, finde ich ganz großartig. Ein Leitfaden, um die Übersicht der verschiedenen Möglichkeiten aufzuzeigen und sich in diesem Wirrwarr nicht zu verirren, ist glaube ich sehr hilfreich. Ob allerdings tatsächlich Liquiditätshilfen ankommen, ist eine völlig andere Frage. Der Staat übernimmt 80 bis 90 Prozent Haftung, die Hausbanken müssen die anderen 10 bis 20 Prozent garantieren. Da stellen sich die Fragen wie bei jeder Kreditvergabe: Wie ist die Kapitaldienstfähigkeit, wie die Bewertung, ob man vor Corona in stabiler Verfassung war oder nicht? Das sind dann die kleingedruckten Sätze, die es ganz schwierig werden lassen. Ich kenne noch keinen Mittelständler, der aus diesem Darlehenstopf irgendetwas gemacht hat. Wir versuchen in unserem Unternehmen ohne Darlehen wie diese klarzukommen. Wie soll man die Kapitaldienstfähigkeit nachweisen, wenn man nicht weiß, wann und in welchem Umfang die Märkte wieder anspringen. Und dann fragt jede Bank: Wie sicher ist denn dieses Szenario? Es gibt halt keine Sicherheit, wie die Märkte in Zukunft aussehen werden. Das ist wohl die größte Hürde, Zugang zu den Liquiditätshilfen zu bekommen. Welcher Preisdruck wird zudem entstehen? Ich habe da Phantasie, wie unsere OEMs, die vielleicht sogar noch eine Abwrackprämie erhalten, vorgehen werden. Sie werden mit großem Druck auf die Lieferanten zugehen und Preissenkungen fordern.

Blick in die Glaskugel: Wie könnte eine Welt nach Corona für Ihr Unternehmen aussehen?
Sie wird nicht mehr so sein, wie sie heute ist. Das Leben in der Gesellschaft wird Spuren hinterlassen. So locker flockig in großer Runde werden wir wohl auf absehbare Zeit nicht mehr miteinander umgehen können. Ob die ganzen Handelsstrukturen sich verändern, ist glaube ich auch ein bisschen Träumerei. Wir haben gesehen, wie abhängig wir z. B. bei Masken oder Medikamenten von der Volksrepublik China sind. Ob wir in Zukunft selber die Wertschöpfungskette darstellen können? Wo beginnt das, wo hört das auf? Wer ist wirklich dazu bereit, auch mal ein bisschen mehr zu bezahlen? Das wird eine spannende Herausforderung sein, ober bleibt es bei „Geiz ist geil“? Wird das sogar vielleicht noch schlimmer, weil alle ihre Wunden zu lecken haben? Dann wird der, der den günstigsten Preis hat, am Ende sogar noch der Gewinner. Der weit überwiegende Teil der Bevölkerung wird nach dem Motto handeln: „Erst das Fressen, dann die Moral!“

Also Regionalisierung statt Globalisierung?
Es ist die Frage zu stellen, inwieweit Globalisierung Sinn macht? Wer kann da gewinnen und welche Risiken stecken in einer global vernetzten Welt? Ich hoffe, dass Besinnung bei vielen unserer Kunden entsteht und ergänzend eine regionale und damit sichere Beschaffungsmöglichkeit ins Auge gefasst wird, auch wenn man grundsätzlich den günstigen Preis aus anderen Regionen dieser Welt nutzt. Dass es künftig also eine echte Zweilieferantenstrategie gibt. Wir haben vielleicht viele Dinge aus dem Blickwinkel verloren. Wie wichtig ist es, dass man Arbeit hat? Die 10 Millionen Kurzarbeiter machen sich gerade andere Gedanken um das Thema Arbeit als noch vor drei Monaten. Man glaubte, das geht alles so weiter und plötzlich muss man Angst um seinen Arbeitsplatz haben. Das kannten die Menschen die letzten 10 Jahre nicht mehr. Das wird sich gravierend verändern. Der eigene Arbeitsplatz und die mit ihm verbundene Sicherheit genießt wieder höchste Priorität. Vielleicht besinnen sich manche Parteien ja auch darauf, dass die Wohltaten, die wir jetzt noch verteilen ja auch erwirtschaftet werden müssen. Eine funktionierende Wirtschaft ist deshalb auch das Thema Nr. 1. Die Gewerkschaften und die nahestehenden Parteien haben am 1. Mai eine ganz große Chance verpasst. Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, den Gürtel enger zu schnallen, wenn nicht jetzt, in der größten Wirtschaftskrise nach dem 2. Weltkrieg? Stattdessen wurde ein höherer Mindestlohn gefordert und gewarnt, dass Arbeitgeber die Krise nicht für den Arbeitsplatzabbau missbrauchen sollen. Einen Beitrag zur Sicherung von Arbeit leisten diese Forderungen sicher nicht. Ich gehe davon aus, dass wir die Folgen dieser Pandemie noch viele Jahre erleben werden. Die mittelständische Struktur hierzulande gibt es ja in der Welt so nicht – und die ist meines Erachtens das Rückgrat unseres Erfolges. Diese Struktur steht jetzt mehr auf der Kippe denn je. Ich wüsste nicht, dass es bisher einen Fachdialog zwischen Politik und Familienunternehmen gegeben hätte.

Ihre Erwartungen an die Politik?
Der Mittelstand benötigt keine Einzelmaßnahmen, sondern gute Rahmenbedingungen, um aus der Krise herauswachsen zu können. Die Politik muss jetzt an diesen Rahmenbedingungen arbeiten, z. B. den Solidaritätszuschlag abbauen, die degressive Abschreibung einführen und die Unternehmenssteuer im Grundsatz reformieren. Solche Maßnahmen würden die gesamte Wirtschaft erreichen und nicht nur diejenigen, die am lautesten schreien. Was nützt es jetzt zum Beispiel in der Gastronomie, wenn die Mehrwertsteuer auf 7 Prozent abgesenkt wird, wenn keiner ins Restaurant darf. Da nützt auch das günstigste Essen nichts. Der Preis ist da auch gar nichts so entscheidend. Ist es etwas teurer, geht der Bürger doch trotzdem zum Italiener oder zum Friseur. Politische Pläne wie diese sind Aktionismuspakete, die Bürgernähe zeigen, aber einen ganzheitlichen Ansatz vermissen lassen. Mir fehlt einfach, dass die Regierungschefin jetzt mit den wichtigsten Ministerien wirklich Wirtschaft zur Chefsache macht. Es gibt jetzt nichts Wichtigeres, als einen Plan zu erstellen, wie die Wirtschaft wieder anlaufen kann.

Welche Lehre ziehen Sie persönlich bisher aus der Krise?
Es gab lange Jahre den Blick auf die Kernkompetenzen: Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir am besten können und alles andere über Bord werfen. Diese Fokussierung birgt aber auch enorme Risiken. Wenn gerade dieses Produkt nicht läuft, dann ist man k.o. Wir erleben aktuell in der Gruppe die Situation, dass Automotive nicht läuft, Maschinenbau uns aber noch Luft zum Atmen gibt. Diversifizierung ist einfach enorm wichtig. Man muss auf mehreren Säulen stehen. Je mehr sich nicht kannibalisierende Standbeine existieren, desto stabiler steht die Gruppe. Dieses Grundprinzip ist noch weiter auszubauen. Und als Zweites: Eine Wertekultur ist durch nichts zu ersetzen. Wir brauchen ein Fundament, ein Selbstverständnis, auf dem wir mit den Menschen umgehen. Im Dialog zur Lösung bedeutet in unserer Gruppe, die Perspektiven jedes Einzelnen zu einer gemeinsamen Vorgehensweise zu bündeln. Unsere Mitarbeiter sind der wichtigste Garant, um durch diese Krise mit Augenmaß, Behutsamkeit und einem gerüttelten Maß an Zuversicht zu kommen.

Das klingt zuversichtlich. Übersteht Franken Guss diese Krise also?
Ich gehe davon aus! Dass das alles kein Home-run sondern unendlich schwierig wird, ist klar. Die Gießereibranche war noch nie so unter Druck wie jetzt. Aber vor elf Jahren haben wir in Kitzingen schon einmal einen Neustart hinbekommen, der die Sinne geschärft hat. In Chemnitz müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten, dass jeder jetzt seinen Beitrag leisten muss. Wir müssen die Aufträge, die wir haben, mit bestmöglicher Performance abarbeiten. Im Markt bleiben wir aktiv und vorbereitet. Die Krise bietet schon jetzt Chancen, die wir bisher nicht im Fokus hatten. Wir müssen den Blick nach vorne richten, denn die Sonne geht jeden Tag von neuem auf. Christian Wulff hat das einmal sehr schön gesagt: „Was nützt der schönste Sonnenaufgang, wenn wir noch im Bett liegen.“

 

Das Gespräch mit Josef Ramthun führte Robert Piterek